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Witieldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 3.
In Wirklichkeit ist diese Steuer zu vergleichen mit dem thörichten Verhalten derjenigen Arbeiter, die sich vor vielen Jahrzehnten gegen die auf⸗ kommenden Maschinen am besten dadurch zu schützen glaubten, wenn sie dieselben zertrüm⸗ merten. Die Erdrosselungssteuer bringt den Krämern keinen Pfennig Vorteil. Was man den Warenhausbesitzern an neuen Steuern auferlegt, werden die Konsumenten tragen müssen und im übrigen werden sich die Kapita⸗ listen schadlos halten an ihrem— Personal. Muster⸗Patrioten.
Vor Wochen bereits trat die Behauptung auf, daß Krupp neue Geschütze und Munition für England verfertige. Die Behauptung blieb unwidersprochen und ihre Richtigkeit ist unzweifelhaft. Unser Parteiorgan in Essen, der„Weckruf“, weiß neuerdings bemerkenswerte Einzelheiten über die Unterstützung des krieg⸗ führenden England durch die größte Waffen⸗ firma des Buren⸗ begeisterten Deutschland beizubringen. Der„Vorwärts“ ist außerdem in der Lage, durch unmittelbare zuverlässige Mitteilungen aus Essen zu versichern, daß Krupp für die Engläuder 45000 Srahl⸗ schrapnels anfertigt. Diese Thatsache steht außer allem Zweifel. Während ganz Deutsch⸗ land den übermütigen Raubkrieg Englands be⸗ klagt, scheut sich der reichste Mann Preußens, ein König im Reiche des Besitzes, nicht, aus der Lieferung von Kriegsmaterial fur den Friedensbrecher großen Privatgewinn ziehen zu wollen. Herr Krupp liefert furchtbarste Mordwerkzeuge, die bestimmt sind, auch seine, zahlreich in den Reihen der Buren kämpfenden deutschen Landsleute niederzukartätschen.
Derselbe Mann ist Oberregisseur des Flottenspektakels. Das von ihm aus⸗ gehaltene Blatt, die„Berliner Neueste Nach⸗ richten“, erklären alltäglich als unerläßliche und höchste Patriotenpflicht die Bewilligung ungeheurer Marinevermehrungen, an deren Herstellung niemand so interesstert ist, wie der Besitzer der Germania⸗Werft, eben der sel be Herr Krupp. Dieser Patriot wird aber als einwandsfreie Geschäftsführung in Anspruch nehmen, daß er im selben Augenblick, wo er am Bau der deutschen Flotte verdient, auch für Kriegsflotten anderer Staaten liefert, die bestimmt sind, unseren See⸗ soldaten den Tod zu bereiten.
Nun das Gegenstück: Aus England wird berichtet, daß dortige Firmen entlarvt sind, die Kriegsmaterial für die Buren verfrachteten. Hier wie dort also— Muster⸗ patrioten.
Vielleicht ist es angesichts dieser Thatsachen zeitgemäß, daran zu erinnern, wie die deutschen „Patrioten“ sich 18 70 verhielten, als die Kriegs⸗ anleihe ausgeschrieben wurde. Sie hielten zu⸗ erst den Beutel zu, weil sie noch nicht wußten, wie der Krieg mit dem„Erbfeind“ ausfiel, weil sie noch keine Sicherheit hatten, wieviel Prozente sie verdienen würden. Erst als die ersten Schlachten stegr eich für Deutschland ausgefallen waren, entdeckten diese Prozeutpatrioten wieder ihre„Vaterlaudsliebe“ und zeichneten nun im Ueberfluß. Der Profit war gesichert.
Wenn uns ein Kapitalist mit seinem Patrio⸗ tismus imponieren will, dann lachen wir ihn aus. Wir wissen, daß sein Patriotismus nur bis an den Geldbeutel geht. Wenn der Profit in Frage gestellt ist, pfeift so ein Geldmensch auf sein Vaterland. Die echten Patrioten sind wir— wir wollen unser Vaterland vor Kriegen bewahren. Wir wollen Zustände im Vaterland einführen, die es jedem möglich machen, sich wohl darin zu fühlen! Deshalb nennt man uns vaterlandslose Gesellen. Wir lachen darüber, wissen wie doch, daß uns die Zukunft gehört.
Flottenagitatiou im Heere.
