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itteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 7.

Wunder also, wenn die Zusammensetzung der Zweiten Kammer sehr viel zu wünschen übrig läßt. In derselben sitzen nicht weniger als 8 Bürgermeister und 2 Beigeordnete, zusammen schon 10 Abgeordnete unter der 50 Mann starken Volksvertretung, die der Bestätigung der Regierung bei Antritt oder Wlederantritt ihres Amtes bedürfen, demnach von der Regie⸗ rung nicht in dem Maße unabhängig sind, wie das bei einem Volksvertreter eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Zu diesen 10 Bürgermeistern und Beigeord⸗ neten kommen noch weitere 6 Abgeordnete, die Beamte sind; demnach besteht die Zweite Kammer zu einem Drittel aus Leuten, die ein großes Juteresse daran haben, es mit der Re⸗ gierung nicht zu verderben. Beamte sind ebenso wenig die richtigen Leute für eine Volks⸗ vertretung, wie Bürgermeister. Die letzteren schon deshalb nicht, weil sie ihr ganzes Können in den Dienst der Gemeinde stellen sollen. Da giebt es so viel zu thun, daß keine Zeit übrig bleibt für das arbeitsreiche Amt eines Parlamentsriers.

Speziell bäuerliche Vertreter sitzen nach unserer Schätzung mindestens 1617 im Lanb⸗ tage; die Landwirtschaft ist also, was die Quantität anlangt, sehr reichlich vertreten. Mit der Befähigung hapert's allerdings sehr. Es ist eben thöricht, wenn die ländlichen Wähler nur deshalb einen Bauersmann oder Bürger⸗ meister wählen, weil er ein Bauer ist. Darauf kommt es im Landtag nicht an. Dort wird nicht danach gefragt, was jemand in der Land⸗ wirtschaft leistet, sondern ob er die Lebensver⸗ hältuisse der kleinen Leute kennt und ob er befähigt ist, die Interessen seiner Wähler ge⸗ schickt und energisch zu vertreten. Wer ehrlich urteilen will, muß sagen, daß die geschicktesten Abgeordneten im hessischen Landtag die Soztal⸗ demokraten waren.

Flottenagitation in Hessen

Wie die Flottenbegeisterung in Mainz ge⸗ fördert wird, dürfte aus folgender Thatsache zu erkennen sein. Die preuß.⸗hess. Eisenbahn⸗ direktion hat ihren Beamten und Arbeitern durch vertrauliches Zirkular empfohlen, die Flottenausstellung in Darmstadt zu be⸗ suchen, wofür ein halber Tag Urlaub ohne Lohnabzug in Aussicht gestellt wird. Gleich⸗ zeitig wird id dem Rundschreiben darauf hin⸗ gewiesen, daß es sich dringend empfehle, dem Flottenverein als Mitglied beizutreten, zumal der Jahresbeitrag nur 1 Mark betrage. Den Herren Ressortchefs wurden Listen zufrei freiwilligen höheren Beiträgen vorgelegt und sollen recht ansehnliche Jahresbeiträge gezeichnet worden sein. Wenn nun die bedauerns⸗ werten Eisenbahner, die bei unmenschlich langer Arbeitszeit nur kärglichen Lohn haben, nicht begeisterte Flottenapostel werden, ist ihnen nicht zu helfen.

Folgen der Radfahrsteuer.

DerSegen der hessischen Steuer-Reform fäugt an, sich immer fühlbarer für die ar⸗ beitende Bevölkerung zu gestalten. In den letzten Tagen sigd nämlich eine Anzahl Offen⸗ bacher Arbeiter-Radfahrer denunzirt worden, weil sie Sonntags ohne 5 Mark⸗Stempel⸗ karte gefahren sind. Die Steuerbehörde macht sich die Sache sehr leicht. Der Denunzirte er⸗ hält sein Strafmandat und kann, wenn er damit nicht zufrieden, den ordentlichen Richter anrufen. Dort muß er nun den Beweis liefern, daß er sein Fahrrad als Transportmittel zur Aroeitsstätte benützt. Gelingt dieser Beweis, daun wird Freisprechung erfolgen müssen, wenn nicht findige Amtsanwälte noch die Frage von den Schöffen definiren lassen, ob die Benutzung notwendig, das heißt, ob nicht blos eine vor⸗ übergehende Benutzung des Fahrrades statt⸗ findet, um die Steuerdefraudation zu legalistren. Welche juristische Spaziergänge lassen sich da nicht alle machen 1 2 Wir bestreiten ent⸗ schieden, daß es in der Absicht der Gesetzgeber gelegen hat, die Befreiung von der Stempel⸗ steuer nur dann eintreten zu lassen, wenn der Arbeiter sein Rad auf dem Wege nach und von der Arbeitsstelle benutzt. Beuutzt

