Ausgabe 
11.3.1900
 
Einzelbild herunterladen

9

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

Seite 3.

N 317 Bauern ihr Brot finden könnten. Und alles das, was diese großen Flächen hervor⸗

0 8. bringen, wird in den Boden gestampft.

0 i Eine urdeutsche Familie.

esitz Ueber die Herkunft der Familie Hohenlohe, tm die nach der Behauptung des Prinzen Alexander

(Sohn des Reichskanzlers) im Reichstag eine sourdeutsche sein soll, daß die von unserem 9 dag Parteigenossen Singer behauptete Internatio⸗

nalität gar nicht in Frage kommen könne, äußert sich ein altes französisches genealogisches

0 l Werk dahin: 1 00Hohenlos oderHolasch ist ein altes 0 1 gräfliches Haus des Kaiserreiches und hält den t 1 ersten Rang unter den Häusern des Franken⸗ 10 n landes. Die Grafen des Hohenlos sind ver⸗ 1 wandt mit den besten Häusern Deutschlands. en Sie behaupten, aus Italien zu stammen, wo 9 5 sie den NamenAlta fiama oder den der le Ju⸗Flaminicus führten, die mit dem Namen für die Hohenlos übereinzustimmen scheinen, da sie die⸗ sonstige selbe Sache(iama⸗ Flamme, Lohe) bedeuten. b eben Diese Grafen besitzen fruchtbare Ländereien zwischen dem Herzogtum Wirtemberg und dem Frankenlande und wären sehr mächtig, wenn bn d sie nicht in mehrere Zweige geteilt wären. en der Gegenwärtig(d. h. zur Zeit der Herausgabe Na des genannten genealogischen Werkes) ist ihr 1 Haus zusammengesetzt aus den Zweigen von * Nevenstein, Walburg, Foedelbach, Langenburg el Be und Schillingsfürst. nt. Mit demUrteutschtum der Hohenlohes ist (5 stets es danach nicht weit her. Daß die Hohenlohes 3 Recht in zahlreichen europäischen Staaten Grundbesitz ung be⸗ haben, ist ja bekannt. 9 fat Liberale Arbeiterfreunde. 79103 Im weimarischen Landtag wurde kürz⸗ r das lich über eine Petition des Buchdruckerver⸗ lun 0 bands debattiert, in der verlangt wurde, daß 9 5 die Regierung ihre Drucksachen nur in solchen i 1 Druckereien herstellen lasse, in denen die zwischen 10 12 Gehilfen und Prinzipalen vereinbarten Löhne 91. nach demTarif bezahlt würden. ran Gegen die Stimmen der Freisinigen und t läßt eineger Nationalliberalen wurde der Be⸗ 5 schluß gefaßt, das Gesuch der Buchdrucker der infuhr⸗ großherzoglichen Staatsregierung zur empfeh- deutsch⸗ lenden Berücksichtigung zu überweisen. euschen Energisch hatte Gen. Baudert die Petition . Die befürwortet. Das Verhalten der Freisinnigen onder und Nationalliberalen mögen sich die Arbeiter bleiben, merken. t ihrem Die tapferen Akademiker. Die deutschen Professoren ducken sich in len Demut vor der Büttelgewalt des Ministers, der einen Universitätslehrer maßregelt trotz des Aal freisprechenden Erkenntnisses der Berliner Pro⸗ Sale fessoren. Die Zeiten der Göttinger Sieben, ll denen die wissenschaftliche Freiheit heilig war, 1 10 1 die mannhaft gegen die Reaktion sich auflehnten, nan 1 sind vorüber. Der moderne deutsche Professor Jahr begeistert sich für Heer und Marine, und leckt Führung den Stiefel, der ihm einen Fußtritt versetzt. iche, Aber selbst die Studenten haben gelernt sich fu scho zu ducken, haben es darin sogar zu einer kaum

ung ge. 17 1 150 Fertigkeit gebracht, wie folgendes suß in ßheweist: Nachdem bekannt geworden war, daß

sich 0 beim Direktorium derAkademischen Lesehalle it⸗ In in Berlin ein Antrag eingelaufen, eine Sympathie⸗ ird, alle adresse an Dr. Arons zu richten, ließ der Rektor trieben. der Universität, Professor Fuchs, den Vorsitzenden

des Direktoriums zu sich rufen und erklärte ihm, er werde gegen Jeden das Disziplinar⸗

lt de verfahren eröffnen, der für diesen Antrag spreche,

R 111 und die Folge war, daß die Herren der Tapfer⸗

be keit besseren Teil erwählten und schwiegen. i Wo ist der Geist hin, der einst die deutschen

etel! Burschenschaften beseelte? Wo ist die idealistische,

fanterlk begeisterungsfähige akademische Jugend hin? Ei

le, nun, sie ist zu grunde gegangen in dem Sumpfe

Gig der bürgerlichen Behäbigkeit. Eine Klasse, die

Hella jedes politische Ideal eingebüßt hat, kann auch

Jeter in 555 begeisterungsfähige Jugend mehr hervor 5 ringen.

