Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 24.
Anterhaltungsteil.
Proletarier⸗ Situation.
Es spricht der Staat: Der Sozialist, Er hat am Umsturz seine Freude, Und dieses sehr gefährlich ist— Einsperren muß man diese Leute!
Der Unternehmer spricht sodann: Nach hohen Löhnen ringet heute Jed' unverschämter Arbeitsmann— Aushungern muß man diese Leute!
Und sieh', es schwingt der Staat sein Schwert, Der Unternehmer kürzt die Löhne; Bald e in gesperrt, bald aus gesperrt Seh'n sich der Arbeit fleiß'ge Söhne.
Doch wisset, daß auf keinen Fall Sie deshalb ihre Waffen strecken, Den Hunger kennen sie schon all, Der Kerker kann sie nicht mehr schrecken.
Denn wer ein Leben sorgenschwer Durchlebt, ein Proletarierleben, Für ihn kann's keinen Schrecken mehr Und keinen neuen Kummer geben.
Er trotzet seiner Feinde Macht Und fürchtet keine Strafgerichte Zwar führt sein Weg durch dunkle Nacht, Jedoch er führet ihn zum Lichte.
In Fesseln. 41 Novelle von Elise Schweichel.
Nur in sehr kleinmütigen Augenblicken konnte Johanna zweifeln, daß sie wiedergeliebt würde. Sie hatte die beseeligende Gewißheit nur zu oft in Antons Mienen gelesen, aber sie scheute vor dem Geständnis seiner Liebe zurück, welches für sie Trennung, ewigen Abschied von dem Geliebten bedeutete. Ihre Pflicht war es, bei dem Bruder auszuharren. Sie hatte es der Mutter auf dem Totenbette gelobt. Aber auch ohne dies hätte sie sich nie von ihm getrennt. Sie liebte ihn mit jener mütterlich sorgenden Liebe, die jedes edlere weibliche Herz für ein hilfloses Wesen empfindet, und ein solches war Julius für sie seit seiner Kindheit geblieben, wo sie ihn, selbst noch ein zartes Kind, auf ihrem Schoß gewiegt, in Schlaf gesungen, gepflegt und behütet hatte. Ihn konnte sie in seiner Gebrechlichkeit nimmer verlassen; Bruder und Geliebter aber stießen sich ab, wie zwei entgegengesetzte Pole; ein Zusammen⸗ leben zu Dreien wäre daher eine Unmöglichkeit gewesen. So blieb nur Entsagung übrig und Johanna hatte in ihrem Herzen bereits entsagt. Sie war auf die Antwort vorbereitet, die sie Anton zu geben hatte, sobald er das Schweigen bräche, Und dennoch sah sie die Entscheidung voll Bangen näher und näher rücken. Die Ruhe, welche sie sich schon erkämpft zu haben glaubte, hatte der Abendspaziergang ihr wieder geraubt.
Von einem kurzen Morgenschlummer matt und fröstelnd erwachend, erhob sich Johanna eiligst. Es war spät geworden. Julius mußte sein Frühstück haben, und um zehn Uhr sollte sie bei der Baronesse sein. Sie tummelte sich, so sehr sie konnte, wobei ihre Wangen ihre natürliche Farbe wiedergewonnen. Als sie in ihrem besten Anzug, einem schwarzen Merino⸗ kleide, weiße Spitzen um Hals und Handgelenke, ein schwarzes Strohhütchen auf dem blonden Haar, dastand, sah sie ebenso frisch wie fein und anmutig aus. Sie gehörte zu jenen Frauen, die dem unscheinbarsten Putz etwas von ihrer Anmut mitzuteilen scheinen.
Die Baronesse Rappenbach wohnte in der Nähe der Pleißenburg, in einem alten Hause, der„weiße Adler“ genannt. Breite Treppen und weite Korridore zeigten, daß man zur Zeit seiner Erbauung noch mit Raum Verschwendung treiben konnte.
Johanna mußte im Vorzimmer, in welches
M. Kegel.
sie von dem einlassenden Diener gewiesen wurde, ziemlich lange warten.
Endlich erschien eine alte Kammerfrau mit großer Flügelhaube und gemessen würdevoller Haltung, die sie in das anstoßende Zimmer ein⸗ treten hieß. In demselben saß eine Dame, die ihr den Rücken zuwendete, eifrig schreibend an einem altmodischen Sekretär.
