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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
die Schiffsbaukosten sich mit rapider Schnellig⸗ keit steigern und daß in dem neuen Flotten⸗ plan das Linienschiff 25 Millionen kosten soll, während es in dem Plan von 1898 nur auf 20 Millionen und bei den letzten Abschlüssen auf 22 Millionen veranschlagt war. Der große Kreuzer soll 18 Millionen kosten, während er vor zwei Jahren auf 15 Millionen Mark ver⸗ anschlagt war, für den kleinen Kreuzer erhöht sich der Anschlag von 4,6 auf 5,5 Millionen Mark. Auf den Linienschiffen und den großen Kreuzern sollen die schwere Artillerie und für alle Schiffsklassen die Munitionsausrüstung verstärkt werden. In dem geltenden Flotten⸗ gesetz ist bekanntlich die Summe der einmaligen Ausgaben für Schiffsbauten von 1898 bis 1903 auf 356 700 000 Mark limitiert. Aus der Begründung erfahren wir, daß die limitierte Summe um 33 Millionen Mark überschritten werden muß, wenn der bis 1903 damals in Aussicht genommene Bauplan innegehalten werden soll. Um so viel stellt sich also schon in zwei Jahren die Rechnung höher. Wie wird es da nach 16 Jahren erst aussehen! Unter Hinzuziehung dieser Verteuerungen des Schiffs- baues ist zweifellos mit erheblich mehr als verdreifachtem Wert zu rechnen.
Dazu kommt eine über die Verdoppelung hinausgehende Vermehrung des Marine⸗ personals. Während es nach dem Etat von 1900 28204 Köpfe zählt, macht der neue Flottenplan eine Verstärkung von 35511 Köpfen, also 63715 Mann erforderlich. Das See⸗ offizierkorps soll von 1195 auf 2407 Köpfe gebracht werden, das ärztliche Personal von 153 auf 341 Köpfe vermehrt werden. Jährlich sollen im Durchschnitt 60 Seeoffiziere mehr angestellt werden. Die Flottenvermehrung be⸗ dingt die jährliche Anstellung von ungefähr 200 Seekadetten und 1000 Schiffsjungen.
Der blutig leere Saal.
Ueber eine in Marburg abgehaltene und vorher mit großem Tamtan angekündigte Ver⸗ sammlung des deutschen Flottenvereins berichtet das dortige nationalsoziale Organ:„Im deut⸗ schen Flottenverein sprach gestern Abend ein aktiver preußischer Offizier, ein Ober⸗ leutnant Roeper, in voller Uniform über die neue Flottenvorlage. Der große Saal des Museums war blutig leer. Noch keine 100 Zivilisten waren anwesend. Den größeren Teil des Publikums machten Soldaten des Jägerbataillons aus, die den Hintergrund des Saales besetzt hielten. Was wir erlebten, ist nach allen Richtungen bedauerlich: der sch wache Besuch, das Abkommandieren der Soldaten, die Rede eines aktiven Offiziers!...“
Daß die guten Nationalsozialen ein neues Flottenfiasko bedauerlich finden, ist be⸗ greiflich. Aber ob sie es auch lehrreich finden?
Der blutig volle Saal.
Da ausgewachsene und vernünftige Menschen absolut nicht in größerer Anzahl in die Wasser⸗ männerversammlungen kommen, so haben die ganz pfiffigen ollen ehrlichen Seemänner, die ihre Weisheit nicht vor leeren Stühlen vom Stapel lassen wollen, einen Ausweg gefunden, der ihrer wassermännischen Intelligenz alle Ehre macht: sie arrangieren hier und da Versamm⸗ lungen für Schulbuben und Schulmädchen. Einen Bericht über eine derartige Versammlung in Darmstadt veröffentlicht die„Frkf. Ztg.“:
„Die Flottenvorlage ist angenommen— von der Darmstädter Schuljugend beiderlei Geschlechts nämlich, die der Leiter der Marine⸗Ausstellung am Samstag zur Entgegennahme eines Vortrages über die Flotte mit obligater Lichtbildervorführung und daran anschließend zu einer Meinungsäußerung über die neuesten Marineforderungen eingeladen hatte. Die Versammlung, die unter Aufsicht der Lehrer und Gouvernanten stattfand, war imposant: an die 1200 Jungen und Mädchen„hingen mit atemloser Spannung an den Lippen des ebenso liebenswürdigen wie un⸗ ermüdlichen Redners“.„Ohne jede Aufforderung“ wurde die„Wacht am Rhein“ gesungen, und Herr Gymnasialdirektor Dr. Mangold stellte den begeisterten Vaterlandsrettern in Kniehosen und kurzen Kleidchen und Hängezopf die Schuljugend seiner jungen Tage
als leuchtendes Beispiel vor, die lange Zeit trocknes
Brot statt Wecken zum Frühstück aß, um die gesparten Pfennige zur Flotten vermehrung beisteuern zu können. Eine Diskussion wurde nicht beliebt, die Flottenvor⸗ lage, nachdem die Deckungsfrage in so überraschend einfacher Weise gelöst war, einstimmig mit einem „jubelnd aufgenommenen Hoch auf unsere deutsche Flotte“ angenommen. Nun wird sich ja wohl der deutsche Reichstag an diesem illustren Kleinparlament am großen Woog ein Beispiel nehmen.“
Die Schmerzen, die der blutig leere Saal in Marburg dem nationalsozialen Führer Erdmannsdörffer bereiteten, sind hoffentlich durch den blutig vollen ⸗Saal in Darm⸗ stadt wesentlich gemildert.
