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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 42.
wieweit eine Steuer abgewälzt werden kann, hängt durchaus von dem Verhältniß des Angebots zur Nachfrage ab. Zutreffend weist die„Vossische Zeitung“ darauf hin, daß die Frage, wer den Zoll trägt, in der Praxis durch die Möglichkeit veränderten Absatzes auf der einen und das unabweisliche Bedürfniß auf der anderen Seite beantwortet wird. Wer auf eine Waare unschwer verzichten kann, während der Verkäufer sie anderweit nicht abzusetzen ver⸗ mag, wird nicht nöthig haben, den Zoll zu tragen. Wer aber auf die Zufuhr fremder Erzeugnisse ange wie sen ist und sie un⸗ umgänglich haben muß, indessen der ausländische Produzent für sie jederzeit Verwendung hat, der ist genöthigt, den Zoll auf sich zu steigern. Nun weiß Jedermann, daß der Mensch zum Leben Brot nöthiger braucht, als Kognak und Champagner. Ebenso ist unzweifel⸗ haft, daß Deutschland nicht so viel Roggen und Weizen hervorbringt, noch in absehbarer Zeit hervorbringen kann, als die Ernährung der Be⸗ völkerung erfordert. Daraus folgt, daß im Gegensatz zu den Ausführungen einiger konser⸗ vatiwer Blätter die Erhöhung der Ge⸗ treidezölle vom Inlande getragen werden muß. Kohlennoth— Millionenprofit.
Die gräfl. Guido Henckel von Donners⸗ marck'sche Bergwerksverwaltung hat durch den neuen Lieferungsvertrag für das Jahr 1901 mit einem Schlage 1 Millionen Mark ver⸗ dient. Durch diese vorsichtigen Abschlüsse hat man sich von vornherein einen Mehrerlös von 1½ Millionen Mark gesichert. Und da leugnet man noch, daß die Grubenbesitzer an den hohen Kohlenpreisen die Schuld tragen!
Eine Kolonialarmee.
Wie mehrere Blätter melden, lassen ver⸗ schiedene Maßnahmen der Militärverwaltung darauf schließen, daß von derselben die Bildung einer Kolonialarmee angestrebt wird. Ob dabei die seiner Zeit von dem liberalen „Schwäbischen Merkur“ gemachten Vorschläge, betreffend die Heranziehung von Verbrechern zu Kolonialtruppen Berücksichtigung finden, muß aber doch wohl bezweifelt werden.
Wie Preußen Kulturaufgaben erfüllt.
Fabrikanten und Handwerksmeister in Magde⸗ burg wurden in diesen Tagen durch folgendes Schreiben überrascht:
„Da für die Kunstgewerbe⸗ und Handwerkerschule nicht genügend Mittel bewilligt wurden, um den er“ forderlichen Unterricht einzurichten, sehe ich mich leider genöthigt, Ihren Lehrling für die Dauer des Winter⸗ halbjahres vom Unterricht zurückzuweisen. Das ein⸗ gezahlte Schulgeld wird Sonntag den 7. Oktobet, von 11 bis 1 Uhr, im Geschäftszimmer gegen Ablieferung der Schülerkarte zurückerstattet.
Der Direktor Thormählen.
Die Handwerker erwarten von der Regie⸗ rung ihre Rettung, sie müssen aber erfahren, daß nicht einmal Geld vorhanden ist zur ge⸗ nügenden Ausbildung der Lehrlinge. Dafür gibt man aber Millionen und Milliarden für Flotten⸗ und Weltpolitik aus.
Hinausgeworfenes Geld.
Wenn bei Lohnkämpfen zur Unterstützung der Streikenden Geldmittel von Arbeitern auf⸗ gebracht werden, so lärmt mit der Unternehmer⸗ presse in der Regel auch die katholische über „Geldverschwendung“,„unnöthig gebrachte Opfer“ und so weiter. Und doch liegen diese Aufwendungen im Interesse der Arbeiter. Selbst verlorene Lohnkämpfe bringen in den meisten Fällen insofern den Arbeitern Nutzen, als sie dadurch veranlaßt werden, ihre Organisationen zu stärken und auszubauen, wodurch ihre Lage verbessert wird. Somit erweisen sich die ge⸗ brachten Opfer als nothwendig und nützlich.