Geraume Zeit hinter der Dame stehend, hatte Johanna Muße genug, sie und ihre Umgebung zu mustern. Das trotz seiner Größe düstere Zimmer war im altertümlichen Geschmack ein⸗ gerichtet und stimmte zu der Toilette der Baronin, welche ein Kleid aus dunkelviolettem Sammet, eine breite Halskrause und um die Taille eine silberne Kette mit daran hängendem Täschchen trug. Ueber das schon ergrauende Haar hatte sie ein schwarzes Spitzentüchelchen geschlungen.
Jetzt warf sie den kurzen, dicken Federhalter, mit dem sie geschrieben, energisch hin und drehte sich halb auf ihrem Stuhl um, Johanna ein echt aristokratisches Profil mit knöcherner, stark ge⸗ bogener Nase zuwendend.
„Fräulein Storbeck? Bitte, näher zu treten“, sagte die Baronesse rasch und kurz.„Ich bin eben dabei, die Statuten für unser Tierasyl zu entwerfen. Sie haben wohl schon davon gehört? In dem Asyl sollen kranke und herrenlose Hunde, unter Umständen auch andere Haustiere, Unter⸗ kunft und Pflege finden. Sie sehen mich so er⸗ staunt an“, unterbrach sie sich, ein goldenes Lorgnon an ihre großen, wasserblauen Augen führend, um Johanna genauer zu betrachten. „Sie meinen vielleicht, die Sache hätte mit dem Zweck, zu dem Sie hier sind, nichts zu thun? Doch, doch, meine Liebe. Es ist nämlich fol⸗ gendes“, fuhr sie sich zurücklehnend fort, indem sie einen langen Stift ergriff, mit dem sie ihre fernere Rede wie mit einem Taktstock begleitete. „Ich wünsche für die hohe Protektorin unseres Tierschutzvereins, die Prinzessin Blanka, einen Ofenschirm angefertigt, der unsere Tendenz ge⸗ wissermaßen versinnlichen soll— natürlich durch die Art des Mufters. Ich habe in Bezug darauf so einige ungefähre Ideen. Ein Mittelstück aus Hundelöpfen verschiedener Rassen, darüber ein Genius schützend die Hände breitend, in den vier Ecken Gruppen von Kätzchen und anderen Haus⸗ tieren. Wie, was denken Sie davon?“
„Gnädige Frau“, sagte Johanna verblüfft; „ich weiß nicht, das ist sehr absonderlich—“
„Absonderlich? So? Man sieht, wie not⸗ wendig unsere Bestrebungen sind. Da sprecht Ihr immer von Humanität, seid empört, wenn einem Menschen auch nur ein Haar gekrümmt wird, aber die armen hilflosen Tiere mögen ver⸗ derben.“
„Verzeihung, gnädige Frau“, wandte Jo⸗ hanna schüchtern ein,„ich meinte nicht Ihre Tendenz; diese zu beurteilen, würde ich mir gar nicht erlauben. Meine Bemerkung galt der Stickerei, von der ich mir keine rechte Vorstellung machen kann.“
„Nun, ich sollte doch denken, daß man Hunde und Katzen ebenso gut wie Vögel und Schmetter⸗ linge sticken kann. Sind sie nicht auch Kreaturen unseres Schöpfers?“
„Gewiß, gewiß, gnädige Frau. Ich will versuchen, die Zeichnung nach Ihren Angaben zu entwerfen. Und in welchem Material wün⸗ schen die gnädige Frau die Stickerei ausgeführt?“
„Schlagen Sie etwas vor.“
4„Atlas als Grund, die Tierköpfe in Che⸗ nille—“
„Gut, gut. Besorgen Sie das Nötige und legen Sie alles aus, das heißt— Sie werden mir keine zu hohen Provisionen berechnen“, drohte sie ernst mit Ihrem Stift.„Und was verlangen Sie für die Stickerei?“
„Der Preis läßt sich im voraus nicht be⸗ stimmen.“
„Ja, so heißt es immer bei Euch. Nachher fordert Ihr in das Blaue hinein.“
„Gnädige Frau, ich weiß nicht, wen Sie mit Euch und Ihr bezeichnen“, sagte Johanna, vor Unwillen errötend.„Ich habe noch nicht
die Ehre gehabt, für Sie zu arbeiten; es steht bei Ihnen, die Arbeit anderweitig zu vergeben.“
„Ach, nonsens! Welche Empfindlichkeit! Legen Sie mir bald die Zeichnung vor. Die Sache hat Eile!“
Damit winkte sie Johanna ihre Entlassung zu. Diese kam wie betäubt aus dem großen düsteren Hause auf die mittaghelle Straße hin⸗ aus. Es war so spät geworden, daß sie ihre Schritte, so sehr sie konnte, beschleunigen mußte, wenn sie das Mittagessen herrichten und wieder zur rechten Zeit in der Schule sein wollte.
