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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 38. 1

Auch der Stand der BuchhandlungVor- wärts ist als ein günstiger zu bezeichnen. Der Waarenumsatz hat sich gegen das Vorjahr um mehr als 7000 Mk. erhöht und damit die höchste bisher erreichte Ziffer übertroffen nur das Wahljahr 97/98 hatte einen um 3000 Mk. höheren Umsatz zu verzeichnen. In dieser von Jahr zu Jahr steigendenHöhe des Waarenum⸗ satzes finden wir mehr noch als in den regel⸗ mäßig erzielten Ueberschüssen, aus denen im laufenden Geschäftsjahre abermals 14000 Mk. zu Agitationszwecken der Parteikasse zur Ver⸗ fügung gestellt werden konnten die Bestätig⸗ ung dafür, daß die Buchhandlung immer mehr ihrer Hauptaufgabe gerecht zu werden versucht: der Agitation in Gestalt aufklärender und an⸗ feuernder Agitationsschriften Waffen zu liefern für Werbung neuer und zur Weiterbildung der gewonnenen Genossen.

Im verflossenen Jahre suchte die Buchhand⸗ lung ihr Thätigkeitsgebiet zu erweitern, indem sie mit der Herausgabe von Kunstblättern in Kupfer⸗Radirung den Versuch unter⸗ nahm, den künstlerischen Geschmack in den Massen zu wecken und zu läutern. Die dabei bis jetzt gemachten Erfahrungen zeigen, daß da ein harter und steiniger Boden zu beackern ist und daß nur langsam dem mißgebildeten Geschmack an schreienden Farben und plumper Darstellung entgegengewirkt, nur langsam dem unausgebil⸗ deten Sinn für einfache künstlerische Schönheit in Zeichnung, Licht- und Schattenwirkung nach geholfen werden kann.

Der Kassenbericht umfaßt diesmal nur einen Zeitraum von 11 Monaten. Die Gesammt⸗ einnahmen betragen: 249 582,31 Mk. Hierzu Bestand vom 31. August

/ 8 434%

Der Reserve entnommen e

201 302,1 Mf.

Die Gesammtausgaben betragen: 286 800,47 Mk.

Kassenbestand am 31. Juli 1900 4562,44 Mk.

501 302,01 Mf.

Während der vorjährige Kassenabschluß als ein durchweg guter bezeichnet werden konnte, ist der diesjährige ungünstig ausgefallen. Die Einnahmen sind gegen das Vorjahr zurück⸗ gegangen, die Ausgaben gestiegen. Das Defizit, das aus der Reserve gedeckt werden mußte, be trägt 33 345,90 Mk.

Der Rückgang in den Einnahmen ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Einmal sind in mehreren Parteiorten für die Vergrößer⸗ ung der Druckerei⸗Einrichtungen so beträchtliche Aufwendungen gemacht worden, daß an die Zentralkasse entweder gar keine, oder nur ge ringe Beiträge abgeliefert werden konnten. In dieser Beziehung sei nur auf den fehlenden Bei⸗ trag des Hamburger Geschäftes hingewiesen.

Weiter haben auch die Sammlungen für die vom Unternehmerthum hart bedrängten nischen und böhmischen Arbeiter ungünstig auf die Aufbringung der Parteibeiträge zurückge wirkt und endlich haben zahlreiche Parteiorte, obgleich sie über verhältnißmäßig hohe Bestände verfügen, es doch unterlassen, der Zentralkasse entsprechende Zuwendungen zu machen.

Von den gesammten Ausgaben entfallen in runder Summe auf Agitation: 58 000 Mk.; Reichstagskosten: 30000 Mk.; Unterstützungen: 23 000 Mk.; Darlehen: 93000 Mk.; Preßunter⸗ stützung: 49000 Mk. ꝛc.

Die Darlehen sind in den weitaus meisten Fällen gegeben worden zum Ausbau der Partei- presse, bezw. der in Parteibesitz befindlichen Druckerei⸗Einrichtungen. So groß der in dieser Richtung verausgabte Betrag auch ist, mußten doch noch viele Forderungen abgewiesen werden. Hoffentlich tragen diese für die Parteipresse ge brachten Opfer auch in materieller Beziehung bald gute Früchte, so daß die Kassenabschlüsse der nächsten Jahre wieder ein erfreuliches Bild bieten. 8

Das Strafregister steht hinter dem vor jährigen in Bezug auf die Höhe der erkannten Freiheitsstrafen nur wenig zurück, obgleich das Berichtsjahr diesmal sich nur auf einen Zeitraum von 11 Monaten erstreckt und das Vorjahr die höchste Ziffer der erkannten Freiheitsstrafen aufweist.

