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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
. Nr. 20.
mit einer geringen Geldstrafe belegte Redakteur, sondern der Führer der Zentrumspartei Kaplan Das bach, dem eine Reihe Manöver gerichtlich nachgewiesen wurden, die man nicht anders als Gaunerpraktiken bezeichnen kann.
Thüringer Wurst.
Was bei der Thüringer Wurstsabrikation alles zur Verwendung kommt, daräber gab eine Gerichtsverhandlung Aufschluß, die kürzlich vor der Strafkammer in Gera gegen den Wurst⸗ fabrikanten Kaiser stattfand. Dieser war früher von demselben Gerichte wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz zu 150 Mk. Geldstrafe verurteilt worden, weil er das Fleisch einer an Leberschwund und unheilbar hektischer Unverdaulichkeit leidenden Kuh, das zwar nicht gerade gesundheitsschädlich, aber minderwertig und matt von Farbe war, zur Herstellung von Thüringer Cervelatwurst verwendet hatte, indem er einen halben Zentner
dieses Fleisches auf sechs Zentner Schweinefleisch
nahm. Die Wurst hatte er als Primaware zum Engrospreise von 1,10 Mk. pro Pfund verkauft. Auf die vom Angeklagten eingelegte Revision wies das Reichsgericht die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Strafkammer in Gera zurück. In dieser bekundeten die als Sachverständige ge⸗ ladenen Zeugen Fleischermeister H. Weise, Vor⸗ sitzender des Bezirksvereins Sachsen⸗Altenburg und Reuß beider Linien, und Wurstfabrikant Raithel, beide aus Gera, daß öfter„mattes“ Rindfleisch in die Cervelatwurst gemengt werde; das Publikum bekomme trotzdem keine minder⸗ wertige Wurst(), weil für das„matte“ Rind⸗ fleisch mehr Schweinefleisch der Wurst zugesetzt werde, sodaß die Wurst immer guter Qualität bleibe. Auf diese Aussage hin wurde der An⸗ geklagte freigesprochen.(!)— Ueber die Qualität und die Zubereitung der amerikanischen Wurstwaren konnten die agrarischen und anti⸗ semitischen Blätter in der letzten Zeit nicht genug Schauergeschichten erzählen. Sie dürften aber heimischer Wurstlerei auch einige Aufmerksamkeit zuwenden; wie Figura zeigt, sind die Bestand⸗ teile der berühmten Thüringer Wurst auch nicht ganz einwandfrei. Es kommt den guten Leuten aber weniger auf den Schutz der Volksgesundheit, als vielmehr auf die Erzielung wucherischer Fleisch⸗ preise an.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
Marburg, 10. Mai.
W. National⸗Soziales. Am 9. Mai tagte im Lokale des Herrn Hoeck eine vom national“ sozialen Verein einberufene Versammlung mit dem Thema„Die Politik der Bündler und die Flotte.