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Nationalliberalen
Seite 4.
Mitieldeutsche Sountags⸗Zeitung.
wir schon vor 14 Tagen in unserm besonderen Artikel, der von verschiedenen hessischen Blättern nachgedruckt wurde, voraussagten. Das„Kath. Volksblatt“ schreibt in Bezug auf diese Eingabe: „Die Wahrheit ist die, daß das christliche Volk sowohl getaufte als ungetaufte Juden nicht gern als Richter und Staatsanwälte sieht. Und mit dieser nicht unbegründeten Abneigung hat die Regierung bisher gerechnet.“ In den Kultur⸗ kampfjahren würde das klerikale Blatt kaum so etwas geschrieben haben. Wie denn, wenn die nationalliberalen Kulturpauker dem Zen⸗ trumsblatt antworten würden: Die Wahrheit ist, daß das protestantische Volk ratho⸗ liken nicht gern als Richter und Staatsauwälte sieht u.. w. Unseres Erachtens kann man sich kaum eine größere Feindschaft denken, als wie sie z. B. zwischen den Zentrumskatholiken und den Mitgliedern des evangelischen Bundes besteht. Welches wäre denn das schlimmere Uebel: sich als Protestant vor einem freigesinnten Richter jüdischer Religion oder vor einem vermuckerten römisch⸗katholischer Religion verantworten zu müssen? Man erfülle die sozialdemokratische Forderung: Wahl der Richter durch das Volk. Dann werden nur Leute Recht sprechen, die allgemeines Vertrauen genießen. Die reli⸗ giöse Ueberzeugung der Richter ist dann deren Privatsache.
Objektive Berichterstattung. * Dem Gießener Anzeiger war ein derart
parteiischer und direkt verlogener Bericht über die nationalsoziale Gimpelfangs⸗ Versammlung zugegangen— zweifellos von
einem Angehörigen der Handvoll National⸗ sozialen in Gießen—, daß sich das genannte Blatt zur Aufnahme der folgenden Berichtigung verstehen mußte:
„Ihr Bericht über die nationalsoziale Ver⸗ sammlung enthält einige Unrichtigkeiten. Ich beschränke mich darauf, zwei Punkte richtig zu stellen, auf die ich besonderen Wert lege.
1. Es ist unwahr, daß ich dem Refe⸗ renten Weinhausen den Vorwurf gemacht haben soll, er hätte den politisch⸗sachlichen Kampf gegen die Nationalliberalen zu nobel geführt. Wahr ist, daß ich gesagt habe:
„Ich kann die Ansicht des Referenten nicht teilen, die Leist'schen Ausführungen deshalb nicht bis ins Detail zu beleuchten, weil genannter Herr nicht anwesend ist. Das soll vielleicht ein besonders nobles Ver— halten sein; für politisch klug kann ich es nicht ansehen. Durch das Referat über den Leist'schen Vortrag im„Gieß. Anz.“ sind die Darstellungen des Herrn Professors in weite Kreise gedrungen, es ist deshalb dringend erforderlich, seine schiefen Darstellungen aus⸗ führlich zu erörtern. Daß Herr Leist der heutigen Versammlung trotz besonderer Ein⸗ ladung ferngeblieben, ist nicht unsere Schuld; sein Fortbleiben zwingt uns, ihn in con— tumaciam zu verurteilen.“
Etwas anderes habe ich nicht gesagt.
2. Unwahr ist ferner, daß ich auf die „persönlich-maßlose An⸗ griffe“ gemacht haben soll. Ich habe die ge⸗ nannte Partei allerdings scharf angegriffen — das hat auch der„Gießener Anzeiger“ kurz vor den letzten hessischen Landtagswahlen ge— than—, ich habe mich aber nicht mit einzelnen Personen beschäftigt.
Ph. Scheidemann.“
Ein feiner Unterschied.
* In der Marburger nattonalsozialen Ver⸗ sammlung gab infolge einer Aeußerung Scheide manns Herr Erdmannsdörffer folgende Er— klärung ab:
In der Gießener Versammlung, die eine Vereins versammlung war, sei es ganz korrekt gewesen, gegnerische Resolutionen nicht anzunehmen, zumal wenn sie so spät eingebracht werden, wie es am Montag für gut befunden wurde. Er werde gegebenen Falles gerade ebenso handeln wie damals.
