Ausgabe 
14.10.1900
 
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Nr. 42.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Konservativen wird selbst der raffinirteste poli⸗ tische Chemiker keinen Unterschied entdecken können. Nun, ob Roth, ob Schlabach, für uns ist das gleichgültig. Und nicht blos für uns. Die Christlich⸗ Sozialen(Stöcke⸗ rianer) hielten am 9. und 10. Oktober hier ihren 4. Parteitag ab. Es waren etwa 100 Delegirte anwesend. Von den Abgg. Liebermann und Raab waren Begrüßungs⸗Telegramme einge⸗ laufen, die der Hoffnung auf zukünftiges ge⸗ meinsames Arbeiten Ausdruck gaben. Wer sich weniger mit dem Programm der Stöcker⸗Partei befaßt hat, kann aus diesem Um⸗ stande schon erkennen, welche Stellung sie un- serer Partei und der Arbeiterbewegung gegen über einnimmt. Ein Herz und eine Seele mit den Leuten, die die Arbeiterklasse am schofel⸗ sten bekämpfen und verdächtigen! Was auf dem Parteitag verhandelt wurde, entsprach dem, was man danach erwarten kann. Man erklärte sich für die Lex Heinze, dankte Herrn Stöcker für sein tapferes Eintreten für das Knebelgesetz und beklagte dessen Fall. In einem Referate über: Christenthum, Politik und Weltpolitik wies Herr v. Oertzen auf die traurigen sozialen Verhältnisse in verschiedenen Bevölkerungs- schichten hin, die nicht durch Predigt und Almosengeben allein gebessert werden könnten. Trotzdem sprach man sich für den agrarischen Brodwucher aus! Das nennen diese Leute Förderung der Arbeiterinteressen! Volksversammlung. Am Dienstag Abend fand eine von den Christlich⸗ Sozialen einberufene Versammlung imSchützengar⸗ ten statt, in welcher Stöcker nebst seinen Par⸗ teigenossen Ellerkamp(Ziegler⸗Werkfüh⸗ rer) und Lic. Weber(Gladbach) überBe⸗ kämpfung der Sozialdemokratie und Festhalten an der gesetzlichen Reform referirten. Die Versammlung war gut besucht, ein großer Pro⸗ zentsatz der Anwesenden waren augenscheinlich Delegirte des christlich⸗sozialen Parteitages. Diskussion wurde zugestanden und so konnte später Genosse Vetters Stöcker entgegnen. Letz⸗ terer ergriff zunächst das Wort. Wer aber ge⸗ glaubt hätte, von Stöcker wenigstens eine Dar⸗ stellung der wirthschaftlichen Fragen, des Miß⸗ verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit, eine Schilderung der schlimmen sozialen Lage der arbeitenden Klasse zu hören, der sah sich ge⸗ waltig getäuscht. Was Stöcker vorbrachte, wa⸗ ren die alten abgebrauchten Schlagworte, die tausendmal wiederlegten Unwahrheiten, mit de⸗ nen die Reaktion seit Jahrzehnten unsere Par⸗ tei bekämpft. Er verschmähte es auch nicht, durch seichte Witze die Lacher auf seine Seite zu bringen. So erklärte er gleich zu Anfang, die Sozialdemokratie denke jetzt nicht mehr an die Revolution mit den Waffen, Singer möchte jedenfalls nicht auf den Barikaden kämpfen! Die Sozialdemokratie hindere die Sozialre⸗ form, welche nur von Monarch und Regierung gemacht werden könne. Ferner warf er speziell der deutschen Sozialdemokratie, die unter der Führung der Juden stände, ihre Internatio⸗ nalität vor. Juden und Arbeiter vertrügen sich nicht. Dann kam noch das alte Lied vom Vaterland, König, Ehe, Familie, Religion, den allen die Sozialdemokratie Vernichtung ge⸗ schworen hätte. Genosse Vetters behauptet, daß allerdings die geringfügigen sozialreformatori⸗ schen Errungenschaften der Sozialdemokratie zu danken seien. Von dem Unternehmerthum wer⸗ den aber Verbesserungen stets bekämpft. Das habe sich bei der Bäckereiverordung gezeigt. Die Kinderausbeutung sei heute noch grauenhaft. Daß wir nie die gewaltsame Revolution gepre digt haben, wisse Stöcker ganz genau; wir haben stets betont, daß die soziale Entwickelung nicht sprungweise vor sich gehe. Die Vorwürfe der Sittenlosigkeit hätte der Freund Hammersteins uns nicht machen sollen. In den Bezirken mit sozialdemokratischer Bevöl⸗ kerung sind die sittlichen Zustände besser, als in frommen Gegenden. Internationalität schließt Vaterlandsliebe nicht aus, der ist ein besserer Patriot, der für gesunde Zustände in einem Vaterlande arbeitet, als derjenige, der stets mit seinem Patriotismus hausiren geht. Christen verständen das Couponschneiden oft besser, als die Juden. Singer genieße unsere volle Hochachtung, weil er stets mit selbstloser

Hingabe für die Arbeiterklasse eingetreten sei.

