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Nr. 24.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Na, meiner ruht längst, war ein guter Mann und hat ordentlich verdient, und solange er lebte, brauchte ich mich nicht zu plagen. Aber der Schwager ist ein armer Weber, da oben im Erzgebirge, der kaum selbst das liebe Leben hat. Und nun denken Sie sich, acht Kinder!— Die Suse hatte Glück. Sie war eine reizende kleine Kröte, sie gefiel allen Leuten, und eine Dame, die da oben mal im Sommer wohnte, war ganz verliebt in sie, und weil sie hörte, daß die Eltern so arm waren und so viele Kinder hatten, nahm sie sie zu sich. Aber die Dame war eine von den Frommen, wissen Sie; immer beten und singen, singen und beten. Für die Suse war das nun gar nichts. Zwei oder dreimal lief sie davon— ei du mein Gott, haben wir eine Angst ausgestanden! Die Dame ließ sie gut erziehen — ja, alles, was recht ist— sie ließ sie gut erziehen. Aber in der Schule wollt' der Balg nichts Gutes thun— zuhause störte sie die an⸗ dächtigen Uebungen— kurz, ihre Wohlthäterin kriegte sie endlich satt und schickte nach mir. „Frau Champagner, führen Sie das Kind in Gottes Namen zu seinen Eltern wieder zurück. Der Teufel ist nicht aus ihm auszutreiben. Alles, was ich thun kann, ist, daß ich ein Kost⸗ geld für sie zahle.“ Na, was wollt' ich nun machen?“ fuhr die Wäscherin in ihrer natürlichen Stimme fort.„Den Eltern konnt' ich sie nicht auf den Hals schicken, das Kostgeld bekommen sie, aber das Mädchen behielt ich bei mir. Aber etwas verdienen mußte sie. Mir bei der Wäsche helfen, i Gott bewahre, oder stillsitzen und nähen oder häkeln, noch weniger. Es sind nun drei Jahre her, sie war gerade vierzehn. Ich hatt' für's Theater zu waschen und die Suse kam oft mit, Wäsche abliefern, und war so ein flinkes, zierliches Ding. Da klag' ich einmal der Frau vom Theaterportier meine Not. Herrjes, sagt die, man in die Balletschul' mit ihr! Und richtig, ich frag' an und sie wird angenommen. Nun kriegt sie schon was ordentliches und hat doch eine Beschäftigung.“
Johanna hatte wie auf Nadeln gestanden. Sie mochte die Rede der Frau nicht unterbrechen, e besaß zu viel Höflichkeit des Herzens dazu; auch interessierte sie deren gesundes Urteil ebenso, wie ihre Art und Weise sie belustigte. Aber sie wußte, daß Julius auf sie wartete, oder vielmehr auf seinen Kaffee, den er sehr ungern lang ent⸗ behrte.
„Nun, wir sprechen uns bald wieder“, sagte sie, froh, endlich loszukommen. Und der Frau zunickend, eilte sie ins Haus.
(Fortsetzung folgt.)
Ein deutscher Kriegsinvalide über den Krieg.
Graf Leo Tolstoj veröffentlicht in der Mos⸗ kauer Zeitung„Kurier“ den Brief eines deut⸗ schen Kriegsinvaliden, der das ganze Elend eines zerütteten Menschendaseins und grenzenlose Em⸗ pörung über jene legitime Massenschlächterei atmet, die noch immer berühmte Feldherren und Theo⸗ logen als kulturelles Regenerationsmittel zu feiern wagen. Der Brief lautet in seinen mar⸗ kantesten Stellen wie folgt:
„Hochgeehrter Herr Graf! Ich hoffe, Graf, daß sie einem einfachen Mann aus dem Volk gestatten werden, zu Ihnen mit vollem Anver⸗ trauen sich zu wenden. Ich habe eben zufällig die Kritik über Ihren neuen Roman„Auferstehung“ gelesen. Leider habe ich nicht die Möglichkeit, mir das Buch selbst zu kaufen, weil wir, die verwundeten Wölfe, meist nur ein sehr jämmer⸗ liches Gehalt bekommen. Und da habe ich, ein Kriegsinvalide, eine Bitte an Sie zu richten, edler Graf, eine Bitte, die aus meiner tiefsten Ueberzeugung, aus dem Innersten meiner Seele kommt: Schreiben Sie, Graf, ein gutes, gefühl⸗ volles Werk gegen den Krieg. Sein Inhalt müßte sein:„Krieg gegen Krieg“. Ich habe zwei Feldzüge mit der preußischen Armee mit⸗ gemacht(1866 und 1870) und hasse den Krieg von ganzem Herzen, weil er mich schrecklich un⸗ glücklich gemacht hat. Wir Kriegsinvaliden er⸗ halten meist eine so kümmerliche Pension, daß man sich wirklich schämen muß, daß wir ehemals
