Ausgabe 
11.3.1900
 
Einzelbild herunterladen

einige erkon⸗ 5 mit endet, emüter enden. gerade Wahr⸗ i bon 5 Pr. Kater n ber⸗ zen so as el die Denn : die ze.

Groß⸗ hinter⸗ ählende immen

sber⸗ rer i zen 98 hes zu jährige angnis

seltele bruch schen

ich ein 15 uf auf hudert

. .

kr. 11.

3

Mitteldeutsche Tonntags⸗Zeitung.

Seite 8.

Rechtssprechung.

§ Gießener Gewerbegericht. Der Spenglergeselle Güttler hat den Spenglermeister Rosenberg wegen kündigungsloser Entlassung verklagt. Der Kläger wird kostenpflichtig ab⸗ ewiesen, da Rosenberg beschwört, mit dem Kläger bei dessen Einstellung vereinbart zu haben, daß Kündigung ausgeschlossen sein soll.

8 Mainz. Der frühere Unterofftzier Peter Braun vom 118. Inf.⸗Regt. in Worms, jetzt in Frei⸗Weinheim wohnhaft, war vor dem Schwurgericht der Anstiftung zum Mord- versuch angeklagt. Die Wirtin Vogtmann in Worms, bei der der Angeklagte verkehrte, hatte im vorigen Jahre wiederholt den Ver such gemacht, ihren Ehemann zu vergiften. Sie wurde deshalb auch zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Schwurgerichtsverhandlung erklärte sie, daß Braun ihr die Giftmittel ver⸗ schaft habe. Die Geschworenen verneinten die Schuldfrage, worauf das Gericht auf Frei sprechung erkannte.

§ Berlin. Hier wurde ein Briefträger, der zugestandenermaßen ein Kreuzband nicht strast. hatte, mit drei Monaten Gefängnis be raft.

Politiseher Gimpelfang.

n. Dr. Leist, Professor der Rechtsgelehrsamkeit in Gießen, hat kürzlich im natlonalliberalen Verein einen Vortrag gehalten über das seltsame Thema: Politische Gimpelfallen. Er hat seinen Vortrag später im Gießener Amtsblatt veröffentlicht, und dadurch erst sind seine schiefen Darstellungen und reaktionären Absichten in weiteren Kreisen bekannt geworden.

Gimpelfallen sind nach Herrn Leist die Ge⸗ werkschaftsorganisationen. In diesen werden nach seiner Ansicht die Arbeiter aufgehetzt und unzufrieden gemacht, zur Begehrlichkeit erzogen und für die sozial⸗ demokratische Partei eingedrillt. Um nun die unerfah⸗ renen Arbeiter, dieGimpel, zunächst in die Gewerk⸗ schaften hineinzubekommen, hätten die letzteren Unter⸗ stützungskassen eingeführt. Habe ein Arbeiter erst einige Zeit Beiträge gezahlt und dadurch Rechte er⸗ worben, so sei er dauernd in der Gimpelfalle gefangen, da er seine erworbenen Rechte ebenso wenig wie die ge⸗ leisteten Beiträge preisgeben wolle. Diesem Zustand müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Es müßten gesetzliche Bestimmungen eingeführt werden, daß jedem Mitglied, das aus einer Gewe.kschaft austreten wolle, die geleisteten Beiträge abzüglich der Verwaltungs⸗ kosten zurückgegeben werden müßten. Im übrigen will Professor Leistgegenüber der Koalttionsfreiheit die Freiheit der Einzelnen und der Minoritäten, gegenüber der Assoziations freiheit die Dissozia⸗ tion s freiheit stärken.

Ohne daß Herr Leist den Mut findet, das offen heraus zu erklären, würde die Verwirklichung seiner Be⸗ strebungen selbstverständlich dahin führen, daß jederzeit die Minderheit einer Gewerkschaft die Mehrheit zur Un⸗ thätigkeit zwingen kann. Die Unternehmer könnten den Arbeitern ungehindert das Fell über die Ohren ziehen, sie nach Herzenslust ausbeuten.