Zwei Genossen wurden zu Zuchthausstrafen verurtheilt. Bei dem im Dezember in Stendal zur Aburtheilung gekommenen Fall beging der Genosse die Gewissenlosigkeit, um eine Verur theilung wegen Streikvergehens zu hinter treiben, einen Zeugen zu einer unwahren Aus sage zu verleiten. In dem anderen am 17. März in Güstrow abgeurtheilten Fall ist der Genosse

Holst⸗Wismar unserer festen Ueberzeugung nach unschuldig verurtheilt worden, einen Meineid geleistet zu haben. Der Anklage lag folgender Thatbestand zu Grunde: Am 6. August 1899 hatte ein Tanzvergnügen der Gewerkschaft der Maurer in dem Koberschen LokalZur Hansa in Wismar stattgefunden. Zwei Polizeibeamte, Krämer und Schütt, welche zur Beobachtung des Lokals abgesandt waren, sollen durch Zurufe der Tischler Wollenberg und Steinbrügger ver⸗ höhnt worden sein. Der Angeklagte Holst be⸗ schwor vor dem Wismarer Schöffengericht, daß er nur die Zurufe Steinbrüggers gehört habe. Auf Grund dieser Aussage lautete das Urtheil gegen Steinbrügger auf 20 Mk. Geldstrafe und gegen Wollenberg auf Freispruch. Gegen das Urtheil legte der Staatsanwalt Berufung ein. Die Strafkammer verurtheilte beide Tischler zu je einer Woche Gefängniß und verhängte über den Angeklagten Holst die Untersuchungshaft wegen Meineids. In der Verhandlung am 17. März erklärte Genosse Holst Folgendes: Am fraglichen Tage(6. August 1899) habe er sich in seiner Eigenschaft als Mitglied des Bürger⸗ ausschusses davon überzeugen wollen, ob die observirenden Polizeibeamten wieder Civilkleid⸗ ung trügen, trotzdem ihnen Uniformen bewilligt worden seien. Die Genossen seien durch die An⸗ wesenheit der Polizei erregt gewesen, und um dieselben vor Mißhelligkeiten zu bewahren, habe er sie gebeten, ruhig nach Hause zu gehen. In diesem Wirrwar habe er nur, wie bereits be⸗ schworen, die Zurufe Steinbrügger's und keine anderen gehört. Für den Genossen Holst lag kein Grund vor, den Genossen Wollenberg nicht zu belasten, am wenigsten der, der ihm von dem Staatsanwalt unterstellt wurde und der dahin ging, Holst habe aus schmutzigstem Parteiinter⸗ esse gehandelt und den Genossen auf Kosten der Polizei vor Gericht herausgelogen. Hätte der Genosse Holst nach der staatsanwaltlichen Auf⸗ fassung handeln wollen, dann hätte er den Ge nossen Steinbrügger, der Vertrauensmann der Partei ist, entlasten müssen. Als wahrheits⸗ liebender Mensch hat das Genosse Holst nicht gethan. Die Genossen werden nichts unversucht lassen, das Wiederaufnahmeverfahren zu be treiben.

Die Opfer, die der Klassenkampf erfordert, belaufen sich im Ganzen auf 6 Jahre 8 Monate Zuchthaus, 64 Jahre 7 Monate 23 Tage Ge⸗ fängniß und 16 427 Mark Geldstrafe.

Unterhaltungs⸗Theil.

CCC

Der Parteitag in Mainz. Das goldne Mainz hat jüngst die Feier

Den Manen Gutenbergs geweiht,

Der dem Gedanken ein Befreier

Gewesen in vergangener Zeit.

Nun schmückt es seine Hallen wieder,

Und wiederum am grünen Rhein

Ertönen helle Freiheitslieder

Der Zukunft Kämpen ziehen ein.

Des Wissens und des Lichts Verbreiter, Sie, die das Volk als Führer kennt, Des Sozialismus kühne Streiter Eröffnen hier ihr Parlament. Sie kommen aus dem Schacht der Erde, Sie kommen von des Meeres Strand, Vom Schraubstock und vom Schmiedeheerde, Und reichen sich die Bruderhand.

Doch hört man nichts von Festgelagen, Es giebt kein blödes Hurrahschrei'n, Mit strengem Ernste gilt's zu tagen, Man hält im Aug' das Ziel allein. Und aus dem heißen Wortgefechte Erblühen wird das Resultat: Geschlossen wider Feindesmächte

Steht Deutschlands Proletariat!

Ihr Brüder, die aus allen Gauen Des deutschen Reichs das Volk gesandt, Euch trägt sein freudiges Vertrauen Willkommen an des Rheines Strand! Es möge Euer Werk gelingen Und zu des Volkes Wohl gedeih'n, Und Euer Streben und Vollbringen Ein neuer Schritt zum Siege sein. Max Kegel imWahren Jakob.

Dunkle Mächte. 1.

