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Nr. 12.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Der Krieg in Südafrika.
*Die Lage der Buren gestaltet sich immer verzweifelter. Mehr und mehr stellt sich jetzt heraus, daß die Führer der Buren schwere tak— tische Fehler gemacht und es dadurch den Eng⸗ ländern wesentlich erleichtert haben, immer günsti⸗ gere Positionen einzunehmen.
Die beiden Präsidenten der südafrikanischen Staaten, Krüger und Stejn, haben sich am 5. März an die englische Regierung gewendet. Sie telegraphierten, daß der Krieg nur unter⸗ nommen wurde als Defensivmaßregel,„um die bedrohte Unabhängigkeit der Republiken zu wahren und daß er fortgeführt wird, um die un⸗ bestreitbare Unabhängigkeit beider Republiken als souveräner und unabhängiger Staaten zu schützen und die Versicherung zu erlangen, daß jenen Unterthanen der Königin, die unsere Partei im Kriege ergriffen haben, kein Leid geschehe. Unter diesen Bedingungen allein sind wir jetzt wie bisher schon von dem Wunsche beseelt, den Frieden wiederhergestellt zu sehen. Wenn hingegen die britische Regierung entschlossen ist, die Unab⸗ hängigkeit der Republiken zu vernichten, so bleibt unserem Volke nichts übrig, als bis zum Ende auf dem eingeschlagenen Wege auszu- harren, ungeachtet der erdrückenden Ueberlegen⸗ heit des britsschen Reiches im Vertrauen darauf, daß Gott uns nicht verlasse.“
Die englische Regierung denkt natürlich nicht daran, die Buren so leichten Kaufs los zu lassen. In der Antwort, die sie den Präsidenten Krüger und Stejn telegraphisch zugehen ließ, wird die Schuld am Krieg deu Buren zugeschoben. Das ist natürlich immer so: dem Wolf wird das Wasser stets vom Lamm getrübt. Es wird dann auf die schlimmen Folgen des Krieges hin⸗ gewiesen und im Anschluß hieran gesagt:„Dieses große Unheil ist die Strafe gewesen, die Groß⸗ britannien dafür erl tt, daß es in den jüngstver⸗ gangenen Jahren den Bestand der beiden Republiken zugab. Im Hinblick auf den Ge⸗ brauch, den die beiden Republiken von der ihnen gegebenen Stellung machten, und auf das Unheil, das ihr durch keine Herausforderung veranlaßter Angriff über die Gebiete der Königin brachte, kann die Regierung der Königin nur mit der Mitteilung antworten, daß sie nicht bereit ist, die Unabhängigkeit, sei es Transvaals, sei es des Oranjefreistaates, zuzug ben.“
Trotz des tapferen Verhaltens der Buren, trotz ihrer bewundernswerten Siege über die Engländer, wird der Ausgang des Krieges doch der sein, den wir von vornherein als den wahrscheinlichen voraussahen: Der Kleine unterliegt dem Großen.
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Eine Depesche Lord Roberts aus Bloemfon⸗ tein vom 13. d. M. 8 Uhr besagt: Mit Gottes Hilfe und der Tapferkeit der Soldaten Ihrer Majestät besetzten die Truppen unter meinem Befehl Bloemfontein. Die britische Flagge weht jetzt über dem Präsidialgebäude, das gestern Abend von dem früheren Präsidenten des Oranje⸗ freistaates Stejn geräumt worden war. Das Mitglied der früheren Regierung Fraser, der Bürgermeister, der Regierungssekretär, der Land⸗ trost u. a. Beamte trafen mich zwei Meilen von der Stadt und überreichten mir den Schlüssel der Staatsgebäude. Der Feind zog sich aus der Um⸗ gegend zurück. Alles scheint ruhig. Die Bewohner empfingen die Truppen herzlich.
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Eine sehr charakteristische Meldung bringt die!
konservative„Kreuzzeitung“:„Die ganze Frage von der Möglichkeit einer Intervention(der Mächte) tritt doch in eine merkwürdige, wir möchten bei⸗ nahe sagen, pikante Beleuchtung, daß, wie wir authentisch feststellen, gleich zu Beginn des Burenkrieges Kaiser Nikolaus II. der englischen Regierung das förmliche Ver⸗ sprechen gegeben hat, unter keinen Umständen die Schwierigkeiten Englands zu seinem Vorteil auszunutzen. Es lag in der Natur der Dinge, daß eine solche Haltung Rußlands, die den übrigen Mächten nicht rerborgen bleiben
konnte, die einer entschiedenen Parteinahme
gegen die Buren gleichkam, da England nun⸗ mehr handeln konnte, als sei der politische Vor— teil Rußlands überhaupt nicht vorhanden. Man wird zugeben, daß dadurch Alles, was geschehen und nicht geschehen ist, eine merkwürdige Er⸗ klärung findet.“
Asses dem Reichstag.
Fleischwucher.
