Ausgabe 
11.2.1900
 
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Nr. 7.

Wütteldeutische Genntags-Zeitung.

Seite 7.

Nach diesen reumütigen Geständnissen aber begann erst das strengste Verhör über ihn. Ein Maskenball, daß weiß jedes Mädchen in einer großen Stadt, ist für unverwahrte Herzen ein gefährlicher Irrgarten und Kampfplatz. Man stürzt sich in ein Meer anmutiger Gefahren, und geht manchmal darin unter, wenn man kein guter Schwimmer ist. Röschen hielt ihren Freund Philipp aber gerade nicht für den besten Schwimmer; es ist schwer zu sagen, warum? Also mußte er zuerst erklären, ob er getanzt habe? Auf das Verneinen hin fragte sie, ob er keine Abenteuer und Händel mit weiblichen Masken gehabt habe? Das ließ sich nicht verneinen. Er bekannte allerlei; doch setzte er jedesmal hinzu, die Frauenzimmer wären insgesamt von vornehmer Abkunft ge⸗ wesen und hätten ihn für einen andern gehalten. Röschen wollte zwar ein wenig zweifeln; doch unterdrückte sie den Argwohn. Als er aber auf Ihre Frage: für wen man ihn gehalten habe, und von wem er seine Maske geliehen? immer den Prinzen Julian nannte, schüttelte Sie doch das ungläubige Köpfchen; und noch unwahrscheinlicher war ihr sein Geschichtchen, daß der Prinz Nachtwächterdienste gethan, während Philipp guf dem Balle gewesen. Er aber vernichtete alle ihre Zweifel mit der Ver⸗ sicherung, der Prinz denn dafür halte er seinen Stellvertreter werde, laut Abrede, in wenigen Minuten bei der Gregorienkirche er⸗ scheinen, und die schöne Maske für den Nacht⸗ wächtermantel eintauschen.

Nun ging dem erschrockenen Röschen über ihr Abenteuer im dunklen Hausgange ein Licht auf. War es ihr doch damals schon aufgefallen, daß der vermeinte Philipp so etwas Fremd⸗ artiges in seinem Wesen gehabt hatte. Da nun die Reihe an sie kam, alles haarklein zu beichten, wie sie zu dem Gelde für das Lotterie⸗ los gelangt wäre, stotterte sie lange und suchte nach Worten herum, daß dem Philipp ganz bange ward.(Fortsetzung folgt.)

Den Noehlen wagen. Eine Straßenstudie. Von Dr. Ludwig Thoma(München).

Ein großes, schwer beladenes Kohlen⸗ fuhrwerk fuhr auf dem Tramwangeleise, als eben ein Wagen der elektrischen Straßenbahn daher kam. Der Kutscher des Kohlenfuhrwerks sagte:Wüst, ahö, wüst und fuhr so langsam aus dem Geleise, als wäre die elektrische Bahn nur eine Straßenwalze. Er bewerkstelligte auch, daß er grade noch mit dem hinteren Rade an den Wagen stieß. Das Rad brach und der Kohlenwagen senkte sich krachend mitten in das Geleise.

Du Rammel, Du g'scheerter, kannst net nausfahren? schrie der Konduktör.

Jetzt nimma, Du Rindviech! antwortete der Kutscher. Und er hatte ganz Recht, denn eine Kohlenfracht kann man nicht auf drei Rädern wegbringen.

Der Konduktör legte dem Fuhrmann noch einige Fragen vor. Ob er glaube, daß er das nächste Mal aufpassen wolle; ob er vielleicht nicht aufpassen wolle und ob noch ein solcher dummer Kerl Fuhrmann sei.

Dies alles brachte den Kutscher nicht aus seiner Ruhe. Er stieg ab und stellte fest, daß das Rad vollständig kaput sei. Und da er in Folge dieser Thatsache die Meinung gewann, daß sein Aufenthalt von längerer Dauer sein werde, zog er die Tabakspfeife aus der Tasche und begann zu rauchen.