der Arbeiter sein Rad an einem Sonntag zu irgend einer Tour, dann läßt sich doch kaum aus den Gesetzesbestimmungen heraus⸗ definiren, daß er dazu die Fahrradsteuer zu entrichten verpflichtet sei. Das wäre eine recht kleinliche Auslegung des Artikels 56 des Stempeltarifes und wäre es angebracht, wenn die obere Steuerbehörde den unteren Organen dementsprechende Anweisung erteilte. O. A. Sewerbegerscht in Wetzlar.

* Im Jahre 1899 wurden im ganzen 31 Sitzungen abgehalten, davon nur eine einzige unter Teilnahme von Beisitzern. In 30 Fällen wurden die Klagen durch Vergleich erledigt, sedaß eine Zuziehung der Bessitzer sich erübrigte.

Die korrigierte Nationalhymne.

Die Flottenvorlage wirft ihre Schatten sogar auf die patriotischen Lieder der Volks⸗ schule. In mehreren Städten ist bei Schul⸗ feiern aus dem bekannten:Heil Dir im Siegerkranz folgende Strophe weggelassen worden:

Nicht Roß nicht Reisige Sichern die steile Höh', Wo Fürsten stehn.

Liebe des Vaterlands, Llebe des freien Mann's Gründen den Herrscherthron Wie Fels im Meer,

DerKladderadatsch meint dazu:Der freie Mann, der seine Liebe zum Herrscher⸗ hause laut anpreist, ist schon längst verdächtig. Er ist doch jedenfalls ein Freisinniger, wahr scheinlich aber ein verkappter Demokrat, der wohl das Königtum als Dekoration beibehalten, ihm aber keinen Einfluß auf die Staatsgeschäfte mehr verstatten will.... Das genannte Blatt schlägt dann in dankenswertem patrio⸗ tischem Eifer folgenden Ersatz vor:

Rosse und Reisige

Schirmen die steile Höh',

Wo Fürsten stehn.

Höflinge neigen sich, Schweichler verbeugen sich, Nie sind am Fuß des Throns Nörgler zu sehn.

Der Vorschlag ist schon ganz hübsch; wert voller wäre aber doch noch die Erwähnung etlicher Geschwader. Vielleicht findet sich noch ein Dichter, der diesem Mangel abhilft.

Wie die Buren schießen.

Von der Schießkunst der Buren, so berichtet dieVossische Ztg., konnten sich Beamte der Ludwig Loeweschen Waffenfabrik auf einem Berliner Schießplatz überzeugen. Vor etwa vier Jahren trafen fünf Herren aus Transvaal hier ein, um einen größeren Abschluß von Ge⸗ wehren der oben erwähnten Fabrik für Trans⸗ vaal zu bewirken. Bei Tegel wurden die Gewehre eingeschossen und die Buren begaben sich selbst dorthin, um das Einschießen zu über⸗ wachen. Ein höherer Beamter der genannten Fabrik war ebenfalls anwesend und ließ die besten Schützen unter den Waffenarbeitern nach der 500 Meter entfernten Figurscheibe schießen. Die geübten Schützen trafen fast alle Zentrum. Dies schien aber auf die Buren wenig Eindruck zu machen. Wortlos nahm der älteste der Buren, ein 70 jähriger Herr, eines der Gewehre und schoß der Figur erst das rechte und dann das linke Auge aus. Ein weiterer Schuß traf die Figur unter dem dritten Uniformknopf. Fast in derselben Weise zielten und schossen die übrigen Buren. Ein fat unglaubliches Schießkunststück aber leistete einer der Herren, indem er um den Kopf der Figur herum im Schnellfeuer einen förmlichen Kranz von Ge⸗ schossen bildete. Das Erstaunlichste aber dabei war, daß die sechs Kugeln in genauen Ab⸗ ständen in dem Scheibenholz steckten, als wären die Distanzen mit dem Centimetermaß vorher abgemessen worden. Als man den Buren über ihre Treffsicherheit Komplimente machte, er⸗ klärten sie, daß daheim fast jeder Stammes⸗ genosse so gut schieße.

Rechtssprechung.

