Ausgabe 
14.10.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 42.

Seite 4.

Der Krieg in Südafrika.

Auf dem Kriegsschauplatz in Südafrika haben die Buren den Engländern an zwei Stellen größeren Schaden zugefügt wieder ein Be⸗ weis, daß ihre Widerstandskraft noch lange nicht erschöpft ist, wie die Engländer glauben machen möchten.

Es wird darüber gemeldet: Ein Convoi von 22 Wagen, der unter einer Eskorte von 60 Mann Kavallerie nach Boyheid ging, wurde gestern von 140 Buren bei Dejagersdrift an⸗ gegriffen. 12 entkamen. Es wurden Freiwillige aus Natal abgeschickt, um in Erfahrung zu bringen, was aus den Uebrigen geworden ist. Und eine zweite Depesche: In der letzten Nacht brachten die Buren einen Eisenbahnzug bei Pomstation zum Entgleisen. In dem Zuge befanden sich drei Kompagnien der Goldstream⸗ garde und andere Truppen. 5 Mann sind todt, 1 Offizier und 13 Mann wurden verwundet.

Weitere kleinere Gefechte fanden bei We⸗ pener, Rouxville und Fixburg statt. Hier wurden die kleineren Burenabtheilungen von den Engländern südwärts gedrängt. Ein größerer Kampf tobte mehrere Tage lang bei Vredefort zwischen einer Division Kolo⸗ nialtruppen und Dewet, der fünf Geschütze und tausend Mann bei sich hatte. Die Buren wurden aus ihren Stellungen geworfen und ergriffen die Flucht.

Die Kosten des Krieges auf englischer Seite werden Alles in Allem auf drei Mil⸗ liarden Mark berechnet.

Zur Krankenversicherung.

Am Montag Abend fand bei Orbig in Gießen eine Versammlung statt, in welcher der Vor⸗ sitzende der Frankfurter Ortskrankenkasse, Ge⸗ nosse Gräf, über die drohende Verschlechte rung des Krankenversicherungsgesetzes sprach. Redner führte aus: Seit 1884 besteht die obli⸗ gatorische Krankenversicherung und Millionen sind als Unterstützung ausgezahlt worden. Trotz⸗ dem haben in vielen Städten die Arbeiter sich wenig um die Krankenkassen gekümmert. Na⸗ mentlich wurde das SchlagwortZwangskasse zum Schreckmittel für die organisirten Arbeiter. Durch die Nichtbetheiligung derselben an der Verwaltung sind Millionen verpulvert wor⸗ den. Jetzt ist es ja etwas besser geworden. Aller- dings bekümmern sich noch heute viel zu wenig Arbeiter um die Krankenversicherung. Viele Arbeiter glauben, in der Zeit, wo sie nicht krank sind und der Kasse nicht benöthigen die Krankenversicherung interessire sie nicht. Man⸗ cher verabscheut den Zwang. Dieser ist aber bei absolut nothwendigen Dingen gerechtfertigt. So gut wie der Schulzwang nothwendig ist, müssen wir obligatorische Krankenversicherung haben. Alle Regierungen werden bestrebt sein, die wenigen Rechte, die der Arbeiter bei der Krankenversicherung hat, noch zu verkümmern. Wir haben in Deutschland eine ganz buntscheckige Krankenversicherung, Gemeinde- Versicherung, Orts-, Betriebs-, Innungs⸗, Knappschafts⸗Kran⸗ kenkasse ꝛc. Auf die Gemeindeversicherung und die Betriebskrankenkasse kann aus vielen Grün- den der Arbeiter gar keinen Einfluß ausüben. Unter dieser Buntscheckigkeit leidet der Arbeiter, namentlich der, der genöthigt ist, seine Arbeits⸗ stelle oft zu wechseln. Bessere Einheitlich keit ist schon in der Invalidenversicherung. Ein großer Uebelstand ist zum Beispiel die Nicht- versicherung der Dienstboten. Auf diese müßte unbedingt die Krankenversicherung aus gedehnt werden. Auch die Kaufleute sind in vielen Städten der Versicherung nicht unterstellt, trotzdem es äußerst nothwendig wäre und von den kaufmännischen Angestellten wiederholt ver langt wurde. Auf andere Art wird es in man chen Geschäften gemacht. Durch Zahlung des Gehalts von Seiten des Arbeitgebers kann ein Arbeiter von der Zwangsversicherung befreit werden. Das ist auch vom Uebel. Wird ein Ar⸗ beiter mehrere Male krank, verliert er seine Arbeitsstelle. Heilmittel dürfen nur bis zu Mk. 6. gewährt werden. Ebenfalls ein erheblicher Mißstand. So verhält es sich auch mit dem Sterbegeld. Das sollte nach zwei Jahren auch noch erhoben werden können. Fer- ner müsse eine 26wöchige Krankenunterstützung gefordert werden, die jede Kasse leisten kann.