4 Roman von Elise Langer. gun, den Brandt betrachtete das Mädchen mit Er⸗ fir ug staunen.Das ist viel gesagt. Sollten Sie das] Piland in Ihrem Alter so bestimmt wissen und später Fein Töch nicht zu bereuen haben? 1 ö 9 damn

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Sie schüttelt mit ruhigem Lächeln den Kopf. den juget Wer wie ich in dieser beschränkten, dünkel⸗ öndgele haften und vorurtheilsvollen Kaste erwachsen wodellirte ist und dem dann die Augen aufgehen, der dez ruhen muß sich endgiltig von ihr lossagen. Meine Freundin Weltanschauung paßt nicht mehr dorthin. Ich] Ach, will es Ihnen nur gestehen, daß die Ankündig⸗ den Dol ung meines Entschlusses, die Stellung in Ihrem zr Klein Hause anzunehmen, eine entsetzliche Scene mit in Verz meinem Schwager zur Folge hatte, nach der z Mr ich sein Haus, in dem ich seit der Vermählung ten, so meiner Schwester lebte, verließ. Ich ernied⸗ 105 rigte mich zum Proletariat, schrie er, und nur Zimmer, die kühle Entschlossenheit, mit der ich dem Wü⸗ inder if thenden entgegentrat, verhinderte ihn, sich thät⸗ Affen il lich an mir zu vergreifen. Ich habe also jetzt mpihnt vollkommen freie Bahn. Gelernt habe ich nicht! 80 übermäßig viel, Herr Doktor, das heißt, nichts inder so gründlich, um Lehrerin werden zu können in ich! Man ist nicht umsonst mit zwölf Jahren Haus⸗ finn. frau und Mutter. Dagegen verstehe ich mich Fer da gründlich aufs Wirthschaften und Kochen, und J de heln ich thue es gern. Ich schob mir schon die Fuß⸗ Ine Net bank an den Herd, als ich noch nicht hinaufrei⸗ in Si chen konnte. Und wenn der Mensch sich sein 0 er ne eigenes Leben gestalten will, so muß er sich ugevöh nach meiner Ansicht auf das stützen, was er een lan aus dem Grunde versteht.

Famos, famos! rief Brandt,ich hole Ein die Kinder. Doch noch eins, sagte er, um⸗ großer kehrend, und fuhr dann zögernd und nach Wor⸗ Tupper ten suchend fort:Die Mutter der Kinder Auf ed meine frühere Gattin lebt noch in Genf, gen nel von wo wir gekommen. Wir haben uns sepa⸗ garten rirt. Das Mädchen ist mir einstweilen über⸗ Thür lassen, doch hoffe ich es für immer zu behalten Namen Es kommt mir daher darauf an, die Erinne- err neu rung an die Mutter nicht zu nähren. Hesalt

Dann ging er. um in

Helma blieb betroffen zurück.Also kein] chu Wittwer, ein geschiedener Mann, dachte sie.] Si hal Wie schwer es ihm wurde, mir das zu sagen. bielwe Der Arme, was muß er durch die Frau gelitten en de haben, wenn er sogar die Erinnerung des Kin- dg bi, des an die Mutter auslöschen will. N kin.

Sie erhob sich und musterte die Einrichtung 1 1 des Salons, die trotz ihrer Neuheit und Ele- 1 ganz wüst und ungemüthlich war, weil sie der 10 8 ordnenden und verschönernden Hand gänzlich 107 entbehrte. a füt,

Nach wenigen Augenblicken kehrte Brandt, 11 Emmy vor sich herschiebend und Charles an 00 der Hand führend, in das Zimmer zurück. 150

So, Kinder. Gebt dieser Dame die Hand. vun ft Die wird fortan bei uns wohnen und das wird. bern prächtig sein. höfer

Gehorsam gaben die Kinder Helma die Hand, meinde worauf sich Charles an den Vater, der wieder sch Platz genommen, lehnte, während Emmy, die nals! wie immer ihre Puppe trug, zwischen ihm und for der Fremden stehen blieb. walh

Während des folgenden Gesprächs, das sich ber auf Helmas künftige Funktionen bezog, ließ ein v die Kleine kein Auge von der Fremden, und ein f allmählich that sie einen Schritt und wieder und; einen näher, bis sie endlich ganz zutraulich Einer ihr Aermchen auf deren Schoß stützte. Helma werh hatte klugerweise gethan, als beobachtete sie gang Emmy nicht, und nur mit dem Vater ein heim⸗ Mäd liches Lächeln getauscht; erst als die Kleine bare nach ihrer Brosche griff, die einen Engel der Sixtinischen Madonna darstellte, legte sie rasch wenn den Arm um sie. fra

Wie ein gefangenes Vögelchen zuckte das be, Kind im ersten Moment zusammen, doch bald kile fühlte es mit Behagen die Wärme und Weich⸗ lle heit des weiblichen Körpers und schmiegte sich 1 ben immer vertraulicher an. 9 El

Helma war überglücklich. Die Zuneigung lezte eines Kindes schmeichelt uns mehr als Fürsten⸗ 0 war

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