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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 24.

Reiches erbracht werden, als ob es einerseits sicher wäre, daß diese Einnahmen sich wirklich fortlaufend steigern werden. Ein einziges schlechtes Jahr wirft die ganze Rechnung über den Haufen. Für diesen Fall sind nun allerlei Steuerobjekte zusammengekehrt worden. Obligationen, Auleihe⸗ stempel und ähnliches. Das ist alles eitel Blend⸗ werk. Wenn die Hochkonjunktur der Gegenwart einmal nachläßt, und das kann im natürlichen Wechsel der Dinge garnicht ausbleiben, so halten die Lappaliensteuern den Etat nicht zusammen. Dann müssen trotz aller gesetzlichen Reservationen die Nahrungsmittel herhalten und in erster Linie das Brotgetreide. Das kann sich jeder Mensch

ausrechnen, der da weiß, was für eine Riesen⸗

summe fünf Milliarden sind.

Verläumderische Flottenjüng er sind jetzt auf der Suche, wie sie der sozialdemo⸗ kratischen Flottenopposition eins aus wischen können. In Ermangelung besserer Argumente holen sie den alten Ladenhüter von derAlliance zwischen Börse und Sozialdemokratie hervor. Die Sozialdemokraten stimmen gegen die Börsen⸗ steuern, also fördern sie die Interessen der Börsen⸗ jobber. Dazu schreibt der Vorwärts:

Die Sozialdemokratie hält Steuergesetze, wie sie jetzt in der Flottenkommission fabrizirt worden sind, für schlecht und unzureichend. Die Nutz⸗ nießer aus dem Flottenbau sollten, so wurde versichert, die Kosten tragen. Aber jetzt werden die großen Panzerplatten⸗Lieferanten und andere Großindustrielle, die eifrig für die größte Flotte agitiert hatten, völlig verschont. Die Krupp und Stumm, die viele Millionen an der Flotte ver⸗ dienen, werden in keiner Weise zu den Lasten herangezogen. Wir hatten eine progressive Einkommen und Vermögenssteuer ge⸗ fordert, durch die alle Kreise gleichmäßig heran⸗ gezogen worden wären. Aber die bürgerlichen Schützer des Kapitals wollten davon nichts wissen und zogen es vor, Verkehrssteuern auszu⸗ hecken um auf lange Zeit hinaus das sozial einzig gerechte und einzig einträgliche Steuer⸗ system zu verhindern.

Trotz dieser prinzipiellen Stellung würde die Sozialdemokratie sicherlich Börsensteuern nicht ablehnen, wenn sie zur Beseitigung an⸗ derer volksbelastender Steuern geschaffen würden. Davon ist aber jetzt natürlich keine Rede. Im Gegentheil, die Parteien, die uns Vorwürfe machen, haben sich verpflichtet, den Hungerzoll auf das tägliche Brod des armen Mannes zu erhöhen. Die neue Börsensteuer aber sollte dazu dienen, eine höchst gefährliche, volksfeind⸗ liche Weltmachtspolitik vorzubereiten. Zu solcher 75 bewilligt die Sozialdemokratie keinerlei

ittel.

Als die Handels- und Börsenleute wild nach der Flottenvermehrung schrieen, war es die Sozialdemokratie, die ihren Wünschen entgegen⸗ kam? Vielmehr waren es Agrarier, Antisemiten, Zentrum dieselben Parteien, deren Blätter jetzt uns in der Steuerfrage schmähen, die das heiße Verlangen der Börse, des Handels und der Industrie⸗Lieferanten stillten. Das sind die Parteien, die den Bauer und Handwerker gegen das Großkapital zu schützen vorgeben, aber durch ihre Politik ihm Milliarden in den Schooß werfen.

Die Wirkung der Fleischwucherpolitik.

Daß angesichts der Grenzsperre, welche deutscherseits gegen ausländisches Fleisch durch das Fleischbeschaugesetz errichtet wurde, die dabei interessirten Staaten nicht ruhig zusehen, sondern ihrerseits mit Gegenmaßregeln antworten würden, war vorauszusehen, und unsere Partei⸗ genossen im Reichstage haben wiederholt auf die der deutschen Industrie durch Annahme der agrarischen Anträge drohende Gefahr hingewiesen. Und schon jetzt stellen sich die Folgen der Fleischwucherpolitik ein. So schreibt die Sächs. Arb.⸗Ztg.:

Vor einigen Tagen konnte die Presse schon die Einbringung eines Antrages im nordameri⸗ kanischen Senat melden, der zur Vergeltung der deutschen Fleischsperre höhere Industriezölle gegen die deutsche Einfuhr fordert. Jetzt berichtet ein

Berliner Blatt, daß sowohl seitens der Berliner amerikanischen wie der englischen Bot⸗ schaft an zuständiger deutscher Stelle Vor⸗ stellungen erhoben werden gegen das vom Reichstag beschlossene Fleischbe⸗ schaugesetz. Seitens der englischen Regierung wird die Erschwerung der australischen Fleischeinfuhr nach Deuschland beklagt.