Ellerkamp trat dann für die christlichen Gewerkschaften ein. Herr Weber wendet sich mit komischem Pathos dagegen, daß man ihm seinen Glauben an Gott und seine Königstreue rauben wolle, kein Mensch hatte den Versuch dazu gemacht. Vetters ergriff noch zwei Mal das Wort, um verschiedene Behaup⸗ dungen zu widerlegen. Zum Schluß sang die fromme Gemeinde die antisemitische Partei- HymneDeutschland, Deutschland über Alles.

Konitz.

Vorige Woche wurde vor der Konitzer Straf⸗ kammer gegen den Präparanden Karl Speisi⸗ ger wegen Meineids verhandelt. Der Prozeß steht im Zusammenhang mit der Winterschen Mordsache. Speisiger wurde freigespro⸗ chen. Der Zeuge Moritz Lewy wurde als des Meineids verdächtig in Haft genom⸗ men.

Ein großes Eisenbahn unglück ereignete sich vergangenen Sonntag bei Hei delberg. Bei der Station Karlsthor fuhr ein Personenzug auf einen vollbesetzten Lokalzug. Viele Personen sind verletzt, theilweise sehr schwer. Bis jetzt zählt man neun Todte. Schuld an dem Unglück trägt der erst 21jährige Stationsbeamte Weigert, der sofort verhaftet wurde. Die Lokomotive fuhr bei der Katastrophe mit solcher Wucht auf den Lokalzug auf, daß die drei letzten Wagen sich förmlich in ein⸗ ander schoben. Der vorletzte Wagen wurde auf den drittletzten hinaufgedrückt und ragte in die Luft. Voll Entsetzen sprangen die Fahrgäste der vorderen Wagen heraus, theils mit blutenden Köpfen, doch glücklicherweise leicht verletzt. Desto schlimmer stand es mit den Insassen der drei letz⸗ ten Wagen, von denen einige todt und sehr viele schwer verwundet wurden.

DasHeidelb. Tagbl. bemerkt dazu noch, daß die Entrüstung des Publikums sich weniger gegen den bedauernswerthen Beamten, als ge⸗ gen das herrschende unselige System wendet, nach dem so wichtige und verantwortungsvolle Posten, die einen ganzen Mann erfordern, jun⸗ gen und unerfahrenen Beamten anvertraut wer⸗ den. Der verhaftete Weigert soll diesen Dienst erst seit vier Tagen versehen haben.

Wieder ein Prediger christlicher Nächstenliebe.

Großes Aufsehen erregte in Koblenz eine von der Handarbeitslehrerin Jakobs aus Gren derich, Kreis Zell, und deren Vater gegen den dortigen katholischen Pfarrer vor dem hiesigen Landgericht angestrengte Beleidi⸗ gungsklage. Der Pfarrer hatte am zwei⸗ ten Ostertag nach beendigtem Gottesdienst sein Mißfallen ausgesprochen, daß einige junge Mädchen übermäßig laut gebetet haben. Hierbei gerieth er so in Aufregung, daß er sich zu der Aeußerung verstieg:Aber eine Dirne ist hier, die seit zehn Jahren mir entgegenarbei⸗ tet, dieses gemeine M..., hundsgemeine ich will sie nicht nennen, aber Ihr kennt sie alle. Der liebe Hergott wird sie schon bestrafen. Jedermann wußte, wer gemeint war

und daß der Pfarrer die Klägerin in Auge hatte,

bestätigt er dadurch, daß er an den Kreisschul⸗ inspektor Wolff in Zell an demselben Tage schrieb, er möge den neuen Lehrer vor dem Verkehr mit der Familie Jakobs warnen; fer⸗ ner behauptete er, die früheren Lehrer hätten in dem Hause verkehrt und die betreffende Hand⸗ arbeitslehrerin sei mit einem derselben in ein unerlaubtes Verhältniß getreten. Der Gemein- devorsteher, der dem Pfarrer die letztere That sache berichtet haben sollte, bekundet eidlich, daß er das nicht gethan, ebenso bekundeten Andere, daß die häßlichen Ausdrücke des Pfarrers in der Kirche sich auf die Handarbeitslehrerin Ja⸗ kobs zweifelsohne bezogen, was der Beklagte in Abrede stellte. In Rücksicht auf den Ort, welcher der Beleidigten eine Rechtfertigung nicht zuließ, und auf die höchst unwürdige Art der Aeußerung beantragte der Staatsanwalt sechs Monate Gefängniß. Das Gericht verurtheilte den Verklagten wegen der Schwere der Belei digung zu 2 Monaten Gefängniß und zu 100 Mark Geldstrafe.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

