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Nr. 24.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Kleine Mitteilungen.

* Arbeitertod. Auf dem Bahnhofe in Wetzlar verunglückte der Rangierer Hepp aus Dutenhofen dadurch, daß er beim Zusammen⸗ koppeln der Wagen zwischen die Puffer geriet, wodurch ihm die Brust eingedrückt und sein Tod auf der Stelle herbeigeführt wurde. Der Ver⸗ unglückte hinterläßt Frau und drei Kinder.

* Leun. Beim Baden in der Lahn ertrank am zweiten Pfingstfeiertage der zehnjährige Sohn des Bergmanns Schupp. Ein anderer Junge, der ebenfalls dem Ertrinken nahe war, wurde von einem des Schwimmens kundigen Kameraden gerettet.

** Grober Unfug. In der Nähe der Station Cölbe warf ein Reisender des nach Kassel fahrenden Schnellzuges eine Weinflasche aus dem Wagen und traf einen Arbeiter so unglücklich, daß dieser schwerverletzt zusammenbrach.

* Frankfurt a. M. Wegen schweren Sittlichkeits verbrechen begangen an seinem eigenen achtjährigen Kinde wurde hier der Schreiner Biber verhaftet. Seine Frau er⸗ tappte ihn bei dem Verbrechen und erstattete Anzeige. Bei dem gegenwärtigten Holzarbeiter⸗ streik spielte B. den Streikbrecher!

Arbeiterbewegung.

1 Die Weißbinder in Gießen beschlossen, an ihren Forderungen festzuhalten und den Streik weiter zu führen.

Bäckerstreik in Frankfurt a. M. In einer Versammlung von etwa 500 Gehülfen wurde von der Lohnkommission mitgeteilt, daß 138 Geschäfte mit 430 Gehülfen die gestellten Forderungen bewilligt haben. 80 Geschäfte mit 180 Gehülfen haben nicht bewilligt. Der Vor⸗ schlag der Lohnkommission, in diesen Geschäften sofort die Arbeit niederzulegen. wurde mit 491 gegen 6 Stimmen angenommen.

Der zweite Kongreß christlicher Gewerkschaften tagte über Pfingsten in Frankfurt. Es waren nach der offiziellen Angabe 33 Organisationen durch 65 Delegierte

vertreten. Die Gesamtzahl der vertretenen Ar⸗ beiter soll 84000 betragen. Den Vorsitz führte der Bergmann Brust. Bemerkenswert ist,

daß man auf diesem Kongresse fast keinen Geist⸗ lichen sah, die früher bei ähnlichen Gelegenheiten in großer Anzahl anwesend waren und noch jetzt in verschiedenen christlichenGewerkschaften die Leitung in den Händen haben. Im Laufe der Verhandlungen wurden sogar vielfach scharfe Proteste gegen die Einmischung diesernicht dem Arbeiterstande angehörige Elemente laut. Beschlüsse von besonderer Bedeutung wurden nicht gefaßt; man sprach sich im Allgemeinen für Zentralisation der Gewerkschaften und neutrale Gewerkschaften aus. Der letztere Gegenstand verursachte eine lebhafte Debatte, die Ent⸗ scheidung darüber vertagte man bis zum nächsten Kongreß. Im ganzen lieferte dieser Kongreß den Beweis, daß auch die christlichen Arbeiter mehr und mehr zum Klassenbewußtsein kommen. Ein Arbeiter⸗Unternehmen.

Bekanntlich errichteten seinerzeit die von den Kapitalisten ausgesperrten Glas arbeiter in Albi(Frankreich, Dep. Tarn) eine eigene Glas⸗ hütte. Dieses Unternehmen gedeiht in recht er⸗ freulicher Weise. Aus dem Jahresbericht für 1899 geht hervor, daß der Ueberschuß um 57 000 Franks gegenüber dem Vorjahre gestiegen ist. Im Berichtsjahre stieg die Fabrikation auf 4481 371 Flaschen, ein Mehr von 1 053 186 Flaschen gegenüber 1897 und von 735 773 Flaschen gegenüber 1898. Und zwar ist die Zunahme im Vergleich mit dem Vorjahr nicht auf die Errichtung des dritten Hochofens zurück⸗ zuführen, denn infolge von Reparaturarbeiten haben die drei Hochöfen noch nicht gleichzeitig im Betrieb gestanden, sondern auf bessere DOrganisation der Arbeit. Der Absatz erreichte 4 662 045 Flaschen, d. h. um 180 674 mehr als hergestellt wurde, was eine entsprechende Verminderung des Flaschenlagers bedeutet. Seitdem die drei Hochöfen im Betrieb sind,