Die Nationalsozialen, deren großer Führer Erd⸗ mannsdörffer dem Leistschen Vortrag beigewohnt hatte, beriefen nun für vorigen Montag eine öffentliche Ver⸗ sammlung ein, zu der sie den Redakteur derHilfe, Herrn Weinhausen⸗Berlin als Referenten bestellten. Herr Professor Leist wurde besonders eingeladen, kam aber nicht, wie wir mit Bestimmtheit vorausgesehen hatten.

Herr Weinhausen trat den Leistschen Ausführungen entgegen und begründete die Notwendigkeit des gewerk⸗ schaftlichen Zusammenschlusses der Arbeiter, schilderte dann häufig allerdings total falsch die Ge⸗ schichte der gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Organisation und hieb zwischendurch auf dasunprak tische,utopistische u. s. w. Verhalten der Sozialdemo⸗ kratie. Der Vortrag war herzlich langweilig, wurde aber von dem Dutzend anwesenden Nationalsozialen geräusch⸗ voll beklatscht.

In der Diskussion sprach unser Genosse Scheid e⸗ mann. In einstündiger Rede ging er ausführlich auf die Leistschen Leistungen und auf die Rede Weinhausens ein. Auf ihn habe es den Eindruck gemacht, als ob Herr Leist in professoraler Zerstreutheit seine Manuskripte verwechselt hätte und jetzt, wo die Professoren⸗Kollegen Leists die Arbeiter für die Flottenvorlage zu ge⸗ winnen suchten, jene Rede gehalten hätte, die zur Befür⸗ wortung der Zuchthaus vorlage vor einigen Monaten hätte vom Stapel gelassen werden müssen. Wenn man Herrn Leist als Professor anklage, so müsse man ihm mildernde Umstände zubilligen, weil er nationalliberal

sei; klage man ihn als Nationalliberalen an, so komme seine Eigenschaft als ordentlicher deutscher Professor mil⸗ dernd in Betracht. Ihm(Redner) sei Professor Leist persönlich unbekannt, die Person bleibe also aus dem Spiel. Scheidemann zerpflückte nun in ausführlichster Weise den Vortrag Leists und kam zu dem Schluß, daß in den Zeiten der lex Arons ein deutscher Professor am besten thue, sich nicht in die Politik zu mischen. Gegen die Regierung den Verwaltungsausschuß der herrschenden Klassen dürfe sich kein Beamter, kein Universitätslehrer wenden, sonst fliege er, und abhängige Leute, die geräuschvoll für das eintreten, was oben jeweilig gewünscht werde, kommen leicht in den Verdacht, daß sie den Mantel nach dem Winde hängen. Die Zeiten der Göttinger Sieben seien vorbei, von einer Gelehrtenrepublik könne man nicht mehr reden. Redner bespricht kurz die Fälle Arons und Schiller und erinnert an einen weiteren tapferen Mann, den man in Gießen seiner ehrlichen Gefinnung, seines festen Charakters wegen habe die Hungerpeitsche fühlen lassen: Professor Noack. Dann wendet sich Scheidemann gegen die Partei Weinhausens, die er für ein Zwitterding erklärt. Die Arbeiter lachen über die Sirenengesänge der National⸗ sozialen und bleiben was sie sind: Soztaldemokraten. (Langanhaltender Beifall.)

Da Herr Weinhausen in seinem Schlußwort nach berühmten Mustern dem Gen. Scheidemann verschiedene Sätze unterschob, die dieser gar nicht gesagt hatte, kam letzterer noch einmal in einer persönlichen Bemerkung zum Wort. Das Schlußwort Weinhausens empörte einen Genossen derart, daß er schnell eine Resolution formu⸗ lierte und diese dem Vorsitzenden Erdmannsdörffer ein⸗ reichte, in der gesagt wurde, daß die Versammlung mit den Ausführungen des Herrn Weinhausen nicht ein⸗ verstanden sei, vielmehr in der Sozialdemokratie die einzig ehrliche und richtige Vertretung des klassenbewußten Proletariats sieht.