Wir sind überzeugt, daß Herr Erdmanns⸗ dörffer in diesem Punkt seine Anschauungen
ebenso ändern wird, wie er sie geändert haben dürfte in bezug auf die Schuld der Juden an der Cholera. Aendert er seine Anschauungen nicht, daun werden die Arbeiter den national⸗ sozialen Versammlungen grundsätzlich fernbleiben müssen. Die Versammlung am Montag dürfte wohl dem Marburger Führer der National⸗ sozialen mindestens die Ueberzeugung beigebracht haben, daß in Zukunft— wenn die Arbeiter fernbleiben— im„Sprienskasten“ oder im „Schiefen Balken“ zu Gießen Raum genug sein dürfte für diejenigen, die noch auf die Ein⸗ ladungen zu den„öffentlichen Versamm⸗ lungen“ mit„freier Diskussion“ des„National⸗ sozialen Vereins“ hineinfallen.
Die Sittlichkeit auf dem Lande⸗
Vor dem Landgericht München II(Land) wurde gegen drei Bauerndienstmädchen aus dem Dachauer Moos wegen Nötigung und Vergehens wider die Sittlichkeit verhandelt. Sie haben auf dem Felde bei der Arbeit einen Dienstknecht überfallen, ihm mit Gewalt die Hose hinabgezogen und Unfug mit ihm getrieben. Der Staatsanwalt hielt die Klage aufrecht, der Verteidiger plädierte auf Freisprechung, da es sich nur um einen der derben Scherze handle, die in der dortigen Gegend oft vor⸗ kämen. Das Gericht schloß sich dem Antrag des Verteidigers an und erkannte auf Frei⸗ sprechung. Da ist dem„Ländlich, sittlich“ ein⸗ mal in bemerkenswerter Weise Rechnung ge— tragen. Aber die Unschuld auf dem Lande wird durch solche„Scherze“, die öfters vor⸗ kommen, in eigentümlicher Weise illustriert. Die Frömmigkeit scheint da nicht veredelnd zu wirken. Was sagt die sündhafte Stadt da⸗ zu, von der das sündhafte Landvolk fern⸗ gehalten werden soll, damit es seine Sitten⸗ reinheit nicht verliere?
Kleine Mitteilungen.
*** Studentinnen in Gießen. Vom 1. April ab werden an der Gießener Universttät Frauen als Zuhörerinnen zugelassen. Die Erlaubnis muß in jedem einzelnen Fall vom Rektor erteilt werden, an den die Gesuche zu richten sind. Neben der Angabe, welches Fach hauptsächlich gewählt ist, sind dem Gesuch bei⸗ zulegen: Ausweise über die wissenschaftliche Vorbildung, ein Lebenslauf, die etwa schon auf Hochschulen empfangenen Studienausweise und die Quittung des Quästors. Die Aufnahme⸗ gebühr beträgt 10 Mk., für Frauen, die schon an einer Universität hospitiert oder studiert haben, 5 Mk. Versagt der Rektor die Auf⸗ nahme, so kann die Entscheidung des Senats angerufen werden.
** Gießen. Als Ergänzung zu unserm Artikel(vorige und heutige Nummer) über die Gemeindebesteuerung in Hessen teilen wir noch folgendes mit: Vertreter von Darmstadt, Mainz, Offenbach, Gießen, Worms, Bingen und Alzey traten am Dienstag mit einigen Mitgliedern der Zweiten Kammer in Darmstadt zusammen, um sich über das hessische Kommu⸗ nalsteuergesetz auszusprechen. Besondere Be⸗ schlüsse wurden nicht gefaßt. Man kam mit der Regierung überein, das von ihr vorgelegte Gesetz als ein interimistisches in Kraft treten zu lassen. Auch das Kapitalrenten⸗ steuergesetz gab Veranlassung zu einer längeren Debattte. Die Regierung soll die Frage prüfen, ob das Gesetz fallen gelassen werden oder ob man es den Gemeinden über⸗ lassen soll, die Kapitalrentensteuer als eine Steuereinnahme für die Kommunalverbände zu verwenden.
* Bad Nauheim. Die am 17. Oktober 1899 begonnene Bohrung nach einer neuen Heilqueree förderte einen außerordentlich starken, 32 O Celsius warmen, stark kohlensäure⸗ haltigen Soolsprudel mit hohem Salzgehalt zu Tage. Die Bohrung ist 208 Meter tief. Der Sprudel ist 16 ¼ Ctm. stark und springt einen Meter hoch. Mit dem neuen Sprudel ist ein neuer Soolstrom angebohrt. Die alten Heil⸗ quellen sind nicht gestört. Nauheim besitzt jetzt
die drei bedeutendsten kohlensäurereichsten Thermalsprudel der Welt.