Schwer ist's für jede Kasse, 10 pCt. der Ein⸗ nahmen zum Reservefonds zurückzulegen. Ent⸗ schieden zu viel! Spätere Generationen sollen höhere Beiträge leisten, wenn's erforderlich sei; warum sollten in der Gegenwart die Arbeiter Kapitalien ansammeln und dabei nothleiden? Bei Epidemien kann der Reservefonds nichts oder nur ganz wenig nützen. 5 pCt. Rücklage zum Reservefonds sind genügend. Vielfach sind die Arbeitgeber nicht bestraft worden, die wohl die Beiträge regelmäßig abzogen, aber nicht an die Kasse abführten. Warum sollen solche Schwindeleien ungeahndet bleiben? Die Kontrolle sollte viel schärfer sein. Ordent⸗ dentliche Verhütungsvorschriften müßten erlassen werden. Krankheiten verhüten ist schwerer, aber auch nützlicher, als dann die Unterstützung der Kranken. Das müßte in die Hände der Kran⸗ kenkassen gelegt werden. Die Rechtsprech ung ist oft unbegreiflich. Fälle, die ein Vor- stand von 18 Mitgliedern in dem einen Sinne entschieden hat, wirft ein Magistrats- beamter um. Vielen Richtern ist die Kranken⸗ versicherung unbekannt. Alle diese Dinge zeigen, wie nothwendig ein Aus bau der Krankenver⸗ sicherung ist. Material hierzu lieferten wir der Regierung genug. Jetzt will man trotzdem nach rückwärts revidiren. Eine Umfrage zeigt uns, was wir bei einer Novelle zu erwarten haben. Man will den Einfluß der Arbeiter be⸗ seitigen. Letztere haben doch das größte Interesse an der Kasse. Gleichgültig, wie viel Beiträge letztere zahlen, gebührt ihnen der Einfluß. Nach den bisherigen Vorschlägen soll der Vorsitzende ein Gemeindebeamter sein. Damit wird die Selbstver waltung geliefert. Nun sollen Militäranwärter angestellt werden! Die sollen ein Verständniß für die Krankenversicherung und für die Behandlung der Kranken haben! Da soll blos wieder Platz gemacht werden für die Soldaten. Auf die Ver⸗ minderung der Beiträge pfeifen wir. Mit dem Vorschlage, daß es in das Ermessen der Arbeit⸗ geber gestellt sein soll, über die Versicherung zu entscheiden, können wir uns auch nicht befreun⸗ den. Auch über die Bezahlung der Aerzte regen sich die Scharfmacher auf. Man soll doch die Aerzte zu Staatsbeamte machen! Jeder anstän⸗ dige Kassenvorstand wird die Aerzte und die Beamten ordentlich bezahlen. Man kann aber doch nicht in's Unendliche gehen. Die Lage der Aerzte ist, seitdem die Krankenkassen bestehen, verbessert worden. Deshalb ist der Vorwurf des Regierungsrathes Hoffmann, wir wollten die Aerzte bevormunden, unberechtigt. Nach dem Vorschlage desselben sollen auch die Hilfs- kassen beseitigt werden. Letztere sind weniger gefährlich, als die Betriebs-, Innungs⸗ usw. Kassen. Man will die Selbst verwaltung vernichten. Auf die Redereien, daß dies nicht beabsichtigt sei, solle man sich nicht ein⸗ lassen. Wenn die Verschlechterungsvorlage ein⸗ gebracht werde, so müsse von der Arbeiterschaft nachhaltiger Protest eingelegt werden! Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrage schloß sich eine kurze Debatte an, in welcher her⸗ vorgehoben wurde, daß auch von hiesigen Ge⸗ richten Verfehlungen gegen das Krankenkassen⸗ gesetz äußerst milde geahndet worden wären. Gräf wies im Schlußwort auf den Verband der Ortskrankenkassen hin, dem sich auch die hiesige Ortskasse anschließen solle.

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Am Samstag den 13. Okt. feiert der Ge⸗ sangvereinEintracht im Saale des Cafee Leib sein 28. Stiftungsfest. Hoffent⸗ lich wird die Veranstaltung gut besucht.

Wahlverein. Die auf den Sams⸗ tag den 13. Okt. fallende Vereinsversammlung findet nicht statt.

Im Gießener Stadt-Theater fand am Dienstag die erste Volks vorstellung in dieser Saison statt. Gegeben wurde das Trau⸗ erspiel Uriel Acosta. Gespielt wurde geradezu großartig. Wir wünschen nur, daß recht viele Arbeiter mit ihrer Familie diese Volks⸗ Vorstellungen besuchten, damit der Zweck die⸗ ser Einrichtung auch wirklich erfüllt würde, nämlich: Vorstellung für das arbeitende Volk!

