Ausgabe 
11.11.1900
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 46.

nahme ganzer Länder zu nehmen, ist doch un⸗ erhört. Und in der Kriegführung übertrumpft man den Etzel, wie aus Soldatenbriefen hervor- geht. Da schreibt einer:

Wir nahmen 76 Chinesen gefan⸗ gen, banden sie mit den Zöpfen zu⸗ sammen und nahmen sie in unsere Mitte. Und so mußten sie mit. Nun hieben einige rohe Burschen unbarmherzig darauf los, daß das Blut aus dem ganzen Körper hervorquoll. Schrecklich war das. Ich stand gerade Posten vor den Gefangenen, be theiligte mich aber nicht daran, denn so eine Rohheit würde ich nicht verantworten können. Nach dem Essen wurden sie alle zum Tode verurtheilt durch Erschießen, wozu auch ich kommandirt war. Als sie zur Nicht⸗ stätte marschirten, liefen zwei weg. Acht ganz junge Chinesen blieben am Leben. Die an⸗ deren 68 Stück wurden erschossen. Zwölf bis fünfzehn Schritt mußten wir uns aufstellen, vier Mann auf einen Chinesen, und aufLegt an! war alles ein Gewinsel um Gnade. Aber da kam dasFeuer! Da war alles aus. Wir hörten nur noch ein Stöhnen und Aechzen, denn Jeder war von vier Kugeln durchbohrt worden und sie fielen rück- wärts ins Grab, welches sie vorher selber graben mußten. So endeten die 68 Chinesen. Und dieser Sonntag den 26. August 1900 in Peking wird mir un- vergeßlich bleiben.

Und ein anderer sagt:

Wie es hier jetzt während des Krieges zu geht, liebe Mutter, 15 mir unmöglich zu schreiben, denn so ein Gemorde und Ge⸗ schlachte ist geradezu toll, was da⸗ her kommen soll, weil die Chinesen außerhalb des Völkerrechtes stehen, weshalb auch keine gefangen genommen werden, sondern Alles wird erschossen oder um die Patronen zu sparen, sog ar erstochen. Am Sonntag Nachmittag haben wir 71 Gefangene mit dem Bajonett erstechen müssen. Es war grausam und nicht zu schildern, wie es der Wirklichkeit entsprach. Laß mich schließen in der Hoffnug, daß es nicht mehr so lange dauert, denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder man vergißt es, ob man einmal Mensch war.

Man bedenke die Folgen! Die Leute müssen

verwildern, zu Bestien werden; es ist ein Rück⸗ 15 in die Barbarei! Dadurch wird sich unaus⸗ öschlicher Haß bei den Chinesen festsetzen. Man will Kolonialarmeen bilden. Sollen die Leute in ungesunden Gegenden sich Fieber und Krank heit holen und dann bei uns einschleppen? Da⸗ gegen müssen wir protestiren. Durch Scheuß⸗ lichkeiten, wie die in dieser Zeit verübten, för⸗ dert man den Welthandel nicht. Wir wollen letzteren auch, wollen nicht die Güter entbehren, an deren Gebrauch wir gewöhnt sind. Aber ehrlich muß es zugehen. Es darf der Weiße im Völkerverkehr nicht den anderen über die Ohren hauen. Die Kolonialhelden Leist, Wehlan, Schröder und der neueste, Prinz Arenberg, haben uns vor dem Auslande diskreditirt. Welche Rohheiten trieben diese Menschen in den Kolonien, während sie vorher als sogenannte Gebildete geschniegelt bei Hofbällen auftraten und geringschätzig auf den ehrlichen Arbeiter herabblickten. Gegen alle diese Dinge muß Front gemacht werden! Es kostet unser Geld! Aller dings hat jetzt die Flottenagitation etwas nach⸗ elassen gegen früher, wo alle möglichen Leute Flottenverträge hielten. Alles dies kostet Geld. Woher kam das? Wir erinnern uns noch des schönen von oben herunter empfohlenen Gesetz chens, die Zuchthaus vorlage. Für die schmählich oerscharrte Vorlage wurde auch eine Riesenagitation entfaltet, massenhaft Druck sachen verbreitet, Schundprodukte aus der Fa⸗ brik des Pastors Hülle. Auch Arbeitern wur⸗ den die gelben Hefte aufgedrängt, nicht immer können sie solch Zeug ablehnen, haben auch schließlich zweckmäßige Verwendung dafür. Damals fragte derVorwärts, woher kommt das Geld? Jetzt weiß man's. Wir wußten ja längst, daß die großen Leute, Kraut⸗ und Schlotjunker gute Beziehungen mit den durch den Brief Bueck's heraus; dadurch ist Ministern halten. Wie's gemacht wird, stellt sich direkte Parteilichkeit der Regierung nachgewiesen. Der Bund der Industriellen ist eine mächtige Organisation, besitzt riesigen Ein⸗ fluß, hat die Minister in der Hand. Dort sitzen die Herren, die uns in kriegerische Verwicke⸗ lungen drängen, um ihr Geschäft dabei zu