Erst jetzt faßte er den Konduktör näher in's Auge, und als er ihn genug besichtigt hatte, erklärt er dem sich ansammelnden Publikum, daß er nicht aufpasse, weder auf die Tramway, noch auf den Konduktör. Und dann lud er die Altiengesellschaft, sowie deren sämtliche Bedienstete zu einer intimen Würdigung seiner

In diesem Augenblick drängte sich ein Schutzmann durch die Menge und stellte sich vor den Wagen hin.

Rückseite ein.

* Aus demSimplicissimus.

Was giebts da? Was ist hier los? fragte er.

A hinters Radl is los, sagte der Kutscher.

So? Das wer'n wir gleich haben, er⸗ widerte der Schutzmann, und ich glaubte, daß er ein Mittel angeben wolle, wie man umge⸗ 0 Wagen am schnellsten auf die Räder ilft.

Der Schutzmann zog ein dickes Buch aus der Brusttasche, öffnete es und nahm einen Bleistist heraus, der an dem Deckel steckte. Mährend er ihn spitzte, kam wieder ein elekt⸗ rischer Wagen angefahren. Der Lenker des⸗ selben machte großen Lärm, als er nicht vor⸗ wärts konnte, und der Schaffner blies heftig in sein silbernes Pfeifchen.

Was ist denn das für ein unverschämtes Gefeife? Wollen S' vielleicht aufhören zu feifen? fragte der Schutzmann und blickte den Schaffner durchdringend an, während er den Bleistift mit der Zunge naß machte.

So, sagte er dann, indem er sich wieder zu dem Kutscher wandte,jetzt sagen Sie mir wie Sie heißen thun.

Matthias Küchelbacher.

Mat- thiaschelbacher. Wo thun Sie geboren sein?

Han?

Wo Sie geboren sein thun?

Z' Lauterbach.

So? In Lauterbach. Glauben S' vielleicht es gibt nur ein Lauterbach? Wollen S' vielleicht sagen, wo das Höft ist? Thun S' ein bissel genauer sein, Sie!

Inzwischen hatte sich die Menge, welche den Wagen umstand immer mehr vergrößert. Ein Herr in der vordersten Reihe untersuchte mit sachverständiger Miene den Schaden. Er bückte sich und sah den Wagen von unten an; dann ging er vor und faßte die lange Seite scharf in's Auge und dann bückte er sich wieder und klopfte mit seinem Stockeu auf die drei ganzen Räder. Und dann sagte er, es sei bloß eines kaput und wenn es wieder ganz wäre könne man sofort wegfahren.

Die Umstehenden gaben ihm Recht. Ein Arbeiter sagte, man müsse versuchen, ob man den Wagen nicht wegschieben könne. Er spuckte in die Hände und stellte sich an das hintere Ende des Wagens. Dann sagte er:öh rück! öh rück! und schüttelte den Wagen, und spuckte immer wieder in seine Hände, bis ihn die Schutzleute zurücktrieben. Diese entwickelten jetzt eine große Thätigkeit. Sie gaben Acht, daß die Zuschauer sich anständig benahmen und in einer graden Linie standen. Das war nicht leicht. Wenn sie oben fertig waren, drängten unten die Neugierigen wieder vor und deshalb liefen sie hin und her und wurden ganz atemlos dabei.

Noch dazu mußten sie Acht geben, daß jeder Schutzmann, der hinzukam, seinen Platz erhielt wenn ein Vorgesetzer erschien, mußten sie ihm alles erzählen, und wenn ein neuer Tramwaywagen daherfuhr, mußten sie dem Konduktör etuschärfen, daß er nicht durch die anderen Wagen durchfahren dürfe.

Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, weil ich nach zwei Stunden zum Abendessen gehen mußte. Aber ich las am nächsten Tage mit Befriedigung in den Blättern, daß der Polizeidirektor, der Minister des Innern und unsere zwei Bürgermeister am Platze erschienen wären.

Dem Volle gewidmet.

* Neue Lieder der besten neueren Dichter für's Volk. Zusammengestellt von Dr. L. Jakobowski. 160 Seiten. Preis 10 Pfg. i.

* Goethe. Mit Porträt und Ein⸗ leitung. Nr. 1 der Sammlung:Deutsche Dichter, in Auswahl für's Volk. Herausgegeben von Dr. L. Jakobowski. 160 Seiten. Preis 10 Pfg.

