Ausgabe 
15.4.1900
 
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Nr. 16.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Großen den Krieg für adscheulich und ver⸗ dammenswert halten, ebenso scharf verurteilen wir den Mord gegen einen einzelnen Menschen, sei er, wer er will. Gerade in dem Zeit⸗ alter der Gewalt- und Eroberungs⸗ politik, der Schneidigkeit, der sehr niedrigen Einschätzung von Menschenleben wo es den Profit gilt, ist es die Pflicht der Sozialdemokratie, auf die Heiligkeit jeglichen Menschenlebens hinzuweisen. Zu den Menschen rechnen wir aber außer den Fürsten und Prinzen auch die jährlich 78000 Opfer der Industrie, sowie die von den Leist, Wehlan usw.geattentateten Neger. Nochmals Flottenpetitionen.

Trotzdem die Unterschriften für die Flotten⸗ petitionen mit so wenig lauteren Mittelnge⸗ sammelt werden wir führten in der letzten Nummer einige Beispiele dieser Art an geht die Geschichte doch nicht recht vom Flecke. Die Flottenbegeisterung im Volke scheint trotz allem Geschrei nicht weit her zu sein. So wird dem Vorw. aus dem Ruhrgebiet geschrieben:

Als vor einigen Wochen dieRh.⸗W. Ztg. ihren Lesern die Petitionsbogen für die Münchener Massenbitte für eine Weltflotte zusandte, da jubelte das Kohlenorgan über den Schlag, den es jetzt den Reichsnörglern versetzen werde. Jetzt landet der müde Greis wieder im Hafen mit ganzen 7000 Unterschriften derMassen⸗ bitte.

Um das gräßliche Fiasko dieser flottentollen Zeitung voll zu ermessen, muß man wissen, daß ihr Verbreitungsgebiet das dicht bevölkerte Ruhr⸗ becken ist, mit seinen Hunderttausenden abhängiger Arbeiter. Bei der letzten Reichstagswahl sind im Verbreitungsgebiet derRh.⸗W. Ztg. über 80 000 Stimmen für die nationalliberal⸗frei⸗ konservative Partei abgegeben worden. Und von diesen hat dieMassenbitte im Zeitraum von drei Wochen nur 7000(und wie) auf die Beine gebracht.

Noch schlimmer wird aber die Blamage da⸗ durch, daß besonders in diesem Bezirk die großen Werke(Krupp, Baare ꝛc.) liegen, die zweifellos hauptsächlich an den Flottenlieferungen inter⸗ essiert sind. Es ist den Arbeitern in unzähligen Broschüren, Flugblättern und Versammlungen bewiesen worden, daß gerade sie als Stahl⸗ und Eisenarbeiter großen Vort-il hätten, wenn die Flotte bewilligt würde; es gäbe viel Arbeit und viel Verdienst. Und doch nur 7000 Unter⸗ schriften! Beweis, daß das Volk vom Flotten⸗

rummel nichts wissen will!

FürstlicheLohnbewegung.

Wenn infolge der gesteigerten Lebensmittel⸗ preise und teueren Wohnungsmieten Arbeiter zwei oder drei Pfennig mehr Stundenlohn ver⸗ langen, so zetert gewiß die ganze Kapitalisten⸗ Presse über die Begehrlichkeit, Genußsucht und wer weiß was sonst noch für schöne Eigenschaften, die die Arbeiter angeblich haben sollen. Gegen derartige Bekämpfung berechtigter Forde⸗ rungen sticht das Verhalten vorteilhaft ab, wel⸗ ches dieselbe Presse einerLohnbewegung in München gegenüber einnimmt, wo unseres Erachtens dieArbeitsverhältnisse solche sind, daß sie einer Besserung ganz und gar nicht be⸗ dürfen. Die Zivilliste in Bayern soll nicht mehr zur Bestreitung der Ausgaben des kgl. Hauses ausreichen. Nach derMünch. Post hat das bayerische Volk jetzt für diesen Posten das nette Sümmchen von

5 402 683 Mark aufzubringen. Damit läßt es sich gewiß auch bei sehr hohen Ansprüchen auskommen. Eine Erhöhung dürfte umsoweniger von Noten sein, als sich die Bedürfnisse des Königs Otto, der seit Jahrzehnten geisteskrank ist und überhaupt nichts von der Oeffentlichkeit weiß, gewiß nicht gesteigert haben. In einem Artikel über diesen Gegenstand erklären die nationalliberalenMünch. Neuest. Nachr., daß die beidengroßen Par⸗ teien in der Abgeordnetenkammer(das Zentrum und die Liberalen) schon längst geplant hätten, die Zivilliste zu erhöhen, und sie führen als Grund dafürdas Sinken des Geld⸗ wertes, die in allen Verhältnissen wahrzunehmende

Steigerung der Preise, die eingetretene Er⸗ höhung der Gehälter und Löhne u. s. w. an.