§ Das JenserVolksblatt berichtet: Der Student Karl U. hier hat in der

Nacht vom 8. zum 9. November v. J. an der

Ecke der Gartenstraße den Schuhmacher Hermann

H. hier mit seinem Gehstock ehne jede Veran⸗

lassung über den Kopf und die linke Hand

geschlagen, sodaß er sich in ärzliche Behandlung

begeben mußte. Der kleine Fisger der linken Hand war derart verletzt, daß nach ärztlichem Gutachten noch Monate zu dessen Heilung nötig sein werden, selbst eine dauernde Unbraus bar⸗ f keit des verletzten Gliedes nicht ausgeschlossen ist. Dem Angeklagten konnten als Mil derungs⸗

gründe nur dessen bisherige Unbescholtenheit und hochgradige Trunkenheit zugebilligt werden. Nach Verlesen der ärztlichen Zeugnisse erfolgt

Verurteilung des Angeklagten zu 150 Mark Geldstrafe event. 50 Tagen Gefängnis; beantragt

waren 100 Mk. Der Verletzte strengte behufs seiner Privatausprüche Zivilklage an, infolge⸗ dessen er nicht als Nebenkläger auftrat.

Wie derBerl. Ztg. berichtet wird, ist die dem Manne von dem akademischen Rowdy, der im juristischen Staatsexamen steht, zugefügte Verletzung sehr schwer. Außer zwei ca. 78 Centimeter langen Kopfwunden war die Hand derartig zerschlagen, daß nicht nur der kleine Finger vollständig steif geblieben ist, sondern daß seinerzeit der Trauring dem Manne vom Finger abgesägt werden mußte. Ein Arbeiter, der sich solcher That schuldig gemacht hätte, wäre jedenfalls nicht so glimpflich davon⸗ gekommen.(Vergleiche die Notiz:Sch werste Strafe unter Pol. Rundschau.)

§ Vor dem Münchener Militäruntergericht kam ein Sergeant vom Infanterieleibregiment wegen Beschimpfung der ihm unterstellten zum Dienst einberufenen Volksschullehrer zur Ver⸗ handlung. Die einschlägigen Vorgänge kamen vor mehreren Wochen beim Militäretat im Landtag zur Sprache. Aus der Gerichts ver⸗ handlung ging hervor, daß der Sergeant zu den Lehrern gesagt hatte:Thut Euren Weih⸗ wasserschädel in die Höhe.So nun saget Muh! Der Sergeant wurde freigesprochen,

da er wegen der Sache schon disziplinarisch

bestraft sei. Bekauntlich ist ein Unteroffizier nach der Ansicht eines bekannten Zentrums⸗ abgeordnelen für die Soldaten derStellver⸗ treter Gottes.

Kleine Mitteilungen.

* Gießen. Am Samstag referierten die Genossen Krumm und Orbig im sozialdemo⸗ kratischen Wahlverein über ihre Thätigkeit als Stadtverordnete. An die Referate schloß sich eine eingehende Diskusston. Mit der Aunahme einer Resolution, in der die Versammlung ihr Einverständnis mit den Referenten ausdrückte, fand die interessante Versammlung ihren Schluß.

* Hinter verschlossenen Thüren will am Freitag, den 9. Februar, der Professor Dr. Leist für die Mitglieder des nationallibe⸗ ralen Vereins einen Vortrag halten über Politische Gimpelfallen. Schade, daß wir nicht mit anhören können, wie die natio- nalliberalen Flotteninteressenten, die

in politischem Gimpelfaug machen, von dem

Herrn Referenten verurteilt werden. Denn zweifellos sollen doch darauf läßt wenigstens der Ausschluß der Oeffentlichkeit schließen die nationalliberalen Gimpelfänger beleuchtet werden. Na, wir wünschen den Herren viel Vergnügen, mögen sie sich gegen⸗ seitig trösten über das Mißgeschick, daß die Natlonalliberalen in Oberhessen von den So⸗ zialdemokraten auf den Aussterbeetat gesetzt worden sind.

** BHegnadigter Hehler. Im Gnaden⸗ wege hat der Großherzog die von der Gießener Strafkammer seinerzeit gegen den Kaufmann Isaak Mendelsohn wegen gewerbsmäßiger Hehlerei erkannte einjährige Zuchthansstrafe in Gefängnis von gleicher Dauer umgewandelt. Die gegen Mendelsohn erkannte Strafe war die nach dem Gesetz niedrigste.

** Schwer verletzt wurde am Montag der Arbeiter Stein von Niederbessingen bel

Lich auf dem Gießener Bahnhof. Der Unglück

liche wurde von einem heranbrausenden Schnell⸗ zug erfaßt, zur Seite geschleudert und so schwel 1 daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.

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