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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 50.

Don Nah und Jern.

Gießener Angelegenheiten.

Teutone und Slave. Neulich witzelte boshafter Weise derGießener Anzeiger über einen Aufruf der Langsdorfer Gemeinde⸗ bibliothek, der einige grammatikalische Fehler auf wies, die ja möglicher weise auch auf Druck⸗ fehlern beruhen können. DieTeutonen Köhler und Hirschel hat der Angriff des Anzeigers aber mächtig gewurmt der Erstere dürfte der Ver⸗ fasser des besagten Aufrufs sein und sie antworten in ihrerVolkswacht: i

Ein e e untrügliches Kennzeichen jener halbger. 5 Slaven, die den Osten des Deut⸗ schen Reiches bewohnen, ist es, daß sie sich in unserer Heimath so unangenehm wie möglich machen. Trotzdem in den gesegneten Gefilden, daraus sie entlaufen sind und wo die Kar⸗ toffeln als Spalierobst gezogen werden, der Häring in allen möglichen Zubereitungen notabene recht faul muß er sein als die höchste Delikatesse gepriesen wird, haben sie nichts besseres zu thun, als über unsere Zustände und Sitten den lieben langen Tag zu schimpfen. Ueber alles spotten sie und wollen es besser wissen. Am meisten bilden sie sich auf ihren wunderlieblichen Mund⸗Dialekt ein; wenn sie auch nur deutsch stammeln können und selbst, wenn sie 200 Jahre alt würden, ihre Lebtage nichtmir vonmich unterscheiden lernten, glauben sie doch, weil sie die schönen Ausdrücke voll und ganz undunentwegt erfunden und durch ähnliche Sprachverhunzungen die deutsche Literatur veredelt haben, sie allein wüßten, was deutsch ist. Daran erkennen wir auch wieder unseren Redaktions⸗ Kassuben vom Gießener Anzeiger der unter der Ueberschrift Musterhaftes Deutsch den Aufruf der Langsdörfer Gemeindebibliothek bespöttelt, weil darin in Folge eines Druckfehlers, wie aus dem Manusfkript zu ersehen ist, einmal großen Werth, statt großer Werth und dann Romanen statt Romane steht und endlich weil darin o Schrecken! an die griechische Mehrheit von Tlema⸗Themata nochmals die deutsche Mehr⸗ heit also Thematas gefügt wurde. Jetzt ist aber die deutsche Sprache gerettet! Wir geben dem Kassuben den Rath, seine Mühe wo anders besser anzuwenden, wir wissen unsere Muttersprache zu gebrauchen, bei seinen Landsleuten aber könnte er sich Verdienste er⸗ werben, wenn er ihnen die aufgezwungene deutsche Sprache etwas besser beibringen könnte. Dat wäre boch'nen Verdienst, wat?

Wir müssen gestehen, daß wir auch keine großen Freunde vom wir klichen Slaventhum sind. Im vorliegenden Falle aber ist uns der Slave entschieden sympathischer als dieTeu⸗ tonen, denn ersterer bringt den sozialen und wirthschaftlichen Fragen, wie es scheint, mehr Verständniß entgegen, als es die prahle⸗ rischenTeutonen thun.

Ein inkoulanter Metzger. Vor Kurzem trat ein reisender Handwerksgeselle Westanlage befindlichen Metzgerladen, um sich eine Gabe zu erbitten. Der Ladenbesitzer wies ihn aber nicht nur schroff ab, sondern schickte dem armen Teufel auch noch einen Schutzmann nach, der ihn jedenfalls verhaftet hat. Das war gewiß nicht nöthig. Möglich, daß die Laden⸗ besitzer ziemlich viel belästigt werden; aber sie können sich doch auf einfache Abweisung be⸗ schränken, brauchen sie nicht der Polizei zu über⸗ liefern. Außerdem vertreten besonders die zünftlerisch gesinnten Meßgermeister die Mei⸗ nung, daß dasFechten unbedingt zum Hand⸗ werksburschen gehört! Auch auf unsere Partei ist derselbe biedere Metzger ebenso schlecht zu sprechen, als auf die Handwerksburschen. Als nämlich jüngst ein Arbeiter wegen eines Stückchen Solberfleisches nicht handelseinig wurde und sich für den Betrag Wurst mitnehmen wollte, wies ihn die Frau Metzgermeister aus dem Laden mit den Worten:Machen Sie, daß Sie hin⸗ auskommen, Sie Sozialdemokrat können nicht genug kriegen! Unsere Genossen müssen sich also etwas vorsehen, damit sie nicht in Ge⸗ schäfte gerathen, wo man sie nicht haben will, sondern solche aufsuchen, wo ihre Groschen ebenso gern wie die anderer Leute entgegen- genommen werden!

