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Nr. 46.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
briefe aus China ab, welche die von den deut— schen Soldaten verübten Grausamkeiten schil—
Briefe, weil— sie in sozialdemokratischen Blät— tern veröfsentlicht wurden. Dann fügt er hinzu:
Uebrigens sehen wir gar nicht ein, wa rum man mit dem Gesindel sanft um⸗
0 springen soll, das wehrlose Frauen
und Kinder schändet, martert und wie das 1 Vieh abschlachtet. Das aber haben die Chi—
nesen in hunderten von Fällen gethan.
Bemertt sei, daß bisher die sozialdemokra— lischen Blätter mehr Wahrheitsliebe an hen Tag gelegt haben, als die Reptilpresse. Dann haben Keumer des Chäuesenvolkes— selbst deutsche Beamte— dieses als sehr fried⸗ liebend geschildert und nach glaubwürdigen Berichten sind die vorgekommenen Ausschrei⸗ tungen erst nach vorherigen Provokationen seitens der Fremden erfolgt. Für die„Huma— nität“ und den schsristlichen Geist des Blattes sind seine obigen Aeußerungen aber höchst bezeich— nend. Solche barbarische Praltiken verthei— digt ein Blatt, das fast in jeder Nummer von Frömmigkeit trieft! Da sind wir„Heiden“ doch noch bessere Menschen! Bauernbündler auf Agitation. Agitatoren des„Bundes der Landwirthe“ machten in letzter Zeit die Dörfer in der Um— gebung von Gießen und Wetzlar unsicher, um Mitglieder zu werben, damit durch deren Bei— träge die Bundeskasse gefüllt wird. Nach dem, was uns von mehreren Seiten mitgetheilt wird, bürfte der Fischzug jedoch äußerst mager ausgefallen sein. Unsere Kleinbauern zeigten burchaus keine Lust, ihre Groschen für die In— teressen der preußischen Junker zu opfern.—
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In Emrichenhain konnte die Versammlung
gar nicht stattfinden, weil Niemand erschienen par. In Rehe machten sich 15—20 Mann das Vergnügen, ein Brodwucherprogramm entwickeln zu hören, welche Aufgabe ein Herr Buchner aus Mainz so gut als möglich zu lösen suchte. Dieser gute Mann ließ an der Handelsvertrags— politik Caprivi's kein gutes Haar, während er die Schutzzollpolitik des„eisernen Kanzlers“ Bismarck in den Himmel hob. Wenn nicht der acht Mark⸗Zoll bewilligt würde, ginge die Land— wirthschaft unweigerlich zu Grunde. Nur der Bund der Landwirthe könne, sie davor retten. Die Sozialdemokraten wollten nur den Bauern- stand möglichst schnell ruiniren, damit er bald ins Proletariat hinabsinke und so für ihre Ideen leichter zugänglich sei.(Das besorgen bekanntlich die Kraut- u. Schlotjunker.) Auch die Freisinnigen tauchten nichts, sie verträten nur die Interessen jüdischer Spekulanten, die auch mitschuldig an den niederen Preisen ländlicher Produkte wären. Aber der Bund habe schon viel für die Bauern gethan, weshalb die An— wesenden alle beitreten sollten, die ganze schöne Sache koste nur 2 Mark! Genosse Thomas trat diesen Ausführungen entgegen. Er wies darauf hin, daß in Deutschland nicht genügend Brodfrüchte erzeugt werden können, um das Volk zu ernähren, deshalb müssen wir Getreide bom Ausland einführen. Ein hoher Zoll schä⸗ dige den weitaus größten Theil der Bevölke— kung, während sich wenige Großgrundbesitzer die Taschen füllten. Jüdische Wucherer und Speku⸗ lanten möchten wohl schlimm sein; gefährlicher über wären noch die Kanitz, Wangenheim, Hahn isw., die für jede brutale Unterdrückungsmaß⸗ regel der Arbeiter, für Umsturz- und Zuchthaus⸗ gesetz zu haben wären.— Hierauf sagte der Bauernbündler, ganze Strecken Land lägen brach infolge der Leutenoth, es läge im Interesse der gesammtheit, daß diese bebaut würden. Thomas erwiderte, wenn von Seiten der großen Grund- besitzer die Leute behandelt und bezahlt wür— ben, wie es sich gehörte, bekämen sie Arbeits⸗ sräfte in Hülle und Fülle. Mitglied des Bundes vurde kein einziger der Versammelten.— Auch n Krofdorf ackerte vorige Woche ein Bun⸗ besagitator, Herr Riehl aus Erfelden, der in ber von 26 Mann besuchten Versammlung ähn— iches wie sein Kollege vorbrachte, und noch inige Ungereimtheiten mehr. Getreu dem, Bei⸗ piele des Grafen Kanitz trat dieser Agitator für die Doppelwährung ein. In Krofdorf be— ingen drei Anwesende die Unklugheit, dem Bunde der Landwirthe beizutreten. Aus Friedberg. 5
In der Nacht vom Montag auf Dienstag er—
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dern und bezweifelt zunächst die Echtheit der
Groß-Karben.
