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Mitteldeutsche Sonntagszeitung.
Nr. 50 1
des Alldeutschen Verbandes über sich ergehen lassen. In die herzlichen Klänge des Empfangs⸗ trubels wurde aber bald ein bitterer Wehmuths⸗ tropfen geträufelt, denn es wurde ihm durch den deutschen Gesandten in Luxemburg mit⸗ getheilt, daß Wilhelm II. nicht in der Lage sei, ihn zu empfangen. Nach dem Em⸗ pfang dieser Nachricht hat Krüger beschlossen, seine Reise nach Berlin aufzugeben und so ist er denn am Donnerstag nach Amster⸗ dam abgefahren. Die Veränderlichkeit der Zeiten wurde dem alten Manne, der sich noch den Strapazen einer europäischen Rundreise zu Gun⸗ sten seines Volkes unterzieht, durch diese Ber⸗ liner Absage recht deutlich vor Augen geführt. Welchen Werth mag Krüger heute der Sym⸗ pathiedepesche, die er 1896 bei dem Jameson⸗ Einfall von Berlin erhielt, noch beimessen?
Damals, als die Buren die in ihr Land ein⸗ gebrochenen Engländer siegreich zurückgeschlagen hatten, telegraphirte Wilhelm II. an den Prä⸗ sidenten Krüger: ö
„Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigsten Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an an die Hilfe befreundeter Mächte zu appel⸗ liren, mit ihrem Volke gelungen ist, in eigener Thatkraft gegenüber den bewaffneten
Schaaren, welche als Friedensstörer in Ihr
Land eingebrochen sind, den Frieden wieder⸗
herzustellen und die Unabhängigkeit des
Landes gegen Angriffe von außen zu wahren.“
Vielleicht mochte Krüger auf Grund dieses Sympathiebeweises glauben, daß er in Berlin heute ebenso willkommen sei, als vor zwei Jah⸗ ren Cecil Rhodes, der Urheber all' seines Un⸗ glücks. Seitdem haben sich aber die Zeiten oder richtiger die Ansichten an gewissen Stellen ge⸗ ändert, das wird er mit Bedauern empfunden haben.
Einen nennenswerthen Erfolg wird also Krüger von seiner persönlichen Intervention bei den europäischen Cabineten nicht zu verzeichnen haben, wenn auch jetzt Gerüchte kursiren, daß von Seiten Frankreichs und der Königin von Holland Schritte vorbereitet würden, den Streit zwischen den Burenrepubliken und England einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Trotz all der Begeisterung, die dem alten südafrikanischen Staatsmann entgegengebracht wird, wo er sich sehen läßt, wird doch das Resultat seiner Be⸗ mühungen gleich Null sein.
Politische Bundschau.
Gießen, 7. Dezember.
Kohlenpreise und Bergarbeiterlöhne.
Der Verein für die Interessen der rheini⸗ schen Braunkohlen-Industrie erstattet seinen Jahresbericht für 1899/1900. Dabei giebt er auch einige statistischen Uebersichten über För- derungsmengen, Arbeiter zahl und Lohnsummen, die recht interessante Ver⸗ gleichungen zulassen. Danach betrug die
1894 1899 Förderung an Braunkohlen 1,172,700 T. 3,869,200 T. Zohl der Arbeiter 1.759 4,293
Gesaͤmmt⸗Lohnsumme 1,158,900 M. 3,902,500 Pe.
Der Lohn des einzelnen Arbeiters stieg da— nach nicht unwesentlich, nämlich von 659 Mk. auf 909 Mk.; aber ebenso stieg auch die Leist— ung; von 666,6 auf 901,3 Tonnen pro Kopf. Mag hier die Vergleichung nicht ganz zutreffend sein, da die Arbeiterzahlen nur Durchschnitts⸗ zahlen sind, während Lohnsummen und Förde— rungsmengen feste Größen darstellen. Dagegen ergiebt die Vergleichung der beiden letztgenann— ten, durchaus vergleichbaren Größen, daß die Tonne(20 Zentner) Braunkohlen im Jahre 1894 knapp 0,99 Mk. und im Jahre 1899 nur reich⸗ lich einen Pfennig mehr an Arbeits⸗
lohn erforderte.— Diese Thatsache spricht für
sich selbst. Jedermann weiß, wie riesig die Kohlenpreise gestiegen sind— die rheinischen Braunkohlenarbeiter aber bekommen für 20 Zentner einen ganzen Pfennig mehr Arbeitslohn! Das Gerede also, daß die Kohlen— vertheuerung durch die angeblich hohen Löhne der Bergleute hervorgerufen sei, ist kapitalisti⸗ scher Schwindel. Darüber war sich übrigens jeder Einsichtige von Anfang an klar.
Tabak soll noch mehr bluten.
