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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

* Der hessische Landtag ist zu Diens⸗ tag, 13. Februar, zu einer voraussichtlich kurzen Tagung einderufen. Auf der Tagesordnung stehen kleinere Vorlagen und Wahlprüfungen.

e- Wieseck. Am Samstag sprach hier in einer vom Verband der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter arrangierten Versammlung Frau Tröger aus Offenbach in stündiger Rede über den Wert des gewerkschaftlichen Zusammen⸗ schlusses. Ihre Ausführungen fanden den leb⸗ haftesten Beifall. In der Diskusston kam es zu Anseinandersetzungen zwischen dem Bevoll⸗ mächtizten des oben genannten Verbandes und demjenigen des Tabak⸗Arbeiter⸗Verbandes. Letz⸗ terer halt es für richtiger, daß sich die Zigarren⸗ macher dem Taba karbeiterverband anschließen, der jetzt in Wieseck über 200 Mitglieder zähle. Sein Gegner hält es für gleichgültig, ob die in der Tabakindustrie beschäftigten Arbeiterinnen dieser oder jener Organisation angehörten, die Haupssache sei, daß sie sich überhaupt organi⸗ sierten. Frau Tröger bedauert diese Aus⸗ einandersetzungen, die der Vorsitzende der Tabak⸗ arbeiter begonnen habe, gewiß nicht zum Vorteil der gemeinsamen guten Sache. Von einem Redner wurde sodann noch gerügt, daß die Versammlungen der Fabrik- und Hilfsarbeiter in einem Blatt bekannt gemacht würden, das die Arbeiterbewegung jahrelang verleumdet und beschimpft habe, während in der M. S.⸗Ztg. nicht inseriert wurde. Dem Tabak ⸗Arbeiter⸗ Verband traten 15 neue Mitglieder bei.

L. Wieseck. Im Auftrage des Verbandes der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter hielt in den Tagen vom 2. bis zum 4. Februar Frau Tröger aus Offenbach vier Versammlungen in verschiedenen Orten ab. Die Versammlungen waren leider nur mäßig besucht(kein Wunder, da die Bekanntmachung nicht in derMitteld. Sonntags⸗Ztg. erfolgte, die von den Arbeitern gelesen wird. Rd.), doch fanden im ganzen 22 Neuaufnahmen statt.

* Krofdorf. Hier wird der Mangel an Kriegsschiffen ganz besonders empfunden, wenn auch nicht von der überwältigenden Mehrzahl der Einwohner, die sozialdemokratisch sind, so doch vom Herrn Bürgermeister Lichtenthaeler. In seiner Rede zu Kaisers Geburtstag beklagte er die Beschlagnahme deutscher Schiffe durch die Engländer und rief entrüstet aus: Wem kam in diesen Tagen nicht der Gedanke: Ach, hätten wir doch genügend Schiffel Der Herr Bürgermeister werden entschuldigen, wenn wir uns die Bemerkung erlauben, daß speziell vielen Krofdorfern, denen die vorhandenen Kriegsschiffe vollauf genügen, der Gedanke kam: wer mag die Lockspitzelet angezettelt haben, durch welche die Engländer allem An⸗ schein nach zur Beschlagnahme der deutschen Schiffe veranlaßt wurden? Bemerkenswert ist ferner, daß es der Herr Bürgermeister von Krofdorf für unerlaubt hält, Worte des Kaisers zu kritisieren. Ein wahres Glück, daß Herr Lichtenthaeler Bürgermeister von Krofdorf und nicht irgendwo Landgerichtspräsident oder Staatsanwalt ist.

W. Marburg. Die hiesige königliche Polizei wird bekanntlich am 1. April aufge⸗ löst, an deren Stelle tritt dann städtische. Zum Polizeikommissar wurde der bei dem Infanterie⸗

Regiment Nr. 116 in Gießen stehende Feldwebel

Fauré(ein gebürtiger Marburger) ernannt. Augeublicklich ist Faure bei dem königl. Polizei⸗ Präsidium in Kassel beschäftigt. Das Gehalt dieser Stelle beträgt 2500 Yk.