Tabak⸗ und Biersteuer!
Die konservative„Kreuz-Zeitung“ sagt nun auch ihre Meinung, wie sie sich die Aufbringung der Flotten⸗Milliarden denkt:
„Daß dieser Weg(nämlich Aufnahme größerer Anleihen) seine Bedenken hat, läßt sich freilich nicht leugnen. Dasselbe gilt aber auch von allen anderen Vorschlägen, die bis⸗ her gemacht worden sind, wie Erhöhung der Matrikular⸗Beiträge, Reichs⸗Erbschaftssteuer u. s. w. Obwohl sich nun aber alle Welt gegen jede Erhöhung oder Neueinführung von indirekten Abgaben verwahrt, müssen wir doch sagen, daß es Massenartikel giebt, die eine gewisse Mehrbelastung sehr wohl zu ertragen vermöchten, ohne die„schwachen Schultern“ in fühl⸗ barer Weise zu drücken. In erster Reihe gehört hierher der Wein und das Bier, und unter gewissen Voraussetzungen wäre ohne Zweifel auch der Tabak zu nennen. Davon wollen die Mehrheitsparteien, vom Zentrum bis zur Sozialdemokratie, freilich nichts wissen, und wir sind weit entfernt, in diesem Sinne auf einen günstigen Um⸗ schwung zu rechnen.“
Die Regierungsbegründung zur Flottenvor⸗ lage hütet sich sorgfältig, neue Verbrauchssteuern anzukündigen. Die Regierung sucht den Schein zu erwecken, als ob neue Steuern überhaupt nicht nötig werden durch die Bewilligung der Marinevermehrungen. Wenn das konservative Hauptorgan dieses Spiel nicht mitmacht, son⸗ dern die Unvermeidlichkeit vermehrter Besteuerung von Bier und Tabak ausspricht, so scheint es fast, als sei es bemüht, die Aus⸗ sichten der Vorlage, die ihm bekanntlich gar nicht mehr behagt, zu verschlechtern.
Flottenagitation in der Synagoge.
Die Magdeburger Zeitung teilt mit, daß in der dortigen Synagoge der Rabbiner Dr. Rahmer zur Feier des Geburtstages des Kaisers die Festpredigt hielt, der er den Königs⸗ psalm 72 zu Grunde legte und den Nachweis führte, daß das dort gezeichnete Fürstenideal in Kaiser Wilhelm II. seine Verwirklichung fände. Er nahm alsdann aus dem Vers 8: „Er herrsche von Meer zu Meere“ Veranlassung, die Gemeinde aufzufordern, die Flotten⸗ pläne des Kaisers aufs kräftigste zu unter⸗ stützen. Der Magdeburgische Flottenverein — und das ist das Beste an der Geschichte— wünscht die Drucklegung der Predigt zur Ge⸗ winnung von israelitischen Mitgliedern zu be⸗ nützen.— Wie wäre es, wenn die israelitischen Mitglieder einen Panzer bauten und diesen dann auf den Namen„Rabbi Rahmer“ tauften? Pardon! taufen, das ginge ja nicht, also— beschnitten?
Der Krieg in Südafrika.