Zum Teufel ist der Spiritus

bac Das Phlegma ist geblieben.

e Fleischwucher.

Der Ausschuß des deutschen Handelstags hat einstimmig folgende Erklärung beschlossen:

2

SS.

Die Reichstagskommission für das Gesetz, be⸗ treffend die Schlachtvieh⸗ und Fleisch⸗ beschau, hat Beschlüsse gefaßt, nach denen die Einfuhr von eingepöckeltem und Büchsen⸗ fleisch sofort, die Einfuhr von frischem Fleisch von 1904 ab verboten werden soll. Die Kommission ist mit diesen Beschlüssen weit hinausgegangen über das allseitig anerkannte Bedürfnis sanitären Schutzes. Jenes Verbot würde die Fleischernährung breiter Schichten des deutschen Volkes erschweren, insbesondere die Lebenshaltung und Leistungsfähigkeit der industriellen Arbeiter beeinträchtigen und dadurch die Entwickelung und Wettbewerb unserer Industrie empfindlich schädigen. Jenes Verbot würde ferner geeignet sein, die Handels- beziehungen des deutschen Reiches und das weitere Aufblühen unserer Schiffahrt auf das Nachteiligste zu beeinflussen. Gegen diese Be⸗ schlüsse der Reichstagskommission legt der Aus⸗ schuß des deutschen Handelstags einstimmig Verwahrung ein Namens der Industrie, des Handels und der Schiffahrt unseres deutschen Vaterlandes.

Die Agrarier, denen die Regierung so außer⸗ ordentlich entgegenkommt siehe den Geheim erlaß Rheinbabens werden immer unver⸗ schämter. Durch Zölle wollen sie das Brot immer mehr verteuern, durch Sperrung der Grenzen die Fleischpreise in die Höhe schrauben. So sorgen sie für ihren Geldbeutel, schädigen aber den Arbeiter aufs empfindlichste.

Der Krieg in Südafrika.

Es ist leider nicht mehr daran zu zweifeln, daß sich die Lage der Buren immer schwieriger gestaltet. Freilich haben die Engländer keine Ursache auf ihreSiege gerade stolz zu sein. Die Erfolge der Buren waren Siege, in helden⸗ mütigem Kampfe errungen gegen ungeheure Uebermachten. Aber wer fragt bei diesen Menschlächtereien, die man Kriege nennt, nach demwie? Der Große unterdrückt den Kleinen auf dem Schlachtfeld, wie der Riesen⸗ betrieb den Kleinbetrieb auf dem Arbeitsfeld verschlingt.

Von einer Intervention der übrigen Mächte verlautet noch nichts. Im englischen Abgeord⸗ netenhaus wird schon die Frage erörtert, ob man den südafrikanischen Republiken ganz oder nur halb die Kehle zudrücken soll.

Die englischen Sozialdemokraten, die sich von vornherein gegen den Krieg aussprachen, protestieren jetzt wieder gegen die Fortsetzung desselben.

Aus dem Reichstag.

Bei der zweiten Beratung des Etats für das aus⸗ wärtige Amt stellte unser Genosse Gradnauer die Regierung zur Rede wegen der eigenartigen Rolle, die sie vor, während und nach der

internationalen Friedenskonferenz gespielt hat. Gar nichts habe die Regierung seither über die Konferenz verlauten lassen. Etwa deswegen, weil die Friedenskonferenz gar zu schlecht zu den Flottenplänen paßt? Es gab Leute, die mit sehr starker Zuversicht auf die Konferenz blickten. Andere hatten ja von vornherein große Zweifel, noch andere, und dazu gehört meine Partei, meinten, daß diese Konferenz einen sehr starken Stich ins Groteske, Komödiantenhafte haben würde. Jedenfalls hätte uns die Möglichkeit gegeben werden müssen, die Resul⸗ tate zu prüfen. Aber sie verhandelte hinter verschlossenen Thüren. Was bekannt wurde, waren die denkbar dürf⸗ tigsten Depeschen, aus denen man sich kein Bild über die Stellungnahme der einzelnen Regierungen machen konnte. Gradnauer geißelte dann das Verhalten der Regierung, die das Friedensmanifest des Zaren freudig begrüßt, dann zur Konferenz aber einen Pro⸗ fessor geschickt habe, der in einer Broschüre Friedeus⸗ konserenzen als kindisch und zwecklos bezeichnet hatte. Aehnlich wie die deutsche, hätten sich auch andere Regierungen verhalten. Gerade die ziollisiertesten Per⸗ sonen rüsten am meisten. Alle Regierungen, die sich bemüht haben, eine Friedens konferenz zu stande zu bringen, sahen ruhig zu, wie der Krieg gegen die Buren mutwillig vom Zaune gebrochen wurde. Das ist geradezu ein skandalöses Verhalten der Regierungen. In derselben Zeit, wo im Haag die Konferenz tagte, ist bei uns der Staatssekretär des Reichsmarineamts zu den Großindustriellen gereist, um

zu fragen, ob genügend Material vorhanden sei, damit die Regierung neue Rüstungen vornehmen könne.

