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Mitteldeutsche Sonntagszeitung.

Nr. 51

Chartered Company(Cecil Rhodes und Gen.) im Monat April abgeschlossen. Im Früh⸗ jahr dieses Jahres wurde eine Waffenlieferung von Krupp für England seitens der Reichs-Re⸗ gierung inhibirt. Die Rücksichten auf die Neu⸗ tralität im Kampfe zwischen England und Transvaal, welche damals als Grund für die Einstellung der Waffenlieferung angeführt wurden, scheinen seit dem deutsch-englischen Ab- kommen nicht mehr zu herrschen oder aber die Regierung hat von der Lieferung keine Kennt- niß und erfährt die Thatsache erst aus den Zeitungen. Wenn dies der Fall ist, wird abzu⸗ warten sein, ob sie einschreitet.

Ein neu' Gewehr erfunden ist, Wir loben Dich Herr Jesu Christ!

Ueber eine neue Flinte für die Infanterie wurde demVorwärts berichtet: Einem Nor⸗ weger ist es gelungen, ein neues Gewehr zu erfinden, das sowohl hinsichtlich seiner genialen Konstruktion, als auch der Durchschlagskraft seiner Geschosse alle anderen Systeme übertrumpft. Mit dem neuen Mordinstru ment wurden im deutschen Lehr-Infanterie⸗ Bataillon eingehende Versuche angestellt, die ein dermaßenglänzendes Resultat ergaben, daß, wie von durchaus vertrauenswürdiger Seite versichert wird, der Kaiser befohle nhabe, eine der Divisionen des hannover⸗ schen 10. Armeekorps probeweise damit auszurüsten. Die Erfindung ging vor Kurzem in den Besitz eines Konsortiums internationaler Kapitalisten über, unter denen sich u. a. auch, die Rothschilds befinden. Einer der Haupttheil⸗ nehmer ist ferner der Geheimrath Ehrhardt in Düsseldorf, in dessen Fabriken die Waffen her⸗ gestellt werden sollen. Also kann sich der deutsche Michel auf einen tiefen Griff in den Beutel einrichten. Für Kulturzwecke ist aber kein Geld da.

Annehmlichkeiten der Hunnenkrieger.

Oft genug haben wir aus den veröffent- lichtenHunnenbriefen lebhafte Klagen über die Behandlung, die den Chinafreiwilligen zu Theil wird, herausklingen hören. Dies ge schieht auch in einem demStuttgarter Beob. zur Verfügung gestellten Briefe, in welchem der Briefschreiber seiner Entrüstung über die Be⸗ strafung deutscher Soldaten durch Anbinden an den Pfahl Luft macht:

Etwas hätte ich auch nie geglaubt, näm⸗ lich, daß man im Kriege so mit den Soldaten umgeht, wie es bei unserer Kompagnie der Fall ist: Wegen den geringsten Vergehen wer⸗ den sie drei Tage eingesperrt; aber das ist nicht das Schlimmste. Dann werden sie noch außerdem jeden Tag vier Stunden Vormittags zwei Stunden und Nachmittags zwei Stunden an gebunden an einen Pfahl im Freien, daß sie sich nimmer rühren können, zum Spott der Chinesen und anderer Nationen. Ich selbst habe schon viele anbinden müssen.

Es ist eine Lust, in China deutsche Kultur zu verbreiten!

Heidnische Aussichten über christliche Kultur. Dieser Tage machte die Meinungsäußerung eines Japaners über das Christenthum und die christliche Kultur die Runde durch die Presse. Der menschlich und christlich denkende Heide ist bitter enttäuscht über das Verhalten der christlichen Völker in Ostasien; er erklärt, daß es weder christliche Nationen, noch Staaten ge⸗ geben habe. Höchstens begegne man hier und da ein paar Christen.Seht, was in China vor- geht, meint er.Die christlichen Russen be⸗ gehen da Verbrechen, die uns heidnische Ja paner erröthen machen Die Scheusälig⸗ keiten in China werden begangen im Namen der Religion, im Namen einer höheren Zivili⸗ sation. Angesichts dieser Grausamkeiten, die Ihr im Namen Eures Heilands begeht, wagt Ihr es noch, die Glocken Eurer Kirchen zu läuten, um uns zum Gebet einzuladen?! Geht und predigt den Christen, die so nöthig haben, sich zur Religion der Vernunft und der Güte zu bekehren. Und wenn Ihr aus ihnen(den Christen) humane Wesen gemacht, dann aber auch nur dann kehrt zu uns zurück. Der Heide, der so spricht, ist entschieden ein besserer Mensch als unsere Hunnenchristen.