Viel weniger Nutzen für die Gesammtheit bringen die Riesensummen, welche den Gläubigen— besonders den katholischen— für die„Bekehrung der Heiden“ abgenommen werden. Ueber die Höhe derselben wurde neu⸗ lich auf dem internationalen katholischen Ge⸗ lehrtenkongreß Auskunft gegeben. Doktor Baum⸗ garten⸗München referirte über die Aufwendungen, die im 19. Jahrhundert für die Missionen
gemacht worden sind. Er zählte die von den einzelnen kirchlichen Organisationen aufgebrachten Summen auf und kam zu der ungeheueren Ge⸗ sammtsumme von 721,825,000 Mk.!
Dazu kommen noch 780 Millionen, die schätzungsweise von anderen Vereinen aufgewendet wurden.
Das find im Ganzen 1¼ Milliarden!
Hierzu kommen aber noch„inoffizielle“ Leistungen, die von Missionarkreisen auf eine halbe Milliarde geschätzt werden. Der un⸗ gefähre Bestand der durch diese Beiträge ge⸗ wonnenen Seelen soll zur Zeit etwa 3 Mill. betragen. Die Seele kostet der Kirche also unge fähr 700 Mark. Nun ist. wie die Ereignisse in China zeigen, die Dauerhaftigkeit dieser Seelengewinnung nicht sehr groß; auch hat die Geschichte des christlichen Negerstaates am Kongo gezeigt und vom jesuitischen Muster⸗ staate in Paraguay weiß man es auch, daß selbst die stolzesten Gründungen der Mission sehr vergänglich sind, obwohl die Mission seit geraumer Zeit sich fast gänzlich in den politischen Dienst Frankreich gestellt hat. Auch für Deutsch⸗ land war die Missionsthätigkeit verhängnißvoll, denn dies Unglück und Ungeschick der chinesischen Mission gab dem Zentrum mit eine äußere Entschuldigung für seine Unterstützung der Welt⸗ politik, für seine fluchwürdige Marine⸗ und Militärpolitik. So kommen für Deutschland auf das Konto der Mission noch die bereits be⸗ willigten Flottenmillionen, die Kosten des Chinakrieges und die Milliarden, die diese „Politik“ verschlingen wird.
Angesichts dieser Lage dürfte auch dem besten Katholiken die Frage nahe liegen, ob es nicht besser sei, solche ungeheueren Summen für die innere Kultur zu verwenden, anstatt sie für weltreligiöse Liebhabereien und ihre unan⸗ genehmen Folgen zu verschleudern. In Spanien, in Italien und auch in Deutschland ist das Elend unter den Massen groß genug, um gute Verwendung für solche Summen zu sichern. Auch der nothleidenden Landwirth⸗ schaft kämen sie recht angenehm, während die jetzige Verwendung, gelinde gesagt, als sehr un⸗ produktiv und außerdem als gefährlich bezeichnet werden muß.
Das kleine Zuchthausgesetz,
welches sich die Republik Lübeck zugelegt hat, war dieser Tage Gegenstand einer Gerichtsver⸗ handlung in Brandenburg. Lübecks hoch⸗ wohlweiser Senat erließ bald nach der Ver⸗ scharrung der Zuchthausvorlage eine Verordnung, in der das Streikpostenstehen— ent⸗ gegen dem Reichsgesetze— verboten wurde. Von Seiten der Reichsregierung ist trotz der von unseren Genossen im Reichstage erhobenen Beschwerden nichts gegen diese Gesetzwidrigkeit unternommen werden. Die„Brandenburger Ztg.“ hatte nun die Lübecker Arbeiter aufge⸗ fordert, diese Verordnung nicht zu beachten. Deßwegen stand der Redakteur, Gen. Huth unter der Anklage zum„Ungehorsam gegen Gesetze und rechtsgültige Verord⸗ nungen“ aufgefordert zu haben, vor dem Amtsgericht in Brandenburg. Dieses erkannte jedoch, daß das Verfahren einzustellen sei, weil die Verordnung des Lübecker Senats rechtsungültig ist. Ein Verbot und eine Be⸗ strafung des Streikpostenstehens könne nur durch die Reichsgesetzgebung erfolgen.
Ob nun der Lübecker Senat die Verordnung aufheben, oder der Reichskanzler die Be⸗ seitigung des rechtsungültigen, verfassungs⸗ widrigen Gesetzes bewirken wird?
Majestätsbeleidigungs⸗Prozesse haben in den letzten Tagen eine ganze Menge stattgefunden, ein Zeichen der erbärmlichen Zu⸗ stände im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte. Die Denunziationswuth feiert Or⸗
gien.— Maximillian Harden, der Re⸗ dakteurd er„Zukunft“ wurde in Berlin zu sechs Monaten Festungshaft verurtheilt. Er hatte die Bremerhavener Hunnenrede in seiner Zeitschrift abfällig kritisirt.
