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18.3.1900
 
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Gießen, Sonntag, den 18. März 1900.

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Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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März Betrachtung.

Ueberall, wo klassenbewußte Arbeiter wohnen, wird in diesen Tagen das Andenken Derer ge feiert, die in vergangenen Kämpfen für die Sache der Freiheit gefallen sind.

Die Geschichte zeigt uns, daß der Kampf gegen die Unfreiheit ein nimmer rastender ist, daß es zu allen Zeiten Männer gab, welche ihr Alles einsetzten, um der wahren Freiheit Bahn zu brechen, und daß die Sklaverei nicht ewig dauert. ö

Die Menschheit muß fort und fort sich neu schaffen, die Völker müssen zu höherer Befähigung sich durcharbeiten, ihr letztes Ziel durch Kampf sich erstreiten. Dieses Ziel aber ist Freiheit. Alle Hoheit und aller Glanz des Lebens ist nur in ihr möglich, in ihr nur die wahre Veredlung und Größe der Menschheit zu hoffen. Sie aber, so mild und sanft, wenn sie groß geworden, muß bei der Geburt eine Geburt voll Schmerzen, bei der Taufe eine Taufe voll Blut durchmachen. Auch sie entsteigt, wie Aphrodite, dem Schaume der Wogen, aber einem purpurroten, das lehren die Geschichten der Staaten.

Diese Worte, welche Dr. Zimmermann im Jahre 1843 seiner Geschichte des großen Bauern⸗ krieges vorsetzte, sie haben sich auch nachher noch bewahrheitet, denn blutigrot ist die Märzsonne des Jahres 1848 am Völkerhimmel aufgestiegen.

Aber wird es immer so bleiben? Werden Klassen⸗Egoismus und Klassentyrannei gepaart mit der Unvernunft auch ferner sich dem Fort- schreiten der Menschheit entgegenstemmen und Stürme heraufbeschwören, wie sie uns die Ge⸗ schichte zeigt? Wir wissen es nicht.

Aber das wissen wir: Wir kämpfen einen Kampf, so groß und hehr, wie nur je einer für die Sache der Menschheit geführt wurde, und so schwere Opfer er uns schon gekostet, noch größere wird er von uns fordern. Und nimmer wird er ruhen, bis das Zee erreicht ist: Die Befrei⸗ ung des arbeitenden Volkes aus den Fesseln des Kapitals.

Eitle Thoren, die da glauben, es müsse immer so bleiben, weil für sie Alles so schön eingerichtet ist und eine falsche Gesellschaftsordnung ihnen ein Leben voll Lust und Freude ohne Mühe garantirt, während Millionen bei harter Arbeit ein kümmer⸗ liches Dasein fristen.

Laßt es täglich von tausend Kanzeln ver⸗ künden, daß Eure Ordnung eine gottgewollte sei, das arbeitende Volk glaubt es nicht.

Lasset täglich durch tausende Eurer Rechts- pfaffen den Klassenstaat als einen Rechtsstaat preisen, der rechtlose Proletarier beweist Euch das Gegenteil.

Lasset täglich durch Eure feile Presse millionen⸗ fuch das Märchen von Eurer Güte, Milde und Liebe zum arbeitenden Volke verbreiten, die bleichen, hohlwangigen Proletariergestalten zeugen wider

uch.

Nicht auf Euch hofft es, sondern von seiner eigenen Kraft erwartet es Alles.

Der Klassenstaat kracht in allen Fugen. Er wird und muß einer höheren Gesellschaftsform weichen der sozialistischen Gesellschaft.

Seit dem Eintritt der Ziwvilisation, sagt Margan in seinerAncient Society,ist das

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Wachstum des Reichstums so ungeheuer geworden, Vergeltungsmaßregeln in Gestalt von Hinderungen

seine Formen so verschiebenartig, seine Anwend ung so umfassend, und seine Verwaltung so ge schickt im Interesse der Eigentümer, daß dieser Reichtum, dem Volke gegenüber, eine nicht zu bewältigende Macht geworden ist. Der Menschen⸗ geist steht ratlos und gebannt da vor seiner eigenen Schöpfung. Aber dennoch wird die Zeit kommen, wo die menschliche Vernunft erstarken wird zur Herrschaft über den Reichtum, wo sie feststellen wird sowohl das Verhältnis des Staates zu dem Eigentum, das er schützt, wie die Grenzen der Rechte der Eigentümer. Die Interessen der Gesellschaft gehen den Einzelinteressen absolut vor, und beide müssen in ein gerechtes und harmonisches Verhältnis gebracht werden. Die bloße Jagd nach Reichtum ist nicht die Endbestimmuug der Menschheit, wenn anders der Fortschritt das Gesetz der Zukunft bleibt, wie er es war für die Ver gangenheit. Die Auflösung der Gesellschaft steht drohend vor uns als Abschluß einer geschichtlichen Laufbahn, deren einziges Endziel der Reichtum ist; denn eine solche Laufbahn enthält die Ele mente ihrer eigenen Vernichtung. Demokratie in der Verwaltung, Brüderlichkeit in der Gesellschaft, Gleichheit der Rechte, allgemeine Erziehung werden die nächste höhere Stufe der Gesellschaft einweihen, zu der Erfahrung, Vernunft und Wissenschaft stetig hinarbeiten. Sie wird eine Wiederbelebung sein aber in höherer Form der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Gentes.