Wie verständnisvoll hier ein Kapitalisten⸗ Organ Gründe anerkennt, die es sicher als haltlos erklären würde, wenn es sich um eine Lohn- bewegung von Arbeitern handelte! Erbärmliche Kriecherei!

F Vierzig Millionen Mark

zahlt das deutsche Volk jährlich seinen 22 Königen, Großherzögen, Herzögen und Fürsten an Zivil⸗ listen und Apanagen. Im Durchschnitt beträgt das Einkommen der 22 Herren also mehr als 1 500 000 Mk. Ein Arbeiter muß mit durch⸗ schnittlich 800 1000 Mark pro Jahr aus⸗ kommen.

[Etwas vom Kanonenkönig Krupp.

T. Die ZeitschriftWoche bringt in ihrer letzten Nummer einFaksimile der Handschrift Alfred Krupp's, des Vaters des jetzigen Be⸗ sitzers des Riesen⸗Eisenwerkes an der Ruhr.

Allem Anschein nach hat Herr Alfred Krupp anders über Kapital und Arbeit gedacht als sein Sohn, das beweist des Ersteren Ausspruch, welchen wir, der Vollständigkeit halber, genau citieren wollen. Nachdem Herr Krupp das Stammhaus seiner Eltern kurz erwähnt(das nebenbei gesagt, eine kleine Arbeiterwohnung war) und die Sorgen und Mühen, uuter denen seine Eltern den Grund⸗ stein zu dem späteren Riesenwerk gelegt, geschildert, sagt er wörtlich: Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet! Schön, bei⸗ nahe gonz sozialistisch! Aber ist dies heute bei Krupp der Fall? Nein und abermals nein! Wohl mag er seine Arbeiter nicht schlechter bezahlen und behandeln als andere Unternehmer, aber zum Segen ist die Arbeit jedenfalls nur Herrn Krupp geworden nicht seinen Arbeitern. Er verdient durch die Arbeit seiner Leute, und nicht durch seine eigene bis 8 Millionen Mk. pro Jahr, seine Arbeiter 34 Mk. täglich, wo da der Segen ist, brauchen wir nicht weiter aus⸗ einander zu setzen. Wie wird aber der Segen erst kommen, wenn die neue Flotten⸗Borlage Gesetz wird. Hier wird Krupp Hunderte von Millionen verdienen, wodurch dem deutschen Volke, den Arbeitern, Handwerker nu. Bauern der Brodkorb noch höher als bisher gehängt werden wird.

Evangelische Glaubensstärke.

k. DasCasseler Sonntagsblatt schreibt in einem Artikel über dieLos von Rom⸗Bewegung in Oesterreich folgende köstliche Sätze, über die Glaubensstärke der Geistlichen in Oesterreich:

Es würden noch mehr Pfarrer zu uns(das heißt zu den Protestanten) herüberkommen, wenn ihnen ihre Existenz bei uns gesichert wäre.

Da die Existenzfrage vorläufig noch nicht gelöst ist, werden sie wohl noch einige Zeitbei Rom bleiben müssen; fließen aber reichlich Gelder, werden die frommen Herren Rom den Rücken kehren.

Christus starb für seine Ueberzeugung; oben geschilderte Nachfolger werden dies nicht thun: sie werden die Lehre verkünden, die die beste Existenz ermöglicht. Klug sind die Herren, wir möchten beinahe mit Herrn Stöcker sagen: Schlaue Teufel!

Ostpreußische Schulzustände.

Als Beweis für die schweren Mißstände, die in vielen notleidenden, leistungsunfähigen Schul⸗ verbänden noch herrschen, hat der Abgeordnete Ernst am vergangenen Donnerstag im preuß. Abgeordnetenhause zwei charakteristische Fälle zur Sprache gebracht. Diese beiden Fälle betreffen die kathoiischen Schulgemeinden in Filehne und in dem Dorfe Dratzig, nicht weit von Filehne. In Filehne sind schon seit Jahren zwei Klassen der fünfklassigen katholischen Schule ausgemietet, weil das alte Schulhaus zu klein ist. Da kein anderes Lokal zu haben war, wurde ein früheres Tanzlokal in einer Kneipe gemietet. Darin werden die beiden Klassen unterrichtet, während vorn die Kneipe nach wie vor weiter be⸗ steht. Nun schweben seit sechs Jahren Ver⸗ handlungen mit der königlichen Regierung zu