Im englischen Unterhaus ist es zu lebhaften Auseinandersetzungen gekommen zwischen den Gegnern des jetzigen Kriegs und den Anhängern des Ministers Chamberlain. Letzterer erklärte natürlich den von ihm angezettelten Vergewal⸗ tigungsversuch den Buren gegenüber für gerecht und notwendig. In wenigen Wochen würden 200000 Mann in Südafrika stehen. Für uns am interessantesten dürften folgeade Aeußerungen Chamberlains sein:„Eine der Lehren des Krieges ist die Erkenntnis der ungeheuren Verteidigungskraft, die irregulären oder freiwilligen Truppen innewohnt, wenn
sie für die Verteidigung ihres Landes kämpfen. Diese Lehre darf bei der Prüfung der militärischen Lage nicht außer acht gelassen werden.“ 5
Nachrichten vom Kriegsschauplatz sind in letzter Zeit nur spärlich eingelaufen. Einige Telegramme lassen wir hier folgen:
London, 7. Febr. Das Kriegsamt be⸗ stätigt, daß General Buller am 5. Februar den Tugelafluß wieder überschritten hat und sich auf dem Marsch nach Ladysmith befindet.
London, 7. Febr. Aus dem Lager bei Sterkstroom meldet die„Central News“ von heute morgen: Die Buren rückten heute früh gegen unsere Stellungen vor. Gleichzeitige Angriffe wurden gegen unsere Vorposten bei Penhök und bei Birds River Siding unter⸗ nommen. Das Feuern ist jetzt im Gange.
Lorenzo Marquez, 7. Febr. Einer aus dem Hauptquartier der Buren hier eingetroffenen Nachricht zufolge haben die englischen Trup⸗ pen am 5. Februar unter dem Schutze einer heftigen Kanonade den Tugelafluß an zwei Stellen überschritten. An einer Furt sollen die Engländer zurückgeschlagen sein. Das Artilleriefeuer hat gestern wieder begonnen.
Aus dem Reichstag.
Immer noch Lex Heinze.
Einer der wichtigsten Paragraphen des ganzen Ge⸗ setzes, das den Namen Lex Heinze trägt, ist der§S 182 a. Derselbe bedroht die Arbeitgeber, die ihre Arbeiter⸗ innen zur Duldung unzüchtiger Handlungen bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahr.
Die Regierung will lieber das ganze Gesetz fallen lassen, als den§S 182 a, der in der Kommission an⸗ genommen wurde, acceptieren.
Unser Genosse Heine wies darauf hin, daß für uns das Gesetz nur dann einen Wert hätte, wenn dieser Paragraph darin enthalten sei. Die Fälle, wo die Mädchen zur Duldung solcher unzüchtigen Handlungen gezwungen werden, kämen nicht bloß in Fabriken, son⸗ dern besonders auch auf dem Lande vor. In einem Falle aus meiner Praxis hatte sich ein Werkmeister in seiner Kabuse für diese Zwecke ein Bett aufstellen lassen, und alle Mädchen, die Urlaub oder eine kleine Lohn⸗ erhöhung erreichen wollten, mußten dort ihre Gegen⸗ leistung erst abgeben. Heine führt weitere Fälle an und ersucht um Annahme des§ 182 a.
Genosse Bebel ergänzte die Ausführungen Heines. In Breslau ließ sich ein Besitzer, der an einer geheimen Krankheit litt, behandeln und mußte auf die Frage, mit wem er zuletzt Umgang gehabt, erklären, er hätte mit vielen weiblichen Personen Umgang gehabt, abe r sein Inspektor habe ihm den ganzen Hof ver⸗ wüstet. Dieser, der selbst an einer geheimen Krankheit litt, war ihm also zuvorgekommen.
Mit geringer Mehrheit wurde schließlich der§ 182 4 angenommen. Gegen denselben stimmen die freisinnigen Parteien und fast sämtliche Nationalliberale, sowie die Reichspartei und ein großer Teil der Konservativen.
Am Mittwoch wurde die Lex Heinze in zweiter Lesung nach den Beschlüssen der Kommission angenommen.
Am Donnerstag begann die erste Lesung der neuen Flottenvorlage. Anstelle des schwer er— krankten Abg. Dr. Lieber(Zentrum) wird dessen Partei⸗ genosse Dr. Schädler als Redner der ausschlaggebenden Partei genannt. Ueber den Verlauf der Donnerstags⸗ Sitzung werden wir unter„Letzte Nachrichten“ kurz berichten.
Von Aah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗
haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Der hessische Landtag.
* Eine wahrhafte Volksvertretung ist der hessische Landtag nicht. In der Ersten Kammer sitzen die„geborenen“ Gesetzgeber, Prinzen, Barone und Grafen, sowie„berufene“! Gesetz⸗ geber, Professoren und Geistliche.— Und die Zweite Kammer? Das indirekte Wahlverfahren begünstigt alle möglichen Wahlmanöver, macht es möglich, daß Leute„Volksvertreter“ werden, die außer einigen Bürgermeistern niemand hinter sich haben. Außerdem ist die Einteilung der Wahlkreise die denkbar ungerechteste. Kein


