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Gießen, Sonntag, den 9. Dezember 1900.

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Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

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Volksgesundheit und Jozial⸗ demokratie.

S. V. Der Hauptzweck, sogar der einzige Zweck des Staates, wie wir Sozial⸗ demokraten ihn uns denken, besteht in der Förderung der Wohlfahrt aller Bürger ohne Unterschied. Wir ver⸗ werfen nicht blos den Klassenstaat, das heißt die Bevorzugung bestimmter Klassen vor anderen, sondern stellen dem großen Verein, der sich Staat nennt, auch viel weitere und größere Aufgaben, als sie dem mittel- alterlichen und auch dem modernen bürgerlichen Staate zugemuthet wurden. Nach unserer Mei- nung kann und soll der Staat auf allen Ge⸗ bieten des geistigen und materiellen Lebens ein⸗ greifen, wo die Kräfte des Einzelnen oder auch ganzer Gruppen nicht ausreichen.

Es gehört zu den großen Erfolgen der so⸗ zialdemokratischen Bewegung, daß sie dem bür gerlichen Staat der ehedem in wirthschaft lichen Dingen dem manchesterlichen Grundsatze des Gehen⸗ und Geschehenlassens huldigte und auch auf anderen Kulturgebieten nur sehr schwächlich sich bethätigte ihre Auffassung einflößte, aufzwang und ihn nöthigte, aus seiner Zurückhaltung herauszutreten und nicht ferner mit verschränkten Armen dem Ringen der Bevölkerung um Hebung ihrer Wohlfahrt un⸗ thätig zuzuschauen. Die sozialpolitische Gesetzgebung ist die bedeutendste Frucht dieser Wandlung.

Aber wie viel und vielerlei könnte vom Staate sonst noch geschehen, für die unteren Schichten wie für die Gesammtbevölkerung überhaupt.

Obenan steht das Gesundheitswesen.

Das Gesundheitswesen erschöpfte sich vor⸗ dem in der Medizin, im Heilen der Krank⸗ heiten. Daß es auch in der Macht der Menschen. steht, Krankheiten zu verhüten, lag im Allge meinen den früheren Genrationen fern. Man erblickte in den meisten körperlichen Leiden ent⸗ weder eine Schickung des Himmels oder einen unvermeidlichen Naturprozeß. Erst die fort⸗ schreitende Wissenschaft der Neuzeit hat den wich⸗ tigen Zweig der Hygiene hervorgetrieben und ausgebildet. Wir wissen heute, daß dem Aus⸗ bruch zahlreicher körperlicher Leiden vorge⸗ beugt werden kann, nicht allein durch ratio nelle, zuträgliche Lebensweise der Individuen die aber wesentlich in deren Wirthschaftslage bedingt ist, sondern hauptsächlich auch durch öffentliche Einrichtungen. Wir wollen nur an den Zusammenhang typhöser Erkrank⸗ ungen mit der Beschaffenheit des Trinkwassers,

1 oder an die Anlage der Friedhöfe in der Nähe

der Wohnungen, oder an die Fleischbeschau er⸗

innern.

Wie weit ist aber der Staat noch

immer hinter dem zurück, was er leisten könnte.

Wie schlimm ist es so⸗ wohl in der Hygiene wie in der Medizin noch

immer in den ländlichen Gemeinden bestellt!

In den meisten Landgemeinden geschieht in sanitärer(gesundheitlicher) Hinsicht nichts oder so viel wie nichts. Der Bevölkerung selbst

fehlt es vor Allem an jeglichem Wissen in

solchen Dingen, und die Behörden kümmern sich wenig oder gar nicht darum, oder sind zu lau, lässig und bequem, tüchtig ins Zeug zu gehen. Dazu kommt, daß sanitäre Maßnahmen und Einrichtungen Geld kosten, während viele Gemeinden arm sind und auch bei wohlhaben⸗ deren in der Regel kleinlichste Knauserei Trumpf

ist und die gutsituirten und daher höher veran- lagten Steuerzahler gegen jede Belastung des Gemeindesäckels sich sträuben wie ein störriger Gaul gegen das Einspannen, die preußische Landrathskammer gegen den Mittellandkanal und die Junker gegen eine gesunde Steuer- reform.

Und in der Medizin, in der Heilung be⸗ reits zum Ausbruch gelangter Krankheiten, ist es nicht sehr viel besser bestellt. Vor Allem fehlt es in Landgemeinden an rationell eingerichteten und geleiteten Krankenhäusern, wo die Patienten die geeignete Pflege finden, um Ge nesung zu erlangen oder doch Linderung ihrer Leiden zu finden. Und auch wenn solche vor⸗ handen wären: wie Wenige können resp. wollen die Kosten dafür aufbringen! Auch an Medizi⸗ nalbädern, speziell an den so heilkräftigen Schwitzbädern fehlt es auf dem Lande.

Der Kostenpunkt ist überhaupt der dunkle Punkt im Medizinalwesen, im ländlichen na⸗ mentlich. Die Arzt- und Apothekerrechnung bei langwierigen Krankheiten hat schon manchen Ge⸗ ringbemittelten so stark geschröpft, daß er sein Leben lang sich kaum wieder erholen konnte. Kein Wunder, daß so viele Landleute es aufs Aeußerste ankommen lassen, bis sie nach dem Arzt schicken, der dann häufig zu spät kommt. Andere lassen sich mit Kurpfuschern und Quacksalbern,Geisterbeschwörern, mitTeufelsbannern und ähnlichen Schwindlern ein, die ihnen ihr Geld abknöpfen, ohne helsen zu können oder gar die Krankheit verschlimmern.

