Ausgabe 
11.2.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 7.

Hasensalat. Von Johannes Trojan.

Morgens in den Garten trat Liese, klein und niedlich, Saß ein Häschen im Salat, Schmaust und that sich gütlich.

Liese sprach:Du armes Tier, Wart einmal, indeß ich Lauf in's Haus und hole dir Sum Salat den Essig.

Kommt zurück schon mit dem Krug Niemals lief sie schneller Essig gießt sie jetzt genug Auf den Hasenteller.

Lieselchen, ich danke dir, Sprach der kleine Fresser, Eigentlich doch schmeckt es mir Ohne Essig besser. (Aus Jakobowski's Liederheft.)

Das Abenteuer der Neujahrsnacht. Novelle von H. Zschokke. (Fortsetzung.)

Eine hohe, lange Maske trat mit schnellen Schritten dem Philipp entgegen und rief: Halten Sie einen Augenblick, ich habe mit Ihnen ein Wörtchen zu sprechen! Ich suche Sie schon lange!

Nur geschwind, entgegnete Philipp,denn ich habe keine Zeit zu verlieren!

Ich wollte, ich müßte keine mit Ihnen verlieren! Ich habe Sie lange genug gesucht. Sie sind mir Genugthuung schuldig! Sie haben mir eine tödliche Beleidigung zugefügt!

Daß ich nicht wüßte!

Sie kennen mich nicht? rief der Herzog, und zog die Larve ab.Nun wissen Sie, wer ich bin, und Ihr böses Gewissen muß Ihnen daß übrige sagen! Ich fordere Genugthuung. Sie und der verfluchte Sal moni haben mich betrogen!

Davon weiß ich nichts! antwortete Philipp.

Sie haben die schändliche Geschichte im Keller des Bäckermädchens angestellt. Auf Ihr Anstiften hat sich der Oberst Kalt an meiner Person vergriffen.

Kein wahres Wort!

Wie, kein wahres Wort? Sie leugnen? Die Marschallin Blankenschwerd hat mir erst vor wenigen Minuten alles entdeckt. Sie war Augenzeugin bei der Geisterkomödie, die Sie mit mir spielten.

Sie hat Eurer Durchlaucht ein Märchen aufgebunden. Ich habe an Ihren Händeln keinen Teil gehabt. Wenn Sie Geisterkomödie mit sich spielen ließen, war es Ihre Schuld.

Ich frage Sie, ob Sie mir Genugthuung geben wollen? Wo nicht so mache ich Lärm. Folgen sie mir auf der Stelle zum König! Entweder Sie schlagen sich mit mir, oder zum König!

Eure Durchlaucht... stotterte Philipp verlegen,ich habe weder Lust, mich mit Ihnen zu schlagen, noch zum Könige zu gehen!

Das war Philipps voller Ernst; denn er befürchtete, die Larve abziehen zu müssen und in empfindliche Strafe wegen der Rolle zu fallen, die er wider seine Absicht hatte spielen müssen. Er machte daher gegen den Herzog allerlei Ausflüchte, und sah nur immer nach der Thür, um irgend einmal den Augenblick erwischen und davonspringen zu können. Der Herzog hingegen bemerkte die Aengstlichkeit des vermeinten Prinzen, und ward da durch mutiger. Er nahm zuletzt den armen Philipp beim Arm, und wollte ihn zum Saal führen.

Was wollen Sie von mir? rief Philipp in eistung, und schleuderte den Herzog zurück.

Zum König! antwortete der Herzog wütend.Er soll hören, wie schändlich man an seinem Hofe einem fürstlichen Gast begegnet.

Gut! sagte Philipp, der sich nicht mehr zu helfen wußte, als wenn er den Charakter des Prinzen wieder annähme. So kommen Sie! ich bin bereit. Zum Glück hab ich den Zettel bei mir, auf welchem Sie dem Bäcker⸗ mädchen eigenhändig die Versicherung aus⸗ fiel!

Possen! Larifari! erwiderte der Herzog. Das war einer von den Späßen, die man wohl mit einem dummen Bürgermädchen treibt. Zeigen Sie ihn nur dem Könige! Ich werde mich darüber ausweisen.