“ Referent war Herr v. Gerlach⸗Berlin. Anwesend waren 75—80 Personen, zum größten Teile Studenten. Die Arbeiter Marburgs hatten es vorgezogen, die National⸗Sozialen diesmal unter fich zu lassen. Die Bürger Marburgs sind nun einmal aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit nicht herauszubringen, sie waren nur in einigen rühmlichen Ausnahmen vertreten. Wohl verstehen die hiesigen Bürger es, Bierbank⸗Politik zu treiben, über die Verteuerung der Lebensmittel und die vielen Steuern zu räisonnieren, aber sich aufzuraffen, und am öffentlichen politischen Leben mit teilzunehmen, das wäre zu viel verlangt. In 1½ stündiger Rede unternahm es Herr v. Gerlach die Politik des Bundes der Landwirte einer scharfen Kritik zu unterziehen. Er streifte besonders die Verhandlungen des hier kürzlich abgehaltenen Provinzialtages des Bundes. Nach dem Bericht im hiesig en Amtsblatt müßte man an⸗ nehmen, als er auch in die Diskussion eingriff, es ihm mordsschlecht ergangen sei. Dem sei aber nicht so, und wenn der Bund 1 Buren gefangen hätte, so brauchte er noch keine Triumphgesänge anzustimmen. Hier sei der Bund sehr stark vertreten und ob derselbe eine Macht sei, darüber seien die die Anfichten geteilte. Heute seien es in der politischen Bewegung nur drei Grup en, welche energisch Agitation trieben, die Sozaldemokratie, das Zentrum und der Bund der Landwirte. Bei den nächsten Handelsverträgen werde es sich zeigen, ob eine Agrarpartei am Rnder sei und die Konservativen verdränge, ob Deutschland Heimatpolitik oder Weltpo⸗ litik treiben soll. Redner bespricht dann den Wunschzettel der Agrarier, hierbei betonend, daß durch die Forderungen, welche diese an die Regierung stellen, durch die Zölle auf alle möglichen Lebens- und Konsummittel für die breite Masse des Volkes die Folgen auch nicht ausbleiben werden; die größte Mehrzahl des Volkes wird hier⸗ von schwer betroffen. Die Erhöhung der Zölle sei eine Schraube ohne Ende. Nach diesem Standpunkt der Heimats⸗ politik müßten die Bündler Gegner der Flotte, Gegner
der Weltmachtspolitit sein. Bekannt sei ja, daß Dr. Hahn erklärte, daß die Flotte etwas gräßliches sei, für diesmal würden die Bündler noch für die Flottenver⸗ mehrung sein, aber die Regierung müßte Konzessionen machen. Der Widerstand der Bündler gegen die Flotte sei ja bekannt. Die Bündler bildeten ein Hindernis für die zukünftige Weltmachtspolitik Deutschlands. Darum: Keine Erhöhung der Zölle, kein Fleisckeinfuhrverbot. Die Politik der Bündler muß so bekämpft werden wie die Politik der Sozialdemokratie. Die Arbeiter müßten für die Flotte gewonnen werden(wird schwer halten), ohne diese sei keine Weltmachtspolitik möglich. Eine Resolution, welche sich gegen die agrarischen Forderungen ausspricht und Böckel auffordert, für die Flottenvorlage zu stimmen, wird gegen zwei Stimmen und einigen Stimmenthaltungen angenommen. Eine Diskussion fand nicht statt.— Anerkannt muß werden die sachliche, aber vernichtende Kritit, weiche Herr v. Gerlach der Politik des Bundes der Landwirte zuteil werden ließ, und können diese Ausführungen bis auf die Darlegungen, durch welche Herr v. Gerlach die Notwendigkeit der Flottenvermehrung glaubte nachweisen zu können, von jedem Sozialdemo⸗ kraten unterschrieben werden.