Flottenpolitit unter den Truppen versucht nach einer Mitteilung der„Chemnitzer Volks⸗ stimme“ Gymnasiallehrer Dr. Rassow in Elberfeld zu betreiben. Rassow hat eine Flugschrist über Deutschlands Seemacht ver⸗
trieben. In einem Zirkular an die Kom⸗ pagnie⸗Chefs der Regimenter, welches die „Chemnitzer Volksstimme“ abdruckt, fordert er auf, das Flugblatt an die Soldaten der Kompagnie zur Weiterverteilung in die Heimat⸗ reise gelegentlich des Weihnachtsurlaubs zu verteilen. 8
Herr Rassow wurde früher in einem nationalsozialen Blatt als„unser Spezialist in Marineangelegenheiten“ bezeichnet. Es war also einem Nationalsozialen vorbehalten, zu dem allerbedenklichsten Mittel in der Flotten⸗ propaganda zu greifen. Was waren das doch für unschuldige Lämmer, die den Postunter⸗ beamten s. Zt. den Ottopfennig abknöpften, gegen diese Nationalsozialen, die unseren Brüdern in den Waffen die Begeisterung für den Wasser⸗ militarismus durch die Offiziere eintrichtern lassen wollen.
Politik in Kriegervereinen.
Währenddem der Nationalsoziale Dr. Rassow es für angebracht hält, die Politik sogar in die Kaserne zu tragen, fangen hier und da Kriegervereinsvorstände an, sich gegen die Ver⸗ suche, ihre Vereine mehr und mehr politisch auszunützen, Front zu machen. So veröffent⸗ licht die„Deutsche Tageszeitung“ das Schreiben eines Kriegervereinsvorsitzenden, in dem es heißt:
Vom Vorstande des Deutschen Kriegerbundes, Herrn General der Infanterie z. D. v. Spitz, wird mir ein gedrucktes Rundschreiben zugesandt, in dem ich auf⸗ gefordert werde, für ein politisches Tageblatt mit aller Energie die Werbearbeit zu betreiben Wenn das Blatt nichts anderes wäre als ein Vereins⸗ blatt, das sich nur mit Kriegervereinsangelegenheiten beschäftigte, so ließe sich nichts dagegen sagen. Ein politisches Tageblatt muß sich aber mit Fragen der Parteipolitik befassen. Mag dies noch so vorsichtig und unparteiisch geschehen, es wird in den großen Fragen, die die Zeit beschäftigen, irgendwie Partei ergreifen müssen, und zwar auch in solchen Fragen, wo innerhalb der Kriegervereine verschiedene Meinungen herrschen können.
Wahrscheinlich handelt es sich um die Scherl⸗ sche„Feldpost“, die jetzt den Kriegervereinsmit⸗ gliedern vielfach aufgezwungen wird.
Neue Kaiserworte.
Am Dienstag hat der Kaiser die Rektoren der technischen Hochschulen empfangen und sich dabei sehr anerkennend über die Leistungen der deutschen Technik ausgesprochen. Er sagte u. a. nach einem Telegramm der„Frkf. Ztg.“, daß die technischen Hochschulen auch berufen seien, große soziale Aufgaben zu lösen. Diese wären
„bisher nicht so gelöst, wie ich wollte. Sie können auf die sozialen Verhältnisse vielfach großen Einfluß ausüben, da Ihre vielfachen Beziehungen zur Arbeit und zu Arbeitern und zur Industrie überhaupt eine Fülle von Anregung und Einwirkung ermöglicht. Sie sind deshalb auch in der kommenden Zeit zu großen Aufgaben berufen. Die bisherigen Richtungen haben ja leider in sozialer Beziehung vollständig versagt. Ich rechne auf die technischen Hochschulen! Die Sozialdemokratie betrachte ich als eine vorübergehende Erscheinung, sie wird sich austoben. Sie müssen aber Ihren Schülern die soztalen Pflichten gegen die Arbeiter klar machen und die großen allgemeinen Aufgaben nicht außer Acht lassen. Also ich rechne auf Sie!...“
Mit dem Kaiser erkennen wir gerne an, daß die deutsche Technik sich sehen lassen kann. Man betrachte— um nur zwei Leistungen zu nennen— den Frankfurter Hauptbahnhof und die Müngstener Brücke zwischen Solingen und Remscheid! Auch wir wünschen, daß den Söhnen der besitzenden Klassen, die die Hoch⸗ schulen bevölkern, ihre sozialen Pflichten klar gemacht werden, obwohl wir nicht viel Hoff⸗ nung haben, daß die Jungen besser werden wie die Alten. Wenn dann der Kaiser der Ansicht Ausdruck gab, daß die Sozialdemokratie eine vorübergehende Erscheinung sei, so lassen wir auch darüber mit uns reden. Gewiß, die So⸗ zialdemokratie wird sich dereinst in Wohl⸗ gefallen auflösen, nämlich dann, wenn ihre Aufgaben erfüllt, ihre Ztele verwirk⸗ licht sind. Ob unsere Partei während des Zettabschnittes von jetzt bis zur Erreichung ihrer Ziele richtig gekennzeichnet ist als eine „vorübergehende Erscheinung“, darüber kann
man verschiedener Meinung sein, je nachdem man den Zeitabschnitt läuger oder kürzer bemißt. Uns kann es nur erwünscht sein, wenn wir unsere Ziele möglichst schnell erreichen.
