Ausgabe 
14.1.1900
 
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Nr. 3.

Gießen, Sonntag, den 14. Januar 1900.

7. Jahrg.

Redaktion:

Mitteldeutsche

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Die beste Rüstung Nacht⸗ wächterpolitik?

* Es ist unglaublich, wie viele Nachtwächter auf der Welt kerumlaufen. Trotzdem der nationalsoziale Redakteur Erdmannsdörffer, Verfasser mehrerer Werke von epochaler Be⸗ deutung, kürzlich ganz ausdrücklich festgestellt hat, daß derjenige Nachtwächterpolitik treibt, der die allermodernste Flottenpolitik nicht mit⸗ macht, giebt's immer noch Millionen, die nichts von der Schweinburgerei wissen wollen. Wirk⸗ lich ein klassisches Beispiel für die Richtigkeit des Sprichworts: Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Ja, die Dummheit ist in der That grenzenlos. Ein haarsträubendes Beispiel dafür: Im Jahres- bericht der Hamburger Handelskammer wird gesagt, es sei

die gründliche Bildung der Deutschen auf

wissenschaftlichem und technischem

Gebiete die beste Rüstung sür den wirt⸗

schaftlichen Wettstreit.

Man sollte es nicht für möglich halten! Im Handelskammerbericht einer der mächtigsten Seehandelsplätze der Welt, in einem Bericht, erstattet von der Organisation Hamburger Kauf⸗ herren, die mit der ganzen Welt Handel treiben, solche Nachtwächteransichten.

Es ist unerhört. Herr Erdmannsdörffer ist eine Autorität in puncto Weltpolitik. Seit dem Erscheinen seiner Juden⸗Cholera⸗Broschüre ist sein Ruf für alle Zeiten begründet. Und der Erklärung dieses Mannes gegenüber, daß zur Sicherung alter und neuer Futter plätze in erster Linie neue Kriegsschiffe nötig sind, erlauben sich die armseligen Hamburger Pfeffer⸗ säcke davon zu schwafeln, daß die Hauptsache die wissenschaftliche und technische Durch bildung der Deutschen sei; mit anderen Worten: die Güte und Billigkeit unserer Waren sichere uns die Absatzmärkte.

Also die reinen Nachtwächter. Es ist die höchste Zeit, daß Herr Erdmannsdörffer, der in Marburg nahe dem Schützenpfuhlgraben wohnt, also die Ueberseepolitik aus erster Quelle kennt, baldmöglichst nach Hamburg geschickt wird, um den dortigen Kaufherren Mores zu lehren. Es wird ihm ein leichtes sein, den internationalen Krämern den Nachweis zu liefern, daß es auf die Treffsicherheit der Ka⸗ nonen, auf die Zahl der Kriegsschiffe und auf die Dicke der Panzerplatten viel mehr ankommt, als auf billige, gute Waren Ja, diese ungezählten Dummköpfe, die sich immer noch nicht für die neuen Flottenpläne begeistern wollen! Aber wir wissen, woran es liegt. Die Flotten⸗ und Weltmachtspolitiker agitieren nicht populär, genug. Sie ver⸗ gessen, daß sie sich an ungeschliffene Nachtwächter wenden, denen man schon deutlich kommen muß, wenn man sie überzeugen will, wie dringend Not uns eine große Flotte thut.

Populär müßten die Weltmachtspolitiker reden und schreiben. An drastischen Beispielen müßten sie den Nachweis führen, welche große Bedeutung Panzerschiffe und Kanonen als christliche Kulturhebel haben. Zu Hundert⸗ tausenden würden ihnen dann die Arbeiter Ge⸗ folgschaft leisten. Menschenfreundlich, wie wir

sind, wollen wir den Wassermännern einen Fingerzeig geben, wie sie überzeugend argumen tieren könnten.

Also aufgepaßt: Deutschland ist auf die Ausfuhr industrieller Erzeugnisse angewiesen, ebenso wie es der Einfuhr landwirtschastlicher Produkte bedarf. Wir sind also lebhaft beteiligt an dem großen Weltmarkt, angewiesen auf den Verkehr mit aller Herren Länder.

Das Reich ist auf dem Weltmarkt, was der Geschäftsmann im Kleinen ist. Der Schuh⸗ macher kann keine Stiefeln als Hosen oder Ueberzieher anziehen, er kann auch keine Pan⸗ toffeln essen, er muß seine Schuhwaren ver⸗ kaufen, um seinen Bedarf an Kleidungsstücken, Speise und Trank beschaffen zu können. Dem Tischler, dem Fleischer, dem Bäcker, allen anderen Geschäftsleuten geht es ebenso. Sie müssen ihre eigenen Erzeugnisse verkaufen, um die Produkte anderer erwerben zu können.

Nun glauben unzählige Menschen, daß bei diesem unaufhörlichen Handel, diesem unent⸗ behrlichen Warenaustausch derjenige den größten Absatz findet und die besten Geschäfte macht, der seinen Konkurrenten durch billigere und bessere Waren aus dem Felde schlägt. Das ist eine ganz falsche, nachtwächterliche Ansicht. Ist sie schon irrig im kleinen Geschäftsverkehr, so ganz und gar nachtwächterlich beim Welt⸗ handel.

Nicht die Wohlfeilheit seiner Waren sichert dem Geschästsmann die Kunden, sondern seine Schneidigkeit, durch die er ihnen imponiert, durch die er ihnen Furcht einflößt.

