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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Nr. 12.
Es wird immer schöner im Reiche der Gottes- turcht und frommen Sitte. Wenn irgendwo an einem Denkmal ein Weib, durch das die Kunst, die Wissenschaft oder irgend ein Gewerbe, sagen wir die Landwirtschaft, symbolisch dargestellt wird— z. B. am Lievigdenkmal in Gießen— und dieses Weib ist oberhalb der Hüften, doch sagen wir lieber, um nicht einen schämigen Pastor in Verlegenheit zu bringen: oberhalb der Taille, denn Hüfte klingt so nackt, nur mit einem Hemd bekleidet, dann schnell eine Nacht⸗ jacke drüber!
Nachtjacke, ja, das ist das richtige Wort. Nacht, dunkel muß es sein, wo die vermuckerten Dunkelmänner eine Rolle spielen wollen.
Bezeichnend ist es, daß im Reichstag wohl eine Mehrheit vorhanden ist für die die Ku nst einschnürenden, den Künstler in seiner Bethäti⸗ gung hemmenden Paragraphen, daz aber auch die Mehrheit jenen Paragraphen gestrichen hat, der den Unternehmern, die ihre ab— hängigen Arbeiterinnen verführen, an den Kragen gehen wollte. a
Diese Gesetzesmacherei macht der Firma: „Muckertum und Geldsack“ alle Ehre.
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Teilweise haben die Künstler und Gelehrten, die gegen die lex Heinze protestierten, recht kräftige Worte gebraucht. So meinte Dr. Hirth in München, dessen gut nationale Gesinnung noto⸗ risch ist:„Was nützt uns ein Deutsches Reich, wenn uns die Freiheit der Kunst, des freien Wortes und des Schrifttums vernichtet wird!“ Der Universitätsprofessor Dr. Lipps erklärte:„Das absolute Vertrauen in unsere Rechtsprechung, das spreche ich offen aus, ich habe es verloren.“ Namentlich diese letzte Aeußerung soll unter den Richtern große Aufregung hervorgerufen haben und deshalb sind schon Schritte gethan worden, um Prof. Lipps zur Zurücknahme seiner Aeußerung zu veranlassen. Ob durch diese„Schritte“ sich die Ueberzeugung des Professors sofort ändern und das Vertrauen zur deutschen Rechtsprechung wiederkehren wird, muß man abwarten.
Zum Fall Arons.
Im preußischen Abgeordnetenhaus hat der freisinnige Abg. Dr. Barth den Fall Arons zur Sprache gebracht. Aus seiner Rede führen wir einige Sätze an, damit sich unsere Leser einigermaßen ein Bild machen können von der Art und Weise, wie man in Preußen— leider ist's anderwo nicht besser!— die politische Ueberzeugung eines Gelehrten achtet. Dr. Barth führte aus:
Im Falle Arons handelte es sich gar nicht um bestimmte Handlungen außerhalb des Amtes, sondern nur um die Geltendmachung einer bestimmten poli- tischen Ueber zeugung, und zwar in einer Form die bei der Fakultät selbst keinen Anstoß erregt hat. (Sehr richtig! links.) Das Urteil erster Instanz (die philosopzische Fakultät) stellt Herrn Dr. Arons ein glänzendes Zeugnis aus: es nennt ihn einen ausgezeichneten jungen Gelehrten und einen tadellosen Pri vatcharakter. Also war auch sein Verhalten außerhalb seines Amtes tadellos. Daran knüpft auch das Urteil der höchsten Inst anz, das Urteil des Staatsministeriums(das also Kläger und Richter gleichzeitig war 11!) an. Es sagt ausdrücklich, daß der Ansicht der Fakultät nicht beigetreten werden könne, wonach die Bethätigung sozialdemokratischer Ge⸗ sinnung mit dem Amte eines Privatdozenten nicht im Widerspruch stehe, solange die Grenzen des Taktes und Anstandes in der Agitation nicht verletzt werden. Die Ansicht des Ministeriums ist: Mag das Verhalten außer⸗ halb des Amtes auch noch so tadellos sein, trotzdem muß er und zwar mit der höchsten Strafe belegt werden, weil er welches Vergehen begangen hat? Das Vergehen, einer bestimmten politischen Partei, der Soztal⸗ demokratie anzugehören, und als anständiger Mensch aus se ner politischen Ueberzeugung kein Hehl zu machen.(Hört, hört! links.) Dr. Arons ist nur des⸗ halb relegiert worden, weil er sich zur sozialde mokratischen Partei rechnet. Es liegt hier eine totale Verletzung des Hauptgrundsatzes eines Rechtsstaates vor. (Erneuter Beifall links.) Nicht nach Willkür darf der einzelne Bürger behandelt werden, sondern nur auf Grund ausdrücklicher Rechtsnormen. Solche Rechtsnormen sind nicht mehr vorhanden, seit das Sozialistengesetz ge⸗ fallen ist. Auch die Sozialdemokrateu haben einen An⸗ spruch darauf, von der Staatsgewalt unparteiisch behandelt zu werden.(Bravo! links.) Allmählich hat sich die Sozialdemokratie daran gewöhnt, an den positiven Auf⸗ gaben des Staatslebens mitzuarbeiten. Das ist ein großer Fortschritt.(Beifall links.) In vielen Kommunen
arbeiten die Arbeiter an den städtischen Geschäften mit. Der sozialdemolratische Handelsminister in Frankreich hat wesentlich dazu beigetragen, die Ordnung aufrecht zu erhalten gegenüber den monarchischen Um⸗ stürzlern.(Lärm rechts.) Das Urteil des Auslandes ist doch nicht ohne Bedeutung. Was soll es von uns denken, wenn in so kleinlicher Weise bei uns vorgegangen wird? Bei uns hat die ästbetische Feinfühligkeit eines ehemaligen Unteroffiziers darüber zu entscheiden, ob ein Bild von Böcklin ausgehangen werden darf. Bei uns wird ein ganzes Staats min isterim gegen cinen Dozenten der Physik mobil gemacht. Das mag in einen Duodezstaat passen, das schickt sich nicht für Preußen, das wir als Kulturstaat geschützt wissen wollen.(Lebhafter Beifall und Händeklatschen links, wiederholtes Zischen rechts.)