Wie einst die Bauern kämpften,

Mit Morgenstern und Schwert,

So kämpfen jetzt die Armen,

Doch kräftiger bewehrt,

Ihr Schwert, es nennt sich Wahrheit,

Ihr Morgenstern sich Licht,

Bis einst der Strahl der Freiheit

Hell durch die Wolken bricht.

Flottenvorlage und Handels⸗ politik.

ps. Die Wirkung der Flottenrüstungen bleibt nicht bloß auf die Kolonialpolitik beschränkt. Man übertreibt kaum, wenn man annimmt, daß die Marinerüstungen die gesamte deutsche Politik beherrschen. Nicht nur wird Alles der Marine gegenüber zurückgesetzt, sondern die ge sammte Politik wird auf diestarke Kriegsflotte gestimmt. Um was es sich auch handeln mag, erscheint der Regierung die Vermehrung der Panzerschiffe als die richtige Lösung aller Schwierigkeiten.

Besserung der Lage der Arbeiter? Bauen wir Panzerschiffe! Hebung des Mittelstandes? Bauen wir Panzerschiffe! Die Interessen der industriellen Entwickelung? Bauen wir Panzer⸗ schiffe!

Daß die Marine- bezw. Kolonialpolitik that⸗ sächlich nicht nur der Sozialpolitik, sondern auch der Handelspolitik entgegengesetzt wird, hat soeben die Beratung über das Fleisch⸗ beschaugesetz klar gezeigt. Wir wollen schon gar nicht davon reden, wie die Fleischtheuerung das Volk drückt, das ist von uns gemügsam er⸗ örtert worden, aber eine offenkundige That⸗ sache ist es, daß die Vereinigten Staaten sich die Chikanirungen ihrer Fleischausfuhr nach Deutsch⸗ land nicht mehr wollen gefallen lassen, daß sie

der deutschen Bier-, Zuckerausfuhr ꝛc. vorbe-

reiten, ja zum Teil sogar bereits ergriffen haben. Aber diese Schädigung der deut- schen Industrie will die Regierung hin- nehmen, um nur die agrarischen Stimmen für die Flottenvorlage zu erlangen. Sogar noch mehr! Währenddem die anderen Industriestaaten, E ner nach dem Anderen, mit den Vereinigten Staaten Handelsverträge auf Grund gegenseitiger Zollermäßigungen abschließen, plant man in Deutschland eine Erhöhung der Ge⸗ treidezölle, die unfehlbar zu einem Zoll- krieg mit Amerika führen würde, bei dem alle Nachteile auf Seiten Deutschlands sind: erstens weil Deutschland die amerikanischen Einfuhrartikel Getreide, Baumwolle, Petroleum unentbehrlich sind, zweitens weil die Ver einigten Staaten die deutschen Fabrikate umso mehr entbehren können, als, wie schon er⸗ wähnt, sie mit den anderen europäischen Indu⸗ striestaaten günstige Handelsverträge abschließen. So ist man im Begriff, den größten und vortheil haftesten überseeischen Markt zu opfern, und was hat man als Ersatz? Die höchst problematischen Handelsaussichten in Asien und Afrika, bei halb⸗ barbarischen Völkern, die alle zusammen noch bei Weitem die Kaufkraft des zivilisirten amerikanischen Volkes nicht erreichen. Und indem man die Handelsbeziehungen zu Nordamerika stört, ver teuert min die eigene Produktion gerade jener Artikel, die auf den Kolonialmärkten am meisten Absatz finden und setzt sich dadurch auch dort in Nachteil gegenüber den anderen exportierenden Staaten, zu denen nunmehr auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören.

Nichts zeigt deutlicher als das, wie sehr in den deutschen Flottenrüstungen Welt-Exoberungsgelüste über allem Anderen maßgebend sind. Die Handels- interessen des deutschen Industriestaates werden vielmehr zurückgesetzt gegenüber den polit schen Interessen der deutschen Großmacht. Welt machts- politik ist das, nicht Weltpolitik!

Politische Bundschau. Gießen, 16. März. Zur Lex Heinze.

* Die Künstler Deutschlands, die Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Schauspieler, sowie die Buchhändler haben nunmehr in allen Städten, wo die Kunst ein Heim hat, lebhaften Protest erhoben gegen das neueste Monstrum vermuckerter Gesetzgebungs, kunst, dielex Heinze. Durch dieses Gesetz soll nicht nur der gesährlichen Louis zunft das Handwerk gelegt, sondern auch den Künstlern Anstand beigebracht werden. Den erstern Zweck wird das Gesstz nicht erreichen, dagegen wird es den Künstlern, die nicht jeder Venus, die sie malen oder in Stein hauen, ein paar Hosen anziehen, unglaubliche Schwierig⸗ keiten verursachen. Die katholischen und prote⸗ stantischen Mucker können kein nacktes Bild an⸗ sehen, ohne rot zu werded. Und weil ihnen vielleicht sündhafte Gedanken beim Anblick eines Bildnisses im Adams- oder Evakostüm kommen, deshalb soll den Künstlern gleichzeitig mit den großstädtischen Louis Mores beigebracht werden.