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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 37.
Anterhaltungsteil.
Dunkle Mächte.
31 Roman von Elise Langer.
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Es war ein köstlicher Herbsttag.„Unter den Linden“ wogte es von Spaziergängern, als Brandt, an jeder Hand ein Kind, vom Schloß⸗ platze her in den Menschenstrom einlenkte. Er fühlte sich glücklich, wieder die Straße zu wan⸗ deln, die für ihn so reich an Erinnerungen der verschiedensten Art war, und dieses Glücksgefühl wurde noch durch den Gedanken verstärkt, daß er, endlich der kleinlichen Sorgen ledig, einen bedeutenden Wirkungskreis erobert hatte. Er— obert? Nein, er hatte nichts dazu gethan, man hatte ihn gesucht, war auf ihn aufmerksam ge⸗ worden; man bedurfte seiner im Vaterlande.
Stolz erhobenen Hauptes schritt er dahin, die
Kleinen auf dies und jenes aufmerksam machend.
Er war bis in die Nähe der Friedrichstraße gekommen, als plötzlich drei Herren vor ihm stehen blieben, die augenscheinlich von einem ge⸗ meinsamen Diner in einem der eleganten Restau⸗ rants herkamen. Ihre weinseligen Mienen sprachen dafür
„Was, sehe ich recht? Brandt, alter Junge, bist Du es wirklich?“ redete ihn der mittelste an, ein gutgenährter, stutzerhaft gekleideter Herr mit wasserblauen Augen in einem von Bart⸗ koteletten umrahmten schwammigen Gesicht. Ein Lebemann vom Scheitel bis zur Sohle. Brandt erkannte und begrüßte einen alten Freund in ihm, mit dem er einst für Freiheit und Gleichheit geschwärmt hatte. Seinen langsam voranschrei— tenden Gefährten lebhaft Abschied zuwinkend, hing sich Herr Benno Lorch an des Wiedergefun— denen Arm, wobei er die kleine Emmy fast niedergetreten hätte. Jetzt erst gewahrte er die Kinder, und sich vorbeugend betrachtete er sie mit komischem Erstaunen.
„Deine Göhren? Ist's möglich? Ha, ha, ha! Und gleich eine ganze Garnitur. Also auch ins Garn gegangen? Schau, schau, wer hätte das vom tollsten unserer Tollköpfe gedacht.“
Da es nicht möglich war, in dem Gedränge auf diese Weise weiter zu kommen und Brandt das laute Gespräch genirte, so schlug dieser vor, in die Konditorei von Kranzler hineinzugehen, wo sie sich ihre Erlebnisse mittheilen könnten, während die Kinder eine kleine Erfrischung zu sich nähmen. Herr Lorch war es zufrieden, und in dem stark besuchten Lokal fand sich glücklich noch ein Tischchen frei.
„Und Du,“ setzte Brandt das Gespräch fort, nachdem er die Kinder plazirt und seine Be—
stellungen gemacht hatte,„hast Du Dich nicht
verheirathet? Du siehst eigentlich darnach aus, so verteufelt patent, wie einer, der in der Wolle sitzt.“ Brandt ließ einen ironisch musternden Blick über die behäbige Gestalt des Jugendfreun— des gleiten.
„Ja, sieh Freundchen, bei mir hieß es: Vogel, friß oder stirb. Du erinnerst Dich meiner streng konservativen Familie. Als der Rummel damals hier zu Ende war und meine juristische Karriere natürlich verpfuscht, denn an eine Staatsan⸗ stellung war doch nicht mehr zu denken, da stellte mir mein Alter die Alternative: entweder ins Kontor mit Dir oder weiter keinen Groschen. Was war da zu machen? Ich hing das Stu— dium an den Nagel, schwur alle Politik ab und wurde Kaufmann. Und so kam ich denn auch zu einer Frau, der Tochter meines Prinzi— pals, und durch sie zu einer ganz leidlichen Po- sition als Chef des Bankhauses J. B. Lorch & Kompagnie.“
„Ich gratuliere, das hast Du gut gemacht. Und was ist aus den Anderen geworden? Zum Beispiel aus dem— wie hieß er doch gleich, wir nannten ihn immer den logisch verrückten Ostpreußen.“
„Dem Kolweit? Nu, der ist so verrückt ge— blieben, wie er war. Denke Dir, mit Mühe und Noth hatten wir ihm eine Stellung an einer Zeitung verschafft, einem sehr anständigen, zahlungsfähigen Blatt— in der Provinz, Brom— berg oder da so herum— ja, was glaubst Du? Nach einem Monat ist er wieder hier— hat Alles hingeworfen: es sei ein Lumpenblatt, ver- leugne das große Jahr 48, stieße in das Horn der Reaktion u. s. w. Und was that er jetzt? Na, Du wirst es nicht für möglich halten. Er wurde Maurer, effektiv Maurer, Lassalleschwär⸗
mer, sozial verrückt, wie er logisch verrückt ist. Wollte die Arbeiterverhältnisse aus eigener Er⸗ fahrung kennen lernen. Blödsinn! Diente von der Pike an, ließ sich duzen, nach Schnaps und Tabak schicken von den Herren Gesellen. Be⸗ greifst Du das? Pfui Teufel! Hatte aber bald genug. Jetzt ist er wieder Journalist. Scheint aber nicht viel los zu sein. Sieht Dir aus, wie der echte, verkommene Litterat. Dabei schleppt er sich mit einem Frauenzimmer— einer ganz hübschen Person— soll eine lange Lieb⸗ schaft sein.“
Brandt hatte dem Bericht zerstreut zugehört.
