Ausgabe 
11.3.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.

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Veränderte Welt.

Die Menschheit ist dahinter kommen, Trotz aller Gaukelei der Frommen, Daß mit dem Leben vor dem Grabe Man endlich Ernst zu machen habe.

Zerbrochen ist des Wahne⸗ Kette,

Die Erde sei nur Uebungsstätte,

Nur Voltigierb bock sei das Leben, Aufs Roß werd' uns der Himmel heben.

Auf freiem, grünem Erdengrunde

Wird jeder bald schon hier, zur Stunde,

Bevor das Grab ihn deckt mit Schollen,

Sein Rößlein weiden, tummeln wollen. Lenau.

Die Probier. Von Dr. L. Thoma.

Ursula Reischl steht auf dem Hausanger hinter dem Hofe und thut Mist breiten.

Es ist ein schöner Herbsttag, und die Nach⸗ mittagssonne brennt so heiß herunter, daß die Ursula oftmals die Arbeit aussetzt und ein bissel Umschau hält, um zu rasten. N

Sie wischt sich mit dem Aermel die Schweiß⸗ tropfen von der Stirne und fährt mit der Hand ein paar Mal unter der Nase auf und ab.

Dann nimmt sie wieder eine Gabel voll Mist und schüttelt ihn bedächtig auf den Anger.

Mit einem Male tönt ein schriller Pfiff vom Hofe herüber, und dann noch einer.

Die Urschel schaut um und steht, daß ihr der Vater winkt. Sie stößt die Mistgabel in den Boden und geht bedächtig auf das Haus zu.

Wos geit's? fragt sie, als sie näher ge⸗ kommen ist.

Der Brandlbauer is do mit sein Nazi und schaut Sach o. Mach, daß d' in d' Stuben neikimmst,

Is scho recht, sagt die Urschel und geht mit dem Vater in das Haus.

Vor der Küchenthüre bleibt sie stehen und schlipft mit den bloßen Füßen in ein Paar Pantoffeln.

Dann tritt sie hinter dem Bauern in die Stube und schaut bolzengerade, aber doch ein bissel schlüchtern, auf die fremden Leute.

Am Tische sitzt der Brandlbauer; ein stäm⸗ miger Alter mit grauen Haaren und glattrasir⸗ tem, braunrotem Gesichte.

Neben ihm sein Nazt im Feiertagsgewand. Lustige kleine Augen, Stumpfnase, großen Mund, hinter dem eine Reihe gesunder Zähne heraussteht. In den gut entwickelten Ohr⸗ wascheln trägt er Sterne aus Goldblech.

Die Brandlbäuerin sitzt neben der Reischlin auf der Ofenbank. Man sieht nicht viel von ihren Zügen, weil sie durch das große schwarze Kopftuch verhüllt sind.

Auf dem Schoße hält ste den bei Besuchen unerläßlichen Handkorb und darüber gebreitet einen Shawl.

Da is d' Urschel, sagt der Reischlbauer, S' Good, ruft der Nazi, und der Brandl⸗ bauer sagt:Jetzt geh mi in Stall naus, damit steht er auf, und die Gesellschaft setzt sich in Bewegung zur Hausthür hinaus über den

Hof..

Im Pferdestall, der sehr reinlich gehalten ist, sieht der Brandlbauer mit Wohlgefallen das hohe Gewölbe und die fetten Hinterteile der strammen Gäule.

Achti? fragt er.

Ja, sagt der Reischl,und baner is im Feld d'außt.

San neuni, meint der Brandl und streicht dem nächststehenden Gaul mit der Hand be⸗ dächtig über den Rücken.

J hab allaweil Glück g'habt im Stall,

* Aus demSimplicissimus.

fährt der Reischl fort;is anetta fünf Johr, daß mi koaner mehr verreckt is. No, s' Fuatta ist guat; an Habern ban i selm.

Baust selm? fragt der Brandl und schaut dem Rotschimmel prüfend in das Maul.

Währenddem führen auch die zwei Bäuerinnen ein eifriges Gespräch unter der Stallthüre.

