2
Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 42.
Unterhaltungs⸗Theil.
r 5 Bevbft. Im Weiher raschelt schon das dünne Rohr, Der Ostwind weht und meine Schwalben fliehen, Und lausch' in dunklen Nächten ich empor,
ör' ich die Wandervögel lärmend ziehen.
ie Blumen kränkeln, die Knospe säumt; Die Nacht ist kalt— Wie soll die Hülle
fpringen?
Der schöne Sommertraum ist ausgeträumt, Und Abschied nahm er mit den Schmetterlingen.
Und fragen muß ich, ob nicht auch zerstiebt, Was ich mit warmem Herzen mir erlesen, Was ich gehofft, ersehnt, erstrebt, geliebt,
Und ob nicht alles nur ein Traum gewesen. Die Sterne bleichen und das Licht erlischt, Die Welt im Innern wird dem Tod zum Raube, Und ihrer Schönheit graue Asche mischt
Sich mit des Herbstes braunem, welken Laube.
Doch nein ein Glaube, warm wie Sonnenschein, Dem früh das Herz begeistert zugeflogen, Beflügelt heute noch mein tiefstes Sein— Er ward nicht welk und hat mich nie betrogen. Dem Unterdrückten wird Gerechtigkeit; Stark wie ein Adler, treu wie eine Taube
st mein Vertrauen auf die neue Zeit— Und rüstig schreit' ich aus im welken Laube.
Rudolf Lavant.
Dunkle Mächte.
8) Roman von Elise Langer.
Entschlossenen Schrittes betrat er den hinteren Korridor, in dem die Zimmer lagen. Einen Augenblick stand er horchend an Helmas Thür. Dann klopfte er leise. Es dauerte eine Weile, bis er ihren Schritt vernahm. Sie mochte aus dem Kinderzimmer kommen. Der Schlüssel klirrte, die Thür öffnete sich ein wenig. Sie hatte sich schon entkleidet und stand in einem Schlafrock aus rothem Flanell vor ihm. Un⸗ willkürlich griff sie nach den schweren aschblonden Zöpfen, die ihr halb aufgelöst über die Schulter niederhingen. Sie sah in ihrer Stellung reizend aus. Die tiefrothe Farbe des Rockes bildete zu dem Aschblond des Haares einen wunder⸗ vollen Gegensatz und ließ ihr Gesicht noch bleicher als sonst erscheinen. Nur die Augen glühten groß und dunkel darin.
Eine Sekunde standen sich beide stumm gegenüber.
„Entschuldigen Sie, Fräulein Helma,“ sagte er dann.„Ich bin Emmys wegen heute sehr unruhig. Ich möchte sie doch noch sehen. Sie erlauben wohl, daß ich durch Ihr Zimmer gehe.“
„Beide Kinder schlafen schon,“ sagte Hemla zögernd.„Emmys Zustand hat sich nicht ver⸗ schlimmert. Da er aber nicht wich, öffnete sie mit anscheinender Kaltblütigkeit die Thür etwas weiter, um ihn einzulassen.
„So bitte ich denn“, sagte sie kühl.
Auf den Zehen und ohne sich umzusehen, durchschritt er den kleinen Raum und trat in das größere Hinterzimmer, in welchem eine be⸗ schattete Nachtlampe brannte. Helma schob den Schirm ein wenig zurück, damit er das Kind, an dessen Bettchen er sich niederließ, besser sehen konnte. Das Kind lag ruhig athmend da, aber sein Gesicht erschien in dem matten Lichte fahl und abgezehrt. In jeder anderen Stimmung würde ihn das Aussehen der Kleinen tief er⸗ schreckt haben. Aber heute sah er eigentlich nichts außer Helma, die andere Seite des Bettchens getreten war, nachdem sie ihr Haar rasch wieder aufgesteckt hatte.
„Es geht viel besser, nicht wahr? und der Frühling wird das Kind hoffentlich ganz auf die Beine bringen,“ flüsterte er, indem er sich leise erhob und den Rückweg antrat.„Sie haben so viel Mühe mit ihm,“ wandte er sich im anderen Zimmer nach Helma um, die ihm gefolgt war, um ihn hinauszubegleiten.„Ich
ann ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin und für alles, was Sie für mich
*
und die Kinder thun. Ich wünschte, Sie wären weniger zurückhaltend. Warum sind Sie es, Helma?“ Er nahm ihre Hand.„Haben Sie kein Vertrauen zu mir? Kommen Sie,“ sagte er und zog sie auf ein kleines Sofa neben sich nieder,„lassen Sie uns hier noch einen Augen⸗ blick plaudern.— Ich bin so vereinsamt, so allein.— Nehmen Sie sich meiner an, Helma, theure, angebetete Helma, Du mußt es längst Ie wie unsäglich, wie leidenschaftlich ich Dich iebe—.“
Er war ein geschickter Hypnotiseur.