Herr Jakobowski hat sich mit der Heraus⸗ gabe dieser beiden Heftchen, denen bald weitere folgen sollen, ein großes Verdienst erworben. Er hat sich das schöne Ziel gesteckt: das Volk mit den besten deutschen Dichtern ver

traut zu machen. Möchte ihm das ge⸗ lingen! Wie mancher, der jetzt seine freien Stunden beim Kartenspiel zubringt, würde lieber ein gutes Buch zur Hand nehmen, wenn er eine Ahnung davon hätte, welch hohen Genuß ein gutes Dichtwerk bietet. Zunächst muß das Verständnis geweckt werden, und das versucht Dr. Jakobowski mit seinen Darbietungen. Es ist unglaublich, welche Fülle des Schönen er für 10 Pfennig bietet.

Sein Liederheftchen enthält Hunderte Gedichte moderner Poeten.

Sein Goetheheft enthält außer einer Lebensbeschreibung Goethes und 28 Gedichtchen noch:Götz von Berlichingen,Italienische Reise,Faust,Aus meinem Leben,Ge⸗ spräche mit Eckermann, Sprüche u. s. w.

Die Heftchen machen auch äußerlich einen sehr vorteilhaften Eindruck. Der Druck des 1(Kitzler, Berlin) ist geradezu vor⸗ züglich.

1. empfehlen unseren Lesern die Anschaffung der Hefte bestens. Mehr als da für 10 Pfg. an wahrhaft Gutem und Schönem geboten wird, kann füglich nicht geboten werden.

Die Hefte sind in allen Buchhandlungen zu haben.

Sprüche zur Lebensweisheit.

Borgt der Wirt nicht, borgt die Wirtin Und am Ende borgt die Magd.

* Die Weiber, die Weiber! Man vertändelt gar zu viel Zeit mit ihnen. *

Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen,

Welchen Geists er ist, und ob er sich eignen Wert fühlt. a

Mir gäb' es keine größ're Pein, Wär' ich im Paradies allein. Goethe. * Thu' recht! Steh' fest! Kehr' Dich nicht d'ran, Wenn Dich auch tadelt manch ein Mann: Der muß noch kommen auf die Welt, Der thut, was jedermann gefällt. Rückert.

Humoritisch es.

Die drei Stadien. In einem Badeorte des nördlichen Schwarzwaldes wurde in einer Versammlung von Ortsvorstehern über die Anstellung eines Distrikts⸗ arztes verhandelt. Der Oberamtmann befürwortete die Sache und forderte dann die Anwesenden zu einer Aeußerung auf. Nach längerem Schweigen erhob sich der Bürgermeister einer Waldgemelnde und sagte:Die Anstellung eines Arztes ist unnötig, weil meine Bauern drei Stadien haben. Im ersten brauchen sie keinen Arzt, weil sie nicht wissen, was ihnen fehlt, im zweiten hoffen sie eben auf eine Besserung und im dritten ist es zu spät, weil dann alles nichts mehr hilft. Allseitige Zustimmung erfolgte, und so werden in Zukunft die beteiligten Gemeinden in ihren drei Stadien ohne Doktor auskommen.

Gemeinnütziges.

Die Abhärtung der Kinder durch kühle Waschungen erfordert, wie derPrakt. Wegweiser, Würzburg, schreibt, eine genaue Individualisterung, den! nicht jedes Kind ver⸗ trägt eine kalte Abwaschung wie das andere. Bei blutarmen und nervösen Kindern können kalte Abwaschungen eher das Gegenteil be⸗ zwecken und die beaßsichtigte Abhärtung steigert nur die Nervosität und regt noch mehr auf. Min benütze deshalb lauwarmes Wasser mit 18 bis 21 Grad Reaumur und gehe erst nach längerer Zeit mit der Temperatur Grad um Grad herunter bis höchstens zu 15 Grad R. Dabei bleibe man. Diese Abwaschungen sollen morgens und womöglich auch abends gemacht werden. Der Schlaf ist dann sehr ruhig und kräftigend. Freilich darf zuvor nicht das Abend⸗ essen eingenommen worden sein. Das sollte doch ungefähr zwei Stunden früher geschehen.