Ausgabe 
14.1.1900
 
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Seite A.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 3.

etwa die Hälfte aller Hunde bereits abgeschafft sei, die Erhöhung also finanziell gar keinen Effekt haben wird. Die Erbitterung aber, welche diejenigen ergriffen hat, die ihren seit⸗ herigen Liebling opfern mußten, weil sie die verdoppelte Steuer nicht bezahlen können, ist eine tiefgehende und nachhaltige. Eine große Rohheit ist es allerdings, wenn Hundebestitzer, wie das in größeren hessischen Städten vor⸗ gekommen ist, ihren Hunden einfach Maulkorb und Zeichen ausziehen und sie auf die Straße jagen. Warum erweisen sie ihren seitherigen Hausgenossen nicht den letzten Liebes dienst und übergeben ihn gegen die übliche Gebühr dem Wasenmeister zum Töten? In Gießen haben zahlreiche Leute ihre Hunde nach ben benach⸗ barten preußischen Dörfern verschenkt. Die Muckerei wird zur Landplage.

* Aus Lich wird demGieß. Anz. ge⸗ schrieben:

Zur wahren Landplage wird eine Anzahl junger Männer, die angeblich einen sogenannten Bibelkursus im hiesigen christlichen Vereinshaus absolvieren. Mittags und abends durchqqgeren sie die Stadt, mit bedruckten Zetteln in den Händen, jedem Begegnenden sich herandrängend, fast den Weg versperrend, um die Zettel los zu werden. Nicht genug damit, sie gehen in Häuser, sogar abends. Sie sind dabei so zudringlich, daß sie Aergernis erregen. Trotz Auffordern, die Wohnung zu verlassen, weichen sie erst auf Wiederholung der Auf⸗ forderung. Wir wollen den Leuten ihr Ver⸗ gnügen gönnen, sie sollen aber den seines Wegs gehenden in Ruhe lassen und diejenigen Häuser verschonen mit ihren Besuchen, wo sie zur Genüge wissen, daß sie draußen bleiben sollen. Durch derartiges Benehmen wird kein anständiger Mensch für ihre Ideen ge wonnen. Hoffentlich wird die Polizei, die wohl von einem derartigen Treiben keine Kenntnis hat, Veranlassung nehmen, ein solches unqualifizierbares Benehmen in seine Schranken zu verweisen.

In Lich ist die Muckerei geradezu systematisch aufgepäppelt worden. Jefrömmer, das heißt je mehr die Muckerei zur Schau getragen, also geheuchelt wird, um so mehr Aussicht, Waisenkinder aus Frankfurt in Pflege zu er halten.

Verunglückte Flottenagitation.

Dem Flottenvereinsausschuß zu Hannover ist eine kleine unangenehme Geschichte passiert, die schon um deswillen Erwähnung verdient, weil auch sie zeigt, wie die Flottenbegeisterung im Volke hervorgerufen werden soll. Un im Norden der Provinz Hannover die nötige Stimmung zu machen, hatte der genannte Ausschuß einen Wanderredner gewonnen, der außer glänzenden gedruckten Empfehlungen des Ausschusses, mit einem Vortrag:Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser, sowie mit einer Kiste voll Sichtbildern ansgerüstet war. Aus zwei Städten liegen nun Berichte über das Auftreten dieses Patrioten, Röpe ist sein Name, vor. Aus diessen Berichten geht hervor, daß der Mann es lieber mit der Gegenwart als mit der Zukunft hält, und daß jene für ihn nicht im Wasser, sondern im Grog liegt. In Lüneburg hatte der Herr Ober bürgermeister auf Grund der glänzenden Empfehlungen aus Hannover eine große Ver sammlung von Damen und Herren einberufen, die jedoch auf das Erscheinen des Reduers vergeblich warteten. Nur seine Bilderkiste war angelangt, und kurz vor der festgesetzten Stunde noch ein Eilbrief, aus dem hervorging, daß der Herr Wanderredner sich nichtin nüchter ner Verfassung befinde. Von dieser be⸗ trüblichen Thatsache setzte dann auch schließlich der Oberbürgermeister die Versammlung nach langem vergeblichen Harren in Keuntnis, und zugleich wurde dem Ausschaßz in Hannover Mitteilung gemacht. Am tollsten muß es in der Stadt Dannenberg hergegangen sein. Dort mußte, nach einem Berichte derDeutschen Volkszeitung, der Flottenredner wegenDis positioasunfähigkeit so naunte es der Vor⸗

sitzende abbrechen. Nach Absingen eines patriotischen Liedes löste sich die Versammlung auf, und der Eintrittspreis von 20 Pfg. wurde an der Kasse zurückbezahlt.