machen. Solcher Korruption muß entgegen getreten werden! Ein großer Theil des Volkes ist viel zu faul, es müßte mehr Antheil an der allgemeinen Politit nehmen. Ohne nach den Gründen zu fragen, darf das Volk nicht solche Opfer an Gut und Blut auf sich nehmen. Läßt es sich's gefallen, wird ihm noch übler mit⸗ gespielt. Keine bürgerliche Partei rührt sich, nur die Sozialdemokratie kämpft für die Volksrechte und Kultur! Pflicht jedes Bürgers und Arbeiters ist es, diese zu unterstüßzen. Unsere Presse ist noch viel zu wenig verbreitet. Möge der inlernationale Kongreß mit dazu bei⸗ getragen haben, unsere Bestrebungen und Ideale den Männern und Frauen der Arbeit näher zu bringen, sie zur Mitarbeit veranlassen. Wir wollen Gerechtigkeit, Arbeit, Wohl⸗ stand, Frieden für Jeden. Um dies Ziel zu erreichen, müssen wir unablässig thälig sein! %%

Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten.

Die Kohlennoth war in der Stadtver⸗ ordnetenversammlung am Donnerstag Gegen- stand der Erörterung. Von mehreren Seiten war das Ansinnen an die Stadt gerichtet wor den, Kohlen anzukausen und zum Selbstkosten⸗ preise an Minderbemittelte abzugeben. In die sem Sinne war eine Eingabe des sozialdemo lratischen Wahlvereins gehalten, vorher hatten einige Stadtverordnete ähnliche Maßnahmen angeregt. Diese Anregungen waren in der Kom mission für Beschaffung von Heizmaterial vor⸗ berathen worden, welche empfiehlt, die in dieser Richtung gestellten Anträge abzulehnen dagegen Kohleneinkaussgenossenschaften durch Gewährung von Vorschüssen oder unentgeltliche Hergabe von Lagerpläten zu unterstützen. Die Kommission bezweifelt überhaupt, daß es mög lich sei, Kohlen zu bekommen. Stadtv. Orbig trat entschieden dafür ein, daß die Stadt Maß⸗ nahmen ergreife, um einen Nothstand, der that sächlich vorhanden sei und der sich noch ver- schärfe, wenigstens zu mildern. Diese Ansicht vertrat auch Stadtv. Hanauer und andere. Der Antrag der Kommission wurde mit großer Mehrheit abgelehnt und beschlossen, steäd t i scherseits Kohlen zu beschaffen. Zur Durchführung des Beschlusses wurde auch so sort das Nöthige veranlaßt und einer Kommis sion das Weitere übertragen. Zugegeben muß werden, daß mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden sind; richtig mag auch sein, was ein Stadtv. bemerkte, daß selbst die Stadtver⸗ waltung dem Kohlensyndikat gegenüber ohn mächtig sei, trotzdem meinen wir, die Stadt ist in diesem Falle verpflichtet, alles nur Mögliche zur Verhütung eines Nolhstandes zu thun. Vorher wurde beschlossen, die Preise für Coks zu erhöhen, an Familien mit einem Einkom- men unter 1500 Mark aber zu den bisherigen Preisen zu verkausen.

Volksversammlung. Auch in Gießen waren, wie vorauszusehen, eine große Anzahl Zuhörer zu dem Vortrag des Genossen David erschienen. Stände uns ein geeignetes Lokal zu Gebote, würde selbstverständlich die Betheiligung an solchen Versammlungen eine noch größere sein. Der Redner erntete für seine beinahe zweistündigen, interessanten und belehrenden Ausführungen stürmischen Beifall. Eine Diskussion wurde nicht beliebt.

Gießener Stadttheater. Die We⸗ ber. Nicht zum ersten Mal überhaupt, aber zum ersten Mal mit den Mitteln der modernen reali stischen Kunst, die nicht beschönigend verhüllt, sondern darstellt, was ist, wenn auch in dichte- risch abgerundeter Form, hat der junge schlesische Dichter Gerhart Hauptmann 1890 Arbeiter- kämpfe, und zwar hier den schlesischen Weber aufstand von 1844, den sozialen Vorläufer von 1848/49, dramatisch in seinem Schauspiel ge⸗ schildert. Neu war auch, wenigstens für Deutsch⸗ land, daß das Stück keinen persönlichen Haupt⸗ helden hatte, sondern daß das Volk in seiner Masse der Held war. Im ersten Akt tritt es uns in vielerlei Gestalten in seiner ärgsten Be⸗ drückung, im Comptoir des Fabrikanten beim Abliefern der Waare entgegen. Im zweiten Akt lernen wir es in der elenden Weberhütte bei

der Arbeit selbst kennen, und der vom Militär

kommende Urlauber wirft den ersten Keim der Rebellion in die Herzen. Im dritten Akt beobach⸗ ten wir die rebellisch gewordenen Weber im Wirthshaus; ein Berliner Handlungsreisender, der Gensdarm, der herrschaftliche Förster, der egoistische Handwerker bilden wirksame Gegen stücke. Im vierten Akt, dem Höhepunkt, wird die Fabrikantenwohnung auf der Bühne ge stürmt. Der Geistliche ist der rathlose Helser des Kapitals. Der letzte Akt führt uns in die Hütte des gottesfürchtigenzufriedenen We bers, und gerade er wird am Webstuhl erschossen,

