Ausgabe 
11.11.1900
 
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Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 46.

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. 0 2 lichem Schweif mitzubringen, vermochte ihn nach, auch kaum Zeit, mich ihrer zu bedienen. J Unterh AitungsTheil. einigermaßen zu trösten. Nun wünschte sie doch,] Machen Sie keine Worte, liebe Helma, wehrte 6 daß Brandt dabei gewesen wäre und gesehen] sie den Dank der Freundin ab,sondern trinken

Dunkle Mächte.

Roman von Elise Langer. Brandt hatte sich wohlweislich vorgesehen. Er wollte nicht wieder in Abhängigkeit von sei ner Frau gerathen. Man macht nur einmal einen dummen Streich. Er ließ sich von seiner Braut eine bestimmte Summe verschreiben und drang außerdem auf ein Testament, in dem sie sich gegenseitig zu Erben einsetzten. Die Konrole über die Verwaltung des Gutes be hielt er sich selbst vor. Seiner künftigen Gat⸗ tin sicherte er dagegen die vollste Freiheit zu, zu gehen und zu kommen und zu leben, wie und wo es ihr gut dünkte. X

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Zu derselben Zeit, in der dieses Verlöbniß stattfand, sah Helma in Seelenqualen ihrer Stunde entgegen. Sie wollte dieselbe nicht im Hause Brandts erwarten, sondern sich schon einige Zeit vorher daraus entfernen. Durch Frau Kätens Fürsprache hatte sie ein Logis bei einer Lehrerwittwe gefunden, die sich zu ih rer schmalen Pension etwas durch Häkeleien verdiente, deren Verkzu das Maihofer'sche Ge⸗ schäft seit Jahren für sie vermittelte. Frau Bertram war Käten daher sehr ergeben und froh, ihr einen Gegendienst leisten zu können.

Als Helma eines Abends Brandt von die sem Arrangement Mittheilung machte, gab die ser sein Einverständniß damit lebhaft zu er⸗ kennen. Sie hätte das äußerst klug eingerich- tet. Auf Geld käme es gar nicht an. Sie sollte in keiner Weise sparen und sich die beste Pflege angedeihen lassen. In seiner Freude über den glücklichen Gedanken Helmas, der seinen eige nen Wünschen so sehr entgegen kam, erwies er ihr eine Zärtlichkeit, wie sie sie schon lange hatte entbehren müssen. Es war ein mit Bitter⸗ keit gemischtes Glück. Sie hatte es beständig auf den Lippen, ihn in dieser besseren Stim⸗ mung nach dem Stand der Scheidungsange legenheit in Genf zu fragen, denn er selbst schwieg hartnäckig darüber; allein sie wagte es nicht, den heiklen Gegenstand zu berühren. wußte sie doch, daß sie ihn damit sofort in üble Laune versetzen würde, und sie hatte seine Liebe, seine Freundlichkeit ach so nöthig, um das Leid, das er über sie gebracht, ertragen zu können. Sie mußte schon zufrieden sein, daß er ihr aus freien Stücken versprach, sie zu besuchen, und daß er sie bat, guten Muts zu sein. Wenn das nur erst vorüber wäre, würde sich ja wohl alles machen. Vag, wie diese Worte waren, gewährten sie Helma doch eine Art von Trost, sodaß sie hoffnungsvoller als sie den Sommer über gewesen, von dem Hause Abschied nahm.

Dem Dienstmädchen sagte sie, daß sie zu Verwandten reisen müßte, in Kurzem aber zu- rückkehren würde, und Ida, welche keine Ah nung von dem wahren Sachverhalt hatte, und eine treue, anhängliche Seele war, versprach, den Knaben unterdessen wohl zu behüten und das Haus nach besten Kräften zu verwalten.

Helma wollte in Brandts Abwesenheit fort. Sie wollte sich und ihm den Abschied ersparen, der für sie eine so furchtbare Demüthigung in sich schloß. Sie nannte auch nicht einmal den Tag, den sie für ihr Fortgehen bestimmt hatte, und er vermied es geflissentlich, sie darnach zu fragen.

Eines Abends gegen 6 Uhr es war im November und ein naßkaltes Wetter machte sie ihr Gepäck fertig und ließ eine Droschke holen. Charles klammerte sich an sie und fing an zu weinen. Er wollte mit, er wollte nicht allein mit Ida bleiben. Helmas Hinweis auf Papa beruhigte ihn nicht. Papa wäre immer aus und spielte nicht mehr mit ihm wie früher. Er wollte sein liebes Fräulein behalten. O wie diese Scene Helmas Herz zerriß! Sie mischte ihre Thränen mit denen des Knaben, herzte und küßte ihn, und nur ihr Versprechen, sehr bald wiederzukommen und ihm ein prächtiges Schaukelpferd mit wirklicher Mähne und wirk⸗

hätte, wieviel sie seinem Knaben war.

