Ausgabe 
15.4.1900
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 16. 8

Genossen den Verlag selbst übernehmen wollen. Dies der einfache Sachverhalt.

Ferner steht fest, daß die Familie Oertel in finanzielle Schwierigkeiten gar nicht kommen konnte, da ihr hinreichend Einnahmen durch den Druck derMetallarb.⸗Ztg. und vier Partei⸗ zeitungen garantiert waren.

Der Krieg in Südafrika.

Im) allgemeinen zeigen die Bewegungen der beiderseitigen Streitkräfte, daß die Buren in der letzten Zeit bedeutend an Terrain gewonnen haben.

Zu gleicher Zeit hat das launische Kriegs⸗ glück der Burensache eiuen schweren Schlag versetzt. General Villebois Mareuil, der zu den besten und erprobtesten Führern und Ratgebern der Buren zählte, ist in einem Ge⸗ fecht mit den Truppen Methuens gefallen.

DieserSieg der Engländer über die nur 70 Mann starke Burenabteilung wurde mit siebenfacher Uebermacht errungen. Villebois und 7 Buren wurden getötet, 8 verwundet und 54 gefangen genommen; auf englischer Seiee wurden 4 Mannn getötet, 6 verwundet.

Demgegenüber stellt sich die englische Schlappe (über die wie in der letzten Nummer berichteten) schlimmer heraus, als es vorher den Anschein hatte. Dabei fielen den Buren nicht nur eine Menge Lebensmittel in die Hände, sie haben außerdem auch alle geheimen Papiere der Engländer erbeutet, darunter die Pläne für den Einmarsch in den Oranjefreistaat und in Transvaal ꝛc. Eine weitere schwere Nieder- lage erlitten die Engländer bei Redders⸗ burg. Hier mußten sich 600 Engländer einer überlegenen Burenstreitmacht ergeben. Lord Roberts scheint in Blomfontein von den Buren so ziemlich eingeschlossen zu sein. Wegen Mangel an Pferden und Wasser und auch wegen Erkrankung vieler Soldaten ist er nicht im stande, größere Bewegungen zu unternehmen.

Weiter bestätigt sich, daß in einer großen Schlacht bei Meerkatzfontein südlich von Brandfort die Buren unter General Dewet einen bedeutenden Sieg errungen haben. Die Engländer verloren 600 Tote und 900 gerieten in Gefangenschast. Neueren Meldungen zufolge soll Mafeking von den Buren genommen sein. Seit dem 9. November 1899 sind jetzt seitens der Engländer an Offizieren und Mannschaften 146 413 Mann nach Südafrika gesandt worden.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Kleine Fortschritte.

Die Stadtverordnetenversammlung in Offen⸗ bach, in der bekanntlich unsere Genossen in der Mehrheit sind, stimmte in ihrer letzten Sitzung dem Antrage auf Gewährung unentgelticher Hebammenhülfe und Totenbestattung zu. Diese Gemeindeeinrichtung ist als Unter⸗ stüstung nicht anzusehen. Wer unentgeltliche Hebammenhülfe oder die unentgeltliche Bestattung eines Toten beanspruchen will, hat nach den Bestimmungen eine Bescheinigung auf der Bürger⸗ meisterei zu erwirken, die er der Hebamme bezw. dem Begräbnisordner vorzulegen hat. Die Hebamme erhält bei Rückgabe der Bescheinigung mit dem Vermerk über die erfolgte Entbindung 10 Mk. aus der Stadtkasse. Die Unentgelt⸗ lichkeit der Beerdigung tritt nicht ein, wenn ein über das Notwendige hinausgehender Auf⸗ wand stattfindet; insbesondere darf nur ein ganz einfacher, nicht über 25 Mk. kostender Sarg von dem Bestattenden angewandt werden. Das sind zwar kleine, aber doch ganz erfreuliche Fort⸗ schritte. Anderen Gemeindeverwaltungen können derartige Einrichtungen zur Nachahmung em⸗ pfohlen werden.

Auch in Höchst a. M. wurde kürzlich eben⸗ falls die Einführung unentgeltlicher Beerdigung beschlossen. Von Wetzlar sind ähnliche Be⸗ schlüsse nicht zu melden, dort wird von dem

altbewährtenvaterländischen Sinn der Stadt⸗ vertretung erwartet, daß sie die Gemeindegelder für Denkmalsbauten verpulvert.

Ein Mißtrauensvotum.