Wie auch sein Opfer sich sträubte und kämpfte, es unterlag.
VII.
„Wir gehören zusammen, bist Du nicht be⸗ reits mein Weib?“ Das waren die Worte, die Brandt zu Helmas Beschwichtigung beständig wiederholte, wenn sie in den folgenden Tagen in ihn drang, ihre eheliche Verbindung zu be⸗ schleunigen.
„Das versteht sich von selbst. Laß mich nur erst die geschäftlichen Verdrießlichkeiten, die mir jetzt von allen Seiten auf den Hals kommen,
überwinden. In den nächsten Wochen werde ich den Kopf freier haben. Dann werden wir sehen—“
Aber immer hieß es: in den nächsten Wochen. So verging die Zeit und es kam ein Tag, der Helma mit tödtlichem Schreck erfüllte. Sie fühlte sich Mutter. Was dem Weibe die süßeste Hoffnung, brachte sie der Verzweiflung nahe. Brandt nahm jedoch die Mittheilung sehr kühl auf. Noch habe das gar keine Berechtigung. Zu seiner Zeit würde sich alles machen. Helma sollte es ihm nur ruhig überlassen. Nach all dem vergeblichen Kämpfen und Ringen verfiel Helma in eine Art von Apathie. Sie ließ die Dinge gehen, wie sie mochten. Auch kannte sie Brandts Charakter jetzt schon so weit, um sich zu sagen, daß ein heftiges Drängen ihrerseits ihn nur zäher und schwieriger machen würde. Daß er viele Unannehmlichkeiten geschäftlicher Natur hatte, sah sie wohl. Sehr oft kamen Briefe, die ihn in die böseste Laune versetzen. Einer, dessen Handschrift sie nun schon kannte, und der den Poststempel Genf trug, schien ihm besonders die Galle zu erregen. Und während er die übrigen Briefe auf seinem Schreibtisch liegen ließ, schloß er diesen stets sorgfältig ein. Helma hatte vergeblich nach diesen Briefen ge⸗ forscht. Wer konnte ihm so häufig aus Genf schreiben?—
Der Mai war ins Land gerückt, aber mit Emmys Gesundheit wollte es nicht besser werden. Mitunter sah es aus, als nähmen die Kräfte zu, aber dann folgte wieder eine Periode des Verfalls, die für das Leben des Kindes fürchten ließ. Brandt dachte jetzt ernstlich daran, die Kleine nach Genf zurückzuschicken, wie schwer es ihm auch wurde, sich von ihr zu trennen. Er wollte nur noch die wärmere Jahreszeit ab⸗ warten und sich mittlerweile nach einer sicheren Begleitung umsehen.
Eines Mittags, als er in besserer Laune als sonst und die Kleine ziemlich wohl war, holte er sie, in eine wollene Decke eingewickelt, aus ihrem Bettchen ins Speisezimmer, um sie ein zierlich angerichtetes Frikassee bewundern zu lassen.
Mit dem Kinde auf dem Arm stand er vor dem gedeckten Tisch, Helmas Protest mit Scherzen abwehrend, als sich die Thür öffnete, und eine Dame, deren Klingeln überhört worden war, ins Zimmer trat.
Brandt stand wie zur Salzsäule erstarrt.
Es war seine Gattin.
Von ihr rührten die häufigen Briefe mit dem Poststempel Genf her. Sie hatte wieder und wieder und immer dringender Emmy zurück⸗ verlangt. Jetzt war sie selbst gekommen, ihr Kind zu holen.
Bei dem Anblick desselben eilte sie darauf zu und riß es Brandt aus den Armen, es mit den zärtlichsten Namen benennend.
„Mein Engel, mein Bijou, meine Mignonne,
habe ich Dich endlich wieder! Aber was hat man mit Dir gemacht? Krank hat man Dich
werden lassen? So hat man Dich gepflegt? O mein Gott, kennst Du mich nicht mehr?“
Das Kind sah sie mit großen Augen an und machte eine weinerliche Miene. Sie schien ihm völlig fremd geworden.