Aus einem, von der„Berl. Volksztg.“ ver⸗
öffentlichten„vertraulichen“ Briefe, der vom
Synditus des deutschen Tabakvereins unterzeich- ganz
net ist, geht hervor, daß die nationalliberale
Fraktion nach einem Ausspruche Heyl's es für ihre Pflicht halten müsse, für eine Erhöhung des Tabakzolles einzutreten. Eine solche würde natürlich eine Erhöhung der Tabaksteuer nach sich ziehen, wodurch nicht nur der Konsu⸗ ment an seinem Geldbeutel und seiner— Ge⸗ sundheit empfindlich geschädigt wird, sondern auch eine große Anzahl Tabakarbeiter in Arbeitslosigkeit, Noth und Elend gestürzt wer⸗ den, kurz die ganze, namentlich hier in Hessen stark verbreitete Tabakindustrie wird empfindlich geschädigt. Soll das der Dank der hessischen Nationalliberalen sein für die Wahlhilfe, die ihnen die freisinnigen Tabakfabrikanten geleistet haben?
Noth der Landwirthschaft.
Im Organ der Agrarier, der„Deutschen Ta⸗ geszeitung“, die nicht müde wird, Tag für Tag nach höheren Zöllen auf alle möglichen Lebens⸗ mittel zu schreien, findet sich folgendes Inserat:
In der sogenannten hypothekenlosen Ge⸗ gend, wo es keine Mißernten giebt, soll ein
Erbhof ca. 200 Morgen wegen Altersschwäche
des Besitzers verkauft werden. Derselbe hat
100 000 Mk. nur durch Ackerwirthschaft nach⸗
weisbar an dem Gute verdient. Ernste Refl.
schreiben an den Verlag dieser Zeitung unter R. T. 18801 a.
Nun also! Damit ist doch bewiesen, daß die Junker auch ohne Wucherzölle ganz respektable Gewinnste einheimsen und daß es eitel Schwin⸗ del ist, wenn behauptet wird, daß nur Zollerhö⸗ ungen die Landwirthschaft vor dem Ruin schützen könnten.
Gegen den Lebensmittelwucher.
Der Stadtverordnete Kalisch hat folgenden Antrag an die Berliner Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung gerichtet: Die Versammlung ersucht den Magistrat, mit ihr gemeinschaftlich: 1. beim Reichstage gegen jede Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle und für langjährige Han⸗ dels verträge einzutreten, 2. den preußi⸗ schen Städtetag zu veranlassen, sich diesem Vorgehen anzuschließen, 3. die auf dem preußischen Städtetag nicht vertretenen größeren deutschen Städte zu bestimmen, sich den Maßnahmen der Reichshauptstadt bezw. des preußischen Städtetages ebenfalls anzuschließen. Unterstützt ist der Antrag von 28 Stadtverord— neten.
Die Steigerung der Lebeushaltungskosten macht sich auch bei anderen Leuten, nicht blos bei Arbeitern, bemerkbar. Letzteren wird allerdings von der bürgerlichen Presse, von na⸗ tionalliberalen und Stöcker'schen Agitatoren vor⸗ gerechnet, wie sehr seit Jahrzehnten die Löhne gestiegen seien, die Lage der Arbeiter sich ver⸗ bessert habe. Wie aber seitdem die Kosten der nothwendigsten Lebensmittel gestiegen sind, be- rücksichtigen diese Herren in der Regel nicht.— Aber auch Personen mit hundert- und tausend⸗ fach höherem Einkommen verlangen Erhöh-⸗ ung ihrer Bezüge. So ging dem oldenbur⸗ gischen Landtage eine Regierungsvorlage zu, wonach die zum Unterhalte des Großherzog⸗ lichen Hauses bestimmte Summe von 252 000 auf 455000 Mark erhöht werden soll. Mit nur einer Viertelmillion Mark im Jahre kann man allerdings nicht leben!
Vebel's Rede zur Hunnenpolitik
wurde von der Redaktion der„Neuen bayer. Ztg.“ sehr ungnädig aufgenommen, weil Bebel den Muth hatte, das der Regierung zu sagen, was Millionen von Deutschen denken. Dem Chef-Redakteur des ultramontanen Blattes, Herrn Frick, widmet nun Dr. Sigl in seinem „Vaterland“ die folgenden liebenswürdigen Zeilen:
„Der„Neuen Bayerischen“ liegt die präch⸗ tige Rede Bebels bös im Magen, sie nennt den verdienten Parlamentarier, der in dieser Sache
denkenden deutschen Volkes war,„einen fana⸗ tischen Anwalt der chinesischen Boxer“, auch meint sie, derselbe habe die Ernennung zum Mandarin, ja sogar die gelbe Jacke verdient. Wir können Philippum versichern, daß wir auf Grund einiger Kenntniß der Volksstimmung be—⸗ merken, daß noch kaum eine Rede eines Sozial⸗ demokraten im nicht sozialdemokrati⸗ schen Publikum solchen Beifall ge⸗ funden hat, als Bebels treffende Ausfüh— rungen, und unter diesen befindet sich auch der Theil der Zentrumsleute, deren Hirn noch nicht versandet ist. Für gewisse Reichstagsabgeordnete, welche auch hier wieder
patriotische
ihr ganzes Talent zur Schau tragen, empfehlen wir auch eine Auszeichnung: Ein Paar lange
Eselsohren!“
Das isst zwar etwas grob, aber durchaus zutreffend.