Ein Beispiel aus dem praktischen Leben möge das klärlich beweisen. Im Haushalt des Herrn E. werden die Kaffeebrötchen nicht etwa deshalb von dem Bäckermeister K. bezogen, weil sie besonders gut schmecken und wohlfeil sind, i bewahre. Wer kann nur so nachtwächterlich schlußfolgern. Nein im Vertrauen! Herr E. und viele andere beziehen ihre Brötchen nur deshalb von dem betreffenden Bäcker, weil er einen großen Hund Namens Tyras im Haus⸗ flur stationiert hat, der alle Kunden zähne⸗ fletschend angrinst, als wollte er sagen: unter⸗ stehe dich nicht, zu einem anderen Bäcker zu gehen, sonst zerreiße ich dir die Hosen und kneife dich in die Beine.

So weit, so gut. Die Sache wurde aber für Herrn E. kritischer. Nämlich ein zweiter Bäcker, Herr Y., empfindet die Konkurrenz des Bäckers X. immer mehr. Er faßte einen heroischen Entschluß, er will in ernsthaften Wettbewerb mit X. treten.

Nun werden alle unvernünftigen Nacht⸗ wächter annehmen, der ehrsame Bäckermeister würde jetzt etwas mehr Milch und anstatt der schlechten Margarine gute Naturbutter bei der Herstellung der Brötchen verwenden, um sie wohlschmeckender zu machen. Und um neue Kunden zu erwerben, würde er anstatt der von seinem Kollegen X. für 30 Pfennig gelieferten 10 Brötchen deren 11 geben?

Ja, Kuchen! Der zweite Bäcker ist ein pfiffiger Mann, der längst den Titel Wirklicher Geheimer Ober⸗Kuchenrat verdient hätte, er hat seinen Verstand an der berühmten Juden⸗ Cholera⸗Broschüre geschärft. Er denkt nicht daran, mehr Milch oder gar Naturbutter zu verwenden, um wohlschmeckendere Brötchen

liefern zu können. Dagegen schafft er sich zwei bissige Hunde an, ganz polizeiwidrig gemeine Viecher, sogenannte Doppelnasen mit kreuzweise übereinanderstehenden Zähnen.

Natürlich war Herr E. zunächst in der schlimmsten Verlegenheit. Aber als vernünftiger Mensch wußte er, was er zu thun hatte. Zwar sind die Brötchen des Bäckers Y. abscheulich im Geschmack, es wurden auch wiederholt ganz verdächtige kleine schwarze Pillen darin gefunden, aber du lieber Gott, es wird doch Herrn E. niemand zumuten, daß er sich von zwei Ködern die Hosen zerreißen und die Beine zer⸗ beißen läßt. Man kann sich doch immer noch leichter an dem einen Tyras vorbeischleichen, als an den beiden Doppelnasen des jetzigen Lieferanten Y. Und schlimmsten Falls können doch auch die zwei Köder einmal zu Hilfe kommen, wenn der Thyras die Festigkeit des E. schen Hoseustoffes ausprobieren will.

Nun, weiter brauchen wir die schöne Ge schichte wohl nicht auszumalen. Die Leser werden die Theorie der Flottenapostel begriffen haben. Wie sich die Bäcker die Kundschaft gegenseitig durch große Hunde abjagten und an sich sesselten, so sollen nach dem Rezept unserer Weltmachtspolitiker eisengepanzerte Kriegsschiffe, mit den furchtbarsten Mordwaffen ausgerüstet, uns die Kundschaft in überseeischen Ländern gewinnen. Selbstverständlich müssen wir also mehr Schiffe haben.

Wenn uusere gelben und schwarzen Brüder von Adam her, die sich noch in Afrika, Asien, Australien und anderen, zur Abrundung unseres lieben Vaterlandes so schön geeigneten Gegenden wohlfühlen, nicht unsere Waren, sondern lieber englische oder französische kaufen, so müssen wir ihnen im Interesse der Kultur durch einige wohlgezielte Kanonenschüsse zeigen, wie das ihnen von den Missionaren gepredigte Christen⸗ tum in der Praxis gehandhabt wird. Das müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn durch niedergebrannte Dörfer, durch aufgehängte Männer und mit der Nilpferdpeitsche gezüchtigte Weiber der Bande nicht plausibel gemacht werden könnte, daß sie von uns kaufen muß, daß sie sich von unskultivieren, von uns pachten lassen muß.

Wer zweifelt noch daran, daß wir uns die Bissen am Munde abziehen müssen, um Kriegs⸗ schiffe bauen zu können? Wo sind die Nacht⸗ wächter, die's immer noch nicht begreifen???

Politische Rundschau.

Gießen, 12. Januar.

Der preußische Landtag ist am Dienstag wieder eröffnet worden. In der vom Fürsten Hohenlohne verlesenen Thron rede wurde eine Vorlage betr. die Besteuerung der großen Warenhäuser, sowie die Wieder⸗ vorlegung des abgelehnten Mittellandkanal⸗ projektes angekündigt. Ob jetzt die Junker die Kanalvorlage annehmen werden, ist mehr als zweifelhaft. Zweifelhaft schon deshalb, weil es sich um ein wirkliches Kulturwerk handelt. Sicher dagegen ist es, daß die sogen. Erdrosselungssteuer für die Warenhäuser An nahme findet. Angeblich handelt es sich bei dieser Steuer um den Schutz des Mittelstandes.