schoß ein Gehülfe des Barbiers Förder, der aus Gießen gebürtige Karl Appel den Lehrjun— gen und dann sich selbst. Ein zurückgelassener Zettel des Appel besagt, er habe den Lehrling aus Unvorsichtigkeit erschossen und aus Ver— zweiflung darüber die Waffe gegen sich gekehrt. Der Lehrling heißt Strauß und stammt aus
Bei der am 1. Nov. stattgehabten Löh— nung der hiesigen Eisenbahner wurde eine Liste für den Flottenverein aufgelegt und jeder Einzelne besonders darauf aufmerksam gemacht. Der Zweck war natürlich ein sehr durchsichtiger. Die Arbeiter sollen aber sehr verdutzte Gesich— ter gemacht haben, als sie von ihren knappen Löhnen sich selbst einen Abzug machen mußten.
Die Arbeiter sollen doch eine derartige un— gehörige Beeinflussung einfach zurückweisen.
Rödgen bei Nauheim.
Am vergangenen Sonntag tagte hier eine gut besuchte öffentliche Versammlung, in der Gen. Busold-Friedberg über die„Weltmachts— politik und Chinawirren“ referitte. Daß die Versammlung mit den streng verurtheilenden Standpunkte des Referenten einverstanden war, bewies die Annahme einer Resolution, die im Sinne der Ausführungen des Referenten war. Außerdem beschloß die Versammlung die Grün- dung einer Filiale des Kreiswahlvereins.
Ein eigenes Heim haben sich unsere Genossen in Offenbach ge— schaffen. Am vergangenen Sonntag erfolgte un— ter zahlreicher Betheiligung der Offenbacher und auswärtigen Arbeiterschaft die Eröffnung des Saalbaues. Abg. Ulrich hielt die Festrede, in der er mit feurigen Worten zum Festhalten an unseren Idealen und zum Aus!
harren im proletarischen Kampfe aufforderte. Nach den Mittheilungen unseres Offenbacher
Parteiblattes beträgt die bebaute Fläche 920 Quadratmeter. Das Gebäude, namentlich der geräumige Saal, ist geschmackvoll gehalten und in jeder Beziehung zweckentsprechend eingerich— tet.— Für unsere Freunde in Offenbach er— wächst nunmehr die Aufgabe, das Errungene zu erhalten und noch weiter zu vervollkommnen. Mehr Schutz für Arbeiterinnen!
Unsittliche Attacken eines Arbeitgebers auf mehrere in seinem Betriebe beschäftigte Arbei— terinnen kamen vor dem Schöffengericht in Berlin zur Sprache. Wegen wiederholter thätlicher Beleidigung hatte sich der Buchdrucke— reibesitzer Louis Mosler zu verantworten. Durch die Verhandlung wurde festgestellt, daß sichder Angeklagte in fünf Fällen gegen eine bei ihm beschäftigte Frau W. durch unzüchtige Berührungen vergangen hat. Der Staatsan- walt geißelte das Verhalten des Angeklagten scharf und beantragte gegen ihn eine Gel d⸗ strafe von 1300 Mark, während Rechts- anwalt Liebknecht, als Vertreter der Ne— benklägerin, das Verfahren dieses Arbeitgebers für ganz unentschuldbar erachtete und die Ver— hängung einer Gefängnißstrafe beantragte. Der Angeklagte selbst leugnete jede Schuld, sein Ver⸗ theidiger, Justizrath Kleinholz, glaubte, daß nur eine augenblickliche sinnliche Aufwallung ihn zu den Ungehörigkeiten getrieben habe. Das Schöffengericht war der Ansicht, daß in diesem Falle eine Geldstrafe nicht am Platze sei. Wenn ein ungebildeter Arbeiter— so verkündete der Vorsitzende— sich in solch unsittlicher Weise vergehe, so werde er in das Gefängniß gesteckt. Es liege gar kein Anlaß vor, mit dem Ange— klagten anders zu verfahren. Im Gegentheil sei es um so strafwürdiger, wenn sich ein Mann, der den gebildeten Klassen angehören wolle und dem als Arbeitgeber immerhin ein gewisses Gewaltverhältniß gegen seine Arbeiter zusteht, zu solchen unsittlichen Exzessen hinreißen lasse. Der Gerichtshof hat deßhalb auch auf vier Wochen Gefängniß erkannt.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 8. Novbr.“
Einbruch. Am Sonntag Abend, während sich die Spitzen unserer löbl. Polizei im The—
ater im Museum befanden, wurde dicht neben— an, im Gebäude der Kleinkinderschule in der Schulstraße ein Einbruch verübt. Der Dieb scheint sehr lokalkundig gewesen zu sein, denn er benutzte die Abwesenheit der Bewohner zu seinem Werke, indem er nach Einsteigen durch ein Fenster die Füllung der Stubenthür ausge—⸗ sägt hatte und so ins Wohnzimmer gelangt war, wo er Geld und andere Sachen geraubt haben soll. Er wurde aber verscheucht und auf der Straße von zwei Jägern verfolgt, war aber plötzlich spurlos verschwunden. Die sofort be— nachrichtigte Polizei erschien alsbald, konnte aber des Thäters nicht mehr habhaft werden.