Gesetze sind da, damit sie nicht gehalten werden.
Der bisherige Bürgermeister in Schlüchtern, Salomon, wurde als Beigeordneter der Stadt Kreuznach einstimmig gewählt. Diese Wahl ist nicht bestätigt worden, und zwar, wie die Kreuznacher Ztg. angiebt, weil Salomon vor Jahren ein aus einer geringfügigen Ur⸗ sache von einem Arzt provozirtes Duell a b⸗ gelehnt hatte und deshalb aus dem Offi⸗ ziersstande, dem er als Hauptmann a. D. an⸗ gehörte, ausgeschieden war. Erst im vorigen Jahre wurde er in Schlüchtern auf weitere 12
Jahre als Bürgermeister gewählt und auch be⸗
stätigt. Es wäre doch der höchste Triumph des Duellwahnsinns, wenn die Behörde einem Manne deshalb die Amtsbestätigung verweigert hätte, weil er— das Strafgesetz nicht über⸗ treten wollte!
Durch die Hunnen⸗ Medaille
mußte bereits einer unserer Genossen ins Ge⸗ fängniß wandern. Redakteur Swienty vom Halleschen„Volksblatt“ wurde wegen eines Ge⸗ dichtes über die Hunnenmedaille, das er dem „Hamburger Echo“ entnommen, verhaftet. Man entließ ihn auch nicht, trotzdem seine Frau, eine Tochter Liebknechts, schwer krank an den Folgen des Wochenbettes darniederliegt.
Wegen Majestätsbeleidigung
ist in einer Antisemitenversammlung, welche am Mittwoch Abend in Berlin stattfand, ein Mann auf die Denunziation eines tapferen Urteutschen hin verhaftet worden. Die Majestätsbeleidig⸗ ung soll darin bestanden haben, daß der Ver⸗ haftete bei einem Kaiserhoch sitzen blieb.— Den Besuchern solcher Versammlungen muß also dringend Vorsicht empfohlen werden. Lieber sollen sie dieser Gesellschaft fernbleiben, die es darauf abgesehen zu haben scheint, ehrliche Leute ins Unglück zu stürzen. Auch durch die Hochschreierei in den Versammlungen der Stöckerschen wollen diese Leute weniger ihrer Ueberzeugung und Begeisterung Ausdruck geben, als vielmehr anwesende Gegner„hineinlegen“. Kein vernünftiger Mensch wird im Sitzenbleiben bei einem Hoch eine Majestätsbeleidigung er⸗ blicken können; trotzdem sind deswegen in den letzten Jahren Bestrafungen erfolgt. Es ist also, wie gesagt, Vorsicht am Platze.
Zurückgetretener Minister.
Staatsminister v. Strenge in Gotha ist von seinem Amte zurückgetreten. Wie verlautet, haben ihn die Wahlerfolge unserer Genossen dazu veranlaßt. Sein Nachfolger wird der frühere Berliner Rechtsanwalt Hentig. Das Sprüchwort, daß niemals etwas besseres nach⸗ kommt, dürfte auf diesen Fall auch anzuwen⸗ den sein, denn der neue Minister soll konser⸗ vativ und reaktionär bis auf die Knochen sein.
Bei der Reichstagsstichwahl im Kreise Meseritz⸗Bomst erhielt der Deut⸗ sche von Gersdorf(kons.) mit 9555 Stimmen die Mehrheit. Der polnische Kandidat erhielt nur 8719 Stimmen.
Sozialistische Wahlsiege.
Vom Gothaischen Ministerium war die Wahl im Kreise Ruhla, den unsere Genossen bei den neulichen allgemeinen Wahlen eroberten, aus nichtigen Gründen für ungültig erklärt worden. Die vorige Woche stattgefundene Neuwahl be⸗ stätigte das erste Ergebniß. Es bleibt also bei den neun Sozialdemokraten im Gothaer Land⸗ tage, der bekanntlich im Ganzen 19 Mitglieder
N
8 8 7——5 5 n 2„ SD 5 3 55 5 der Interpret des weitaus größeren Theiles des zählt. Bei den Stadtverordneten
stichwahlen in Stettin siegten die drei in die Stichwahl gekommenen sozialdemokrati⸗ schen Kandidaten mit großer Mehrheit. Unsere Genossen eroberten dort somit im Ganzen sie⸗ ben Stadtverordnetensitze bei den diesmaligen Wahlen.
Auch in Solingen kommen unsere Kan⸗ didaten mit den höchsten Stimmenzahlen in die Stichwahl. Während sie im Jahre 1898 nur bis auf 146 Stimmen kamen, erreichten sie dies⸗ mal bis zu 556 Stimmen. Herr Schuhmacher, unser früherer Parteigenosse, der gleichfalls kan⸗ didirte, brachte es auf 398 Stimmen, kommt aber
nicht mit in die Stichwahl.
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