Die württembergischen Landtagswahlen sind für uns noch weit glänzender ausgefallen, als es nach den ersten Mittheilungen schien.

durch

Der Stimmenzuwachs ist ein ganz be⸗

deutender, von 32 200 Stimmen im Jahre 1895

hat es unsere Partei auf 58000 gebracht, un⸗ sere Stimmenzahl hat sich also beinahe ver⸗ doppelt. Wenn deshalb nach der Mülhäuser Reichstagswahl und sonst bei anderen Gelegen beiten bürgerliche Blätter, wie z. B. derGie⸗ ßzener Anzeiger und auch dieHess. Landesztg. vom Stillstand oder garunaufhaltsamen Rück⸗ gang der Sozialdemokratie erzählten, so zeigt ihnen die Wahl in Württemberg, wie gründlich sies ich verrechneten. Keine andere Partei kann sich ähnlicher Erfolge rühmen. Nur die Zen⸗ trumspartei verzeichnet einen kleinen Stimmen⸗ zuwachs, sie stieg von 69000 auf 72 000. Die nationalen Parteien aber, Konservative, Bauernbund, Nationalliberale,Deutsche Par⸗ tei haben zusammengenommen gegen 1895 8000 Stimmen verloren; sie erhielten allesammt etwa 89 000 Stimmen gegen 97000 bei der letzten Wahl. Am schlimmsten kam aber die Volkspartei weg. Sie verlor fast ein Viertel ihrer Stimmen, von 95000 ging sie auf 74000 zurück. Von den 33 nothwendigen Stichwahlen ist unsere Partei an zehn betheiligt, von denen sechs die besten Aussichten für unsere Partei bieten. In den übrigen vier Kreisen stehen wir mit der Volkspartei in Stichwahl, da ist der Sieg für uns sehr zweifelhaft. Im Ganzen können wir mit dem Ausfall dieser Wahl zufrie⸗ den sein, mit Recht können unsere schwäbischen Genossen von einem Siege auf der ganzen Linie reden. Selbst in rein bäuerlichen Kreisen, wo wo man sonst nichts von der Sozialdemokratie wissen wolllte, sind erhebliche Fortschritte zu verzeichnen. Die Stichwahlen sollen am 17. und 18. Dezember stattfinden. Selbstverständ⸗ lich treten bei der Stichwahl unsere Genossen überall da für die volksparteilichen Kandidaten ein, wo diese mit den reaktionären Parteien umd as Mandat zu kämpfen hat. Der Landes⸗ vorstand wandte sich bereits in einem in diesem Sinne gehaltenen Aufruf an die Genossen im Lande.

Wir wollen noch hinzufügen, daß das Wahlrecht zum württembergischen Landtage das gleiche wie das zum Reichstag ist, mit dem Unterschiede natürlich, daß nur Württemberger wählen können. Im Verhältniß zu anderen Landtagswahlgesetzen muß das württembergische als ein ziemlich freies bezeichnet werden. Dafür haftet aber dem Landtage noch ein an⸗ deres mittelalterliches Anhängsel an, nämlich er hat noch 27Privilegirte, die dem Adel und der hohen Geistlichkeit angehören und von dieser gewählt werden. Dieser Umstand verhindert jede durchgreifende Reform. Außer⸗ dem gehören der ersten Kammer neben den königlichen Prinzen noch 19 Standesherren an, die zum größten Theil gar keine Württem⸗ berger sind!

Sozialdemokratische Anträge im hessischen Landtage.

Abg. Ulrich hatte der zweiten Kammer der Landstände einen Antrag unterbreitet, der die Regierung um Vorlegung eines Gesetzentwurfs ersucht, wonach die Kreisthierärzte als voll besoldete Staatsbeamte anzustel⸗ len und alle aus veterinär-polizeilichen Anfor⸗ derungen entstehenden Gebühren und Spesen aufzuheben sind. Die Regierung verhält sich gegenüber diesem Antrage ablehnend, da die bewilligte Besoldungsordnung den Kreisveterinärärzten eine nicht unerhebliche Er⸗ höhung ihres Gehaltes zu Theil geworden und sie mit dem Gehalt von 2400 Mk. steigend bis zu 3600 Mk. für ihre Leistungen im Dienste des Staates hinlänglich bezahlt würden, da nach Lage der Verhältnisse ihre Thätigkeit in dieser Richtung nicht zu allen Zeiten im vollen Maße in Anspruch genommen und sie auch noch der Privatpraxis obliegen könnten, was den Vortheil habe, das Interesse für alle Zweige des Veterinärfaches aufrecht und die Veterinär⸗ beamten selbst mit den Landwirthen ihres Be zirkes in steter Fühlung zu halten. Die Auf⸗ hebung und das Verbot jeder Privatpraxis würde eine nicht gerechtfertigte allgemeine Er- höhung der Gehalte bedingen, ohne daß eine bessere Ausübung der Veterinärpolizei hierdurch gesichert würde. Die Majorität des Ersten Aus⸗ schusses empfiehlt ebenfalls Ablehnung des An⸗ trags und ist der Meinung, daß die verlangte Anstellung zur Folge haben müsse, die vor⸗ handenen Stellen beinahe auf die Hälfte zu reduziren, was nicht im Interesse der viehhal tenden Bevölkerung liege und zwingende Gründe für Aenderung der jetzigen Verhältnisse