Die Fahrt dauerte ziemlich lange. In eine Ecke der Droschke gedrückt, grübelte sie dumpf in sich hinein. Wie würde es sein, wenn sie die⸗ sen Weg einmal in umgekehrter Richtung führe? Würde si eihn jemals fahren? Nichts gab Ant⸗ wort darauf. Nur eins wußte sie: nur als Brandts Gattin würde es geschehen.

Endlich hielt die Droschke. Mit einem jä⸗ hen Schreck fuhr Helma empor. So mußte einer Verurtheilten zu Muthe sein, wann der Karren auf dem Richtplatz hielt.

Frau Bertram wohnte im dritten Stock. Zwei Buben, die vor dem Hause lärmten, er⸗ boten sich, den Koffer hinauf zu tragen. Helma bezahlte den Kutscher und folgte ihnen. Die Wirthin, die von ihrer Ankunft benachrichtigt war, empfing si ebereits an der Korridorthür. Es war eine würdige schlichte Frau, die nicht viel Worte und bei ihren Verrichtungen wenig Geräusch machte. Sie hatte Helma ihre Vor⸗ derstube, einen langen schmalen, aber nicht un⸗ freundlichen Raum abgereten und sich auf ein Kämmerchen neben der Küche beschränkt. Es war ein altes Haus und alles darin zeigte von Verfall. Die Schwelle der Stubenthür war aus⸗ getreten, der ehemals braun gestrichene Fuß⸗ boden hatte große weiße Flecken und finger breite Spalten. Die Decke hing grau und bau⸗ chig herab, verschossene billige Tapeten beklei⸗ deten die Wände. Aber vor den kleinen blitz⸗ end blanken Fensterscheiben hingen frisch ge waschene weiße Gardinen, vor dem grünen Ripssopha lag ein Teppich und über Tisch, Kommode und Bett waren Decken, die von dem Häkelfleiß der Wittwe zeugten, gebreitet. Die Luft im Zimmer war rein, die Temperatur eine behagliche. In dem bereits vor längerer Zeit geheizten Ofen sah man noch eine leb⸗ hafte Glut. Die Lampe auf dem Tische war angezündet. Frau Bertram ließ die Rouleaux herab, schloß den Ofen und half Helma beim Ablegen ihrer Straßenkleider. Dann ent⸗ fernte sie sich mit der Bemerkung, daß, wenn das Fräulein etwas wünsche, es nur den Klin⸗ gelzug neben der Thür zu ziehen brauche.

Helma war allein. Eine Weile stand sie bewegungslos da, nur mit starren Augen rings um sich schauend. Dann krampfte sie mit hoch emporgehobenen Armen die Hände ineinander und ließ sich auf das Sopha fallen, indem sie die Arme über den Tisch warf und den Kopf darauf legte. Ein lautloses Schluchzen drohte ihr die Brust zu zersprengen. Erst mit der Er⸗ schöpfung ihrer Kräfte wurde es stiller in ihr. Die Zeit verrann, sie regte sich nicht.

Frau Bertram mochte es Angst werden um ihre Einwohnerin. Als es neun Uhr schlug, klopfte sie leise und fragte, ob sie ihr nicht eine Tasse Thee bringen sollte.

Helma raffte sich empor. Ja, wenn Frau Bertram so gütig sein wollte.

Diese brachte sogleich den Thee in ihrem besten Geschirr, nebst Weisbrot, etwas Zunge und guter frischer Butter. Auch ein Gläschen Gelee stand auf der Platte, und die Wirthin bemerkte, Frau Kolweit hätte dies sowie den Rosenstock auf der Kommode geschickt und dabei sagen lassen, daß sie heute noch selbst kom- men würde. In demselben Augenblick schellte es, und so bald Frau Bertram geöffnet hatte, vernahm Helma auch schon die frische, freu dige Stimme ihrer Freundin, die zu hören allein schon Trost und Hoffnung in ihre Brust goß.