Bezahlte Flottenbegeisterung.
Viktor Schweinburg, bis vor wenig Wochen oberster Flottenspektakelmacher, ärgert sich, daß man ihn abgesägt hat und fängt an, allerlei aus der Schule zu plaudern. Da erfährt man denn, daß der Korvettenkapitän a. D. Gercke, als Stellvertreter des Sekretärs im Flottenverein ein Gehalt von 10000 Mark bezieht und gleich einen Kontrakt für fünf Jahre abgeschlossen hat. Soll denn in den nächsten fünf Jahren noch einmal die Flotte verdoppelt werden?
Auf der Höhe eines Jahrhunderts.
Nach einer Zusammenstellung der Berliner freisinnig⸗demokratischen„Volks⸗Zeitung“ sind im Jahre 1899 305 Fälle von Majestäts⸗ beleidigungen zur Aburteilung gelangt, die ein Endergebnis von rund 100 Jahren Ge⸗ fängnis„erzielten“. Da diese Liste nur lückenhaft ist, dürfte die wirkliche Zahl noch beträchtlich höher sein.— Gedanken sind zollfrei.
Mächtige Verwandeschaft.
Der Prinz von Arenberg wurde, wie die „Tägl. Rundsch.“ jetzt verrät, auf die Kolonien losgelassen, weil er einflußreiche Verwandte hatte. Der Prinz hatte wegen Mißhandlungen den Dienst in einem westfälischen Regiment quittieren müssen. Darum soll der Kolonial⸗ minister v. Buchka auch Einspruch gegen seine Verwendung in den Kolonien erhoben haben. Indessen, so schreibt die„Tägl. Rundschau“:
„Dem Prinzen standen so mächtige ver⸗ wandtschaftliche Verbindungen zur Seite, daß er auch gegen den Willen des Kolonial- direktors in die Schutztruppe eintreten durfte. Und diese mächtigen verwandtschaft⸗ lichen Einflüsse machten es sogar möglich, daß der Prinz in der Schutztruppe bleiben konnte, nachdem er in Windhoek einen heftigen Zusammenstoß mit Major Müller provoziert hatte. Nach der nunmehr von ihm verübten Unthat dürften dem Prinzen allerdings seine einflußreichen verwandtschaftlichen Beziehungen nichts mehr helfen, da in hiesigen maßgeben⸗ den Kreisen der Abscheu über die Greuelthat des Prinzen ebenso heftig wie allgemein ist. Man nimmt im Gegenteil mit ziemlicher Gewißheit an, daß der Kaiser das auffallend milde Urteil des Kriegsgerichts nicht bestätigen und daß ein zweites Urteil erheblich schärfer ausfallen wird.
Sehr bedrückt durch das Verbrechen seines Vetters zeigt sich der(Zentrums⸗)Reichs⸗ tagsabgeordnete Prinz Franz von Arenberg, der bis her seine mächtige Hand über ihn gehalten hat und nunmehr wegen seiner, wenn auch indirekten Beteiligung an dem neuen Kolonialskandal Bedenken trägt, das Kolonialreferat, das er seit mehreren Jahren im Reichstag übernommen hatte, beizubehalten. Auch soll er, was wir begreiflich fänden, ge⸗ willt sein, die Vorstandschaft der Abteilung Berlin⸗Charlottenburg der Deutschen Kolonial- gesellschaft niederzulegen.“
Daß man den Prinzen anscheinend jetzt fallen läßt, ist ein kleines Zeichen der Besserung. An dem Dr. Peters haben die Kolonialleute bis zum letzten Augenblick trotz seiner grauen⸗ haften Schandthaten festgehalten.
Bessere Krankenfürsorge auf dem Lande.
Einen Antrag mit staatssozialistischer Färbung hat das Zentrum im badischen Landtag ein⸗ gebracht. Der Autrag ersucht die Regierung, in das Budget des großh. Ministeriums des Innern für 19001901 Mittel einzustellen zu dem Zwecke, denjenigen Gemeinden, welche ohne Arzt sind, Zuschüsse zu be⸗ willigen. Diese Zuschüsse sollen mit Gemeinde⸗
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mitteln zusammen dazu verwandt werden, mit benachbarten Aerzten Verträge abzuschließen, wonach dieselben gegen Zahlung einer jährlichen Reisekostenvergütung aus der Gemeindekasse die
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