Patrioten waren. Ich bekomme z. B. 80 Pfg. täglich für meinen beim Sturm von St. Privat am 18. August 1870 zweimal durchschossenen rechten Arm. Mancher Jagdhund bedarf mehr für seine Existenz. Schon im Jahre 1866 habe ich an dem Kriege gegen Oesterreich teilgenommen, kämpfte bei Trautenau und Königgrätz und habe in Fülle furchtbare Greuel gesehen. Im Jahre 1870 wurde ich als Reservist wieder unter die Waffen gerufen und bei St. Privat verwundet. ... Ich verlor eine gute Stellung(als Brauer)... Der Rausch ist schnell verflogen und dem Kriegerinvaliden blieb nichts übrig als sich von Bettelpfennigen zu ernähren. Vier Jahre später entschloß sich die von mir zärtlich geliebte Frau, in den Tod zu gehen, weil sie fürchtete, daß sie in ihren alten Jahren ins„Heim für alte Frauen“ gesteckt werde.
Seitdem habe ich angefangen, öfters im Stillen über die Unglückseligkeit des menschlichen
Daseins nachzudenken... Nur das Bewußtsein,
daß ich ein sittlich unbefleckter Mann bin, der immer das Gute wollte, hat mich von eben dem⸗ selben Schicksal zurückgehalten.
In der Welt, wo die Menschen wie dressirte Thiere herumlaufen, und zu keinem anderen Ge⸗ danken fähig find, als wie einander zu überlisten des Mammons wegen, in einer solchen Welt möge man mich für einen Sonderling halten, ich fühle aber doch in mir den göttlichen Ge⸗ danken vom Frieden, der so trefflich in der Berg⸗ predigt ausgedrückt ist. Daher, edler Graf, bitte ich Sie, ein gutes Werk gegen den Krieg zu schreiben. Nach meiner tiefsten Ueberzeugung ist der Krieg nur ein Handel in größerem Maß⸗ stabe, ein Handel ehrgeiziger und mächtiger Leute mit dem Wohle der Völker. Und was für Schauerlichkeiten erlebt man nicht dabei. Nie⸗ mals werde ich sie vergessen, dies furchtbare Stöhnen, das bis ins Mark der Knochen hinein⸗ dringt
Hochverehrter Herr Graf, für wirklich edle Menschen, die vom Geiste des wahren Christen⸗ thums durchdrungen sind, giebt es keine Feinde. Ich erinnere mich sehr gut, wie friedlich wir im Jahre 1866 auf dem Kampfplatze bei Königgrätz unser kärgliches Essen mit den gefangenen Oester⸗ reichern getheilt haben.
Leben Sie wohl, edler Graf. Möge Gott Ihnen noch ein langes Leben schenken und Sie erhalten und beschützen zum Wohle der armen, leidenden Menschheit; dies wünscht Ihnen von
ganzer Seele Ihr Sie wahrhaft liebender Johann Kleinoppen, Kriegsinvalide.
Sprüche zur Lebensweisheit.
Unsere Religion thut auf Vernunft Verzicht, ebenso unsere Rechtslehre, unsere Politik; bald wird es auch unsere Philosophie. Alles beruht anf blindem Glauben und despotischer Willkür.
*
Es wird selten eine Handlung begangen, die nicht irgend jemand für einen Bubenstreich und zur nämlichen Zeit ein anderer für eine schöne That hielte. Ein sicherer Beweis, daß sie schlecht war, ist, wenn der Thäter dem anderen das Urteil darüber wehren will.
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Weist nur die Menschen in den Himmel, wenn ihr sie um alles Irdische betrügen wollt. Seume.
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Es wäre eine Lust zu leben, wenn jeder nur die Hälfte von dem thäte, was er von anderen verlangt, das sie thun sollen.
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Jeder Schlag eines Lehrers, der ein wehr⸗ loses Kind trifft, ertötet ein Stück Menschenliebe und Ehrgefühl.