* Marburg. Höhere Bildung. Studenten gerieten mit Schülern einer hiesigen Lehranstalt in Streit. Letztere flüchteten, um den Mißhandlungen von Seiten der Studenten zu entgehen, in ein Restau rant. Diese verfolgten sie jedoch auch dahin, wo der Krakehl fortgesetzt, Fensterscheiben eingeworfen und auch der Wirt durch einen Wurf am Kopfe verletzt wurde. Der Wirt hat Strafantrag gegen die Studenten wegen Haus⸗ friedensbruch, Körperoerletzung usw. gestellt und soll das Verfahren bereits tingeleitet sein. Groder Uusug von diesen Leuten verübt, wird indessen erfahrungsgemäß nicht sehr hart bestraft. g
** Ortskrankenkasse Marburg. Am 26. April fand in der Aula der alten Real⸗ schule unter schwacher Beteiligung der Delegierten als auch der Mitglieder die diesjährige Früh⸗ jahrs⸗Generalversammlung der Marburger Orts⸗ krankenkasse statt. Die Jahresrechnung pro 1899, welche von dem Rendanten Nückel vorgelegt wurde, stellt sich wie folgt: Einnahme: Kassen⸗ bestand am 1. Januar 376,50 Mk.; Zinsen von Kapitalien 708,46 Mk.; Eintrittsgelder 795,—; Beiträge 40 223,50; Ersatzleistungen 612,38; sonstige Einnahmen 159,97; insgesamt 42 875,81. Ausgabe: Aerztliche Behandlung 7551,95; Arznei und Heilmittel 5232,84; Krankengelder 14 735,66; Sterbegelder 585; Wöchnerinnen⸗Unterstützung 12,—; Kur⸗ und Verpflegungskosten an Kliniken 3586,25; Ersatzleistungen 652,64; Kapitalanlagen 6708,46; Verwaltungsausgabe a) persönliche 2960,82, b) sächliche 607,98; sonstige Ausgaben 128,35; insgesamt 42 763,05. Als Bestand bleiben demnach 112,76 Mk. Dem Reservefonds konnten im Laufe des Jahres abermals 6700 Mark zugesührt werden, somit besteht das Kassen⸗ vermögen, welches bei der hiesigen Sparkasse an⸗ gelegt ist, zur Zeit aus 28 492,07 Mk., woraus hervorgeht, daß die Kasse recht gut fundiert ist und voraussichtlich im Laufe des Jahres der Reservefonds die vorgeschriebene Höhe erreicht haben wird. Der durchschnittliche Mitglieder⸗ bestand beträgt 3000, angemeldet wurden im Laufe des Jahres 3651 Mitglieder. In den Kliniken wurden verpflegt 156 Mitglieder. Sterbegeld wurde ausgezahlt in 15 Fällen. Der Geschäftsverkehr auf dem Kassenbureau wird immer größer; er betrug durchschnittlich pro Tag 56 Personen.— Von Seiten des Vor⸗ sitzenden wurde noch darauf hingewiesen, daß das neu eingestellte Personal binnen drei Tagen zur Kasse anzumelden sei. Verschiedene Arbeit⸗ geber hatten empfindlich hohe Ersatzleistungen wegen versäumter Anmeldungen zu zahlen. Zum Schluß erläuterte der Rendant Nückel noch die wichtigsten der neuen Bestimmungen des Invaliden⸗ versichecungsgesetzes.
Kleine Mitteilungen.
* Gießen. Die Enthüllung des auf dem Markt⸗ platze errichteten Kriegerdenkmals erfolgte am Donnerstag Vormittag unter großem, bei solchen Ge⸗ legenheiten üblichen Schaugepränge. Der Himmel machte ein sehr griesgrämiges Gesicht; und die obligate„freudig bewegte Menschenmenge“ schaute ziemlich trübselig und fröstelnd drein. In den gehaltenen Reden wurde das Menschenmögliche in den Versicherungen der„Treue zu Fürst, Kaiser un) Reich“ geleistet. Stadtverordneter Kirch erhielt einen Orden.
** Sittlichkeits verbrecher aus der „besseren Gesellschaft“. Nach fünf⸗ tägiger Verhandlung verurteilte das Landgericht in Hamburg den dortigen Rechtsanwalt Dr. May jun., Sohn eines der angesehensten Bürger⸗ schaftsabgeordneten, wegen 93 Sittlichkeits⸗
verbrechen an Kindern, unter Annahme
mildernder Umstände, zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust.
r Du füllt Pfarrer Pieper in Neunkirchen warde am Sonntag verhaftet. Er ist beschuldigt, 26 000 Mk. Gelder des Gustav Adolf⸗-Vereins, die zu Kirchenbauzwecken dienen sollten, unter⸗ schlagen zu haben. Die Unterschlagungen sollen Jahre lang zurückdatieren.