werden von den 320 Arbeitern und Arbeite⸗ rinnen 35 000 Flaschen täglich fabrizirt. Der Absatz steigt aber höher als die Fabrikation, so daß die Glashütte gegenwärtig gezwungen ist, neue Bestellungen zurückzuweisen.

Bemerkenswert ist, daß die Glashütte, trotz der auf dem Flaschenmarkt eingetretenen Preis⸗ erhöhung, den Konsumgenossenschaften ihre Ware zu den früheren Preisen abgiebt aus Anerkennung für die thatkräftige Hilfe jener Genossenschaften in den kritischen Jahren. Der Bericht schließt mit der Hoffnung, das die Glashütte in wenigen Jahren nach der Tilgung ihrer Schulden im stande sein wird, ihren Nettogewinn den Sta⸗ tuten gemäß der sozialistischen Propaganda zu⸗ zuwenden.

Diese Erfolge sind gewiß nicht zu verachten. Und sie werden erreicht, trotzdem dies Uyter⸗ nehmeu bedeutend günstigere Arbeitsbedingungen bieten muß, als die kapitalistischen Konkurrenten.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 8. Juni.

Ausflug. Am Sonntag, 10. Juni, treffen sich die Genossinnen und Genossen auf der Dammühle. Treffpunkt nachmittags 3 Uhr am Wilhelmsplatz.

Arbeiterrisiko. Vor einigen Tagen fiel ein Arbeiter vom Dache des Rathauses, welches gegenwärtig einer Renovation unterzogen wird, auf den Boden und erlitt solche Verletzungen, die seine Aufnahme in die Klinik notwendig machten.

Eine Hundeausstellung, veranstaltet vom Kyneologischen Verein Marburg, findet am 17. Juni in der Exerzierhalle auf dem Kämpf⸗ rasen statt. Die Beschickung scheint eine sehr gute zu werden, bis jetzt sind schon 450 Hunde angemeldet; 75 Ehrenpreise stehen zur Verfügung.

Schöffengericht. Der Buchbinder, wel⸗ cher einem hier vor kurzem zugereisten Buch⸗ drucker in der Müllerschen Herberge das Porte⸗ monnaie mit 12,60 Mark entwendete, erhielt wegen Diebstahls zwei Monate Gefängnis und wegen Bettelns zehn Tage Haft zudiktiert.

Militärisches. Die Generalmnusterung findet am 13., 15. und 16. Juli, an jedem Tage vormittags 9 Uhr im Schloßgarten statt. Die Prüfung der Invaliden findet am 14. Juli, vormittags 9 Uhr, statt.

Geh. Justizrat Grawert, der Erste Staatsanwalt am hiesigen Landgericht, ist am Dienstag Morgen nach längerem Kranksein ge⸗ storben.

Bessiseher Landtag.

Zweite Kammer.