Ueber„Majestätsbeleidigungen“ und„Ver⸗ ächtlichmachung von Staatseinrichtungen“ erließ Theodosius der Große im Jahre 393 folgendes Reskript:„Wir untersagen es, Leute zu bestrafen, welche sich in Lästerreden gegen uns oder gegen die zur Zeit bestehenden Verhältnisse ergangen
haben. Geschah das aus Leichtsinn, so soll es mit stiller Verachtung gestraft werden; geschah es aus Albernheit, so wollen wir die Frevler mitleidig bedauern, geschah es aber aus Bosheit, so wollen wir ihnen großmütig verzeihen.“
Von. Am Hofe beklagten sich vornehme Tier': Es dünke sie etwas Verächtliches schier, Nur schlechtweg zu heißen: Herr Fuchs, Herr Bär; Als ob ihresgleichen ein jeder wär', Da läßt der Leu den Befehl heraus, Man soll sie nennen nach ihrem Haus: Von Winkellust, einen Junker den Fuchs, Von Lauerbusch, einen Grafen den Luchs, Die Bären Prälaten von Honighain, Die Esel Baronen von Distelrain. Seit achten die Esel und andere das„Von“ Als ihre alleinige Ehrenkron'.
(Aus Abraham Emanuel Fröhlichs Fabeln.)
Gemeinnühiges. Mäßigkeitsregeln. 1. Du sollst nicht
trinken, um ein Manko in Deiner Ernährung zu decken, Du sollst nicht trinken, um Deine Arbeitskraft über die normale Ermüdung hinaus anzustacheln; denn beides führt zum gewohnheits⸗ mäßigen Mißbrauch.
2. Du sollst die alkoholischen Getränke nur als Genußmittel verwenden; der gelegentliche Genuß ist unschädlich; der gewohnheitsmäßige Genuß ist stets bedenklich, weil er zur Gewöhnung und damit zur Steigerung führt; jedenfalls darf er beim Manne nicht über ein halbes Liter 8. bezw. ein Liter leichten Bieres hinaus⸗ gehen.
3. Du sollst Deine Kraft, Männlichkeit und Stärke durch andere Leistungen als durch massen⸗ haftes Vertilgen alkoholischer Getränke beweisen; denn dies beweist nur die Gewöhnung an den Alkohol, aber nicht jene Eigenschaften.
4. Du sollst ganz enthaltsam leben, wenn bei Dir ein nicht normales Verhalten des Zentral⸗ nervensystems oder der Organe des Blutkreis⸗ laufes festgestellt ist.
5. Du sollst Dich einer Behandlung oder einer Absonderung in einer Anstalt unterziehen, wenn bei Dir ein krankhafter, unbezwinglicher Drang zum Trinken festgestellt wird. Aus„Alkoholgenuß und Alkoholmißbrauch“ von Dr. Grotjan. Wert der Arbeit. Ein Stück gewöhn⸗ lichen Eisens, welches eine Mark kostet, giebt: Mk
zu Hufeisen verarbeitet einen Ertrag von 2,40 „ Handwerksgeräten* 3,40 „ gußeisernen Geräten und Zieraten„ 36,— „Steck- und Nähnadeln 15 60,.— „ Tischmesserklingen 72,.— „Federmesserklingen„ 560 „Stahlschnallen und feinen Knöpfen„ 720,.— „ Stahlschmucksachen„ 1600,.— „ Hemdenknöpfen„ 4800,.— „ Uhrfedern„ 40000,.—
Humoristisches.
Ueberlistet. Ein jüdischer Hausierer kommt zu einem Bauern, einem langjährigen Kunden, der ihm jedoch diesmal durchaus nichts abkaufen will, indem er als Grund anführt, daß er plötzlich Antisemit geworden sei.„Wie haißt, Antisemit?“ ruft der Händler.„Habe ich hier echte, antisemitische Hosenträger, die können Se doch gebrauchen.“ Das leuchtet dem Bauern ein, worauf er für sich und seine Söhne Hosenträger kauft.
*
Lex Heinze. Verteidiger:„... Es genügt in diesem Falle, die nackte Thatsache ganz so, wie sie ist, darzustellen!“
Präsident:„Ich entziehe dem Redner das Wort und übergebe ihn wegen Versuchs zum Vergehen des groben Unfugs zur weiteren Behandlung dem Herrn Staatsanwalt!“
*
Aus einer Anklagerede. Staatsanwalt: „. Bei seinen Betrügereien gab sich der Angeklagte für eine Polizeiperson aus; das zeugt so recht von seiner bodenlosen Verkommenheit und Mangel jeglichen Ehrgefühles!“(Simpl.)
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