*Im Reichstag haben die Ag rarier wieder ein— mal eine geradezu ekelhafte Komödie aufgeführt. Die Krautjunker nationalliberaler, konservativer und ultra— montaner Kouleur und deren Helfershelfer, die Anti— semiten, die bei allen Wahlen um die Stimmen des Mittelstandes buhlen, sie, die sich als die alleinigen Retter desselben aufspielen, sie sind im einseitigsten Interesse der Großgrundbesitzer beflissen, ein Gesetz zu stande zu bringen, das keine andere Wirkung haben haben kann— und soll, als das Fleisch zu ver— euern.
Zwar wird von den Agrariern das selbstverständlich bestritten; sie haben, wie sie behaupten, nichts als das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung im Auge. Aber daß dies eitel Spiegelfechterei ist, beweist schon allein die eine Thatsache, daß sie sich bei den Bestim— mungen über die Hausschlachtung über jede ge— sundheitliche Rücksichten hinwegsetzten und nicht nur das wirklich für den Eigenbedarf des kleinen Mannes geschlachtete Jungvieh von jeder Kontrolle befreien wollen, sondern auch des Groß vieh, sodaß also das Gesinde der Großgrundbesitzer der Erkrankungsgefahr rücksichtslos preisgegeben wird, außerdem aber der Winkelschlächterei eine Zufluchtsstätte geschaffen, von der aus sie unkontrolliert alles kranke Vieh zu guten Preisen auf den Markt bringen kann. Kurz gesagt, die Fleischzufuhr von Amerika her soll wöglichst erschwert, wenn irgend angängig, un⸗ möglich gemacht werden; im Reiche selbst aber soll man den Agrariern möglichst freie Hand lassen, damit sie den deutschen Michel gehörig scheren können. Denn da das zur Ernährung des deutschen Volkes notwendige Fleisch in Deutschland nicht alle produziert wird, so müssen später die Preise gezahlt werden, die die Vieh— züchter diktieren. Nachdem dem deutschen Arbeiter durch die Großgrundbesitzer der Brotkorb schon höher ge— hängt ist— durch die Kornzöne—, soll ihm jetzt auch noch das Fleisch verteuert, mit anderen Worten: die Fleischration verkleinert werden. Der deutsche Arbeiter mag sich mit Kartoffeln und Fusel begnügen, damit die Krautjunker ihren noblen Passioneu nachgehen können.
Und wie nachgiebig ist die Regierung der Junker⸗ sippe gegenüber! Sie fürchtet sich vor den Junkern, sie braucht deren Stimmen zur Durchdrückung aller Militär⸗ und Marineforderungen. Man lese unseren heutigen Artikel: Flottenvorlage und Handelspolitik. Wir können die mehrtägigen Verhandlungen im Reichs— tage auch nicht einmal auszugsweise wiedergeben. Aber das sei konstatiert, daß auch in dieser Frage die So- zialdemokratie als echte Volkspartei die In⸗ teressen der kleinen Leute in Dorf und Stadt mit Energie und Geschick vertreten hat. Die Sozialdemo— kratie will von einer Grenzsperre nichts wissen, weil wir das Fleisch des Auslandes notwendig ge— brauchen. Die Sozialdemokratie will auch den denkbar besten Schutz der Gesundheit aller Fleischesser
herbeiführen und verlangt deshalb, daß das in län-
dische Fleisch ebenso gewissenhaft und sorgfältig unter— sucht wird, wie das vom Ausland eingeführte Fleisch. Davon wollen aber gerade die Agrarier nichts wissen.
Gehörig heimgeschickt wurde der Junker v. Klinkow⸗ ström von unserem Genossen Wurm. Ersterer hatte das Verhalten der Sozialdemokraten vollständig falsch geschildert, um bei den kleinen Bauern und Land— arbeitern den Anschein zu erwecken, als ob sie— die konservativen Krautjunker— die wahren Jaköbe in Bezug auf die Volksfreundlichkeit, die Sozialdemokraten aber die schlimmsten Volksfeinde wären. Gen. Wurm antwortete dem brot- und fleischverteuernden Gräflein:
Ich wiederhole, wir verlangen, was wir für das ausländische Fleisch verlangen, ebenso für das inländische. Wenn Graf Klinckowström behauptete, wir beabsichtigten die Landarbeiter zu schädigen, so hat er damit eine objektive Unwahrheit ausge⸗ sprochen. Er hat verschwiesen, daß wir den An⸗ trag gestellt haben, daß die Kosten der Fleisch⸗ beschau bei Hausschlachtungen vom Staate ge⸗ tragen werden sollen. Graf Klinckowström hat also die objektive Unwahrheit ausgesprochen.