Diese Resolution unterdrückte der nationalsoziale Vorsitzende, indem er sich hinter formellen Einwänden verschanzte und sofort die Versammlung schloß. Er wollte seinem Partei⸗Stammtisch in Gießen die Blamage ersparen, daß in einer von der nationalsozialen Partei einberufenen Versammlung die Neun⸗Zehntel⸗ Mehrheit die nationalsoztalen Weisheiten zurückwe ist. Genosse Scheidemann machte jedoch dem durch seine Juden⸗Cholera-Broschüre bekannten Herrn Erdmanns⸗ dörffer einen Strich durch die Rechnung, indem er durch ein Hoch auf die Sozialdemokratie, in das mehr als neun Zehntel der Versammlung begeistert einstimmten, den klipp und klaren Beweis erbrachte, daß die Natio⸗ nalsozialen in Gießen kaum drei Skatpartieen besetzen können. Die Arbeiter gehen den Nationalsozialen ebenso wenig in die Gimpelfallen, wie den Nationas⸗ liberalen.

Als das Hoch verklungen war, hörte man von dem nationalsozialen Stammtisch her Herrn Pfarrer Schlosser rufen: Jesuitenstreiche, Jesuitenstreiche, Jesuitenstreiche! Unter allgemeiner Heiterkeit ging dann die von den Nationalsozialen arrangierte und für die Sozialdemokratie so glänzend verlaufene Versammlung auseinander.

** *

Aus Marburg schreibt uns unser W.⸗Korrespondent: Am Dienstag tagte im Saale des Café Quentin eine öffentliche nationalsoztale Versammlung mit der Tages⸗ ordnung:Bürgertum und Sozialdemokratie. Der Referent, Herr Weinhausen⸗Berlin, führte aus: In Marburg bedeute die Sozialdemokratie nicht das, wie in den Industriestädten(I!), nur bei den Wahlen kämen die Stimmen der Sozialdemokraten zur Geltung. Auf⸗ gabe der Nationalsozialen sei es, Aufklärung bis in die kleinsten Dörfer über das Wesen der Sozialdemokratie zu schaffen. Auch die Gewerkschaftsbewegung in Mar⸗ burg sei nicht sehr bedeutend, nicht wie draußen im Lande, wo die Wogen so hoch gehen. Redner geht auf die Gewerkschaftsbewegung im allgemeinen ein, bespricht die Entwickelung derselben bis zum heutigen Tage und kommt zu dem Resultat, daß die bedeutendsten und größten, über 500 000 Mitglieder zählenden Gewerk⸗ schaften im sozialdemotratischen Lager ständen, eine Be⸗ hauptung, für welche Redner den Beweis nicht erbringen konnte. Redner verbreitet sich noch des weiteren über die Sozialdemokratie von früher und jetzt; sie sei bedeu⸗ tendzahmer geworden. Die Pfaffenfresserei habe ziemlich aufgehört, auch würden keine soblutrünstigen Brandreden mehr gehalten. Im heutigen Alltagsleben seien eben nüchterne Menschen für eine praktische Gegen⸗ wartsarbeit erforderlich. Die sozialdemokratische Arbeiter⸗ schaft müsse national werden und das Bürgertum sozial, dann sei die Garantie für den Fortschritt gegeben. Genosse Vetters betonte, daß die Arbeiter⸗ schaft sich nicht auf ein Paktieren mit dem Bürgertum einlassen könne. Was die blutrünstigen Reden anbelange, so wären diese nicht von Sozialdemokraten, sondern von den Liberalen gehalten worden; er erinnere nur an den jetzigen Finanzminister von Miquel, den früheren Atheisten, Kommunisten und Bauernaufwiegler, ebenso an