Ich muß doch sehen, ob Sie gut einquartirt sind, begrüßte sie Frau Käte.Es ist spät geworden. Ich habe heute einen zweiten Pen- sionär bekommen, den mußte ich erst einschach teln. Nun, das sieht ja hier ganz menschlich aus, fuhr sie fort, indem sie einen prüfen⸗ den Blick umhergleiten ließ, und bann brachte sie unter ihrem Radmantel ein großes Packet hervor.Da bringe ich Ihnen noch ein Fuß kissen und eine Schlummerrolle. Ich habe so viel solcher Dinge und gar kein Bedürfniß da

Sie Ihren Thee, so lange er heiß ist. So, kom⸗ men Sie, ich setze mich zu Ihnen. Lange kann ich nicht bleiben. Mein Mann wartet unten auf mich. Natürlich wollte er mich nicht allein gehen lassen. Ich soll Sie auch schön von ihm grüßen, und er schickt Ihnen hier dieses Buch, setzte sie lächelnd hinzu.Naturwissenschaftliche Aufsätze. Ich wollte es nicht nehmen, aber er sagt, solch ein Buch sei der beste Trost für ein bedrücktes Gemüt. Na, probieren Sie's.

Während Helma, von der Güte dieser Men schen gerührt und zugleich in ihren eigenen Augen gehoben, ihren Thee trank und einen Bissen, erzählte ihr Frau Kolweit von der Neugestaltung ihrer Häuslichkeit und von ihren drei Trabanten, wie sie Fritz und die beiden Pensionäre nannte, bis sie die Freundin ein wenig heiter geplaudert hatte. Dann brach sie eilig auf, denn nun könnte sie ihren Alten nicht länger unten herumpatroullieren lassen. Mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen, nahm sie Abschied.

Es war, als ob ein Engel durchs Zimmer gegangen wäre. Der schlichte Raum schien gänz⸗ lich verändert und jettz spürte Helma auch zum ersten mal den Roseuduft von der Kommode her. Ihre Verzweiflung hatte einer gefaßten, resignirten Stimmung Platz gemacht. Sie wollte die Freundschaft dieser Frau verdienen, die ihr an Muth, Entschlossenheit und Selbst⸗ verleugnung in der schwierigsten Lage ein so heroisches Beispiel gab.

Frau Käte hatte es bei den Bemühungen um Pensionäre nicht bewenden lassen. Ihr erster Schritt war vielmehr der gewesen, den Rückkauf des Geschäfts zu bewirken. Die langjährige Gehilfin, die es unter sehr günsti⸗ gen Bedingungen erworben hatte, ging um so bereitwilliger darauf ein, als ihr die selbst⸗ ständige Geschäftsführung mancherlei Schwie⸗ rigkeiten verursachte, auf die sie nicht gefaßt gewesen war. Ein sehr anständiges Abstands⸗ geld, welches Frau Käte ihr bot und spätestens nach einem Jahre zu zahlen sich verpflichtete, brachte dann die Angelegenheit schnell ins Reine Erst dann hatte die junge Frau den Mut, ihre Eltern mit der veränderten Lage ihres Gatten bekannt zu machen. Nicht daß Kolweit sich ge scheut hätte, ihnen die Sache mitzutheilen. Al⸗ lein seine Frau sah voraugs, daß es an Kla⸗ gen und Vorwürfen, insbesondere von seiten des Vaters, nicht fehlen würde. Und so wollte sie wenigstens den ersten Anprall derselben von dem Geliebten auf sich selbst ablenken. Auch meinte sie, daß sie als seine Frau seine Hand⸗

lungsweise besser als er selbst vertheidigen und

als Tochter den elterlichen Unwillen leichter beschwichtigen könnte.

Kiolweit ließ ihr den Willen. daß sie immer das Richtige traf. 5 Sie fand beide Eltern zusammen in der Wohnstube, was sonst selten der Fall gewesen war. Der Vater, in einem neuen Schlafrock von warmem Wollstosf, den Käte ihm ange⸗

Er wußte,

schafft hatte, seine geliebte Pfeife in den Zäh⸗

nen, sah Lenchens französisches Uebungsstüch nach, während die Mutter, in einem beque⸗ men Lehnstuhle, ebenfalls einem Geschenk Kä⸗ tens, sitzend, nicht wie früher stopfte und flickte, sondern in einem Buche las.

Käten schwoll das Herz bei dem Gedanken, dieses schwer errungene Behagen durch ihre Mittheilung zerstören zu müssen. Gerade weil die Eltern schon einmal in ihrem Leben, als Herr Maihöfer sein Predigeramt niedergelegt, einen ähnlichen, Prozeß durchgemacht hatten, mußte dieser Schlag sie doppelt schwer treffen.

(Fortsetzung folgt).

Volksverdummende Romane.

Wer die geschäftlichen Gepflogenheiten einer gewissen Art Litteraturmacherei kennt, wird sich nicht wundern, daß die letzten Ereignisse in Cgina bereits alsRomane verarbeitet worden sind. Di se unsereRoma nister tur! ist durch

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