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Nr. 50.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Arbeiterinnenschutz.

Der von der sozialdemokratischen Fraktion im Reistage eingebrachte An⸗ trag, betreffend die Beschäftigung ge⸗ werblicher Arbeiterinnen, hat fol⸗ genden Wortlaut: f g 5

1. Arbeiterinnen dürfen nicht beschäftigt werden während der ersten sechs Wochen nach einer Niederkunft oder einer Fehlgeburt und, wenn das Kind lebt, während der ersten acht Wochen nach der Niederkunft. Wenn der Arzt durch ein schriftliches Gutachten eine längere Zeit der Enthaltung von der Erwerbsarbeit für nothwendig erklärt, so darf die Arbeiterin vor Ablauf dieser Zeit nicht zur Arbeit herangezogen werden. Schwangere Arbeiterinnen können die Arbeit ohne Einhaltung der Kündigungsfrist ein⸗ stellen vier Wochen vor ihrer Niederkunft und, wenn es der Arzt für nothwendig erklärt, auch

üher. Für die ganze Zeit der nach diesen Vorschriften zulässigen oder nothwendigen Ent⸗ haltung von der Erwerbsarbeit erhalten die Ar⸗ beiterinnen von einer Krankenkasse, der sie min⸗ destens zu diesem Zwecke angehören müssen, eine Unterstützung im Mindestbetrage des ortsüb⸗ lichen Tagelohnes. 5

3. Gewerbliche Arbeiterinnen dürfen nicht beschäftigt werden während der Nachtzeit(von 7 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens), an Sonn- und Feiertagen, sowie an den Nachmittagen der Tage vor Sonn⸗ und Feiertagen.

4. Die Beschäftigung der gewerblichen Ar⸗ beiterinnen über 16 Jahre darf die Dauer von 10 Stunden täglich, an den Tagen vor Sonn- und Feiertagen von fünf Stunden nicht über⸗ schreiten, Ueberstunden dürfen nicht gemacht

werden. Junungs⸗Schiffbruch.

Wieder wird eine A ma 71 ng a war die der Schuhmacher in Dessau auf⸗ gelöst Sie will zu Neujahr ihre Bude schließen. An ihre Stelle soll eine freie Innung treten, der auch das Vermögen der jetzigen Zwangs⸗ innung zufließen soll. Die Zwangsinnungen haben dem Handwerk das ersehnte Heil nicht bringen können.

Deut seher Reichstag ·

Am 29. November verhandelte der Reichstag öber den Gesetzent wurf betreffend die Pri v a t ver⸗ sicherungsgesellschaften. Wöhrend von den Rednern des Centrums und der rechten Seite die Vor⸗ lage, durch welche das Versicherungswesen einheitlich geregelt werden soll, mit Freuden begrüßt wird, bedauert Müller- Meiningen,(Ir. Bp) daß für die Privat⸗ versich rungen nur die oöffe tlichrechtliche und nicht auch die privatrechtliche geregelt worden sein. Den schärf⸗ sten Widerspruch müsse den Akschnitt herausfordern, welcher der Aussicht Zwangsrechte gewähre. Genosse Calwer neist daraufhin, daß durch dieses Gesetz die Gewerkschaften erheblich geschädigt werden können. Diese pflegen in erheblichem Maaße das Unter⸗ stützunnswesen namentlich für Arbeits osigkeit. Würden diese Unterstützungszweige der Arbeiterorgani⸗ sationen als Versicherungen angese hen und dem Eesetze unterste llt, so würde die Fortführung dieser Unterstützengs⸗ einrichtungen gänzlich in Frage gestellt sein, und unter Umständen den Gewerkschaften ein großer Theil des Feldes ihrer gemeinnützigen Thätigkeit entzogen werden. Regierungsrath Gruner sagt, es sei ein unbegründetes Mißstauen, wenn man von der Regierung glauben wolle, sie suche die Gewerlschaften von hinten herum lahmzulegen. Von unsern Genossen wird er hier durch Zuruse auf die 12000 Mark-Geschichte hingewiesen. Die Verlage wird an eine Commi sion verwiesen.