** Auf dem Maskenball erschossen. Eine tragische Szene hat sich in einem Vallsaal in Kiel abgespielt: In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde die neunzehujährige Tochter des Gefängnisvorstehers Streich, F äulein Helene Streich, im Ballsaal von einem Meuchelmörder erschossen. Es war in der Maskerade des plattdeutschen VereinsJungs holt fast und die junge Dame saß neben ihrer Mutter am Kaffeetisch, während die Musik zur Polonaise aufspielte. In diesem Augenblick krachte ein Schuß, und das unglückliche Mädchen sanuk, gerade ins Herz getroffen, tot vom Stuhl. Der Mörder hatte den todbringenden Schuß durch ein offenstehendes Fenster auf sein. Opfer abgefeuert und war dann entflohen. Noch

während der Nacht wurden die Briefschaften der Ermordeten untersucht, und es fanden sich darunter Drohbriefe, die von dem in Kiel in Stellung befindlichen Apothekergehilfen Pflüger herrührten. Dieser hatte das junge, bildschöne Mädchen mit Anträgen verfolgt und war ab⸗ gewiesen worden. Er wurde in seiner Woh⸗ nung verhaftet, leugnet jedoch entschieden, die That ausgeführt zu haben.

Arbeiterbewegung.

* Die wirtschaftlichen Folgen des öster⸗ reichischen Bergarbeiterstreiks machen sich immer mehr auch für die deutsche Industrie bemerkbar. Die großen Industrieorte an der böhmisch⸗sächsischen Grenze, die ihren Kohlen⸗ bedarf nur aus dem Teplitzer Gebiete bezogen, decken jetzt infolge des Streiks ihren ganzen Bedarf aus den Braunkohlengruben der Ober⸗ und Niederlausitz, wo täglich böhmische Händler eintreffen und große Mengen Preßkohlen auf⸗ kaufen. Die Steinkohlenpreise sind erheblich gestiegen.

Die großen Glasfabriken von Walther in Moritzzorf bei Leipzig haben wegen Kohlen⸗ mangel den Betrieb eingestellt. In den erz⸗ gebirgischen Industriestädten ist die Kohlen⸗ kalamität aufs höchste gestiegen. In Anna⸗ berg Buchholz sind sämmtliche Vorräthe ver⸗ griffen, nur einige größere Fabriken haben noch auf wenige Tage Vorrat. Die großen Bür⸗ stenfabriken in Schönheide haben ihre Riesen⸗ betriebe auf ein Minimum reduziert. Die Elektrizitätswerke in zahlreichen erzgebirgischen Fabrikorten haben die Lichtabgabe eingeschränkt. Schon hat die Kohlennot auf die bisher ver⸗ schont gebliebenen Industriestädte Thüringens übergegriffen. In Poeßneck hat die dortige Flanellfabrik mit 400 Arbeitern den Betrieb ganz, zahlreiche andere Fabriken haben ihn teilweise einstellen müssen. Aus Apolda und Gera wird eine rapide Abnahme der Kohlen⸗ vorräte gemeldet. Der Streik in Böhmen fängt also an, geradezu verhängnißvoll für die deutsche Industrie zu werden. Die Lage ist noch immer unverändert.

Auch unter den sächsischen Berg⸗ arbeitern gärt es. Eine große Bergarbeiter⸗ versammlung beschloß einstimmig die Ausnutzung der gegenwärtigen Lage und die Einsetzung einer Kommisston zur Aussprache und zur Unter⸗ handlung mit den böhmischen Revieren. In 8 bis 14 Tagen soll eine neue Versammlung der Berg⸗ arbeiter über den Eintritt in die Streikbewegung beschließen. Die Zahl der in den sächsischen Kohlenbergwerken beschäftigten Bergleute be⸗ trägt 24000.

Sollte sich der böhmische Streik auf die sächsischen Gruben ausdehnen, so würde die ganze sächsisch⸗thüringische Industrie, die jetzt schon wegen des Kohlenmangels furchtbar leidet, völlig lahm gelegt werden.

Der Bergarbeiterstreik im Wurm⸗ revier, der vor 14 Tagen ausgebrochen, dauert fort, doch soll die Zahl der Ausständigen zurückgegangen sein. Eine Aussicht auf baldige Verständigung zwischen Unternehmern und Arbeitern ist noch nicht vorhanden. Wie eine neuere Meldung aus Aachen besagt, ist der Streik im Wurmgebiet beendet.

Partei ⸗Nachrichten.

Versammlungs⸗ Kalender. Sonntag, den 11. Februar: Daubringen. Arb.⸗Bild.⸗Verein nachmitt. 4 Uhr

bei Gastwirt Schäfer. Samstag, den 17. Februar:

Gießener Wahlverein abends pünktlich 9 Uhr bet Orbig.