den roten Becker, den bekannten Oberbürgermeister von Köln. Das, was bis jetzt für die Arbeiter gethan, sei bitter wenig. Redner erinnere nur an die Bäckerei⸗ Verordnung, welche den Meistern ein Dorn im Auge sei und an der solange herumgedoktert würde, bis nichts mehr davon übrig bliebe. Herr Scheffer-Marburg (nationalsozial) schilderte darauf in anschaulicher und sehr objektiver Weise die verschiedenen bürgerlichen Par⸗ teien. Er bedauerte lebhaft, daß die Nationalsozialen bei den Sozialdemokraten so wenig Entgegenkommen finden und trat zum Schluß für die Flottenpolitik ein. Gen. Scheidemann gab zunächst die Erklärung ab, daß er leider auf die in Aussicht gestellte öffentliche Abrech⸗ nung mit dem Redakteur Erdmannsdörffer zunächst ver⸗ zichten müsse, da er demnächst als Zeuge in dem Prozeß Erdmannsdörffer⸗Hirschel vernommen werde, und es des⸗ halb wohl nicht opportun sei, die Angelegenheit jetzt zu diskutieren. Redner wendet sich dann eingehend gegen Weinhausen und Scheffer, begrüßt es jedoch, daß die Nationalsozialen durch ihre Atitation in den Schichten der Studierenden soziales Verständnis zu wecken suchten. Die Sozialdemokraten könnten nur schwer an diese Kreise heran. Die Studierenden außer etwa 40 oder 50 Arbeitern bestand die Versammlung fast nur aus Stu⸗ denten; dasBürgertum war durch 5 oder 6 Herren vertreten sollten aber nicht mit dem zufrieden sein, was ihnen über die Sozialdemokratie gesagt werde, sie möchten vielmehr ernsthaftes Quellenstudium betreiben. Die besten unter ihnen, diejenigen, die logisch zu schluß⸗ folgern gewöhnt und befähigt sind und den Mut der Ueberzeugung besitzen, würden Sozialdemokraten werden. Scheidemann wendet sich dann energisch gegen den Marinespektakel. Nach einem kurzen Schluß wort des Referenten schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland.

Partei ⸗Nachrichten.

Versammlungs⸗ Kalender. Montag, den 12. März: Schneider bei Orbig. Dienstag, den 13. März:

Gießener Wahlverein abends halb 9 Uhr bei Orbig. Tagesordnung:

Die Kanalisation in Gießen, speziell die Kostendeckungsfrage. Gäste werden hier⸗ durch besonders eingeladen.

Sonntag, den 18. März: Schlitz. Bersammlung bei H. Trier um 5 Uhr.

Eingesandt. Heuchelheim, 5. März 1900. Daß bei Frost, Schnee und sonstigem Unwetter jeder Mensch danach strebt, ein warmes Unterkommen zu haben, ist wohl selbstverständlich. Täglich kann man die Beobachtung machen, daß besonders bei Einnahme der Mahlzeiten jedermann nach Möglichkeit ein warmes Zimmer aufsucht. Ganz anders aber sieht es hier in Heuchelheim bei den Schulkindern aus. Schreiber dieses hat mehrere Mal gesehen, wie Kinder frierend und zitternd während der Schulpause ihr Früstück in Wind und Wetter verzehrten; auf die Frage, ob sie ihr Brot nicht im Schulzimmer essen könnten, wurde ihm von seinem eignen Kinde gesagt: das dürfen wir nicht. Sollte die Antwort des Kindes auf Wahrheit beruhen, so wäre wohl die Frage angebracht, ob die maßgebenden Körper⸗ schaften nicht in der Lage sind, hier eine Aenderung eintreten zu lassen? AI.

Briefkasten der Redaktion.

Hess. Lds.⸗Zitg. Das mir gemachte Kompliment, in der Marburger Versammlung taktischäußerst ge⸗ schickt gewesen zu sein, lehne ich dankend ab. Ihnen wünsche ich aber aufrichtig, daß mit der Alterszunahme gleichzeitig eine Abnahme taktischer Ungeschicklichkeit parallel laufen möge.

Herrn Erdmannsdörffer⸗Marburg. In der unter Ihrer Verantwortlichkeit erscheinenden Zeitung wird gesagt, ich hätte Herrn Schefferironisch An⸗ erkennung wegen seinesschönen Vortrags gezollt. Ich betone, daß meine Anerkennung der Schefferschen Rede, was Objektivität und Form derselben anlangt, ebenso durchaus ehrlich gemeint war, wie meine an anderen Stellen geäußerten Urteile, daß Herr Weinhausen langweilig sprach und daß Ihnen zuzu⸗ hören dann am angenehmsten ist, wenn Sie den Mund halten. Ph. Sch.

F.⸗W. Rhein.⸗Westf. Arb.⸗Ztg., Dortmund,

Alle Exemplare unserer heutigen Aus⸗

3 T 7

1 2

abe enthalten einen Prospekt über die

Kurmethode Weidhaas, über Asthma⸗, Brustleiden⸗, Atemnot⸗, Lungenbluten⸗ und Magenleiden⸗Behandlung.