Als sie in die Küche trat, in die man un⸗ mittelbar aus dem Korridor gelangte, vernahm sie in Julius“ Zimmer lautes Lachen. Ver⸗ wundert horchte sie auf. Wahrhaftig, Suschen Champagner hatte sich bereits eingefunden.
Nicht gerade angenehm überrascht, öffnete
Johanna die Thür und sah das Mädchen auf
den äußersten Zehenspitzen, die Arme graziös über dem Kopfe erhoben, im Zimmer herum⸗ schweben, während Julius, auf seinen Stock ge⸗ stützt, ihr mit unverholenem Entzücken zuschaute.
Bei Johannas Erscheinen pirouettierte Sus⸗ chen auf diese mit ausgebreiteten Armen zu und hätte sie umschlungen, wenn jene die zärtliche Begrüßung, für die sie weder Zeit noch Stim⸗ mung besaß, nicht abgewehrt hätte. Sie nahm sich indessen zusammen, um nicht geradezu un⸗ freundlich zu sein, um so mehr, als sie Julius so heiter sah. 0
„Ach, wie schön Sie aussehen, Fräulein Storbeck!“ plauderte Suschen unbeirrt weiter, „wie elegant und vornehm; wie eine Königin“, und dabei richtete sie ihre kleine Gestalt hoch auf, warf den Kopf zurück und schritt gravitätisch auf und ab, um den Eindruck wiederzugeben, den Johanna auf sie machte.
Julius klatschte belustigt Beifall, und selbst⸗ Johanna konnte sich eines Lächelns nicht er⸗ wehren.
„Famos, famos“, rief Jener.„Wahrhaftig, Sie sind für die Bühne geboren. Denke Dir, Hans, Fräulein Suschen ist beim Ballet, hier am Theater.“
Suschen, die in der That zu der Wäscherin auf dem Hofe gehörte, deren Nichte sie war, hatte während ihres Morgenbesuchs bei dem Schriftsteller, bei dem sie sich mit der ihr zu Gebote stehenden schalkhaften Drolligkeit ein⸗ geführt, ihre ganze Lebensgeschichte anfgetischt, und diese war für die kurze Spanne, die hinter ihr lag, kraus genug.
Johanna hatte indessen jetzt nicht Zeit, sich dieselbe ebenfalls erzählen zu lassen, und zog Suschen mit sich in die Küche, in der es die Kleine jedoch weniger interessant als in Julius“ Stube fand und daher bald entflatterte.
Als Johanna, aus der Nachmittags schule kommend, durch das Hofthor schritt, blieb sie bei der Wäscherin, mit der sie bisher nur auf dem Grußfuß gestanden, stehen, um Näheres über ihre neue Bekanntschaft zu erfahren.
„Sie sind die Tante von Fräulein Suschen Champagner“, redete sie die Frau an, welche in ihrer Arbeit des Wäschespülens sofort einhielt und, sich die Hände an ihrer Schürze trocknend, freundlich nickend näher trat.
„Wir sind mit der Kleinen bekannt geworden“, fuhr Johanna fort,„und so muß ich nun auch mit Ihnen Bekanntschaft machen.“
Sie reichte der Frau die Hand.
„Ach, das Fräulein sind sehr gütig“, sagte Frau Champagner, indem sie ihre feuchte Hand ganz behutsam in die behandschuhte Johannas legte.„Wie dankbar würde ich Ihnen sein, wenn Sie sich der Suse ein bischen annehmen wollten. Es ift ein Kreuz mit dem Mädel. Das hat zu nichts Lust, als sich zu amüsieren. Herr Gott, wenn ich denk', wie fleißig Fräulein sind. Schon immer ganz früh bei der Arbeit.“
„Und daher haben Sie wohl den kleinen Wildfang in die Ballettschule gethan?“ fragte Johanna darauf ein wenig ironisch.
„Du lieber Himmel, was sollt' ich denn mit ihr anfangen?“ versetzte Jene, die Hände zu⸗ sammenschlagend.„Das ist nämlich so gekommen. Zuerst müssen Sie wissen, die Suse ist das achte Kind von meiner Schwester— wir zwei Schwestern haben nämlich zwei Brüder Champagner geheiratet.
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