Grober Unfug. Wiederholt wurde

in der letzten Zeit mit den Straßenlaternen

arger Unfug getrieben; pu. löscht, zum Theil auch bereits

sie wurden vorzeitig ge⸗ gelöschte wieder

angezündet, wobei Glühkörper und auch die La⸗ ternen selbst der Zerstörung anheimfielen. Lei⸗ der hat sich noch nicht herausgestellt, von wem derartige Bubenstreiche verübt werden; für solche Burschen wäre eine empfindliche Strafe ganz angebracht. Redliche Arbeiter sind es sicher nicht, die haben mehr Achtung vor den öffentlichen Einrichtungen. In Garbenteich

wird diesen Sonntag(9. Dez.), nachmittags 3 Uhr eine Volks versammlung bei Wirth C. Becker stattfinden, in der Genosse Velters überWeltmachtspolitik sprechen wird. Unsere Freunde werden gebeten, für zahlreichen Besuch der Versammlung zu wirken.

Wetzlar.

Der neue Bürgermeister, Herr von Zengen, ist am 1. Dez. im Beisein eines großen Theiles der Wetzlarer Honoratioren in sein Amt eingeführt worden. Wie er sich zu der Arbeiterschaft stellen wird, muß natürlich erst hübsch abgewartet werden. Unsere Erfahrungen, die wir beim Wechsel der Regenten in Staat und Gemeinde stets gemacht haben, schützen uns vor Illusionen.

Für denBismarckthurm werden die Sammlungen noch immer fortgesetzt und ein ganz nettes Sümmchen ist schon zusammenge flossen. Wie mancher arme Teufel mag da viel⸗ leicht, einem gelinden Drucke nachgebend, ein paar Groschen geopfert haben, die er für sich und seine Familie viel nothwendiger zu brauchen hätte! Aber was schadet das? Wetzlar muß unbedingt seinen Bismarckthurm haben, das ist nöthiger als alles Andere. Auch gewisse Be⸗ triebe prahlen mit ziemlich hohen Beiträgen, während ihre Arbeiter mit erbärmlichen Löhnen abgespeist werden. Aber zur Charakteristik des von dem Geldprotzenthum als Halbgott ver⸗ ehrtenSäkularmenschen sollte man am Thurm eine von ihm selbst herstammende Inschrift anbringen, die ihn so recht als Held, alsHeros des Jahrhunderts kennzeichnet. Kürzlich ist nämlich ein Band Briefe erschienen, die er an seine Frau gerichtet hat. In einem derselben vom 20. Sept. 1848 schreibt er, nachdem er ausgeführt hat, daß es voraussichtlich bald zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den Truppen und dem Volke kommen werde:

Ich selbst habe keine Veranlassung, die Sache hier abzuwarten und Gott damit zu versuchen, daß er mich in Gefahren schütze, die ich keinen Beruf habe, aufzusuchen. Ich werde daher meine Person schon

morgen in Sicherheit bringen.

Wie heldenhaft! Wahrhaft heroisch! Obige zwei Sätze schlagen wir dem tit. Komitee als Inschrift am oder im Bismarckthurme vor!

Stöckerianer auf Agitation. Eine Versammlung fand am 1. Dez. in Kölschhausen statt. Der Parteisekretär der Stöcker'schen, Herr Dr. Burckhardt, sprach überLiberalis⸗ mus, Sozialdemokratie und christlich-sozial. Herr Burckhardt betreibt nämlich deshalb jetzt schon die Agitation, weil er bei der nächsten Wahl den jetzigen nationalliberalen Abgeord⸗ neten aus dem Felde schlagen möchte. Ob ihm das gelingt, muß natürlich abgewartet werden, vorläufig möchten wir es stark bezweifeln. Seine Ausführungen bewegten sich durchaus in den bekannten, ausgefahrenen Stöcker'schen Geleisen. Natürlich beschäftigte er sich vorzugsweise mit demZukunftsstaat, in dem kein Mensch etwas arbeiten wolle, man nicht wisse, wie man die Leute bezahlen solle, der Fleißige für den Faulen schaffen müsse, unerträglicher Zwang herrsche, selbstverständlich schließlich alles drunter und drüber gehe, wie das vor langer Zeit Eugen Richter in einer Broschüre, der er sich jetzt schämt, anschaulich geschildert hat. Mit Be⸗ hagen plappern jetzt die Stöcker'schen den alten Kohl nach, den kein vernünftiger Mensch mehr ernst nimmt. Sehr verblüffte Gesichter machten die Versammelten meist waren es Arbeiter, die mühsam nur ihr täglich Brod er⸗ beuten, als ihnen Herr Burckhardt, der reich gewordene Apotheker, verkündete, Jeder suche es zum Rentier zu bringen! Nein, das hat ihm keiner geglaubt und Genosse Vetters fand allgemeine Zustimmung, als er daraufhin bemerkte, wenn heutzutage ein Besitzloser zu Vermögen komme, müsse er andere Leute ent⸗ weder ausbeuten oder betrügen. Weiter führte unser Genosse aus, wie der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit sich täglich ver⸗ schärfe, wie die besitzende und herrschende Klasse

die besitzlosen Arbeiter auf politischem, wirth⸗

schaftlichem und sozialem Gebiete unterdrücke und bevormunde. Von einerUeberbrückung dieses Gegensatzes im Sinne der Christlich⸗So⸗ zialen könne gar keine Rede sein. Auf die Er⸗ widerung Burckhardt's, der sich für die Lebens⸗ mittelzölle aussprach, legte Vetters dar, wie un⸗ gerecht durch die Zölle und indirekte Steuern die Minderbemittelten und Arbeiter belastet wür⸗ den. Zum Schluß brachte Burckhardt noch die üblichen Phrasen von Religion, Monarchie usw. aufs Tapet, auch der Darwinismus mußte noh zur Bekämpfung der Sozialdemokratie her⸗ halten. Er erzielte aber keinen Eindruck damit.