Und mit die Anten(Enten) is mi gor net viel auf g'richt, meint die Reichlin;erst gesting hon i zu der Brummerin g'sagt, Brum⸗ merin, sag i, wann mi denkt, was mi an a so an Anten hifuattert hab i g'sagt, nacha is leicht g'schaugt, sag i. Des muaß ma net moan, hab i g'sagt, daß da Profit so groß is, sag i.. Do host recht, Reischlin, aba do is mi an Anten no liaba, wia so a Henn'...

Die Brandlbäuerin wird durch ihren Ehe⸗ mann unterbrochen, welcher mit seinem Nazi und dem Reischl unter die Thür tritt und sagt:Jetzt schau mi an Kuahstall o.

Sie gehen darauf zu.

Der Nazi dreht hie und da den Kopf nach der Ursula um, welche mit der Mitterdirn hinterdrein geht.

So oft er umschaut, rennt die Ursula ihrer Begleiterin den Ellenbogen in die Hüfte, und alle Zwei halten die Hände vor die Mäuler, damit man nicht hören soll, wie sie gar so herzhaft lachen müssen.

Im Kuhstall kommen auch die Weiber zum Reden.

Die Reischlin giebt die Vorzüge einer jeden Kuh bekannt; sie erzählt, wie viel Milch eine jede giebt und ob sie zwei⸗ oder dreistrichig ist.

Die Scheck sell doben is mi de allaliaba, Brandlin. J hab schon oft zum Bauern g'sagt, Bauer, sag i, die Scheck is mi de lia⸗ beste. Wann i anort nei geh dazua zum Melken, habt si si so staad. Da braucht's gar nix, sag i. A so a rechtschaffen's Vieh is, hab i g'sagt daß's grad a Freud is, sag i...

Der Stall ist eingehend besichtigt, und der Brandlbauer hat dem letzten Ochsen den Schweif aufgehoben und seine Qualitäten gemustert.

Reisch, sagt er jetzt,mi g'fallt de Sach. Und indem mei Peter an Hof kriagt und der Nazi heiraten will, halt i für eahm um die Ursula o.

Miiis recht, erwiderte der Reischl,und wenn wi aushandeln, übergiebt i an Hof.

Die Ehe ist ein Vertrag, wie ein anderer auch. Soll er richtig werden, dann müssen die Leute wissen, wo sie daran sind.

Deswegen muß man sich vorher alles ge nau anschauen, damit man nicht hinterher aus- geschmiert ist.

Vorsicht ist besser als Nachsicht, und für die Reu' giebt der Jud' nichts.

Ich wüßte noch viele Sprüchwörter, um das zu entschuldigen, was ich jetzt beschreiben möchte, aber nicht sagen darf.

Kurz und gut, der Nazi ist der Meinung, daß man keine Katz' nicht im Sack kauft, und während die Eltern die Uebergabe des Hofes besprechen müssen, hat er eine andere Prüfung vor, die nicht weniger wichtig ist.

Es wird kein Wort darüber verloren.

Das ist einmal so der Brauch.

Die Eltern haben nichts dagegen, und die Ursula auch nicht.

Sie thut wohl ein bissel geschämig nnd schaut recht spaßig aus ihrem Kopftuchel heraus.

Aber dann fährt sie sich ein paar Mal mit dem Rücken der Hand unter der Nase auf und ab, und geht, ohne daß es ein Zureden gebracht hätte langsam die Stiege hinauf, den Gang hinunter, in die Kammer.

Der Nazi maschiert tapfer hinterdrein; sie läßt die Thür offen, er lehnt sie zu und das Andere ist nicht mehr recht zum Erzählen.

Wir müssen die Zwei schon chein lassen und wieder zu den Alten hinuntergehen, die in der Stube eifrig verhandeln. Die Bäuerinnen

sitzen auf der Ofenbank und horchen zu, wie die Mannsbilder den Austrag besprechen und das Abstandsgeld.

Nur hier und da redet die Reischlin ein Wort mit, wenn ihre besonderen Interessen in Frage kommen.

derfa, und acht Anten und vier Gäns...

Zu wos brauchst denn gor so vüll Henna?

Zu wos mi de Henna braucht? De braucht mi scho. J möcht Oar(Eier) handeln, daß mi a wenig a Geld in d' Hand kriagt. Bald braucht mi des und bald braucht mi des an⸗ dere. J mog net, daß mi geht wia der Hua⸗ berin. Reischlin hat's g'sagt, balst amol über⸗ giebst, sagt's nacha nimmst da was g'scheits aus, hat's g'sagt. J bin aa so dumm g'wen, sagt's, und hob nachgeben, hat's g'sagt, und jetzt kon i wegen an jeden Oa zu der Bäurin laffa, sagt's, und muaß no recht schö bitten aa, hat's gesagt. Und des mog mi gar net...