Briefkasten der Redaktson. A. L. in B. Die gewünschte Adresse: Frau Paula Thiede, Berlin NO, Frankfurterstraße 63, IV. W. D. in B. Zu 1: Ortsbürger wird jener Einwohner auf Antrag bei dem Bürgermeister, der die Entscheidung des Gemeinderats herbeizuführen hat. Wird das Aufnahmegesuch abgelehnt, so ist Berufung an den Kreisausschuß zulässig. Wenn ein Einzugsgeld vor⸗

gesehen ist, so muß selbiges entrichtet werden; durch 20 jährigen Aufenthalt ist das Ortsbürgerrecht nicht ohne weiteres erworben.(Sehen Ste die Land gem.⸗Ordn. nach.) Zu 2: Dilese Frage ist strittig; ich bin der Meinung, daß Sie kein Patent zu lösen brauchen, doch empfehle ich Ihnen, mit dem Steuerbeamten Rücksprache zu nehmen. Zu 3 gebe ich Ihnen keinen Rat, em⸗ pfehle Ihnen vielmehr dringend, Ihr unschönes Vor⸗ haben zu unterlassen.

H. B.⸗B. Die dort gültige resp. neu eingeführte Stockbuchordnung habe ich nicht zur Hand. Doch scheinen Sie im Recht zu sein. Beschwerde ist zu richten an das zuständige Amtsgericht.

W.⸗M. Um den Bericht noch bringen zu können, mußte ich bedeutend kürzen. Ihr Vorschlag betr. der neuen Rubrik ist beachtenswert, doch verschieben wir lieber eine derartige Ref. bis zum Quartalswechsel. Besten Gruß.

Letzte Nachrichten. Der Flottenvorlage erster Tag.

Berlin, 8. Febr.(Reichstag.) Admiral Tirpitz tritt lebhaft für die Vorlage ein. Dr. Schädler(Zentrum) erklärt: Wir stehen vor einem völligen Umsturz des Flottengesetzes hon 1898. Einen solchen können wir nicht mit⸗ machen und darum sind wir, das erkläre ich im Namen aller meiner Freunde, für das Gesetz in der Form und dem Umfange wie es uns vorliegt, nicht zu haben.(Beifall; Gelächter und große Bewegung.) Abgeordneter v. Levetzow(kons.) hat zwar Bedenken wegen der Landwirtschaft, tritt aber doch für die Vorlage ein. Unser Genosse Frohme erklärte sich mit aller Entschiedenheit gegen die Flotten⸗ vorlage. Mit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers habe die neue Flottenära be⸗ gonnen. Die Flottenpropagandisten haben sich auf die Ueberzeugung, Wünsche und Forderungen eines Monarchen berufen können, gerade deshalb hat bie Flottenpropaganda so über⸗ aus häßliche Züge aufzuweisen, sie ist geradezu eine Ausschweifung des Byzautinismus zur Verherrlichung der Weltpolitik. Ueber die Ziele des Kaisers gibt ein Blatt Auskunft, das bei Hofe die Lieblingslektüre bilden soll. Da heißt es u. A.:Auf dem hohen Meere herrscht kein Herzog, kein König, auf dem Meere gibt es nur die eine Parole: ein Reich und ein Kaiser! Das heißt: Ihr Bundesfürsten, Du Reichstag bist gar nichts! nur daß Du die Flotte zu bewilligen hast. Wir werden die Vorlage ablehnen gerade mit Rücksicht auf die Interessen des Volkes und die wahrhaftesten nationalen Interessen, die sich an das That⸗ sächliche halten, nicht aber thörichten Phantasien nachjagen. Eine Auflösung des Reichstags zu fürchten, hatte meine Partei den allerletzten Anlaß. Wem es auf die Sicherung der wahrhaft kulturellen Güter der Nation ankommt, der hat dabei nichts zu be⸗ sorgen.(Lebhafter Beifall links.)

Der Nationalliberale Bassermann ist für die Vorlage. Der bayerische Bauern⸗ bündler Hilpert ist für Kommisstonsberatung, wie die Vorlage vorliegt, billigt er sie nicht.

Ein Volksurteil.

* Während die nationalsozialen und pro⸗ fessoralen Flottengigerl und die Geschäfts⸗ patrioten von der Begeisterung schwindeln, mit der dasganze Volk für die größere Flotte eintritt, hat die sozialdemokratische Partei am Mittwoch in Berlin das Volk versam⸗ melt und urteilen lassen. In 19 von vielen Tausenden Männern besuchten Ver⸗ sammlungen wurde eine gleichlautende Reso⸗ lution angenommen, in der die Flottenvor⸗ lage entschieden verurteilt wird. In einer Versammlung, wo Herr v. Gerlach unserm Redner entgegentrat, fand sich außer dem ge⸗ nannten Nationalsozialen noch ein Mann! der für die Flottenvermehrung stimmte. Mit dem können nun die um Naumann Staat machen.

N Einwickelpapier.

Wie der Vorw. erfährt, wollen die Wasser⸗ männer am 15. Februar im ganzen Reich eine Flugblattverbreitung zu gunsten der Vermehrung der Kriegsschiffe vornehmen. Die Flottenapostel glauben damitdas Volk ködern zu können.