Bromberg wegen eines Neubaues; seit zwei Jahren sind diese aber abgebrochen, obgleich die katholische Schulgemeinde sich zu bedeutenden, ihre Kräfte fast übersteigenden finanziellen Opfern bereit er⸗ klärt hat. Ju Dorfe Dratzig ist das katholische Schulhaus vor drei Jahren abgebrannt. Nur ein Zimmer kann noch benutzt werden. Die übrigen fünf Klassen sind in Stuben untergebracht, die von Bauern gemietet sind. Die nur sechs Fuß hohen Stuben sind gänzlich ungeeignet und der Aufenthalt ist für die Kinder, die eng zusammen⸗ gepfercht sitzen müssen, durchaus gesundheitsge⸗ fährlich. Die arme Gemeinde hat sich bereit erklärt, die 3000 Mk. Feuerkassengelder zum Neubau herzugeben und auch sämtliche Spann⸗ dienste zu leisten. Die königliche Regierung in Bromberg hat diese Offerte acceptiert. Trotzdem ist aber bisher nichts geschehen. Für die Flotte Milliarden, für die Schule abzuwarten, so bemerkt die Volkszeitung zu dieser Schilderung. Das Zentrum wird aber trotzdem die Milliarden für die Flotte bewilligen.

Fall Oertel.

Bürgerliche Blätter erzählen ihren gläubigen Lesern allerhand Schauergeschichten über die Ur⸗ sache des tragischen Todes unseres Genossen Oertel und über einige Differenzen, die in Nürn⸗ berg innerhalb der dortigen Parteigenossen vor⸗ handen sein mögen. Die Dinge werden so dar⸗ gestellt, als ob Oertel von Seiten der Partei bei der beabsichtigten Uebernahme derFränk. Tagespost in den Parteiverlag übervorteilt und dadurchin den Tod getrieben worden sei, wie das Offenbacher Antisemitenblatt seinen Lesern vorlügt. Wir halten uns verpflichtet, hier der Darstellung über den wirklichen Sachverhalt Raum zu geben, die imVorw. veröffentlicht wurde. Es heißt da:

In den Reihen der Nürnberg⸗Fürther Ge⸗ nossen wurde bereits im Laufe des vorigen Jahres angeregt, die Uebernahme derFrk. Tagespost und ihrer Ableger in den Parteiverlag herbei⸗ zuführen. Bereits auf dem Parteitag in Han⸗ nover fand eine Besprechung über diese Angelegen⸗ heit zwischen den nordbayerifchen Delegierten und dem Schreiber dieser Zeilen statt, der auf Wunsch der Beteiligten zugezogen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde der Termin, an dem, und die Bedingungen, unter denen die Ueberführung der Blätter in den Besitz der Nürnberg-Fürther Genossen stattfinden sollte, vorläufig festgestellt. Genosse Oertel, der durch geschäftliche Verhält⸗ nisse Neubau seines Hauses und Ueberführung der Druckerei in dasselbe verhindert war, nach Hannover zu kommen, war von den Ab⸗ sichten der Nürnberg⸗Fürther Genossen unter⸗ richtet. Gegen Ende November fand dann in Nürnberg selbst eine Zusammenkunft dortiger Genossen statt, an der Genosse Oertel selbst und Schreiber dieser Zeilen mit teilnahmen und auf der die Bedingungen der Uebernahme endgültig und einstimmig festgestellt wurden. Diese Be⸗ dingungen waren:

1) Zur Uebernahme des Verlags der Blätter bildet sich aus den Kreisen der Nürnberg⸗Fürther Genossen eine offene Handelsgesellschaft;

2) die Uebergabe der Blätter findet am 1. Juli 1900 statt;

3) Genosse Oertel erhält als einmalige Ab⸗ findung die Summe von 5000 Mark in Bar ausbezahlt;

4) zwischen der neuen Handelsgesellschaft und dem Genossen Oertel wird ein Druckvertrag ab⸗ geschlossen, der vorher von Fachmännern geprüft und dem die Bestimmungen des Tarifes des deutschen Buchdruckerverbandes zu grunde zu legen sind und in dem Oertel der Druck der Blätter auf vorläufig fünf Jahre gesichert sein sollte.

Mit diesen Bedingungen, von denen die Ziffern 3 und 4 in ihrer Formulierung von Oertel selbst herrühren und von den Genossen widerspruchslos acceptiert wurden, war Oertel vollständig ein verstanden. Er erklärte dagegen ausdrücklich, daß er den Verlag des Parteiorgans von der ersten Stunde der Ueber⸗

nahme desselben an nur als ein Provisorium betrachtet habe, das aufhören müsse, wenn die