Die Mehrheit des Reichstags nahm die Anträge der Junker an, wonach die Einfuhr des Fleisches aus Amerika bedeutend er schwert, von 1904 ab teilweise sogar ganz verboten werden soll. Ob die Regierung in ihrer Nachgiebigkeit soweit gehen wird, diese Bestimmungen zu acceptieren, muß abge⸗ wartet werden. Erlangen die angenommenen Para⸗ graphen Gesetzeskraft, dann gehen wir schlimmen Zeiten entgegen. Nicht allein, daß uns das Fleisch verteuert wird, nein, Amerika wird sich auch revanchieren, indem es deutschen Ausfuhrartikeln die Grenzen verschließt und damit der deutschen Industrie und den deutschen Industriearbeiter furchtbar büßen läßt, was junkerlicher Unverstand gesündigt hat,
Am Mittwoch kam es im Reichstag zu heftigen Debatten anläßlich der Beratung der Iex Heinze. Von unseren Genossen sprachen Bebel, Stadthagen und Heine. Sie geißelten die Sittlichkeitsheuchelei der besitzenden Klassen auf das entschiedenste. Bebel wies nach, daß in Hamburg und anderswo die Polizei sich fortgesetzt gegen die gesetzlichen Bestimmungen be— züglich der Bordelle verginge. Den Hofprediger a. D. Stöcker, der sich besonders mausig im Reichstag machte, schickte Bebel gehörig heim, indem er an den Busen⸗ freund Stöckers, den ehemaligen Führer der Konser— vativen, Freiherrn von Hammerstein erinnerte und zwar speziell an eine Aeußerung in den Memoiren des Fräuleins Flora Gaß, der jüdischen Geliebten des Freiherrn von Hammerstein. Bei einer Auseinander⸗ setzung zwischen den beiden sauberen Persönlichkeiten sagte Fräulein Gaß: Ihr seid doch alle die reinen Komödianten! Und Herr von Hammerstein antwortete:„Ja, was soll ich thun? Das ist nun einmal mein Beruf!“(Stürmische, an⸗ dauernde Heiterkeit.)
Für den Paragraphen, der die Arbeitgeber zur Rechenschaft ziehen will, die ihre Arbeiterinnen miß⸗ brauchen, stimmten nur die Sozialdemokraten und Antisemiten.
Von Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen.
Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengsie Gewissenhaftigkeit
bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreicen.
Die Feier des 18. März begehen die Sozialdemokraten in Gie ßen und Marburg am heutigen Sonntag. In Gießen wird abends 8 Uhr bei Orbig Genosse F. A. Vetters, in Marburg vormittags 11 Uhr im Jesbergschen Lokale Gen. Scheidemann über die Bedeutung des Tages reden. Es darf wohl die Erwartung ausgesprochen werden, daß beide Veranstaltungen gut besucht werden. En klassen⸗ bewußter und zielklarer Arbeiter darf bei einer Märzfeier nicht fehlen.
Ein komplizierter Prozeß.
* Unter dieser Spitzmarke berichteten wir im Laufe des vorigen Jahres über einen Prozeß, den der Schriftsetzer Paul Scheibe gegen unseren Redakteur Scheidemann wegen Beleidigung durch die Presse angestreug: hatte. Nach lang⸗ wierigen Zeugenvernehmungen und mehrmaliger Terminvertagung kam zwischen den streitenden Parteien infolge der Bemühungen des Vorsitzenden am Schöffengericht, Herrn Amtsgerichtsrat Gebhardt, ein Vergleich auf folgender Grund- lage zu Stande: Kläger und Wiederktäger nehmen ihre Klagen, sowie die beiderseits gemachten Vor⸗ würfe zurück. Alle entstandenen Kosten werden von den beiden Parteien je zur Hälfte getragen. Der abgeschlossene Vergleich eist in der„M. S.-Ztg.“ bekannt zu geben.
Wer hat die Frauenfrage erfunden?
* Im Gießener Aemterorgan wendet sich ein Studentlein gegen die Zulassung der Frauen und Realschulabiturienten zum Studium der Medizin. An übergroßer Bescheidenheit scheint der Jüngling nicht gerade zu leiden sonst würde er seine Epistel nicht überschrieben haben:„Der neue Kurs vom Standpunkt des Mediziners“, würde sich vielmehr begnügt haben, zu sagen: „vom Standpunkt eines Mediziners“. Das würde sich entschieden besser gemacht haben. Sehr bezeichnend ist folgende Stelle in dem Artikel:
„Was ist es, was die Blaustrümpfe zum Studium treibt? Einige alte Schachteln, die ihren Becuf verfehlt, oder im Braut- oder Ehestand üble Erfahrungen gemacht haben, versuchen sich wichtig zu machen und werfen die Frauenfrage auf.“
Da, nun wissen wir's! Die Frauenfrage ist eine Erfindung alter Schachteln. Das steht ungefähr auf derselben Höhe, wie die Behaup⸗ tung:„die Sozialdemokratie ist die Erfindung einer Handvoll Hetzer“; oder, um noch ein Bei— spiel zu nennen:„die Cholera verdanken wir den Juden“. Mit Leuten, die auf so schwendeln⸗ den Höhen menschlicher Erkenntnis und Gewissen⸗ haftigkeit wandeln, zu diskutieren, wird uns niemand zumuten. Aber einen Wunsch können wir nicht unterdrücken: gebe ein gütiges Geschsck,
daß der Verfasser des„Anzeiger“-Artikels in