„Rückgang“ der Sozialdemokratie konstatirt der„Gießener Anzeiger“ in!
einem Artikel über die Bezirkstags wahlen in Elsaß⸗Lothringen. Dabei hätte unsere Partei eine„besonders schwere Nieder⸗ lage“ erlitten. Lassen wir die Thatsachen reden.— Im Mühlhauser Südkanton be⸗ theiligte sich unsere Partei zum ersten male an den Bezirkstagswahlen. Unser Kandidat er⸗ hielt 2180 Stimmen, der Gegner 3490. Ebenso traten unsere Genossen im Straß bur ger Westkanton zum erstenmale mit einer Kandidatur hervor. Für dieselbe wurden 821 Stimmen abgegeben, der Gegner, Bürgermeister Back er⸗ hielt 2301; das sind weniger, als die Ord⸗ nungsparteien bei der letzten Wahl erhielten. Im Straßburger Nordkanton wurden im Jahre 1895 für unsere Partei 707 Stimmen abgegeben; diesmal erhielt unser Kandidat 8 8 5 Stimmen. Auf die vereinigten Ordnungs⸗ parteien fielen bei vorhergegangener Wahl 2327 Stimmen, dies mal erhielt der Misch masch⸗ Kandidat nur 2099. Also unsere Sti mmen⸗ zahl nahm um beinahe 200 zu, die der Gegner ging um mehr als 200 zurück.„Nieder⸗ lagen“ die ser Art lassen wir uns immer gerne gefallen.
Zum internationalen Arbeiter⸗Kongresse
haben wir noch einiges nachzutragen. Wir müssen uns dabei auf die Erwähnung der wichtigsten Beschlüsse beschränken. Der Haupt⸗ sächlichste von diesen war der über„die Er⸗ oberung der staatlichen Macht und die Bünd⸗ nisse mit den bürgerlichen Parteien“. Kautsky hatte hierzu eine Resolution vorgelegt, in der zunächst erklärt wird: a
„Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat kann in einem modernen demo⸗ kratischen Staate nicht das Werk eines bloßen Handstreiches sein, sondern kann nur den Ab⸗ schluß einer langen und mühevollen Arbeit der politischen und ökonomischen Organisation des Proletariats, seiner physischen und moralischen Regenerirung und der schrittweisen Eroberung von Wahlsitzen in Gemeindevertretungen und gesetzgebenden Körperschaften bilden.“
Im Weiteren spricht sich die Resolution über den Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium aus, der als ein Noth⸗ behelf in einer Zwangslage anzusehen sei und von der organisirten Partei gebilligt sein müsse. Der sozialistische Minister dürfe nur der Man⸗ datar seiner Partei sein.— Darüber kam es zu einer langen aber interessanten Debatte. Vandervelde(Belgien) war Berichterstatter der Kommission, welche die Resolution mit großer Mehrheit angenommen hat. In einer ausgezeichneten Rede begründete er die Ansicht der Mehrheit. Die Sozialisten müßten mit bürgerlichen Parteien zusammengehen, wenn be⸗ stimmte Gefahren auf politischem Gebiete drohten. Der Eintritt eines Sozialisten ins Ministerium sei eine Frage der Taktik und nicht des Prinzips. Ferri(Italien) begründet eine Resolution der Minorität, nach welcher eine Theilnahme am Bourgeoisregiment nur in Form der Eroberung von Mandaten aus eigener Kraft befürwortet, aber die Theilnahme eines Sozialisten an der bürgerlichen Regierung unter⸗ sagt wird. Die Kautsky'sche Resolution be⸗ zeichnet Ferri als eine Halbheit, mit der der Kongreß nichts anfangen könne. Für die Reso⸗ lution sprechen noch Jaurès, Anseele (Belgien) und Auer, während sich Guesde und Vaillant dagegen wenden. Auer sagte unter anderem, in Deutschland wären die Führer der Sozialdemokratie der Gefängnißzelle näher, als dem Ministersessel. Die Ab stim mung, die nach Nationalitäten erfolgte, ergab eine große Mehrheit für die Resolution Kautsky's. Von Wichtigkeit ist ferner noch der Beschluß des Kongresses, durch welchen ein inter⸗ nationales Sekretariat in Brüssel errichtet wird. Durch diese Einrichtung wird zweifellos die Verständigung der sozialistischen Parteien aller Länder erleichtert.— Von der Berathung über Völkerfriede, Milita⸗ rismus, Beseitigung der stehenden Heere und Kolonialpolitik ist er⸗ wähnenswerth, daß bei dieser Gelegenheit mehrere