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als das Militär die Rebellion auf der Straße

niederschlägt. So läßt uns Hauptmann den Helden, das leidende, unklare Arbeitervolk von 1844 von allen Seiten, in seinen traurigen Schwächen und schönen Leidenschaften, in seiner Gemüthlichkeit und seinem rathlosen Zorn sehen. Und dieses Stück hat man in den zehn Jahren seit seiner Entstehung dutzendsach verboten, zen⸗

surirt, dem Volle wenigstens an Sonntagen vor⸗

zuenthalten versucht(Frankfurt a. M.). Wahr⸗ lich, das sieht aus, als wünschte man, das Volk von heute möchte die dummen Putsche von vor 0 Jahren wiederholen! Man weiß warum! Die Dar stellung war im Allgemeinen echt gut. Alle Milwirlkenden waren bestrebt, das Beste zu leisten. Einige tadeluswerkthe Klei nigteiten werden entschuldigt dadurch, daß die Mittel, mit denen gearbeitet werden muß, für

solche Stücke durchaus unzulänglich sind. Wir

können unseren Freunden nur empfehlen, die Vorstellung zu besuchen. Die Theaterleitung macht bekannt, daß das Stück am Sonntag Nach- mittag 4 Uhr wiederum und zum letzten Male gegeben wird.

Wieseck. ö

In ber gut besuchten Volksversammlung am Samstag sanden die Ausführungen des Genos sen Dr. David, die wir an anderer Stelle ausführlich wiedergaben, ungetheilten Beisall, An der ziemlich lebhaften Diskussion betheilig ten sich die Genossen Deck, Keßler, Kumm, Rohr- bach und Vetters, sämmtlich im Sinne des Re- serenten. Ueber die Hunnenthaten in China und die 12000 Mark-Affäre bekundet die Versamm⸗ sung lebhasten Unwillen. Man war sich durch aus einig in der Verurtheilung dieser Dinge. Hoffentlich sind die Wiesecker auch ferner in noch größerer Anzahl am Platze, wenn es sich darum handelt, der Meinung über die öffent⸗ lichen Angelegenheiten in unserem Sinne Aus⸗ druck zu geben!

Aus Wetzlar.

Landtagsersatzwahl. Bei der am Monlag erfolgten Wahl eines Abgeordneten wurde selbstverständlich Herr Kreissparkassen⸗ direktor Schlabach einstimmig gewählt. Von 192 Wahlmännern waren 169 erschienen. Nach⸗ träglich wird noch bekannt, daß von anderer Seite für die Wahl Stöckers gewirkt und die Wahlmänner in diesem Sinne bearbeitet wur⸗ den. Für dentheueren Gottesmann fiel aber nicht eine einzige Stimme ab. Als ein ein Zeichen von Liberalismus soll man dieses Ergebniß aber ums Himmelswillen nicht aus legen.

Kreis konferenz. Vor einigen Wochen schon sollte die Kreiskonferenz für unseren Wahlkreis statlfinden, kam aber damals wegen Verhinderung des Vertrauensmannes nicht zu Stande. Sie wurde deshalb am vergangenen Sonntag in Gießen abgehalten. Die gut be suchte Versammlung nahm den Jahresbericht des Kreis-Vertrauensmannes entgegen, wo rin dem Bedauern Ausdruck gegeben wurde, daf der Anschluß an den Agitationsbezirk Frankfurt bisher noch nicht ersolgen konnte, weil man von dort ohne Antwort blieb. Die Kassenverhältnisse wurden als verhältnißmäßig günstig bezeichnet. Die Revisoren bestätigten die ordnungsmäßige Führung der Kasse, wo rauf die Versammlung den Vertrauensmann entlastete. Als solcher wurde dann Genosse A. Fauth einstimmig wiedergewählt. Ferner beschloß die Versammlung in Bezug auf Or- ganisation das bisherige System beizubehalten. Einer in der Diskussion gegebenen Anregung einmal nachdrücklich für die Verbreitung unserer Presse, besonders derM. Stgsztg. zu wir⸗ ken, wurde allseitig zugestimmt.

Christenthum im Kreisblatt. DerWetzl. Anz. druckte einen der Soldaten⸗

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