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Nr. 24.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
von Arbeitern besoldetes Amt zu Flotten⸗ und ähnlichen arbeiterfeindlichen Agitationen ausnutzen.
Wieder ein Reichstags mandat frei.
Der antisemitische Reichtags- Abgeordnete Vielhaben, Vertreter für Rinteln⸗Hofgeis mar, hat aus Geschäftsrücksichten sein Reichs tags⸗ mandat niedergelegt. Vielhaben ist Rechtsan⸗ walt in Hamburg, derselbe wurde 1898 mit 6035 gegen 2762 sozialdemokratische, 287 Zentrums⸗, 130 nationalliberale und 117 Stimmen der hessischen Rechtspartei gewählt worden.
„Krach“ bei den Antisemiten.
Bei der Beratung der Lex Heinze kam es innerhalb der antisemitischen Partei, deren Ab⸗ geordnete sich auch in dieser Frage nicht einig waren, zu heftigen Auseinandersetzungen. Da⸗ rüber wird der„Leipziger Volksztg.“ u. a. ge⸗ schrieben:„Liebermann v. Sonnenberg hat es mit Rücksichtslosigkeit durchgesetzt, daß seine kleine Fraktion für die Lex Heinze stimmte; als der Abg. Bindewald sich nicht fügen wollte, wurde er in von Liebermanns„Deutsch⸗ sozialen Blättern“ wie ein dummer Junge be⸗ handelt. Das haben Bindewald und seine Freunde zähneknirschend eingesteckt, offenbar, weil sie nicht den Mut haben, gegen den Diktator, der nur das Werkzeug der Agrarier ist, zu rebellieren. Als v. Liebermann nun aber sich zu denen gesellte, die einen Angriff auf die Ge⸗ schäftsordnung unternahmen, riskierte Abg. Zimmermann einen zahmen Rüffel, worauf v. Liebermann— ein geübter Verdreher— die Differenz sofort auf die gesamte Stellungnahme zur Lex Heinze hinüberspielte und sich dann auf die Zustimmung der Fraktion berief. Die von ihm allein unternommene Unterstützung des Versuchs gegen die Geschäftsordnung, die Zimmer⸗ mann ausdrücklich allein moniert hatte, übergeht v. Liebermann, nicht minder die brüske Gewalt, mit der er gegen Bindewald vorgegangen ist.
Man darf nach dem ganzen Verlauf des Streites feststellen, daß die Antisemiten sich dem Manne unterworfen haben, der von allen Intri⸗ guanten des Parlaments der widerwärtigste ist und den ein großer Teil der Antisemiten selbst aufs innigste haßt.“
Umstürzlerische Farbe.
Der Vorsitzende des Wahlvereins in Hartha in Sachsen erhielt ein Strafmandat zugestellt, auf dreißig Mark Geldstrafe oder zehn Tage Haft lautend, weil er bei der Maifeier geduldet habe, daß die Decke des Saales„zum Ratskeller“ mit zwei roten Fahnen ausschmückt und die um die um die Bühne herumgestellten Blumen⸗ töpfe vorwiegend mit rotem Seiden⸗ papier umhüllt wurden, um hierdurch, wie schon aus dem Charakter der Feier ohne Wei⸗ teres hervorginge, die sozialdemokratischen Gesin⸗ nungen und Tendenzen des Wahlvereins in demonstrativer Weise zum Ausdruck zu bringen und um auf die Zugehörigkeit des Wahlvereins zur Umsturzpartei hinzuweisen. Dadurch habe er das Publikum, die öffentliche Ordnung und wer weiß was noch, verletzt und groben Un⸗ fug verübt!—
Die Verwunderung des Lesers über dieses merkwürdige Strafmandat wird noch gesteigert werden, wenn er vernimmt, daß diese unglück⸗ lichen Fahnen schon seit zehn Jahren bei allen Arbeiterfestlichkeiten die Decke des Rats⸗ kellersaales zierten! Zwar führte die sächsische Polizei schon seit vielen Jahrzehnten einen er⸗ bitterten Kampf gegen das umstürzlerische Rot und suchte es nach Möglichkeit den Blicken von Mensch und Tier in der Oeffentlichkeit zu ent⸗ ziehen, daß sie die Veefolgung aber bis in ge⸗ schlossenen Räume fortsetzt, ist uns bisher noch nicht bekannt geworden. Das Sprichwort, daß das Lächerliche tötet, scheint man in Sachsen nicht zu beherzigen.