ImWetzlarer Anzeiger ist es in einem, offen⸗

bar von Burckhardt stammenden, mit Stöcke r⸗ scher Wahrheitsliebe abgefaßten Bericht so dargestellt, als habe er unseren Genossen gründlich abgeführt. Nun, wir sind mit dieser Versammlung ganz zufrieden, sind's die Stöcker⸗ schen auch, ist's uns recht, wer den meisten An⸗ laß dazu hat, wird sich später zeigen! Arbeiterloos.

In der Dampfbuchbinderei von Barthel in Leipzig platzte am Dienstag Mittag ein Dampf⸗ rohr. Dadurch wurden fünf Arbeiter sehr schwer verletzt und mußten in das Krankenhaus verbracht werden.

Geborstene Säule des Antisemitismus.

Lebrecht Hartwig, Baumeister und zweiter Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung in Dresden, früherer antisemitischer Reichs⸗ tagsabgeordneter, wird von seinen Mitbürgern ehrenrühriger Dinge beschuldigt. 23 Stadtver⸗ ordnete gaben in der Sitzung eine Kollektiv erklärung ab, die sich auf rechtskräftige Urtheile in Sachen des Privatmannes Bargou gegen Hartwig wegen Verkauf seines Grundstücks stützt. In der Erklärung heißt es, daß das Schöffen⸗ gerichtsurtheil feststelle: 1. daß Hartwig sein verpfändetes Manneswort nicht eingelöst habe, 2. daß er sich über eine moralische Ver⸗ pflichtung, an die er als anständiger Mensch gebunden war, aus pekuniären Rücksichten hin⸗ weggesetzt habe, 3. daß vom sittlichen Standpunkte aus sein Verhalten einer unlau⸗ teren und unter Umständen straf⸗ baren Schiebung gleichstehe, 4. daß Bar⸗ gou sachlich begründete Bedenken gehabt habe, ob Hartwig durch seinen Charakter Gewähr dafür

gäbe, daß er sich bei seiner Thätigkeit im Stadt⸗

verordnetenkollegium nicht durch un lautere egoistische Gründe leiten lasse. Das Schöffengerichtsurtheil ist vom Landgericht be⸗ stätigt worden. Dieses sagt außerdem noch, daß Bargou mit Recht von Hartwig That⸗ sachen behauptet habe, die geeignet waren, Hart⸗ wig verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. In Folge dessen halten die 23 Stadtverordneten Hartwig eines öffentlichen Ehrenamtes nicht für würdig und forderten ihn auf, sein Amt nie⸗ derzu legen. Daran denkt aber der biedere Urdeutsche gar nicht. Er ließ es geschehen, daß diese Erklärung an den Ausschuß verwiesen wurde. Dieser, der wie die Stadtverordneten⸗ versammlung in der Mehrheit aus Antisemiten besteht, beschloß, ein Vertrauensvotum für Hart⸗ wig zu beantragen! Daß ihm die Stadtverord⸗ netenversammlung ein solches ausstellt, ist kaum

zu bezweifeln. In den Augen anständiger Leute bleibt H. trotzdem gerichtet. Finderlohn.

Nach dem bürgerlichen Gesetzbuch(8 971¹ hat der Finder eines Werthgegenstandes einen Finderlohn zu beanspruchen, der bei Sachen im Werthe bis zu 300 Mark fünf vom Hundert, bei solchen von größerem Werthe und Thieren eins vom Hundert beträgt. In Frankfurt fand die⸗ ser Tage ein Milchmann ein Couvert mit 400⁰ Mark Inhalt. Er lieferte das Geld an die Adresse ab, die auf dem Couvert angegeben war. Der Verlierer zählte es nach und überreichte dem Finder eine Cigarre. Der Milchmann wies das großmüthige Geschenk zurück und beabsichtigt nun, wegen des ihm zustehenden Finderlohns der in diesem Falle 40 Mark beträgt, klagbar gegen den Verlierer vorzugehen.

Staatsanwalt Settegast 1 in Konitz, aus den dort verhandelten Meineids⸗ prozessen bekannt, wird vom 1. Jan. 1901 an das Landgericht Limburg(Lahn) versetzt. Diese Nachricht wurde erst für unrichtig erklärt, jetzt aber wiederum bestätigt.

Geringe Strafe für einen Todtschläger.

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