Charles hatte sich neben den Vater gestellt, der mit zornig geröthetem Gesicht und schwer athmender Brust eine Weile regungslos dastand. Endlich fand er sich wieder.
„Das Kind muß jetzt ins Bett,“ sagte er mit entschiedenem Ton.„Es ist die letzte Zeit unpäßlich gewesen; es hat aber nichts zu be⸗ deuten. Es wird sich bald wieder erholen. Fräulein von Saldeck hier wird die Güte haben, Emmy wieder ins Bett zu bringen.“
Doch Frau Brandt wehrte Helma, der kein Zweifel blieb, wen sie vor sich hatte, heftig ab, als diese, blaß wie der Tod, hinzutrat, um Emmy in Empfang zu nehmen.
„Ich lasse mein Kind nicht mehr von mir. Wo ist sein Bettchen? Führen Sie mich, ich werde es selbst hineinlegen“.
Dagegen war nichts einzuwenden. Helma lud die Dame durch eine Handbewegung ein, ihr zu folgen.
„Geh Du auch, um Mama zu begrüßen“, sagte Brandt zu Charles und schob den Knaben hinaus.
Dann ging er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die um den Mittagatisch stehenden Stühle, die ihm im Wege waren, wüthend beiseite schleudernd. Er suchte sich über die Situation klar zu werden. Helma würde jetzt aus ihrem Irrthum gerissen werden, daß er von seiner Frau gerichtlich geschieden sei, und das würde eine stürmische Szene abgeben. Aber war es denn seine Schuld, daß sie seine Aeußerungen falsch gedeutet? Er hatte nie⸗ mals das Wort Scheidung ausgesprochen. Sie mußte sich also zufrieden geben, wenn er jetzt die Scheidung zu betreiben versprach.
Während er so überlegte wurde er allmählich ruhiger. Aus den hinteren Zimmern ließ sich kein Laut vernehmen. Das war ein gutes Zeichen. Er hatte jeden Augenblick erwartet, Helma hereinstürmen zu sehen. Er befahl dem Dienstmädchen, die unberührt gebliebenen Schüsseln abzutragen, dann sah er nach der Uhr. Es war Zeit, nach der Redaktion zu gehen. Mit be⸗ freiter Seele verließ er das Haus.
Im Kinderzimmer war es inzwischen nicht so ruhig zugegangen, wie er wähnte. Nachdem Helma das Bettchen des Kindes frisch gemacht und der Fremden ihre Reisekleider sich ent⸗ ledigen geholfen hatte, wollte sie sich entfernen, um Mutter und Kinder allein zu lassen und für eine Erfrischung für die Reisende zu sorgen. Allein Emmy fing zu weinen an und streckte die Aermchen nach Helma aus, sodaß sie nicht anders konnte, als hinzuzutreten und die Kleine zu beruhigen.
„Du haft jetzt Deine Mama. Sie doch,
wie 55 sie sich hat. Und Du hast sie ja auch o lieb“. f Aber Emmy hielt Helmas Hand fest und sagte lächelnd:„Ich habe jetzt zwei Mamas, eine schwarze Mama und eine weiße Mama.“ Offenbar hatte die so scharf voneinander ab⸗ stechende Haarfarbe beider Frauen einen tiefen Eindruck auf Emmy gemacht.
Helma setzten die letzten Worte des Kindes in große Verlegenheit, Frau Brandt schien darüber äußerst erregt..
„Sie haben sich ja sehr in das Herz meines Kindes geschmeichelt“, sagte sie, ihre kurzsichtigen, schwarzbewimperten Augen bis auf ein Spältchen zusammenziehend.„Welche Stellung nehmen Sie hier im Hause ein? Mein Mann schrieb mir zwar, daß er eine Haushälterin engagirt habe, von einer Person, die in ein so nahes Verhältniß zu den Kindern getreten ist, wußte ich aber nichts.“
Helmas Gesicht bedeckte sich mit einer jähen
Röthe, um gleich darauf tödtlich zu erblassen.
Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, aber mit Aufbietung aller Kraft überwand sie
Schwäche. (Fortsetzung folgt.)
diese
P
W. Hat m. fe in fittere peru Lot d Müitag Norge id fit füllen,
8 2
—̃
7
—.
re- Fans Aste