Die Billets kann man sich am Tage besor⸗ gen und da erst abends um 7.30 Uhr geöffnet

wird, so kann selbst der Arbeiter, der erst um 7 Uhr Feierabend hat, noch ganz gut hin gehen und sich einen bequemen Sitz sichern.

Ortskrankenkasse. Der Vorstand der Ortskrankenkasse hat für die Gießener Mitglie⸗ der freie Aerztewahl in beschränktem Umfange eingeführt. Als Kassenärzte fungiren nunmehr die Herren Dr. Zinßer(Westanlage 19), Dr. Ploch(Asterweg 9), und Dr. Hanau(Nord⸗ anlage 21). Ferner beschäftigte sich der Vor⸗ stand mit Ausarbeitung eines Gehaltsregula⸗ tivs für die Beamten der Kasse. Voraussicht⸗ lich erfahren dabei die Arbeitsbedingungen der Kassenbeamten, die weit hinter denen anderer Städte zurückstehen, eine Aufbesserung. Noch nicht einmal die achtstündige Arbeitszeit ist auf dem Bureau eingeführt, die doch auf allen Ortskrankenkassen längst besteht.

Tapezierer⸗Versammlung. Die Filiale Gießen des allgemeinen Tapezierer⸗Ver⸗ bandes hält Montag den 15. Okt. bei Löb im Wiener Hof ihre General⸗Versamm⸗ lung ab. Auf der Tagesordnung steht unter anderem die Besprechung der Beschlüsse des Nürnberger Verbandstages. Alle Kollegen ha- ben Zutritt und sind freundlich eingeladen. In einiger Zeit wird ein Kollege aus Ham⸗ burg über die Organisationsfrage hier sprechen, worauf wir schon jetzt hinweisen.

Zurückgeschickte Kreuzfahrer. Von Gießen berichteten die Zeitungen: Wie anderwärts, so traten auch hier mehrere ver⸗ heirathete und mit Kindern gesegnete Reser⸗ visten in die für Ostasien bestimmten Trup⸗ pentheile und überließen es der Armenpflege, für die Familien zu sorgen. Auf Vorstellung des Armenamtes wurden vor einigen Tagen zwei dieserFreiwilligen wieder heimge- schickt und ihnen empfohlen, ihren Ueberschuß an Vaterlandsliebe zunächst in Vaterliebe um⸗ zusetzen. Schlimm genug ist es, wenn die Leute so wenig Gefühl für ihre Familie an den Tag legen. Aber in den Zeiten des hoch- gehenden Chinakollers wurde im Allgemeinen nicht danach gefragt, ob dieFreiwilligen fa⸗ miliäre Verpflichtungen hatten, man kommt erst jetzt darauf, da keine Hunnenkrieger mehr ge⸗ braucht werden.

Auch einRechts anwalt.

Vorige Woche wurde vor dem Schöffengericht in Gießen ein Preßbeleidigungsprozeß verhan⸗ delt, der sich gegen den Redakteur Schack von der antisemitischenDeutschen Handelswacht in Hamburg und dem Kommis Weber, Verfasser eines in dem Blatte erschienenen Artikels, richtete. Im Laufe der Verhandlung äußerte der Vertheidiger des Beklagten, Rechtsanwalt Dr. Spohr-Gießen unter Anderem:Die den Juden angeborene Profitwuth verleitet sie, ihr Personal bei äußerster Ausnutzung der Ar⸗ beitskraft schlecht zu bezahlen und zu beköstigen. Es gäbe zwar auch einzelne anständige Juden, da aber die Mehrheit mit Fehlern und üblen Gewohnheiten behaftet ist, so muß ein Jude vor Gericht erst beweisen, daß er ein anständiger Mensch ist. Kann er das nicht, so muß das Gegentheil angenommen werden.

Solche Begriffe von Gerechtigkeit hat ein Rechts anwalt! Wenn eine derartige bornirte und gehässige Aeußerung von einem ungebil deten Menschen gethan wird, ist's schon schlimm genug, bei einem Juristen kann aber solches nicht scharf genug verurtheilt werden. Die anti⸗ semitische Presse wird die Weisheit des Herrn Spohr bejubeln und ihr die weiteste Verbreitung verschaffen. Er kann also dadurch noch zu einer allerdings traurigen Berühmtheit ge⸗ langen. 3

Aus Wetzlar. eth. Es ist erreicht! so kann der neueste Landtagskandidat für Wetzlar ausrufen. Als solcher ist nämlich zuletzt der Kreissparkassen⸗ direktor Schlabach proklamirt worden. Warum man den Bergwerksbesitzer Roth, dem doch schon alle möglichenfür eine würdige Ver⸗ tretung des Kreises nöthigen Tugenden und Fähigkeiten angedichtet wurden, wieder bei Seite schob, wird eigentlich nicht so recht klar. Trat er doch ebenso wie Schlabach als Kandidat der beidennationalen Parteien auf und konnte das sicher mit gutem Gewissen, denn zwischen den Wetzlarer Nationalliberalen und

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