In der Sitzung vom 30. Mai wird die Vorlage be⸗ treffend Ankauf des Gärtnerschen Hauses auf der Burg Friedberg genehmigt. Ebenso werden zur Förderung der kleineren gewerblichen Unterrichtsanstalten 5000 Mk. bewilligt. Bei der Forderung von 20 000 Mk. für Sonstige Forderungen des Kunstgewerbes übt Abg. Noack bei aller Anerkennung der modernen Bestrebungen in längeren Ausführungen eine ziemlich scharfe Kritit an der modernen Kunstrichtung und speziell der Darmstädter Künstlerkolonie. Die sogenannten Modernen hätten vorerst bei uns wenig Erfolg. Auffallend sei die starke Reklame, welche sie treiben. Man habe in Hessen eine ganze Anzahl tüchtiger, strebsamer Künstler, welche in der Stille schon sehr Bedeutendes geleistet haben. Auch die hessischen Kunstschulen seien auf der Höhe der Zeit und verfolgten mit Eiser die modernen Bestrebungen. Er warne vor der neuen Mode, die vorübergehend sei. Wenn man für dieses Unternehmen, das eigentlich eine Privatsache des Großherzogs sei, von staats⸗ wegen Gelder bewillige, werde man später wahrscheinlich noch bedeutend größere Opfer bringen müssen. Ausschuß⸗ berichterstatter Köhler⸗Darmstadt und Staatsminister Rothe widerlegen diese Angriffe. Ministerialrat Braun weist die Ausführungen Noacks in scharfer Weise zurück und fährt fort: Die Uebertragung der künstlerischen Form in das praktische Leben bilde und erziehe das Volk zu künstlerischem Wesen. Die ideale und materielle günstige Rückwirkung der Vorlage war, daß in erster Linie die heimische Industrie durch die Künstlerkolonie unterstützt wurde. Die Abgg. Reinhardt und Schröder treten für die Forderungen ein. Graf Oriola stellt fest, daß die Einwirkung kunstliebender Fürsten die Völker im Altertum und Mittelalter auf die Höhe ihrer Blütezeit und ihres Wohlstandes gebracht habe. Man müsse darin unterstützend eintreten und im übrigen die Entwickelung abwarten. Abg. Schönberger meint, Hessen habe

shon genug für Kunst und Wissenschaft gethan. Abg. Ulrich(Soz) tritt für die Vorlage ein und wird noch für größere Beträge zu haben sein, wenn die Anregung gute Früchte bringe, wie es den Anschein habe. Er ist für die Forderung, obwohl ihm mitgeteilt wurde, daß es eine Lieblingsidee des Großherzogs sei. Wenn nur die gestellten Aufgaben erfüllt werden und zum Wohle des Volkes ausschlagen. Ministerialrat Braun weist die Ausführungen Schönbergers zurück und glaubt, daß gerade das kleine Hessen eher wie ein großes Land dazu geeignet scheine, eine führende Stel⸗ lung in dem Kunstleben zu erreichen. Abg. Weidner ist für die Forderung gerade deshalb, weil es eine Lieblingsidee des Großherzo 3s sei. Nachdem der Bericht⸗ erstatter Köhler nochmals für die Vorlage gesprochen, wird die Forderung gegen die Stimmen der Abgeordneten Schönberger und Schill genehmigt. Abg. Bär enthält sich der Abstimmung.

Mit der Erhöhung der Gehalte der Volks⸗ schullehrer beschäftigte sich der Landtag am 31. Mai in längerer Debatte. Es liegen hierzu verschiedene An⸗ träge vor. Der Antrag Backes verlangt, daß die Lehrer in den mittleren Jahren, in welchen dieselben gerade für Kindererziehung und geistige Weiterbildung größere Be⸗ dürfnisse und Ansprüche haben, besser gestellt werden. Nach der von ihm eingereichten Skala geht die Fordeung mit 277 100 Mark über die Regierungsforderung hinaus. Diesen Antrag empfiehlt der Finanzausschuß zur An⸗ nahme. Die Regierung erklärt, daß sie einer derartigen Erhöhung mit Rücksicht auf die Finanzlage die Zustim⸗ mung versagen müsse. Für den Antrag Backes treten die Abgg. Schmeel, Weidner und David ein. Letzterer hält den Antrag Backes für das geringste Maß, was man genehmigen müsse, denn die Hebung der Volks⸗ schulen sei die höchste Aufgabe des Staates. Wenn man einen Lotteriedirektor mit einem Gehalt von 20 000 Mk. jährlich anstelle, müsse man auch in entsprechender Weise für die Volksschulen eintreten. Fast alle weiteren Redner sprechen sich für Bewilligung der Backeschen Forderung aus. Von mehreren Rednern wurde erwähnt, daß man die Lehrer materiell so stellen müsse, daß sie keine Nebengeschäfte zu treiben brauchten. Trotzdem der Minister erklärt, daß der Antrag von der Regierung nicht angenommen würde, was das allgemeine Staunen des Hauses erregt, wird die Gehaltsskala nach diesem Antrage von der Kammer einstimmig angenommen.