Freitag, den 30. November kam der Reichstag, der jetzt wieder sehr schwach besetzt war, zur Berathung einer Denkschrist, die ihm über die seit dem Jahre 1875 er⸗ lassenen Anleihegesetze zugegangen ist. Eine Diskussion rief nur die letzte 80 Millionen⸗Anleihe hervor, die in Amerika begeben wurde, was der Reichsschatzsekretär Frhr. von Thielmann damit erklärte, daß der in⸗ ländische Geldmarkt nicht überlestet werden sollte; denn im Jahre 1901 würde man doch wieder eine größere Anleihe aufnehmen müssen. Die Pumpwirthschast geht also weiter. Es folgte die erste Berathuang der Uebersicht über die Ausgaben nud Einnahmen des Reiches im abgelaufenen Rechnungsjahre 1899. Die Begründung der über den Etat hinausgemachten Aus- gaben, die hier gegeben war, konnte niemanden be⸗ friedigen; wurde doch einfach gesagt, daß eine eingehendere Begründung, warum der Kostenanschlag beim Bau von 27 Schiffen erheblich überschritten ser, überhaupt nicht gegeben werden köane. Demgegenüber verlangten ase Redner, eine sehr eir gehende Prüfung aller Aus gaben in der Rechnungskommission, an die der Bericht schließlich verwiesen wurde. Aber was hilft d. s, wenn, wie der Genosse Wurm treffend ausführte, doch

stets nachträglich alle Ausgaben genehmigt werden;

diese Geneh⸗igungssucht,

wiederkehrenden Etats ⸗Ueberschreitungen und für die unge nierte Selbstverstandlichkeit, mit der sie von der Regierung behandelt werden. Ein Antrag Rinteln, der die Wiedereinführung der Berufung fordert, wird nerst den dazu gehörigen Gesetzentwürfen von frei⸗ sinniger und konservativer Seite an eine Kommission verwiesen.

Am Montag kam die Interpellation des Centrum's wegen

der Kohlennoth

bei nur mäßig besetzten Bänken zur Verhandlung. Minister Brefeld, Thielen und Graf Posa⸗ dowsky waren anwesend. Dunch die Interpellation will das Centrum, das bei der Flottenvorlage und vielen andern Gelegenheiten dem Volke nur große Lasten auf⸗ halste, zeigen, daß es doch noch etwas für die Volks⸗ interessen übrig hat. Zur Begrüsdung der Inter- pellation ergriff der Centrumsavgeordnete Heim das Wort. Ec verstieg sich in seinen Vorschlägen zur Ab⸗ hilfe der Teuerung sogar bis zum Kohlenaussuhrverbot und bis zum energischen Kampf gegen den sonst so vom Centrum gehätschelten Zwischenhandel. Seine Rede klang in ein hingebendes Vertrauens votum an die Re⸗ gierung aus. Handels minister Brefeld beantwortete die Interpellation. Er erging sich des längeren über die Ursachen der Kohlennoth, unter welchen er natürlich den Streit der sächsischen und österreichisd en Bergarbeiter an erster Stelle erwähnte. Er vergaß nur zu sagen, daß mährend des böhmischen Streiks nicht nur die Kohleneinfuhr reduz'ert wurde, sondern daß es gerade in dieser Zeit das Kohlen yndikat für seine Ehrenpflicht gehalten hatte, große Mengen Kehlen nach Oesterreich auszuführen. Zur Abhilfe gegen die, wie er selbst zugab, theilweise üiber das gebührende Maaß hinaus gehende Preissteigerung verhieß er eine bestimmte Quantität von Kohlen für Kohleneinkaufsgenossenschaften zu reservieren und eine Beschwerdestelle, die ein Einschreiten gegen übermäßigen Kohlenwucher ermöglichen sollte. Eisen⸗ bahnminister Thielen fühlte sich in seiner vollen Würde als Oberkohlenkonsument. Als solcher hatte der viel geprüfte Mann schon viel schlimmere Kohlenteue⸗ rungen erlebt und so suchte er auch das Haus davon zu überzeugen, daß auch diese schwere Zeit zu überstehen sei. Die Beseitsgung der Ausfuhrfarife verwarf er als schädlich. Alles in allem war das Vorgehen der Re⸗ gierung ein Muster kostenloser Volksbeschwichtigung. In der Besprechung der Interpellation vertheidigt der National⸗ liberale Hilbick die Thätigfeit des Kohlensyndikats, das trotz ganz bescheidener Cewinne() sich stets aufs auf⸗ opserndste des Wohls der Arbeiter annehme. Seine Rede fand bei dem Hause keine große Beachtung. Desto