Jammerlappeu.

Nationale Blätter, die natürlich monarchisch bis in die Knochen sind, ergehen sich zur Zeit über die steinalte Großmutter des deutschen Kaisers in allerhand Scherzen. Eines dieser Blätter wartet mit folgendem Witz auf:

Schon kurz vorm Sylvesterpunsche war die Nachricht aus London über Kalau zu uns gedrungen, daß Königin Viktoria von einem heftigen Unwohlsein ergriffen worden sei; sie habe Bullern im Magen. Leider müssen wir unseren Lesern heute mitteilen, daß Königin Viktoria immer noch nicht von diesem Leiden befreit ist, trotzdem sie sich seit

Wochen beständig auf der Retirade be⸗

findet.

Das erlauben sich diese traurigen Bauch rutscher einer alten Frau gegenüber, weil sie wissen, daß man ihnen deshalb nichts anhaben kann. Wenn es weniger gefahrlos, aber weit notwendiger ist, einmal ein ernstes Wort der Kritik oder Abwehr zu sagen, da ersterben diese feigen Gesellen in unterthänigster Unterthänigkeit.

Ein hineingefallener Oberpatriot.

Die Verbindung von Geschäft und Patriotismus hat Herrn Scherl, dem ober patriotischen Herausgeber des Berliner Lokal⸗ Anzeigers, zu dessen Unternehmungen auch die Herausgabe derFeldpost, Organs für den Kriegerbund, gehört, einen komischen Streich gespielt. Die Expedition derFeldpost sandte ein Rundschreiben an Verlagsfirmen, in dessen Eingasg es heißt:

Kaiser⸗Wilhelm⸗Dank, Verein der Soldaten⸗

freunde. I. Vorsitzender des Verwaltungs-

rates: von Werder, General der Infanterie und General-Abjudant Sr. Majestät des

Kaisers.Wirke im Andenken an Kaiser

Wilhelm den Großen. Wilhelm II. Ge⸗

schäftsstelle derFeld⸗Post.

Das Schreiben weist dann auf das Heran nahen von Kaisers Geburtstag hin und empfiehlt mit Rücksicht auf die vielen festlichen Veranstaltungen der Kriegervereine, Theater- stücke, Fespiele, Prologe, Reden und Toaste ge⸗ rade in derFeldpost zu annoncieren, die in jedem zum Bunde gehörigen Vereine ge lesen und auf allerhöchsten ausdrücklichen Wunsch vom Offizierskorps des Herres und der Marine gehalten werde und fast in jeder Kompagnie vertreten sei. Dieses Rundschreiben ist auch an den sozialdemokratischen Verlag von Adolf Hoffmann in Berlin ver⸗ sandt worden, über welchen derVorwärts berichtet: Wir finden da im Verlazsverzeichnis der für dieFeldpost umworbenen Firma z. B. folgende nette Sachen, Kouplets: Darum immer daruf und drunter'Nechter Roter geht nicht unter:O Aegir, Herr der Fluthen; Die Ferienkolonie;Der Kampf für Religion, Ordnung und Sitte; Im Zickzackkurs. Lieder: Gruß an den 1. Mai;Des Prole⸗ tariers Leben. Duette:Streik-Duett;Die letzten Rekruten. Ensemblescenen:Eine lustige Flugblattverbreitung, oder der geprellte Gen darm. Männerchöre:Frei soll der Mensch! Frei muß er sein!;Die heilige Alliance der Völker. Theaterstücke:Ravachol oder das Sozialistenfieber;O welche Lust Soldat zu sein;Die Ausweisung am Weihnachts abend ꝛc.

Die tipferen Krieger würden die Augen schön aufgesperrt haben, wenn sie in ihrem Leiborg ꝛa all diese lustigen Programmnummern angekündigt gesehen hätten.

Einem invaliden Arbeiter war von der Versicherungsanstalt die Rente verweigert worden, weil ee es ablehnte, sich einer Operation zu unterwerfen. Nachdem auch das Schiedsgericht den Antragsteller ab⸗ gewiesen hatte, hob das Reichsversich'rungsamt die Vorentscheidung auf und sprach dem Kläger eine Rente zu, indem ausgeführt wurde: Zur Duldung einer Operation, wenn dieselbe auch

nicht sehr schmerzhaft und gefährlich sei, er⸗ scheinen die versicherten Arbeiter nicht ver⸗ pflichtet, sobald diese Operation in den Bestand oder die Unversehrtheit des Körpers eingreift oder die, wie jede die Chloroformierung erheischende Operation, nicht ohne Lebensgefahr vorgenommen werden könne. Die Verletzten selen aber gehalten, sich die erforderlichen Ver⸗ bände anlegen zu lassen, die verordnete Medizin einzunehmen, sich einer gebotenen Massage zu unterwerfen und sich den Magen ausspülen zu lassen. Ein Riesenschiff.