No, no, Reischlin, wegen de Henna z'tragen mir uns net. Also, Reischl, nacha kriagt's Oes fufzehntausad Mark Abstandsgeld...

Ja, aba de Taub'n muß i aa kriage, fällt ihm die Reischlin ins Wort;an Tauben⸗ kobel muß i aa hamm, daß mi im Fruhjohr mit die junga Tauben handlen ko. Des gieb's gor nit, daß i de Taub'a herlaß...

No, vo mir aus, brummt der Brandl⸗ bauer,also Oes kriagt's drei Zimmer zu da Wohnung, an Austrag, wia ma's g'sagt hamm, und fufzehtausad March Guatsabstand...

Ja, und acht Anten und vier Gäns; des sell gieb's gor it...

Jessas ja, Du kriagst Deine Anten scho. Also sechstausad March zahl i bei da Hozet, fünftausad auf Liachtmeß und viertausad auf Micheli's nächst Johr. Is a so recht?

Mi is recht, sagt der Reischl.

Nacha mach ma's moring notorisch. Oes kembts um achti in da Fruha auf Dachau zum Ziaglerbräu. Bal i no net bin, fragt an Bräumooster Engart, der woaß nache, wo i bi.

Im Rahmen der Thüre erscheint in diesem Augenblick der Nazi. Und hinter ihm die Ursula.

Er schlenkert ruhig in die Mitte der Stube vor und dreht den Hut in den Händen; sie macht sich zu der Ofenbank hin und zupft an ihrem Kopftüchel.

Ihre Ankunft erregt kein Aufsehen.

Der Brandlbauer erklärt seinem Stamm⸗ halter, daß man sich herunten geeinigt hatte.

Da zieht der Nazi seinen Geldbeutel, nimmt bedächtig seinen Silberthaler heraus und giebt ihn der Ursula als Darangeld, zum Zeichen, daß auch oben alles in Ordnung befunden. worden sei, und daß nunmehr der Vertrag als richtig und fertig gelte.

So, und jetzt pfüat Enk, sagt der Brandl. und geht mit seinen Leuten zum Hofe hinaus.

Sie drehen sich nicht um, und die Anderen schauen ihnen nicht nach.

Die Ursula schlieft wieder aus ihren Pan⸗ toffeln und geht auf den Anger.

Sie zieht die Mistgabel aus dem Gras⸗ boden und fängt gemächlich die Arbeit an, wo sie aufgehört hat.

Währenddem ist der Brandl zügig dahin⸗ gegangen; wie sein Weib einmal neben ihm her stapft, stoßt er ste an und sagt:Hast as g'seg'n, Bäurin, de oa Sau is guat trachti! Mi müassen schaug'n, daß d' Hozet bald is, sinscht vokaft da Reischl no g'schwind de kloan Fackeln(Ferkel.)

Bei Ohm Krüger.

In derFrankf. Ztg. erzählt Dr. Winter⸗ werb von einem Besuch in Pretoria, der Resi⸗ denz Ohm Krügers, des Präsidenten der Buren⸗Republick. Es heißt dort:

... Abgesehen davon, daß Ohm Paul in jedem Fremden einen Spion seines Todfeindes Cecil Rhodes erblickt, spricht er weder deutsch, noch englisch, noch französisch nicht einmal. holländisch, sondern nur die Burensprache. Ein Dolmetscher ist also unbedingt erforderlich.

Sein kleines, einstöcktges Haus liegt in der westlichen Hälfte der Kirchstraße. Von einer

Fufzehn(fünfzehn) Henna muaß i behalten 1

schmalen Veranda und schattigen Bäumen um⸗

geben, macht das Heim Ohm Pauls den Ein⸗ druck eines behaglichen Landhäuschens. Der Eingang ist von zwei Marmorlöwen, sowie von vier Transvaal⸗Kriegern mit weißen Pickel⸗ hauben, hohen Reitstiefeln und gezogenen Säbeln bewacht.

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