nicht vorhanden seien, dagegen beantragt sie im Gegensatz zur Regierung, alle durch die Fleischbeschau der beamteten und nicht be⸗ amteten Thierärzte entstehenden Kosten auf die Staatskasse zu übernehmen. Mit Auflösungsgedanken

trägt sich der neue gothaische Minister Hentig. Wenigstens hat die amtlicheGoth. Ztg. von einer bevorstehenden Auflösung dens Landtags gesprochen. Letzterer, der erst in diesem Herbste gewählt wurde, besteht aus 9 Sozialdemokraten, 4 Freisinnigen, 5 Agra⸗ riern und einem Nationalliberalen; es ist des⸗ halb wohl möglich, daß dieses Parlament dem Minister ebenso wenig wie seinem Vorgänger gefällt, schwerlich aber wird er durch die Auf⸗ lösung einenbesseren Landtag bekommen.

Opfer des Klassenkampfes.

Die Beschwerde des Genossen Swienty in Halle gegen den Beschluß der Strafkammer, die seine Inhaftirung genehmigte, wurde vom Oberlandesgericht in Naumburg verworfen. Auch dieses Gericht hält Fluchtverdacht wegen der zu erwartenden Strafe für vorliegend. In weiten Kreisen wird diese Entscheidung einfach nicht verstanden werden. Daß das Ehrenwort eines sozialdemokratischen Redakteurs keine leere Phrase ist, hat sich ja in dem Fall Schmidt⸗ Magdeburg gezeigt, wo der zu einer hohen Strafe Verurtheilte, trotzdem er auf freiem Fuße war, doch nicht daran dachte, das Hasenpanier zu ergreifen. Jetzt bleibt für den Gen. Swienty nur noch zu wünschen, daß die Verhandlung gegen ihn so rasch wie möglich anberaumt wird, damit er der qualvollen Ungewißheit über Schuld oder Nichtschuld baldigst entrissen wird. Unser Genosse soll sich, wie wir in der letzten Nummer bereits mittheilten, durch Abdruck eines Gedichtes über die Hunnenmedaille einer Maje⸗ stätsbeleidigung schuldig gemacht haben.

Deutsche und polnische Stiefel.

Aus dem Kreise Schroda(Reg.-Bez. Posen) meldet ein polnisches Blatt, daß in dem Dorfe Kijewo dem Lehrer sowohl wie den Schülern das Tragen langer Schaftenstiefel verboten worden sei, da man darin eine polnische Demonstration erblicke! Den Kindern wurde ebenso verboten, Bücher und Hefte in polni sche Zeitungen zu wickeln. Wenn dieGermanisirung der polnischen Landestheile auf diese Art betrieben werden soll, so steht ihr ja noch ein weites Feld offen. Wir kommen vielleicht dann noch dahin, daß polnische, französische ꝛc. Barttrachten untersagt werden, Schlapphüte als demokratische Abzeichen verpönt sind und jeder Deutsche gehalten ist, sich nicht anders als mit der Pickelhaube oder Soldatenmütze auf dem Kopfe sehen zu lassen. Stoff für Witzblätter!

Die Antisemiten im Reichstage. haben sich durch ihre verschiedenen Spaltungen in die unangenehme Situation gebracht, daß sie selbst vollständig lahmgelegt sind. Um sich nun einigermaßen zu helfen, sind diese Abge⸗ ordneten nun jetzt unter dem NamenFreie wirthschaftliche Gruppe zusammengetreten zur Ausübung von Fraktionsrechten bei Beschickung der Kommissionen. Der an Jahren älteste Ab⸗ geordnete führt den Vorsitz bei Sitzungen, die zum Zwecke der Besetzung von Kommissionen einberufen werden. Viel Vertrauen in den Be⸗ stand selbst dieser rein äußerlichen Organisa⸗ tion scheint aber unter den Antisemiten selbst nicht zu herrschen. DieDeutsch-sozialen Bl. bemerken nämlich bereits: Sollte es sich heraus⸗ stellen, daß z. B. die deutsch⸗soziale Gruppe nicht die Berücksichtigung bei der Vertheilung der Kommissionssitze erhält, die sie beanspruchen darf so würden die Abgeordneten jener Gruppe wahrscheinlich austreten und sich auf andere Weise die Mitarbeit in den Kommissionen sichern.

BDeutsehenr Aeichstag.

(Fortsetzung aus der Beilage.)

Am Montag begann die erste Berathung des Etats, wobei bekanntlich die gesammte Politik der Regierung besprochen werden kann. Der Reichs schatz⸗ sekretär gab einen Ueberblick über die Finanzlage des Reiches, wie er das schon vor einiger Zeit in der

Budget⸗Kommission gethan hatte; er wies nach, wie

der schlechte Geschäftsgang auf die Finanzen zurückwirke, und klagte beweglich über die große Be⸗ lastung mit den Ausgaben nicht für das Heer und die Flotte, sondern für die Alters- und Invalidenver⸗ sicherung. Dann sprach als Erster Müller ⸗Fulda

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