Der milltaristische Zustand kann nicht durch die heutigen Regierungen beseitigt werden. So lange das kapitalistische System im Innern unseres Reiches und zwischen den Völkern besteht und so lange man diesem System nicht zu Leibe geht, ist es nicht möglich, die Friedensbestrebungen zu verwirklichen. Was ich aber hoffe und wünsche, ist, daß die Regierung in Zukunft mit offenen Karten spielen möge. Dann werden wenigstens die Völker wissen, von den heutigen Re⸗ gierungen haben wir nicht zu hoffen und zu erwarten, daß die Kriege je beseitigt werden. Sie werden wissen, die heutigen Regierungen können nichts besseres schaffen, es wird bleiben bei dem heutigen System der Rüstungen und Verwüstungen.(Lebhafter Beifall bei den So⸗ zialdemokraten.)

Staatssekretär von Bülow: Wir haben unsere Rüstungen zu Lande und zu Wasser immer nur zu dem Zweck vervollständigt, um unser Territorium und unsere wohlerworbenen Rechte gegen feindliche Angriffe zu schützen; von unserer Seite ist der Frieden nicht gestört worden. Für das Gegenteil können wir aber keine Garantie übernehmen und gegen eine nicht ausgeschlossene Möglichkeit müssen rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Die Veröffentlichung der Haager Konferenz⸗ beschlüsse werde erfolgen, sobald die Ratifikation derselben stattgefunden habe.

An der weiteren Debatte beteiligten sich noch in hervorragender Weise Genosse Bebel, der der Regierung gehörig die Meinung sagte, und Genosse Kunert. Letzterer geißelte die Nachgiebigkeit der Regierung den Junkern gegenüber und verlas als trefflichen Beweis dafür einen Geheimerlaß, den wir in unserm heutigen zweiten Artikel näher besprechen, und den wir hier im Anszug wiedergeben:

Der Regierungs-Präsident. B 2323 Geheim! Düsseldorf, 24. Juli 1899.

Nach dem Zirkular vom 10. Juni 1894(Min.⸗Bl. f. d. inner. Verw. S. 102) können Anfragen und Er⸗ suchen, welche seitens der in Deutschland bestellten, mit dem Exequatur versehenen Konsuln ausländischer Staaten innerhalb der Grenzen ihrer amtlichen Aufgaben und ihres Amtsbezirks an die diesseitigen Verwaltungs⸗ behörden gerichtet und von diesen unmittelbar beantwortet werden, sofern es sich nicht um Fragen von allgemeiner Bedeutung handelt. Gegenüber den amerikanischen Konsuln, für welche die vorangeführten Grundsätze gleichfalls Geltung haben, ist indessen von allen zur Beeinträchtigung diesseitiger Interessen geeigneter Mit⸗ teilungen abzusehen

Als Mitteilungen, die unter keinen Umständen den amerikantschen Konsuln zu machen sind, bezeichne ich z. B. statistische Angaben über Zuwiderh andlungen gegen das Nahrungsmittelgesetz und seine Neben⸗ gesetze, insbesondere über die Herstellung und den Vertrieb gesundheitsschädlicher Nahrungs⸗ und Genußmittel und Gebrauchsgegenstände einschließlich Spielwaren, über die Verfälschung und Vertrieb derartiger Waren, über Trichinen⸗ und Finnenfunde in einheimischem Fleische und über den Stand von Menschen- und Tier⸗ Kank heiten

Ich ersuche, diese Angelegenheit als streng ver⸗ traulich zu behandeln und die nachgeordneten Behörden mit entsprechender Weisung unter ausdrücklicher Betonung der streng vertraulichen Behandlung zu versehen.

An die Landräte und Oberbürgermeister. Freiherr von Rheinbaben.

Genosse Kunert besprach diesen musterhaften Geheim⸗ erlaß ausführlich und kam zu dem Schluß, daß der Geheimcharakter desselben für ein schlechtes Gewissen spreche. Dieser Geheimerlaß sei das Produkt einer zweideutigen und treulosen Politik.

Dienstagssitzung. Der Reichstag nahm nach längerer Debatte den freisinnigen Antrag, die Petitionen betreffend das Vereins- und Versammlungsrecht dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen, gegen die Stimmen der Rechten an. Unsere Genossen Stolle, Herzfeld, Baudert, Heine und Frohme schilderten die willkürliche Handhabung der Versammlungs- und Vereinsgesetze. Ueber die Petition betreffend die Ein⸗ führung des Befähigungsnachweises für das Baugewerbe entspann sich eine lebhafte Debatte. Schließ⸗ lich wird sie mit großer Mehrheit dem Reichskanzler teils zur Berücksichtigung, teils als Material überwiesen.

Von Nah und Lern.

Gleichberechtigung Aller.

* Die Eingabe der hessischen Judenschaft an die Zweite Kammer der Stände, wegen Gleichstellung aller Bürger des Staates, hat auch dem Zentrum nicht gefallen, wie