Diesem schweren Uebel abzuhelfen, fordert die sozialdemokratische Partei:Unentgeltlich⸗ keit der ärztlichen Hilfeleistung, worin auch Unentgeltlichkeit der Heil⸗ mittel einbegriffen ist. Die Heilmittel ge⸗ hören zur ärztlichen Hilfeleistung, und zu den Heilmitteln gehören nicht nur solche, die aus der Apotheke bezogen werden, sondern auch z. B. Bruchbänder. Brüche sind ein weitverbrei⸗ tetes Uebel, und wie Viele auf dem Lande lassen sich mit Bruchsalben und dergleichen beschwin deln, die absolut werthlos sind! Zu den Heil- mitteln gehört aber auch die erforderliche Krankenkost und die Anwendung gewisser Kuren, die heilkrästiger sind als Mixturen und Pillen u. sis f., deren Kosten aber die Pri⸗ vatmittel schwer belasten; in welcher Hinsicht die Bauern schlimmer daran sind als die städti schen Arbeiter, deren Bedarf die Krankenkassen zu bestreiten haben. In mancher Hinsicht stehen hierin die Geringbemittelten mitunter sogar den eigentlichen Armen nach, für deren Bedarf die Gemeinde aufzukommen hat(die aber freilich nur in den seltensten Fällen erhalten, was sie von Gesetzes wegen bean⸗ spruchen können).

Die Unentgeltlichkeit der Geburts⸗ hilfe hängt damit zusammen und diese hat sich nicht allein auf den Akt der Geburt zu er⸗ strecken. Eine Wöchnerin ist eine Kranke bis zu ihrer Wiederherstellung.

Die unentgeltliche Lieferung der Heilmittel erfordert die Verstaatlichung der Apo⸗ theken, die, so lange die Unentgeltlichkeit nicht eingeführt ist, zum Mindesten die Medi⸗ kamente zu Selbstkostenpreisen abzugeben hätten. Es ist ein durchaus unwürdiger Zustand, daß sich die Apotheker, die im Volksmunde be⸗ zeichnenderweise Neunund neunziger ge⸗ nannt werden, sich auf Kosten der körperlich leidenden Massen bereichern. Die hohen Preise, um welche neuerdings Apotheken veräußert wur⸗ den, zeigen, daß es mehr als bloßer Scherz war,

wenn ein Apotheker einmal humoristisch meinte: Was, Neunundneunziger! nein, sondern Neun⸗ hundertneunund neunziger!

Zu dem Allem, was dem Bereich der Medizin angehört, müssen aber einschneidende hygie⸗ nische Re formen treten. Durch eine gründ⸗ liche Organisation des öffentlichen Gesundheitswesens, die unser Pro⸗ gramm fordert, muß der Staat in Ver⸗ hütung der Krankheiten, vorbeugend den Bürgern in Stadt und Land seine Fürsorge angedeihen lassen.

Das Gesundheitswesen ist eine hochwichtige gesellschaftliche, das heißt staatliche Aufgabe, i m Interesse der Bürger selbst wie des Gemeinwesens. Je gesünder, kräftiger, leistungsfähiger die Bevölkerung, desto besser, ersprießlicher für das Gemeinwesen, für den Staat.

Die Landtagswahlen in Mürttemberg.

Für unsere Partei haben die am Me ttwoch statthefundenen Wahlen zum Württembergischen Landtage ein glänzendes Ergebniß ge⸗ habt. Während dem letzten Landtage nur Genosse Kloß als einziger Sozialdemokrat an⸗ gehörte er hatte sich das Mandat von Stuttgart⸗Stadt auch erst in der Stichwahl er⸗ kämpfen müssen sind bis jetzt bereits z wei unserer Genossen im ersten Wahlgange ge⸗ wählt. Es siegte Genosse Tauscher in Cannstadt und Genosse Hildenbrand in Stuttgart Am t. Außerdem ist unsere Partei an neun zum großen Theil aussichts⸗ vollen Stichwahlen betheiligt. Bisher werden als gewählt gemeldet: 8 Volksparteiler, 7 Konservat ve, 15 Centrum und 2 Sozial⸗ demokraten. Riesiges Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen ist nach derFrkft. Ztg. im ganzen Lande zu con⸗ statiren. Ein Bravo! den wackeren schwäbischen Genossen!

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Präsident Früger in Deutschland.

Auf seiner Europareise ist der Präsident der Transvaalrepublik nunmehr am Sonntag Vor- mittag in Köhn eingetroffen, nachdem ihm noch in Paris bei seiner Abreise überaus enthu⸗ siastische Sympathiekundgebungen dargebracht wurden. Auch bei der Durchreise durch Belgien fand er in Charleroi, Namur und Lüttich ge radezu stürmische Empfänge. Seine Ankunft in Köln, wo er die Nachricht abwarten wollte, ob er vom deutschen Kaiser empfangen würde, wurde ebenfalls von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge erwartet. Es war Anfangs gar nicht möglich, dem alten Präsidenten den Weg nach dem Wagen zu bahnen, der ihn nach dem Domhotel bringen sollte. Im Gedränge wur den mehrere Personen verletzt. Erst nach einem viertelstündigen Aufenthalte auf dem Bahnhof konnte die Fahrt nach dem Hotel angetreten werden. Ein offizieller Empfang fand in keiner Weise statt. Am Sonntag Nachmittag empfing Krüger auch eine Bonner Studentenabtheilung, denen er einige höfliche Worte sagte, und später mußte er noch eine Ansprache eines Deputirten

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