Der Fall Arons paßt sehr gut in die Aera des Flottenrummels und der lex Heinze. Durch letztere wird die Kunst und durch die lex Arons die Wissenschaft geknebelt. Mit dem Flotten⸗ rummel werden die eingeseift, die nicht alle werden. Schöne Zustände an der Jahrhundert⸗ wende.
Regierung und Fleischwucher.
Es wird davon gemunkelt, daß die Regierung einzelnen Führern der Mehrheitsparteien Vor⸗ schläge zu einem Kompromiß in Sachen der Grenzsperre für Fleisch machen würde. Darnach solle die Einfuhr von Pöckelfleisch freigegeben, also nur die von Würsten und konserviertem Fleisch in Büchsen verboten werden. Das Ein⸗ fuhrverbot für frisches Fleisch soll beseitigt und dafür die Regierung aufgefordert werden, bis zum Januar 1903 eine neue gesetzliche Regelung der Fleischeinfuhr dem Reichstage vorzulegen.
Der konservative und agrarische Teil der Mehrheit scheint keine Lust zum Kompromisseln zu haben. Das Organ des Bundes der Land⸗ wirte erklärt diese Vorschläge für un annehm⸗ bar und die Ablehnung des ganzen Gesetzes für das kleinere Uebel. Auch die„Kreuzztg.“ geht nach wie vor aufs Ganze und meint, schon um den Amerikanern Entschlossenheit zu zeigen, sei es notwendig, die Reichstagsbeschlüsse auf⸗ recht zu erhalten. Die Agrarier gehen auf's Ganze. Sie wollen hohe Preise für das Fleisch erzielen und wissen, daß das am besten durch die Grenzsperre erreicht werden kann. Ob durch dieses Mittel der deutschen Industrie unüber⸗ sehbarer Schaden zugefügt wird, ist der Junker⸗ sippe egal.
Bon der Partei Drehscheibe.
Die nationalliberale Partei hat bei der Abstimmung über das Fleischschaugesetz wieder einmal nicht genau gewußt, wie sie sich legen solle und ihr Redner, der heilige Paasche, hat geradezu als Meinung der Mehrheit ver⸗ kündet, sie wollten erst abwarten, wie die Regierung ihre Stellung wahrnehmen werde. Die Abstimmung der Partei gestaltete sich nach der„Freis. Ztg.“ wie folgt:
Die Partei zählt 41 Mitglieder und vier Hospitanten. Von diesen haben nur zehn gegen das Einfuhrverbot gestimmt, während 27 Nationalliberale für das Einfuhrverbot nach den Kommissionsbeschlüssen stimmten. Der Abstimmung enthielt sich Hofmann(Dillenburg), krank waren Prinz zu Carolath-Schönaich und Hische. Als beurlaubt sind geführt Mauser und Müller(Rudolstadt). Ohne Entschuldigung fehlten Dr. Deinhard und Quentin. Die 27 Nationalliberalen, welche für das Einfuhrverbot nach den Kommissionsbeschlüssen stimmten, sind Bassermann, Beck-Heidelberg, Dr. Blanken⸗ horn, Börner, Faller, Fitz, Haas⸗Erbach, Dr. Heiligenstadt, Frhr. Heyl zu Herrnheim, Dr. Hieber, Horn⸗Goslar, Hosang, Kahlcke, von Kaufmann⸗Helmstedt, Kettner, Kraemer, Dr. Lehr, Leineweber, Münch-Ferber, Graf von Oriola, Dr. Paasche, Rimpau, Schule, Sieg, Tönnies, Wamhoff.