In der Stadtverordneten-Versammlung in Offenbach kam in der letzten Sitzung der von uns bereits erwähnte Antrag, ein Mißtrauens- votum gegen den Oberbürgermeister Brink betreffend, zur Beratung. Am 21. Dez. v. J. hatte die Stadtverordneten⸗Versammlung einen Beschluß gefaßt dahingehend, daß die städtischen amtlichen Bekanntmachungen auch imOffenb. Abendblatt veröffentlicht werden sollten. Von Seiten des Oberbürgermeisters mar dieser Be⸗ schluß nicht ausgeführt worden. Das Verhalten des Herrn Oberbürgermeisters wurde in der Debatte scharf getadelt und folgender Antrag mit allen gegen 9 Stimmen und 2 Stimmen⸗ enthaltungen angenommen:

Die Versammlung erblickt in der Nichtaus⸗ führung ihres Beschlusses vom 21. Dez. 1899 betr. Veröffentlichung der Bekanntmachungen im Offenbacher Abendblatt eine absichtliche Ver⸗ letzung ihrer durch die Städteordnung gewähr⸗ leisteten Rechte, gegen welche sie hiermit aus⸗ drücklich Protest erhebt. Sie erklärt, daß ihr ohnehin nur sehr schwaches Vertrauen in die Unparteilichkeit der Geschäftsführung des Herrn Oberbürgermeisters Brink durch diese Nichtaus⸗ führung des Beschlusses völlig erschüttert ist, und sieht darin nichts als eine parteiische Stel⸗ lungnahme gegen die derzeitige Mehrheit der Stadtverordneten.

Die Versammlung hält es aber gerade in⸗ folge dieser Stellungnahme des Herrn Ober⸗ bürgermeisters Brink für nöthig, zu erklären, daß es im Interesse der weitesten Verbreitung aller Bekanntmachungen und der Gleichberechtigung aller Bevölkerungsklassen dringend geboten ist, daß die Bekanntmachungen der Stadtverwaltung, gleichzeitig wie in derOffenb. Zeitung auch imOffenb. Abendbl. erscheinen und beschließt deshalb:

Alle Bekanntmachungen der Bürgermeisterei

sind derOffenb. Ztg. und demOffenb.

Abendbl. zu gleicher Zeit zum unentgeltlichen

Abdruck zu übermitteln. Der Ausführung

dieses Beschlusses etwa entgegenstehende Ver⸗

tragsbestimmungen sind durch die Bürger⸗ meisterei alsbald zu beseitigen bezw. zu kün⸗ digen.

Der Oberbürgermeister erklärte hierauf, daß dieser Beschluß die Befugnisse der Stadtverord⸗

ueteu überschreite und er ihn beanstanden werde.

Denkmalswut.

. Wetzlar. Saßen da neulich in einer Weinstube in Wetzlar eine Anzahl auserwählter Herren derbesten Gesellschaft zusammen. Sie tranken Wein und waren nicht etwa blos daz u zusammengekommen, sondern sie hatte die heilige Pflicht zusammengeführt, einemdringenden Be⸗ dürfnisse abzuhelfen. Was konnte das sein? Wollte man den geplagten Mitmenschen,die mühsam kaum ihr täglich Brod erbeuten ihr Dasein erleichtern? Vielleicht verhandelte man über den Bau guter und gesunder Arbeiter⸗ wohnungen? Oder über die Unentgelt⸗ lichkeit der Lehrmittel in den Volksschulen? Ach nein, mit solchen und ähnlichen plebejischen Dingen brauchen sich diese Herren nicht zu be⸗ fassen. Sie haben doch gute und gesunde Wohnungen; sie können auch die Lehrmittel für ihre Kinder bezahlen. Was uns aber in Wetzlar dringend not thut, das ist ein Denkmal. Natürlich für Bismarck, den Götzen der Kraut- und Schlotjunker, denZüchter der Millionäre. Für ihn muß Wetzlar ein Denkmal, eineSäule haben! Ob dieser Idee allgemeine Begeifterung. Schwierigkeiten macht nur die Platzfrage. Aber die wird gewiß in befrie⸗ digender Weise gelöst werden, obgleich kaum noch ein Winkel zu finden ist, in dem nicht irgend einer in Stein gehauen oder in Erz gegossen dasteht. Auch die Mittel dafür sind reichlich vorhanden. Jeder der Anwesenden bewilligte 23000 Mark dazu daß heißt war damit einverstanden, daß diese Summe die Stadtverordneten-Ver⸗

sammlung bewilligen solle. Wozu wäre denn soust die Stadtverordneten⸗Versammlung da?