Schwurgericht. Am Dienstag nahmen unter dem Vorsitz des Herrn Landgerichtsrath Wurzer die Verhandlungen vor hiesigem Schwurgericht ihren Anfang. Der erste Fall betraf einen Straßenraub. Der 26jährige Schmiedegeselle Alex Zim pelmann aus Mitterteich i. d. Oberpfalz hatte eines Abends im Mai ds. Is. seinen Begleiter, den Zimmer- meister Thomas Heibel aus Breitenbach auf der Straße nach Oberjossa niedergeschlagen und ihn seiner Baarschaft beraubt. Er wurde zu 5 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus und Stel— lung unter Polizeiaufsicht verurtheilt.
Am Mittwoch wurde gegen den 39jährigen Feldhüter Ludwig Klingelhöfer von Lan— genstein wegen Todtschlags verhandelt. Der— selbe behauptet aus Nothwehr gehandelt zu ha— ben, indem er von dem als Wüterich bekannten Arbeiter Konrad Schneider zu Langenstein öfters mit Todtstechen usw. bedroht worden sei. In der Nacht vom 6. zum 7. Juli d. Is. wurde ein Fenster seiner Wohnung aufgestoßen und Schneider versuchte unter allerlei Drohungen einzusteigen. Klingelhöfer ergriff nun einen be— reitliegenden Revolver und schoß, nachdem er den S. vergeblich zum Zurückweichen aufgefor— dert hatte. Die Kugel drang durch den Hals in die Lunge und verursachte den Tod des Schneider. Klingelhöfer wurde freigespro— che n.—
Donnerstag wurde gegen den Adam Stemm— ler aus Oberhülsa wegen Meineid verhandelt.
Theater. Das Dresdener Schauspiel⸗ Ensemble s gab am Dienstag Abend seine Ab— schiedsvorstellung. Die Leistungen der Künst— ler sind ganz vorzügliche. Leider war es bei den hohen Eintrittspreisen den Leuten aus dem Kleinbürger- und Arbeiterstande nicht möglich, die Vorstellungen zu besuchen. Der geringste (Steh)-Platz kostete 1 Mk.— Am Freitag vorige Woche fand zwar eine Vorstellung„die Ehre“ zu Ausnahmspreisen(letzter Platz 60 Pfg.) statt. Allein welcher Arbeiter kann es sich am Frei— tag Abend noch leisten, ins Theater zu gehen? Hoffen wir, daß die Direktion bei ihrem näch— sten Gastspiel, welches, wie wir hören, im Febr. n. J. beginnen soll, an Sonntagen sogen. Volks- vorstellungen mit kleinen Preisen, wie in Gie— ßen, veranstalten werde.
)(Versehentlich war in der letzten Nr. das Zeichen „W.“ stehen geblieben.)
Versammlungs⸗Kalender.
Samstag, 10. November.
Gießen. Sozialdem. Wahlverein Versammlung abends 9 Uhr bei Orbig.
Montag, 11. November.
Gießen. Tapezierer. Abends 9 Uhr: lung bei Lob.
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Gießener Stadttheater
Sonntag, den 11. November 1900 Nachmittags 4 Uhr: Auf vielseitigen Wunsch, zum 3. und letzten Male: Die Weber. aus den vierziger Jahren, in 5 Akten von Gerhardt Hauptmann.„ Abends 8 Uhr: Einmaliges Gastspiel des ersten Komikers am Cölner Stadttheater, Herrn Hans Portz: Lumpaei⸗Vagabundus oder Das liederliche Kleeblatt. Posse mit Gesang in 3 Akten von Nertroy.
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