Am Mittwoch ist der neue Doppelschrauben⸗ schnelldampferDeutschland, welchen die Ham⸗ burg⸗Amerlka⸗Linie bei demVulkan in Stettin bestellt hat, vom Stapel gelaufen. Dieses Schiff soll der größte, schnellste und komfortabelste Passagierdampfer werden, der bisher erbaut worden ist und auch die erst wenige Monate alte englischeOceanic übertreffen. Die Deutschland hat 208 ¼½ Meter Läuge über Deck, 20,42 Meter Breite und 13,31 Meter Tiefe, verdrängt voll beladen 23 Millionen Kilogramm Wasser und hat einen Gehalt von 16000 Registertonen, während der auf derselben Werft erbauteKaiser Wilhelm der Große nur 197½ Meter Länge und 14000 Tonnen Gehalt hat. Das Schiff ist völlig aus bestem Stahl. Es hat vier durchgehend stählerne Decks. Durch Querschotten ist es in 17 wasser⸗ dicht verschließbare Abtheilungen geschieden, derart, daß es noch schwimmfähig bleibt, selbst wenn zwei benachbarte Räume volllaufen. Für den Fall, daß Wasser eindringt, sind 12 Dampf⸗ pumpen an Bord, welche zusammen 4000 Tonnen pro Stunde ausschöpfen. Die Ma⸗ schinen. und Kesselanlage ist gleichfalls vom Vulkan geliefert. Im Ganzen hat der Damfer 68 Dampfmaschinen, worunter 5 Dynamos zur Erzeugung des Stromes für 2000 elektrische Lampen. Die beiden Bronzeschrauben, die 7 Meter Durchmesser haben, werden von zwei sechszylindrigen Vierfach-Expansions⸗Hammer⸗ maschinen von zusammen 33000 Pferdekräften getrieben, 16 Kessel liefern den Dampf; sie zerfallen in vier Gruppen, jede mit einem Schornstein von 4 Meter Durchmesser und 34½ Meter Höhe. Das Schiff kann in seinem Innern beherbergen: 467 Passagiere 1. Klasse in 263 Kabinen, 300 2. Klasse in 99 Kabinen und 990 im Zwischendeck. Daß Gesellschafts⸗ und Speisesäle in genügender Zahl und gut ausgestattet da sind, versteht sich von selbst. Die Besatzung besteht aus 525 Mann. Uebrigens ist die Deutschland so erbaut, daß sie mit einer beträchtlichen Anzahl Geschütze versehen und im Kriege als Kreuzer verwendet werden kann.

Kleine Mitteilungen.

** Gießen. Die Ehefrau des früheren Restaurateurs Jaskowsky hat sich am Sonntag Abend in der Lahn ertränkt.

** Offenbach. Vor der Darmstädter Strafkammer hatte sich am Mittwoch der ver⸗ antwortliche Redakteur desOffenb. Abendbl., Genosse Louis Quessel, zu verantworten. Er hat in einer Polemik mit der ultramontanen Starkenburger Provinzialzeitung kräftigen Artikeln Raum gegeben, durch die sich der Pfarrer Stumpf von Dieburg beleidigt fühlte. Das Gericht nahm die Beleidigung durch die Form als erwiesen an und verurteilte den noch nicht vorbestraften Angeklagten zu einer Geldstrafe von 400 Mk. Als straf⸗ mildernd kam in Betracht, daß die inkrimi⸗ nierten Artikel nur Antworten auf ebenso beleidigende Angriffe derStarkenburger Provinzialztg. waren. Pfarrer Stumpf gab zu, Aktionär jenes Zentrumblattes zu sein, gab auch zu, daß ihm jede Nummer des Blattes vor dem Druck erst vorgelegt werden müsse, bestritt aber, der Verfasser jener Angriffsartikel zu sein, auf die dasOffenbacher Abendblatt dann antwertete. Unser Parteiblatt hatte

übrigens den Namen des Pfarrer Stumpf nicht genannt, sonzern, da es einen Gtistlichen als Verfasser der Schimpfartikel vermutete, von frommen Gimpelfängern u. s. w. gesprochen.

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