Ein„öffentliches Aergernis“. Jeder Sozialdemokrat giebt durch seinen Lebens⸗ wandel ein öffentliches Aergernis. Diesen lapi⸗ daren Satz hat der gegenwärtige Minister für Geist und Geistlichkeit in Preußen, Herr Studt,
feierlich als richtig anerkannt. In Zelle war vor Jahresfrist der Vertrauensmann der sozial⸗ a
demokratischen Partei, Genosse Misselhorn, zum Mitgliede des lutherischen Schulvorstandes ge⸗ wählt, aber auf Anordnung des Regierungs- präsidenten nicht eingeführt worden. Misselhorn hatte die Entscheidung des Ministers angerufen. Seine Beschwerde begründete sich auf das in Hannover noch geltende Gesetz über Kirchen- und Schulvorstände vom 14. Oktober 1848, nach dem nur solche Mitglieder der Kirchengemeinde nicht wahlberechtigt sind, die„durch ihren Lebens⸗ wandel öffentliches Aergernis gegeben“. Die Entscheidung des Ministers ist jetzt eingetroffen und lautete dahin, daß auf ihn der erwähnte Passus des alten hannöverischen Gesetzes anzu⸗ wenden, ihm die Wahlberechtigung zu entziehen sei. In einem Lande, wo man Männer wie Arons maßregelt, war eine andere Antwort nicht zu erwarten. Opfer der Arbeit.
Die„Oesterreichische Zeitschrift für Berg⸗ und Hüttenwesen“ veröffentlicht eine interessante Charakteristik über die wichtigsten Bergwerks⸗ katastrophen der letzten fünf Jahre(1895 bis 1899). An der Spitze marschirt Deutschland mit 49 schweren Explosionen und Feuersbrünsten, wobei 700 Arbeiter ihr Leben verloren. Ver⸗ einzelte Unglücksfälle sind bei dieser Statistik des Todes auf dem Felde der Arbeit, der von keinem patriotischen Dichter besungen wird, nicht einmal mitgezählt. An zweiter Stelle steht Rußland mit 650 Opfern. Hier kostete eine einzige Kata⸗ strophe(Ersäufung von Schächten) 300 Arbeitern das Leben. Es folgen Amerika mit 395 und England mit 365 Opfern. In Amerika bildeten den Anlaß zur Katastrophe hauptsächlich Ex⸗ plosionen, in England außerdem auch Ueber⸗ schwemmungen. In beiden Ländern sind nur Unglücksfälle gezählt, die mindestens 10 Menschen⸗ leben kosteten; im ganzen ist daher wohl die Zahl der Opfer erheblich größer.
Es folgen weiter Ungarn mit 126, Spanien mit 108, Frankreich mit 70, Belgien mit 48 Opfern.
Ausländisches.
Gemeinderatswahlen in Wien.
Unseren Wiener Genossen haben die Ge⸗ meinderatswahlen, die am 31. Mai stattfanden, großen Erfolg gebracht. Mehr als 56000 Stimmen sind für die sozialdemokratischen Kan⸗ didaten abgegeben worden. Trotzdem sind nur zwei unserer Kandidaten gewählt, was seine Erklärung in dem geradezu erbärmlichen Wahlgesetz findet, das von den Antisemiten unter Führung des famosen Bürgermeisters Lueger eingeführt und durch welches Zehntausende des Wahlrechts beraubt wurden. Man denke: Drei Wahlkörper, die die Reichen, die Gut⸗ situierten und den Mittelstand umfassen, haben je 46 Gemeinderäte zu wählen. Die vierte Klasse, die die Masse des Proletariats umschließt — die privilegierten Klassen wählen freilich in der vierten Klasse nochmals mit!— und 228 491 Wähler umfaßt, wählt von den insgesamt 158 Gemeinderäten deren ganze 20! Dabei wurde von den Christlich⸗Sozialen(Anti⸗ semiten) scheußlicher Wahlbetrug verübt. Es wurde festgestellt, daß zahllose christlich⸗soziale Wähler doppelt und dreifach gewählt haben! In den Listen befanden sich Namen einer Anzahl Wähler, die gar nicht mehr unter den Lebenden sind! Unter diesen Umständen erscheint der Erfolg unserer Genossen noch be⸗ deutender, und die„Wiener Arb.⸗Ztg.“ hatte recht, als sie am Wahltage schrieb:„Heute hat das Volk gewählt, und was ist das Ergebnis? Der große Maulmacher(Lueger), der mit seinem größenwahnsinnigen Geschwätz die Stadt Tag für Tag belästigt, hat 20 000 Stimmen mehr bekommen als die Partei, die er immer höhnte und beschimpfte! Der Anhang des Herrn Lueger in Wien ist 77 000 Stimmen, und er verfügt über 131 Mandate; der Sozialdemokraten giebt es 56000 in Wien, und sie haben— zwei Mandate! Das ist die„Gerechtigkeit“ der Luegerschen Wahlreform, das ist in Wahrheit die Bilanz des Wahlrechtsraubes in den Man⸗ daten ausgedrückt!“
Sozialistische Wahlsiege in Italien.