* Aus dem frommen Bayern. Das Schwurgericht in Straubing verurteilte den Knecht Hölzlwimmer wegen Ermordung des Bauern Eckereder zum Tode. Die Frau des Ermordeten, mit welchen Hölzlwimmer ein Ver⸗ hältnis unterhielt, hatte ihn im Verein mit ihrer Stiefmutter und Schwester zu der That über⸗ redet. Die zärtliche Gattin erhielt 15 Jahre, ihre beiden Mitschuldigen sechs und fünf Jahre Zuchthaus.
Arbeiterbewegung.
Frankfurt. Am Montag legten mehr als 1000 Holzarbeiter die Arbeit nieder. Seitdem erhielten etwa 400 die Forderungen: neunstündige Arbeitszeit, 20 pCt. Lohnzuschlag, Sicherstellung des Akkordarbeiter⸗ tagelohnes, 33 ½ bis 50 pCt. Zuschlag für Ueberstunden bewilligt und arbeiten zu den neuen Bedingungen. Ein großer Teil der Ledigen ist abgereist.
Partei- Hachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, 13. Mai: Großen⸗Liudeu. Versammlung aller nichtgewerb⸗ lichen Arbeiter. Näheres durch Plakate! Zahlreiches Erscheinen der Arbeiter von Großen-Linden und Leih⸗
gestern notwendig. 5
Aus Leihgestern haben wir die traurige Nachricht mitzuteilen, daß am 1. Mai der Veteran der dortigen Sozialdemokraten Genosse Konrad Seipp im hohen Alter von 72 Jahren gestorben ist. In ihm verlieren wir einen rührigen, mit außerordentlich reichem Wissen begabten Kämpfer, die Genossen in Leihgestern einen weisen Führer und Berater. Möge ihm die Erde leicht sein; ein gutes, ehrendes Andenken ist ihm gewiß.
An die Parteigenossinnen und Genossen im Bezirk Alsfeld⸗Lauterbach⸗Schlitz!
Auf der vorjährigen Kreislonferenz in Lauterbach wurde beschlossen, eine gemeinsame Maifeier für den ganzen oberen Bezirk des Wahlkreises in diesem Jahre in Schlitz abzuhalten. Da es noch in letzter Stunde unmöglich wurde, das Fest in Schlitz abzuhalten, findet dasselbe am Sonntag, den 13. Mai in Lauterbach im Lokale des Herrn Keutzer statt. Reichstagsabg. W. Schmidt(Frankfurt) wird hierbei die Festrede halten. Das Komitee wird alles aufbieten, um diese Feier zu einem wahren Volksfest zu gestalten, und so richten wir an alle Genossinnen und Genossen des Be⸗ zirkes das dringende Ersuchen, sich recht zahlreich an der Feier zu beteiligen und zu zeigen, daß auch in Ober⸗ hessen unseren Gegnern zum Trotz die Maifeier mit jedem Jahre imposanter sich gestaltet. Erinnerungskarten mit der Arbeiter⸗Marseillaise sind bei allen bekannten Genossen zu haben und wolle man dieselben sichtbar tragen. Also auf nach Lauterbach am nächsten Sonntag zur gemeinsamen Maifeier!
Der Kreisvertrauens mann: Dechert⸗Alsfeld.
Anterhaltungsteil.
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Für Freunde der Todesstrafe.
Es sind jetzt zwanzig Jahre her, daß Hamil⸗ ton Duke mein Klient wurde. Es war nicht zu verwundern, daß er sich gerade an mich wendete, denn ich war nicht nur einer der erfolgreichsten Rechtsanwälte, sondern nahm auch eine einfluß⸗ reiche Stellung in der Gesellschaft ein. Doch trotzdem ich so lange sein Berater in allerlei Zivil⸗Prozessen gewesen, übernahm ich doch sehr ungern seine Verteidigung in dem Straffalle, von welchem nun die Rede sein soll, weil er in diesem Falle mein Gefühl gegen sich hatte, weil ich überzeugt war, daß er thatsächlich den Mord an seiner Gattin begangen hatte, dessen er an⸗ geklagt war. Es gab viele Gründe, welche mich
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