Diese Nachricht wird derPost von offi⸗ ziöser Seite bestätigt. Man nimmt an, es sei ausgeschlossen, daß infolge dieser Vor⸗ stellungen das Fleischbeschaugesetz im Bundesrath noch scheitern könnte, jedoch sei es wohl möglich, daß beim Erlaß der Ausführung sbe⸗ stimmungen auf gewisse, dem deutschen In⸗ teresse nicht entgegenstehende Wünsche des Aus⸗ landes Rücksicht genommen würde.

Wir wollen abwarten, ob die Regierung den Mut haben wird, den Agrariern auf die Hühner⸗ augen zu treten. Schon stimmt dieDeutsche Tagesztg. ein Wuthgeheul an. Mit dumm⸗ dreister Miene fragt das edle Bündlerorgan, ob man dem Auslande erlauben wolle, in die hygienische Gesetzgebung des deutschen Reichs hineinzureden? Als ob es nicht selbst wüßte, daß die Agrarier die Vorlage der Regierung, die ein rein hygienisches Gesetz vorsah, in ein Gesetz zur Verhinderung der Fleisch⸗ einfuhr verschandelt haben!

Verteuerung des Salzes.

Sogar das Salz wird teurer! Infolge Uebereinkunft der deutschen Salinen sind vom 15. Mai ab begründet durch die hohen Kohlenpreise undgesteigerten Arbeitslöhne die Preise für Koch⸗ und Viehsalz um 60 Pfg. per 100 Kilo erhöht worden. Natürlich zahlen weder Groß⸗ noch Kleinhändler die Mehrkosten aus ihrer Tasche, sondern wälzen sie einfach auf die Konsumenten ab, die dann im ein⸗ zelnen einen verhältnismäßig noch höheren Preisaufschlag sich gefallen lassen müssen.

Was man Landarbeitern bietet.

In die Redaktion unseres Parteiorgans Volksblatt in Halle a. S. brachten Arbeiter aus Russisch⸗Polen, die an Zahl 49 Mann stark auf der benachbarten Domäne Giebichenstein be⸗ schäftigt sind, ihr Mittagbrot, das aus total verdorbenem, einen ekelhaften Ge⸗ stank verbreitenden Fleisch bestand. Der Be⸗ amte des 7. Polizeireviers hatte vorher das Fleisch für genießbar und die Beschwerde für unbegründet erklärt. Die Redaktion veran⸗ laßte nun eine Untersuchung durch den vereidigten Handelschemiker Dr. Lenz, der erklärte:Die Vorprüfung ergab, daß das Fleisch einen ekel⸗ erregenden Geruch besaß, welcher auf bereits eingetretene Verwesung schließen läßt. Hiernach wird die Probe als verdorben erklärt.

Die Agrarier füttern ihre Arbeiter mit stinken⸗ dem Fleisch, behandeln sie auch sonst roh die Arbeiter beschwerten sich auch über Thätlichkeiten seitens des Inspektors und Verwalters, und wenn sie ihnen davonlaufen, dann verlangen sie vom Staate, daß er ihnen durch Ausnahme⸗ gesetze für Arbeiter sorge. Giebt es etwas Un⸗ verschämteres als dieses Ausbeutervolk?

Junkerliche Ansichten über Volksbildung.

In einer konservativen Versammlung für den Kreis Minden⸗ Ravensberg, die kürzlich in Her⸗ ford stattfand, wurde wiederum die von jener Seite schon oft vorgebrachte Klage erhoben, daß die Kinder heutzutage zu viel lernten. Nach⸗ dem der Landtagsabgeordnete Weihe seinem Miß⸗ mut darüber Ausdruck gegeben, daß die Prügel⸗ strafe noch immer nicht eingeführt ist, empfahl

Frhr. v. d. Recke die Halbtagsschule, die aus⸗

reichend sei, um das Nötige zu lernen. Nach⸗

mittags müßten die Kinder in der Landwirtschaft

arbeiten können. v. Oheimb stimmt dem zu;

früher hätte man auch geuug gelernt und dann sei es bei den weit auseinander liegenden Woh⸗ uungen in Westfalen für die Kinder eine Qual, wenn sie zweimal täglich zur Schule müßten. Man glaubt, je dümmer ein Unterthan ist, desto eher wird er sich alles wie ein Vieh gefallen lassen. Denn wenn der Bauer nicht

schreiben kann und ohne des Edelmannes Wissen auch nicht verreisen darf, so bleibt die in unserem Lande befindliche Barbarei noch am sichersten verborgen. So schrieb schon im Jahre 1764 ein Geistlicher an einen Regierungsbeamten über das Verhalten des Junkertums in Schulfragen. Wie man sieht, denken heute die Junker in diesen Dingen nicht anders, als ihreglorreichen Ahnen vor Jahrhunderten. Verminderung der Schulbildung, Beschränkung der Freizügigkeit, Prügelstrafe und ähnliche schöne Sachen sollen dem Volke beschert werden, damit die Herren die Ausbeutung in aller Ruhe und ausgiebig be⸗ treiben können.