Daß die Arbeiter und die minderbemittelten Bürger in Wetzlar den Beschlüssen in der Wein⸗ stube begeistert zustimmen, ist wohl selbstver⸗ ständlich. Hoffentlich fällt keinem der alte Spruch ein: Wer ein Denkmal braucht,

der verdient keins; Und wer ein Denkmal verdient, der braucht keins!

Acht Menschen verbrannt!

In Leipzig ereignete sich am Samstag abend 7 Uhr ein schrecktiches Brandunglück Das Gebäude Webergasse 12 in dem die Celluloid⸗ warenfabrik von Engelmann& Richter und die Buchdruckerei von E. Barth betrieben wird, ist vollständig ausgebrannt. Ueber die Ursache des Brandes wird gemeldet: Der Lehrling Lasalle von der Celluloidwarenfabrik war damit beschäftigt, etwa 200 leere Holzkistchen, die in Unordnung auf der Kellertreppe lagerten, im Kellerraume aufzuschichten. Er bediente sich dabei einer Pe⸗ troleumlampe mit Gasballon. Nach seiner Aus⸗ sage sind nun einige dieser Kisten auf die Lampe gefallen, haben diese zertrümmert und zur Explosion gebracht, wobei auch die im Keller umherliegende Holzwelle in Brand geriet; eine größere Quan⸗ tität Celluloidabfälle und Spähne, die im Keller lagen, wurden vom Feuer ergriffen und mit explosivartiger Geschwindigkeit teilte sich nun das Feuer vom Keller aus dem mit Kisten und Materialien gefüllten Hausflur und der in die oberen Stockwerke führenden hölzernen Treppe mit. Der Lehrling Lasalle, der wunderbarerweise unverletzt blieb, hatte noch die Geistesgegenwart, nach oben zu eilen und den in der Barthschen Buchdruckerei noch anwesenden PersonenGroß⸗ feuer zuzurufen, was diese aber überhört zu haben scheinen. Lasalle lief dann so schnell er vermochte durch einen anderen Ausgang zum öffentlichen Feuermelder in der Sternwartenstraße und meldete Großfeuer. Die sofort erschienenen Feuerwehrleute waren soeben im Begriffe, die große Schiebeleiter zu besteigen, um von oben in das Gebäude einzudringen, als eine gewaltige dumpfe Detonation ertönte, die nicht nur die Fenster und Fensterrahmen, sondern auch Mauer⸗ stücke der Vorder⸗ und Hanterfront herausschleuderte. Dies ereignete sich etwa 34 Minuten nach dem Eintreffen der ersten Löschzüge. Das ganze innere Gebäude stand nunmehr vom Keller bis zum Dache in Flammen. Die hölzerne Haupttreppe war vernichtet. Die getroffenen Borbereitungen zur Rettung der Menschenleben waren vergeblich. Die bedauernswerten Opfer der Katastrophe dürften schon vorher durch die sich bei der Explosion der Celluloid waren entwickelnden intensiven Kampher⸗ dämpfe erstickt, worden sein. Gegen/ 9 Uhr war die Kraft des Feuers gebrochen; nur schritt⸗ weise aber konnte man ins Innere dringen, da es von starken Kampherdämpfen noch angefüllt war. Auch herrschte darin noch eine enorme Hitze. Der Katastrophefsind zum Opfer gefallen: der Buchdruckereibesitzer Barth mit seinen zwei Söhnen Werner und Fritz, 10 und 7 Jahre alt, die den Vater vom Geschäft abholen wollten, die Buchhalterin Martha Elitzsch, der Buchhalter Faber, ein Knabe Torau, ferner die Frau des Hausverwalters Däther, die mit ihrem 6jahrigen Pflegekinde in ihrer Mansarden wohnung den Tod fand, während ihr Mann vom 3. Stock herab⸗ sprang, wobei er sich so schwer verletzte, daß er am andern Tage ebenfalls starb, Das fürchter⸗ liche Unglück hat also neun Menschenleben ver⸗ nichtet.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 12. April 1900.

Lohnbewegung. Der Gesellenausschuß der Schreinerinnung hatte zum 31. März eine Versammlung einberufen, die den Zweck hatte, Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie die Lebenslage der am Orte arbeitenden Schreiner gehoben werden kann. Beschlossen wurde zehn⸗ stündige Arbeitszeit, Abschaffung von Kost und Logis beim Meister, ein Minimallohn

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