medr aber die Ausführungen Eugen Richter 8. Er

charakterisierte die Sitzung sehr treffend, indem er hre Hauptbedeutung darin sah, daß die Rechte im Gegensatz zu ihrem sonstigen einseitigen Betonen der Pro du⸗ zenteninteressen, sich plötzlich auf den Con⸗ sumentenstandpunkt ftellte und es war sehr ange⸗ bracht, die Herren daran zu erinnern, nun auch die

Conscquenz der geäußerten Theorien zu ziehen, d. h. in

Zukunft jede Art der Genossenschaftsbewegung zu be⸗ günstigen und die Brotverteuerung zu bekämpfen. Graf Kanitz machte überraschender Weise auch einige Vor⸗ schläge zum Kampfe gegen den Zwischenhandel. Seine Rede war verhältnißmäßig verstandig, solange er als Consument redete. Sobald der Agrarier aus ihm sprach, hörte man wieder das altgewohnte Gewinsel über die Leuienoth, die es unmöglich machte, die Kehler pro⸗ duktion auszudehnen.

Mittwoch kam der vom Centrum eingebrachte Ge⸗ setzentwurf betreffend die Freiheit der Religions⸗ übung zur Verhandlung. Nach dem§ 1 dieses Ent⸗ wurss steht jeden Reichs angehörigen innerhalb des Reichsgebietes volle Freiheit des Religions⸗ bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsge⸗ meinschaften, sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung zu. Gleich zu Anfang gab der Reichskanzler eine Erklärung ab, daß die verbündeten Regierungen außer Stande seien, diesem Antrage zu z ust immen. Lieber(Ctr.) begrundete den Antrag in längeren Ausführungen. Den socialdemokratischen Standpunkt vertrat mit Geschick Genosse v. Vollmar. Er sprach sich für Gleichberech⸗ tigung und Teleranz auf religiösem Gebiete aus, hielt dem Centrum aber vor, wie seine Thaten sehr oft mit den Worten in Widerspruch stehen. Die katholische Kirche fordere Toleranz, übe sie aber selbst nicht. Politik und Religion würden gerade vom Centrum stets ver⸗ quickt. Die satyrischen Wendungen Vollmars erregten ost Heiterkeit. Nachdem noch Bassermann, Richter, Rickert u. s. w. hierzu gesprochen, wird der Antrag an eine Commission verwiesen.

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Der Krieg mit China.

Die Frieden sbedingungen sollen

nunmehr den chinesischen Bevollmächtigten zu⸗

gestellt werden. Nach einer Londoner Mittheil ung derKöln. Ztg. sind dabei dieNeben⸗ fragen: Züchtigung der chinesischen Beamten und die Eventualität einer die chinesischen Ent⸗ schädigungen deckenden Anleihe als Vollstreck

J ungsmaßregeln vorbehalten undstehen außer

halb des Programms der Bedingungen.

0 0 1 an welcher die Reichsboten leiden, trägt die Hauptschuld an den Jahr für Jahr

Von Streifzügen auf die Boxer wird berichtet, daß nach dem Tode des Grafen York der in Folge Einathmung von Kohlengas verstarb das vom Generalmajor Gayl ge⸗ führte Expeditionskorps am 30. November in der Minggräber 5 Boxerdörfer gänzlich zerstörte. Aehnliches wird von anderen Kolonnen gemeldet. Geht's so weiter, dann dürfte bald ein Theil Chinas in eine Wüste verwandelt sein, in der kaum noch Raubthiere existieren können. Dann istdem Handel eine freie Bahn eröffnet. Aus Petersburg wird berichtet, daß eine Ab⸗ theilung von 10 Kosaken, die einen Wagenzug von kranken und verwundeten Leuten begleiteten, unterwegs von einer größeren chinesischen Streitmacht angegriffen und alle Leute getödtet wurden.