** Offenbach a. M. Von sozialdemo⸗ kratischer Seite war seinerzeit in der Stadt⸗
verordnetenversammlung die Anregung gegeben worden, die Kosten für Beerdigungen auf die Stadtkasse zu übernehmen. Der Anregung konnte mitten im Nechnungsjahr keine Folge gegeben werden; zum Beginn des neuen Rechnungsjahres gedenkt man aber einen Anfang zu machen. Nach einem an die Stadtverordneten gerichteten Antrag sollen für Gewährung der unentgeltlichen Bestattung 5000 Mk. und weiterhin für Gewährung un⸗ entgeltliger Hebammenhülfe ebenfalls 5000 Mk. in den Etat eingestellt werden. Das ist sozialdemokratische Kommunalpolitik. Den fleißigen Offenbacher Genossen, die einen schweren Kampf zu kämpfen haben, ein Bravo.
r Mainz. Am Dienstag stürzte sich der Thür mer der Stephanskirche, Joh. Scheppler, der an der Influenza erkrankt war, in einem Fieberanfall zum Thurmfenster hinaus. Er wurde mit zerschmetterten Gliedern todt auf— gefunden.
** Die Mucker und die Katzen. Gegen
eine Katzenausstellung, die in der Charwoche
unter dem Protektorat des Großherzogs in Darmstadt veranstaltet werden soll, wurde in der Samstag⸗Sitzung der evangelischen Landessynode für Hessen lebhafte Beschwerde geführt. Die Frommen nehmen Anstoß daran, daß die Ausstellung in der Charwoche stattfindet. Es fielen scharfe Aeußerungen und sogar einige Ordnungsrufe. Der Präsident des Oberkon⸗ sistoriums erklärte, er habe sich bereits mit einer Vorstellung an den Großherzog gewendet, um womöglich„das die christlichen Gemüter schwer bedrückende Aergerniß“ abzuwenden. Unser organisirten Frommen nehmen nachgerade an den harmlosesten Dingen Aergernis.„Wahr⸗ haft„christliche Gemüter“ müßten frei von solcher Kleinigkeit sein“, meint die„Kl. Pr.“ Hoffentlich kommt kein bösartiger Kater hinter die Absichten der Mucker. So ein ver⸗ liebtes Tier wäre in dem für die Katzen so bedeutsamen Monat März im Stande, aus Rache auf den Dächern der Frommen die skandalösesten Liebesszenen aufzuführen. Denn das unterliegt für uns keinem Zweifel: die Katzen pfeifen sicher auf die Lex Heinze.
** Wiesbaden. Gegen eine hiesige Groß⸗ handlung ist ein Verfahren wegen Steuerhinter⸗ ziehung eingeleitet worden. Die zu zahlende Nachsteuer nebst Strafe beziffert sich zusammen auf rund 100 000 Mk. a
* Der wegen iti brechen verhaftete Pfarrer Schlatterer in Konstanz wurde wegen Verbrechens gegen§8 174 und 175 des Reichs-Strafgesetzbuches zu 2 Jahren Gefängnis, der mitangeklagte 18jährige Gymnasiast Dietsche zu 5 Wochen Gefängnis verurteilt.
* Heessel(Hannover). Der gewiß seltene Fall, daß ein ganzes Dorf auf Abbruch verkauft wird, hat sich im hannoverschen Kreise Neuhaus ereignet. In dem Grund und Boden des Dorfes Heessel befindet sich ein mächtiges Thonlager. Eine Hamburger Gesell⸗ schaft hat kurz vorher das ganze Dorf auf Abbruch gekauft, um das Lager ungehindert ausbeuten zu können.
Arbeiterbewegung.
Mainz. Die Tüncher und Maler haben nun von der Innung die Antwort auf ihre eingereichten Forderungen erhalten. Die Innung will die zehnstündige Arbeitszeit ge⸗ währen, lehnt aber die Festlegung eines Mindest⸗ lohnes von 42 Pfg. für die Stunde, sowie eine allgemeine Lohnerhöhung von 7 Pfg. für die Stunde ab. Sie will nur eine Lohnerhöhung von 2 Pfg. pro Stunde zugestehen. So wurde denn in einer Versammlung das Angebot der Innung abgelehnt und mit 303 gegen 8 Stim⸗ men der Streik erklärt.
. Berlin. Die Anssperrung der Tischler ist doch nicht in dem angekündigten Maße erfolgt. Nach Angaben des„Vorwärts“ arbeiten noch ca. 6000 Holzarbeiter. g
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