Indessen schien es dem Herzog doch mit dem Ausweisen nicht gar Ernst zu sein. Er drang gar nicht weiter darauf, Philippen zum König zu führen, und das war dem Philipp schon recht; desto ungestümer bestand der Herzog darauf, daß sie sich beide in den Wagen setzen und, der Himmel weiß wohin, fahren wollten, um die Ehrensache mit Pistolen und Säbeln abzumachen. Das war nun dem bedrängten Philipp gar nicht gelegen. Er stellte dem Her⸗ zog alle bösen Folgen dieses Schrittes vor. Jener aber in seinem Grimme ließ sich durch nichts von seinem Verlangen abwendig machen; versicherte, er habe schon Fürsorge für alles getroffen, und werde nach Beendigung ihres Geschäfts noch in der Nacht abreisen.

Wenn Sie nicht, fuhr der Herzog fort, der feigste Mensch in Ihrem Lande sind, so folgen Sie mir zum Wagen, Prinz!

Ich bin kein Prinz! antwortete Philipp, der sich zum Aeußersten getrieben sah.)

Sie sind es! Jeder hat Sie hier auf dem Balle erkannt! Ich erkenne Sie am Hut! Sie hintergehen mich nicht!

Philipp zog die Larve ab, zeigte dem Herzog sein Gesicht und sprach:Nun, bin ich der Prinz?

Herzog Hermann, als er das wildfremde Gesicht erblickte, prallte zurück und stand wie versteinert. Seine geheimste Angelegenheit einem Unbekannten verraten zu haben, vermehrte seine Bestürzung und Verlegenheit. Ehe er sich noch von derselben erholen konnte, hatte Philipp schon die Thür in der Hand, und weg war er.

XI.

Sobald sich Philipp im Freien besand, nahm er blitzschnell Hut und Seitenmantel ab, wickelte jenen in diesen, und so, beides unter dem Arm, sprang er die Gasse entlang, der Gregorien⸗ kirche zu.

Da stand Röschen schon in einem Winkel neben der hohen Kirchenpforte und harrte sein.

Ach Philipp, lieber Philipp! sagte sie zu ihm, sobald sie ihn erkannte, und drückte seine Hand;welche Frende hast Du mir doch ge⸗ macht! O, wie glücklich sind wir! Sieh, ich habe keine Ruhe mehr bei meinen Freundinnen ge⸗ habt. Gottlob, daß Du da bist! Schon seit beinahe einer Viertelstunde stehe ich hier und friere. Aber ich denke vor Freuden gar nicht an die Kälte, die ich leide.

Und ich, liebes Röschen, danke Gott auch, daß ich wieder bei dir bin. Hole der Geier all den Schnickschnack der großen Herren! Nun, ich erzähle Dir schon ein andermal von den tollen Auftritten die ich gehabt habe. Sage mir, Herzenskind, wie geht es Dir denn? Hast Du mich noch ein wenig lieb?

Ei, Du bist nun ein großer Herr geworden, Philipp, und da kommt es mir wohl zu, zu fragen, ob Du mich noch ein wenig lieb hast?

Wetter, woher weißt Du denn schon, daß ich ein großer Herr war?

Du hast es mir ja selber gesagt. Philipp, Philipp, wenn Du nur nicht stolz wirst, nun Du so entsetzlich reich bist! Ich bin ein armes Mädchen, und nun freilich zu schlecht für Dich. Aber, Philipp, ich habe schon bei mir gedacht, wenn Du mich verlassen könntest, sieh, ich wollte lieber, Du wärest ein Gärtner geblieben! Ich würde mich zu Tode grämen, wenn Du mich verlassen könntest.

Röschen, sage mir, was schwatzest du denn da? Ich bin eine halbe Stunde Prinz gewesen, und es war doch nur Spaß; aber in meinem

Leben mache ich solchen Spaß nicht wieder.

Nun bin ich wieder Nachtwächter, und so am

wie vorher. Ich habe da wohl noch fünftausend Gulden bei mir, die ich von meinem Mamelucken bekommen die könnten uns beide aus der Not helfen aber leider, sie gehören mir nicht.