An den Plünderungen in Peling be⸗ theiligten sich nach englischen Berichten nicht nur Soldaten, Offiziere und Zivilisten, sondern auch Missionare, hohe Beamte der Gesandtschaften und Damen. Nur sehr wenige hätten der Ver⸗ suchung zu plündern, widerstanden. Zwar hätten verschiedene Mächte, besonders Großbritannien und Amerika, die Praxis offiziell verurtheilt, indem sie ihren Truppen verboten, ohne Be⸗ zahlung von einem Chinesen oder aus einem chinesischen Gebäude irgend einen Gegenstand zu nehmen, doch das Verbot könne so leicht umgangen werden, daß es thatsächlich wirkungs⸗ los sei. Jetzt würden die Sachengekauft und und eineQuittung entgegengenommen. In Wirklichkeit ist das natürlich nichts anderes als Räuberei.

Ueber die Gesundheitsverhält⸗ nisse der verbündeten Truppen wird vielfach in Soldatenbriefen geklagt. In einem Briefe eines Artilleristen aus Tientsin vom 10. Sept., den das Tagebl. f. d. Jerichower Kreis ab⸗ druckt, heißt es:Der böse Feind, welcher jetzt hier wüthet, ist Krankheit; es liegen an 800 Mann in den Lazarethen, theils an der Ruhr, theils an Typhus erkrankt. Kein Tag vergeht, wo nicht ein oder mehrere Soldaten begraben werden.

Der Krieg in Südafrika.

Von verschiedenen Seiten wurde erwartet, daß die Reise Krügers nach Europa und sein Empfang in Frankreich der Anfang einer Ver⸗ mittelung seitens der Mächte bilden würde. Aeußerungen der französischen Presse deuteten sogar direkt auf eine bevorstehende Inter⸗ vention der Mächte hin. Durch den Nicht⸗ empfang Krügers in Berlin sind die Hoffnungen des tapferen Burenvolkes und aller Menschen⸗ freunde wieder zu nichte geworden.

Unterdeß wehren sich die Buren noch immer, so gut sie nur können. Eine englische Nieder⸗ lage bei Dewetsdorp, wobei die Engländer 400 Mann an Gefangenen und zwei Geschütze verloren, ist auch von Lord Roberts bestätigt worden. Lord Roberts meldet weiter, daß zwei Tage später, als die Buren unter Dewet gegen die Kapkolonie weitermarschirt waren, General Knox in Dewetsdorp einrückte. Die Stadt war geräumt; nur 75 Verwundete und Kranke waren daselbst zurückgeblieben. General Knox verfolgte die Buren unter Steijn und Dewet und schlug sie bei Vaalbank(2). Die Buren zogen sich nach Westen und Südwesten zurück. Weitere Kämpfe habe General Knox mit den Buren be standen bei Leyersberg, auf dem Wege von De⸗ wetsdorp nach Smithfield, weiter bei Tefelberg nördlich von Bethulien. In beiden Fällen sollen sich die Buren nach mehrstündigen Kämpfen zu⸗ rückgezogen haben. General Peyet will die Bu ren in einem heftigen Gefecht gegen Rietfon tein zurückgeworfen haben. Oberstleunant Lloyd wurde daber schwer verwundet; außerdem wur⸗ den auf britischer Seite noch 5 Offiziere und 50 Mann verwundet und 5 Mann getödtet.

Zur Illustration der englischen Krieg⸗ führung veröffentlicht die Westminster Ga⸗ zette eine Denkschrift, die von gefangenen Bu⸗ renoffizieren im Lager von Green Point an Sir Alfred Milner gerichtet wurde und in der diese Protest erheben dagegen, daß nicht nur die Farmen und Grundstücke solcher Buren ver brannt und verwüstet wurden, die sich im Kampfe gegen die Engländer befinden, es sind 10 Fälle namentlich aufgeführt, wo Farmen ohne allen Grund niedergebrannt und Frauen und Kinder vertrieben wurden, deren Besitzer sich schon seit Februar in Kriegsgefangenschaft befinden oder gar schon vor Monaten gefallen sind. Genau wie die Deutschen in China!

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