Auf eine Interpellation Schmeel betreffend die Ver⸗ hinderung einzelner Gemeinden zur Ablösung von Berechtigungen und den Ankauf von Wal⸗ dungen zu Spekulationszwecken erklärt die Re⸗ gierung in der Sitzung am 1. Juni, daß sie nie zu Spekulationskäufen von Waldungen ihre Zustimmung gebe. rst Isenburg⸗Birstein habe allerdings seiner Zeit den größten Teil seiner Waldungen an ein Privatunternehmen verkauft, aber die Zustimmung seiner Agnaten nicht erhalten. Daraufhin habe die Regierung Verhandlungen eingeleitet, um die Waldungen für den Fiskus zu erwerben, besonders, um das Abholzen der⸗ selben zu verhindern und die beteiligten Gemeinden in ihren Berechtigungen nicht zu schädigen. Nach längeren Ausführungen des Ministerialrats Braun betreffend den Verkauf der Wälder bemerkt der Abg. Ulrich, daß er schon im Februar ausdrücklich auf die Finanzlage der Linie Isenburg⸗Birstein hingewiesen habe. Der Schuldige in dieser Sache sei der Agnat Max von Wächtersbach. Ein Antrag, der die Regierung ermächtigt, die fürstlich Isenburg⸗Birsteinschen Waldungen zu erwerben, wird in der Sitzung vom 2. Juni ein⸗ stimmig angenommen. Hierauf gelangen mehrere Bahn⸗ bauprojekte zur Erörterung. Bezüglich der Bahn Stock⸗ heim⸗Vilbel erklärt die Regierung auf eine Anfrage, daß die Vorlage in der nächsten Tagung gemacht werden könne, da die beteiligten Gemeinden sich jetzt zur Ge⸗ ländestellung bereit gezeigt hätten. Abg. Schlenger bedauert mit dem Grafen Oriola, daß der Ban einer Anzahl im Projekt und in den Vorarbeiten fertiger Bahnen zugleich mit den unfertigen Bahnen durch das Vorgehen des Finanzausschusses bis zum Herbst ver⸗ schoben werde, worauf Abg. Ulrich den Standpunkt des Finanzausschusses feststellt, der nicht dafür zu haben sei, nahezu zwei Millionen Mark gleichsam zur Bildung einer zweiten Ludwigsbahn an ein Privatunternehmen in übereilter Weise zu überweisen. Es gelangen noch einige kleinere Gegenstände zur Erledigung, womit die 4175 schließt und die Kammer sich bis Oktober vertagt.

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 9. Juni: Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends /29 Uhr Versammlung bei Orbig.

Briefkasten der Redaktion.

Berichtigung. In unserer letzten Nummer ist durch Verheben des Satzes ein Fehler entstanden. Die sechs letzten Zeilen in dem ArtikelFrauenwahlrecht in England von den Worten:Für den Senat an müssen an den Schluß des ArtikelsWahlen in Belgien an⸗ schließen.

Für die streikenden Bauhandwerker gingen bei der Redaktion ein: Drei Buchdr. 1,50 Mk.

Briefkasten der Expedition.

Quittungen. Bl. B. 1.. Keh. Nofl. 11.. Z. Ndh. 2.20. Br. Rdgn. 1.. cht. Gbg. 6.. Schw. Ggn. 2.80. Pz. Tfm. 8.50. Rch. Ob. 2.. Wtr. Ww. Lbch. 2.. Lflr. Frbg. 20.. E. Dhm. 12.. Hst. Kch. 8.89. Sgfr. Ab. 8.80. R. Hchm. 27.20. B. Höch. 5.. Dhfr. Ogstr. 4.80. Str. S. Z. 4.. Kr. G. 18.60. Gge. Hoͤbgn. 7.80. L. The. 2.. Br. Rdgn. 1.. Fth. Wtzlr. 30.. 2 Wklr. Rohm. 12..

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