Bündnis der Junker und Pfaffeu.

Das Zentrum ist ärgerlich über die Liberalen wegen ihrer Haltung gegenüber der Lex Heinze. Die rücksichtslose Art, so schreibt die ultramon⸗ taneKölnische Volkszeitung,in der der Libera⸗ lismus seine Welt⸗ und Lebensanschauung als die allein berechtigte zur Geltung bringen will, der Spott und Hohn, den er für alle Anders⸗ denkenden hat, die frivole Behandlung der ent⸗ gegenstehenden religiösen Gefühle ꝛc. haben in diesen Tagen wohl in jedem deutschen Katholiken die Ueberzeugung reifen lassen bezw. befestigt, daß eine Herrschaft dieser Richtung im Deut⸗ schen Reiche entschieden zu beklagen wäre. Wir haben an den Konservativen gewiß vielerlei aus⸗ zusetzen, aber mit ihnen läßt sich doch immer noch besser leben. Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen sind Zentrum un Konservative sich in der letzten Zeit näher gerückt als lange Jahre zuvor, denn es liegt in der Natur der Sache, daß eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen dem Zentrum und den Liberalen von selbst eine Besserung des Verhältnisses zu den Konservativen im Gefolge hat.

Die Sorte paßt auch zusammen. Die kleri⸗ kale und die feudale Sippe begegnen sich nicht nur in ihrerWeltanschauung, sondern auch in ihren land⸗ und wassermilitaristischen Neigungen sowie in ihren korn⸗ und fleischwucherischen Plänen. Das Bischen Scheinarbeiterfreundlich⸗ keit, das die edlen Herren vom Zentrum zur Schau tragen, nimmt ja doch kein Vernünftiger ernst, und so wüßten wir in der That nicht, was der dauernden Verbrüderung der schwarzen fol der blauen Gesellschaft im Wege stehen ollte.

Gegen das Selbstverwaltungsrecht

der Arbeiter in den Krankenkassen hetzt die kapi⸗ talistische Presse auf der ganzen Linie. Und selbst Blätter, die sonst nicht in der Beschimpfung der Arbeiter ihre Hauptaufgabe erblicken, drucken folgende, von derKöln. Ztg. und dem be⸗ rühmten für diese seine Arbeit bekanntlich sehr gut bezahlten Herrn Schweinburg in denBerl. Pol. Nachr. erhobenen Verdächtigungen nach:

Wir haben öfters darauf hingewiesen, daß unsere Sozialdemokratie planmäßig bestrebt ist, alle öffentlichen Einrichtungen, auf welche die Arbeiter selbst eine direkte Einwirkung auszuüben in der Lage sind, in den Dien st ihrer Parteiinteressen zu stellen. Mit be⸗ sonderem Nachdruck und nicht ohne Erfolg verfolgt sie diese Taktik auf dem Gebiete der Krankenkassen. Die Sozialdemokratie sucht offenkundig die ganze Krankenkassen⸗ organisation zu einer Nebenorganisation ihrer Parteieinrichtung umzugestalten und geht sog ar so weit, die Arbeitnehmerbeisizer zu einem einheitlichen Verbande für ganz Deutschland zu Nutz und Frommen der sozialdemokratischen Bestrebungen zusammen zu fassen.... Es ist geradezu selbstverständlich, daß bei der bevorstehenden Revision der Krankenkassengesetzgebung darauf Bedacht zu nehmen sein wird, die Möglichkeit eines solchen Mißbrauchs der Krankeakasseneinrichtungen auszuschließen oder doch aufs äußerste einzuschränken. Einrichtungen, welche der Eintracht und dem Frieden unter Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu dienen be⸗ stimmt sind, dürfen eben nicht zu Instrumenten des Klassenkampfes erniedrigt werden...

Die ganze Phantasie der Unternehmerpresse hat nur die eine Unterlage, daß in den Kranken⸗ kassen vielfach Sozialdemokraten die Leitung haben. Da aber die intelligentesten Arbeiter in der Regel Sozialdemokraten sind, sollte die un⸗ liebsame Erscheinung von anständigen Gegnern der Sozialdemokratie leicht erklärt werden können. Aber die Kapitalistenorgane wollen sich die Sache nicht erklären, sondern die Gesetzgebung miß⸗ brauchen, um die Leitung der Krankenkassen in die Hände von Kreaturen zu bringen, die ihr

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