Eine interessante Liste nationalliberaler Fleisch⸗ verteuerer. Selbst der„Sozialpolitiker“ Basser⸗ mann erscheint da als Befürworter teuerer Nahrungsmittel und zerstörender Zollkriege. Und diese Nationalliberalen sind faft überall die Bundesgenossen der— Freisinnigen ge⸗ worden.
Trichine und Kommabazillus.
Zu den eifrigsten Rufern im Streit gegen
die obligatorische Trichinenschau gehört im
Reichstag der antisemitische Rechtsanwalt Vielhaben. Er fürchtet sich vor der Tri⸗ chine nicht. Aber— so berichtet unser Ham— burger Parteiblatt:„Würde es sich um den Kommabazillus handeln, Herr Vielhaben würde wahrscheinlich das Debattiren ganz vergessen und, wie anno 1892, davonlaufen, daß er die Absätze verliert, wenn so ein Schwere— nöter etwa auf den Tisch des Hauses nieder— gelegt werden würdel“
Demnach gehörte der Antisemit Vielhaben zu den von den Antisemiten so viel verspotteten „Juden“, die 1892 vor der Cholera in Ham— burg ausrückten.
Bei den Sozialdemokraten ist die Sache umgekehrt. Sie halten es für viel verstän⸗ diger, die Menschen vor einer nicht ausge— schlossenen Gefahr nach Möglichkeit zu schützen. Deshalb verlangen sie obligatorische Tri⸗ chinenschau auf Reichskosten. Aber sie rücken nicht aus in der Gefahr. Das haben sie 1892 in Hamburg bewiesen. Als dort die Geldsäcke und der Antisemit Vielhaben vor der Cholerabazille auskniffen, als die Not am größten war, und sich die Hamburger Regierung um Hilfe an die sonst so verhaßte sozialdemokratische Orga nisation wendete, da halfen die Arbeiter in der auf⸗ opferungsfreudigsten Weise. Sie waren es, die Haus für Haus, Straße für Straße des— infizierten, die Kranken pflegten und die Leichen fortschafften.
Aus Dankbarkeit dafür soll ihnen jetzt
unter eifriger Mitwirkung des antisemitischen Advokaten Vielhaben das Fleisch verteuert werden durch Absperrung der Grenzen.
Merkt's Euch, Arbeiter!
Liberale Waschlappigkeit.
Die Reichstagsersatzwahl in Bayreuth giebt wieder eine charakteristische politische Lehre. Den ungezählten Fällen großer Jammerlappigkeit haben nämlich die„Liberalen“ einen neuen Fall hinzu⸗ gefügt. Den Freisinnigen war von ihrer Partei⸗ leitung„freie Hand“ gelassen worden. Die frei⸗ sinnige Gesellschaft folgte diesem Winke in der Weise, daß sie samt und sonders für den Ag ra- rier und Flottenschwärmer, den Gegner günstiger Handelsverträge, Zünftler und Brot⸗ verteurer Friedler ftimmte. Dies ist auch jedenfalls mit dem Beschlusse der Parteileitung beabsichtigt gewesen. Wenn der Freisinn selb⸗ ständig in den Wahlkampf eingetreten wäre, so hätte zwischen Friedel und unserm Genossen Frank Stichwahl stattsinden und der Freisinn hätte dann Farbe bekennen und sich für diesen oder für den anderen Kandidaten offiziell entscheiden müssen. Das aber war es gerade, was man ängstlich zu vermeiden bestrebt war. Mit Hilfe der„Liberalen“ wurde der Agrarier gegen den Sozialdemokraten gewählt.
Zu alt!
Die k. Betriebswerkstätte in München sucht 3. Zt. durch das städtische Arbeitsamt Eisen⸗ dreher. Ein Arbeiter, der beim Arbeitsamt um Beschäftignng nachfrug, wurde vermittelt und begab sich sogleich in den genannten Betrieb, um sich dem betreffenden Betri-bsingenieur Fischer vorzustellen. Als der Beamte aber erfuhr, daß der Mann schon das„Aller“ von 31 Jahren habe, gab er seinem Bedauern Ausdruck, ihn nicht einstellen zu können. Das Werk brauche zwar sehr notwendig einige Dreher, doch dürfe er Leute, die über 30 Jahre alt seien, nicht einstellen. Mit dem Vermerk: Nicht eingestellt, weil über 30 Jahre alt, erhielt der Mann die Karte des Arbeitsamtes wieder zurück. So verfährt Vater Staat als Arbeitgeber, der Privatunternehmern mit gutem Beispiele vorangehen sollte!
Mit 30 Jahren sind die Arbeiter also schon zu alt, mit 70 Jahren aber erst erreichen sie die Bezug sberechtigung zur Altersrente. Sollen sie nach Ansicht des Staates 40 Jahre lang durch preußisch⸗deutsche Wüsten ziehen und hungern?
Genossen! Agitiert allerorts für die Parteipresse!
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