Am Pfingstsonntage haben die Neuwahlen in Italien stattgefunden. Und sie zeigen ein für die internationale Sozialdemokratie durchaus erfreuliches Resultat. Die Regierung, welche die vorige Kammer auflöste, hoffte bei den Neu⸗ wahlen die oppositionelle Linke zu schwächen oder gar zu vernichten. In dieser ihrer Er⸗ wartung ist sie jedoch schwer getäuscht worden, die Wahlen am Sonntag brachten im Gegentheil für die Oppositionsparteien, die Sozialisten, Republikaner und Radikalen ganz bedeutende Erfolge. Speziell unsere Genossen, die in der vorigen Kammer nur mit 16 Abgeordneten ver⸗ treten waren, haben an Stimmenzahl wie an Mandaten mehr als sie hoffen konnten, gewonnen. Selbst vom Süden Italiens und aus Bezirken, in denen bisher die Sozialdemokratie noch nicht festen Fuß fassen konnte, wird trotz aller von der herrschenden Clique verübten Wahlgaunereien starke Vermehrung der sozialistischen Stimmen gemeldet. Genauere Zahlen liegen noch nicht vor; nach den bisherigen Meldungen gewann die äußerste Linke 17 Mandate.
Es geht überall vorwärts! Selbst das seit Jahrhunderten von Adel und Pfaffen geknechtete und ausgeplünderte italienische Volk ermaunt
sich endlich!
Der Krieg in Südafrika.
Mehr und mehr ziehen sich die Buren zurück. Nachdem Lord Roberts am 31. Mai in Johannes⸗ burg eingezogen war, wobei es angesichts der Leere der Stadt recht ruhig zuging, hat er am 5. Juni seinen Einzug in Prätoria gehalten. Die Buren haben auch ihre Hauptstadt anscheinend widerstandslos in die Hand der Engländer fallen lassen, wenigstens wird in der Meldung Roberts an das Kriegsamt, worin die Besitznahme von Prätoria angezeigt wird, von Kämpfen nichts berichtet. Der Bürgermeister übergab die Stadt, sobald er dazu förmlich aufgefordert war. Da⸗ gegen haben die Buren versucht, den englischen Vormarsch von Johannesburg nach Prätoria nach Möglichkeit aufzuhalten. Schon am Donners⸗ tag waren die Engländer bis nach Irene, acht Meilen südlich von Prätoria, vorgedrungen und hatten dort einen schweren, aber erfolglosen Kampf mit den Buren zu bestehen, da es ihnen nicht gelang, diese aus ihren Stellungen zu verdrängen. Auch der Montag scheint für die Engländer ein heißer Tag gewesen zu sein. Bis zum Ein⸗ bruch der Nacht hatten sie mit allen Steitkräften, die zur Verfügung des Lord Roberts stehen, zu thun, ehe sie die Buren aus ihren Stellungen trieben und nach Prätoria zu drängten. Damit war das Schicksal Prätorias besiegelt. Daß mit der Urbergabe der Hauptstadt der Kampf nicht vollends zu Ende ist, sondern im Bezirk von Lydenburg fortgeführt werden soll, darf man aus der gestern mitgeteilten Meldung entnehmen, daß täglich 15 Züge mit Vorräteu von Macha⸗ dodorp nach Lydenburg abgesandt werden. Sicher⸗ lich bereitet Krüger, dessen Gefangennahme sich übrigens nicht bestätigt hat, alles zu einem letzten Verteitigungskampf in dem sehr gebirgigen Ge⸗ lände jenes Bezirks vor.— a
Inzwischen hat der Afrikanderbund— Afri⸗ kander sind die Kolonisten holländischer Ab⸗ kunft und sie bilden die Mehrheit in der eng⸗ lischen Kapkolonie— auf einem Kongresse ent⸗ schieden gegen die Annexion der Burenrepubliken protestiert, und sich für deren Selbständigkeit ausgesprochen. Die Haltung der Afrikander ist für die Weiterentwickelung der Dinge ent⸗ schieden von Bedeutung.
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Aus dem Reichstag.
Die Annahme der Flottenvorlage.
Der Reichstag berieth am 6. Juni die Flottenvorlage in zweiter Lesung. Tirpitz begründet sie nochmals kurz und erklärt die Bereitwilligkeit der Regierung, die Frage über die Auslandskreuzer zu vertagen.
Bebel bekämpft in ausgezeichneter Rede die Re⸗ gierungsvorlage, weist das Gerede, als diene die größere Flotte zur Erhaltung des Friedens, entschieden zurück. Viele Millionen würden hier für kulturwidrige Zwecke hinausgeworfen, während nichts für die Kultur und
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