W. Marburg, 11. Oltbr.

Wegen Majestätsbeleidigung hatte sich der Dienstmann Heinrich Becker in der vorigen Woche vor der Strafkammer zu verant⸗ worten. Gelegentlich der Durchfahrt der Kaiserin durch Marburg sollte der Angeklagte dieses Deliktt durch unpassende Aeußerungen begangen haben. Er wurde von leinem Kollegen() denunzirt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Das Resultat war, daß der Angeklagte zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt wurde. In Spießbürgerkreisen war man der Ansicht, daß Majestätsbeleidigungen nicht streng genug bestraft werden könnten und der Angeklagte sollte nur froh sein, daß er so billig wegge⸗ kommen sei!!! Wie heißt doch ein altes Sprüchwort:Der größte Schuft im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.

Versammlungs⸗Kalender. Montag, 15. Oktober:

Gießen. Tape zierser. Abends /9 Uhr: General⸗ Versammlung bei Löb.

Sonntag, 21. Ok tbr.

Gießen. General⸗Versammlung der Gewerkschaften (Arbeiter⸗Bildungs⸗ Verein), Nachmittugs 4 Uhr bei Orbig. Tagesordnung:

1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht und Bericht der Bibliothekare. 2. Anträge. 3. Vortrag. Das Gewerkschaftskartell.

Samstag, 13. Oktober: Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends Uhr bei Wirth Kröck.

Gießener Stadttheater

Sonntag, den 14. Oktober, Nachmittags 4 Uhr: Kindervorstelung: Rumpelstilzchen, Abends 8 Uhr: Papageno, Posse in 4 Akten v. Kneisel. Dienstag, den 16. Oktober: (2. Volksvorstellung) Auf eigenen Füßen. Gesangsposse in 6 Bildern von Post und Wilken, Musik von Conradi. Mittwoch, den 17. Oktober: Gräfin Fritzi, Lustspiel in 3 Akten von Blumenthal. Freitag, den 19. Oktober: Wenn wir Toten erwachen, von Henrik Ibsen.

in Würgengel ist die E E ungenschwindlucht.

Diese unheimliche Krankheit, die weitaus die größte Zahl sämmtlicher Todesfälle ver⸗ ursacht, ist um so furchtbarer, als zahlreiche Personen den Keim des Leidens in sich tragen, und gar nicht wissen, daß sie davon befallen sind. Seitdem der Geheime Medizinalrath Pro fessor Dr. Koch den Tuberkel-Bacillus entdeckt hat, ist die Wissenschaft über das Wesen der Krankheit ins Klare gekommen und man ver⸗ steht jetzt, weshalb die Gefahr, die Krankheits erreger in sich aufzunehmen, eine so große ist. Die Gefahr liegt ganz besonders dann vor, wenn durch erbliche Belastung, durch Ausschwei⸗ fungen, durch langen Aufenthalt in geschlosse nen, mit schlechter, überhitzter Luft angefüll⸗ ten Räumen der Körper in ungünstigem Sinne disponirt worden ist. Als ein Mittel, das Ein dringen des Tuberkel⸗Bacillus wirksam zu ver⸗ hüten, hat sich, worauf die Aerztewelt bereits seit geraumer Zeit hinweist und was durch die tägliche Erfahrung vieler tausender Perso⸗ nen bestätigt wird, ein Abguß des in Rußland wachsenden Knöterichs erwiesen. Wer sich für diese hochwichtige Frage interessiert, der lasse sich von Herrn Ernst Weidemann, Lie- benberg a. H. ein Buch gratis kommen, das sehr lesenswerthe Mittheilungen für alle die jenigen enthält, die in der vorerwähnten Weise zu Lungen- oder Halskrankheiten wie Luftröh⸗ ren⸗(Bronchial-) Katarrh, Lungenspitzen-Af fectionen, Kehlkopfleiden, Asthma, Athemnoth, Brustbeklemmung, Husten, Heiserkeit, Blut- husten, ꝛc. ꝛc. geneigt sind oder leider schon davon belästigt werden. Wir empfehlen daher dringend, sich dieses Buch kommen zu lassen.