Du sprichst wunderlich, Philipp! sagte Röschen, und gab ihm die schwere Geldbörse, die Sie vom Prinzen erhalten hatte.Da nimm Dein Geld wieder! Es wird mir doch im Strickbeutel fast zu schwer.

Was soll ich mit dem vielen Gelde? Wo⸗ her hast Du das, Röschen?

Du hast es ja in der Lotterie gewonnen, Philipp!

Was? Hab' ich gewonnen? Und man hat mir doch auf dem Rathause gesagt, meine Nummern wären nicht herausgekommen! Sieh, ich habe gesetzt und gehofft, es könnte eine Terne für uns zur Aussteuer geben. Aber der Gärtner Rothmann sagte mir, als ich den Nachmittag zu spät auf das Rathaus kam: ‚Armer Philipp, keine Nummer! Juchhe, also doch gewonnen! Jetzt kauf' ich den größten Garten, und Du bist meine Frau. Wie viel ist's denn geworden?

Philipp, hast Du dir ein Räuschchen in der Neujahrsnacht getrunken? Du mußt besser wissen, wieviel es ist. Ich habe bei meinen Freundinnen nur unter dem Tische heimlich in die Vörse hineingeschielt, und mich recht er⸗ schrocken, als ich ein Goldstuck neben dem andern blitzen sah. Da dachte ich: nun wunderts mich nicht, daß der Philipp so unbändig war. Ja, recht unbändig bist Du gewesen. Aber es war Dir ja nicht zu verargen. Ich möchte Dir selber um den Hals fallen und mich recht satt weinen vor Freuden. a

Röschen, wenn Du fallen willst, ich mag es wohl leiden. Aber hier ist ein Miß verständnis. Wer hat Dir das Geld gebracht und gesagt, es sei mein Lotteriegewinn? Ich habe ja das Los noch zu Hause im Kasten, und kein Mensch hat es mir abgefordert.

Philipp, treib keine Possen! Du hast's mir vor einer halben Stunde selber gesagt und mir selber das Geld gegeben.

Röschen, besinne Dich! Diesen Morgen sah ich Dich beim Weggehen aus der Messe, da wir miteinander unsere Zusammenkunft für diese Nacht verabredeten. Seitdem sahen wir uns nicht wieder.

Außer vor einer halben Stunde, da ich Dich blasen hörte, und ich Dich zu Steinmanns ins Haus hineinrief. Aber was trägst Du denn unter dem Arm für ein Bündelchen? Warum gehst Du bei der kalten Nacht ohne Hut? Philipp, Philipp! nimm Dich wohl in acht! Das viele Geld könnte Dich leicht⸗ sinnig machen. Du hast gewiß in einem Wirts⸗ hause gesessen, und hast Dir mehr zu gute gethan, als Du solltest? Nun? Was hast Du da für ein Bündelchen? Mein Himmel, das sind ja wohl Frauenzimmerkleider von Seide? Philipp, Philipp, wo bist Du gewesen?

Gewiß vor einer halben Stunde nicht bei Dir. Du willst Dich, glaub' ich, über mich lustig machen? Antworte mir, woher hast Du das Geld?

Antworte mir erst, Philipp, woher hast Du diese Frauenzimmerkleider? Wo bist Du gewesen?

Da beide ungeduldig waren, Antwort zu haben, und keine Antwort gaben, fingen sie gegeneinander etwas mißtrauisch zu werden und zu zanken an. 5

II.

Wie es gewöhnlich in solchen Rechtshändeln geht, wo ein liebendes Pärchen mit einander streitet, so ging es auch hier. Sobald Röschen das weiße Schnupftuch hervornahm und ihre Augen trocknete und das Köpfchen wegwandte, und einen Seufzer nach dem andern aus der Tiefe der Brust ausstieß, hatte sie offenbares Recht und er offenbares Unrecht. Und er ge⸗ stand sein Unrecht, indem er sie tröstete und bekannte: er sei auf dem Maskenball gewesen, und was er unter dem Arme trage, sei kein weibliches Gewand, sondern ein Seidenmantel nebst Larve und Federhut.

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