„Schade um das große Talent. Siehst Du ihn mitunter?“
„Wen, den Kolweit? Wieso?“
„Weil ich Dich bitten möchte, uns einmal zusammenzubringen. Ich könnte dem armen Kerl vielleicht eine Stellung an meiner Zeitung, dem„Norddeutschen Beobachter“, geben.“ Und nun erzählte Brandt seinem erstaunten Freunde, was ihn eigentlich in die Heimath geführt. Dieser hatte von dem neuen Blatte gehört.
„Das soll doch aber trotz seiner radikalen Allüren ein Regierungsorgan sein. Du hast also auch Vernunft angenommen und die frucht— lose Opposition aufgegeben. Das ist recht, Kerl⸗ chen, kann ich nur billigen.“
Brandt protestirte heftig. Er hätte seine po⸗ litische Ueberzeugung nicht geändert und in der Redaktion vollkommen freie Hand. Beweis da⸗ für, daß er daran dachte, Kolweits Mitarbeiter- schaft zu gewinnen.
Lorch war es im Grunde gleichgiltig, wie es sich damit verhielt, und ließ das Thema um so lieber fallen, als er von Brandts häuslichen Ver⸗ hältnissen und seinem Leben in Genf noch etwas zu hören wünschte.
Brandt gab nur flüchtig Auskunft, denn die kleine Emmy war mit ihrem Kaisertörtchen nicht so völlig beschäftigt, um nicht, sobald sie von Genf reden hörte, die Augen groß auf den Vater zu richten. Es passirte ihr dabei sogar, daß sie den Löffel an dem Mäulchen vorbeiführte, so daß der süße Schaum einen weißen Streifen auf der runden Wange zog. Charles, der es bemerkte, streckte sofort sein Zünglein aus, um ihn abzulecken, und die Kleine neigte dem Bruder gefällig das Köpfchen hin, wobei die Kinder ein schalkhaftes Lächeln austauschten.
Diesen allerliebsten kindlichen Vorgang hatte eine Dame bemerkt, die sich jetzt aus einer der Fensternischen erhob, und ihren Handschuh zu⸗ knöpfend, einen Augenblick an dem Tische stehen blieb, um sich die Kinder näher anzusehen. Sie kehrte den beiden Herren, welche diesen gegen— übersaßen, dabei den Rücken zu. Es war eine große, schlanke Gestalt in einem enganliegenden violetten Sammetpaletot.
„Donnerwetter, das war ja die Saldeck,“ rief Benno Lorch.„Schade, daß ich sie nicht früher gesehen habe. Eine unserer größten Schön— heiten, Kerlchen.“
„Saldeck? Du Saldeck?“
„Helma? Das weiß ich nicht. Wie kommst Du darauf? Die ich meine, und sie war's, wie ich glaube, ist seit Kurzem verheirathet an einen Lüderjahn von Offizier. Muß eine schöne Ehe sein. Ha, ha, aber sie—“ und Lorch küßte seine Fingerspitzen mit verliebten Augen.
Brandt war von einer merkwürdigen Un— ruhe ergriffen. Wenn dies die Dame wäre, die er nun schon wie zu seinem Haushalt gehörig betrachtet hatte. Ihn so zum Besten zu haben! — Eine verheirathete Frau! Aber es konnte ja gar nicht sein. Lorch mußte sich getäuscht haben, und Saldecks gäbe es eine große Zahl. So beruhigte er sich. Aber er brach auf. Es war nun Zeit, die Kinder nach Hause zu bringen. Dem Freunde mußte er jedoch versprechen, am Abend noch mit ihm zusammenzutreffen, und so nahm man nur einstweilen voneinander Ab— schied.
kennst sie? Helma von
III.
Während des Abends, an dem Brandt ver— schiedene seiner alten Freunde wiedergesehen hatte, ohne sich jedoch an ihnen sonderlich zu erquicken, denn sie waren alle mehr oder weniger zu verknöcherten Doktrinären geworden, war ihm die Dame bei Kranzler und ihre Namensver⸗ wandtschaft mit seiner Korrespondentin nicht aus dem Sinne gekommen. Für ihn selbst hätte sich da vielleicht ein pikantes Abenteuer angesponnen, aber für seine Kinder konnte er keine in irgend welchen unklaren Verhältnissen stehende Person brauchen.
Spät in der Nacht nach Hause kommend, galt sein erster Blick seinen beiden ruhig schlafenden
Lieblingen, deren Bettchen zu beiden Seiten seines Lagers standen. Von diesen süßen Schlaf⸗ genossen würde er sich nun bald trennen müssen, denn, sei es nun diese oder eine andere Dame, er mußte die Kinder auch nachts ihrer Obhut anvertrauen. Es war ein Umstand, den er sich jetzt erst klar machte. Lange Zeit fand er keinen Schlaf, und als er endlich entschlummerte, hatte er die tollsten Träume, in denen Lorch und der violette Sammetpaletot die Hauptrollen spielten.
„Wenn eine Dame nach mir fragt, führen Sie sie in den Salon und benachrichtigen Sie mich“, sagte Doktor Brandt zu dem Dienstmäd—⸗ chen, als dieses den Frühstückstisch abräumte, worauf er sich mit seinen Zeitungen in sein Arbeitszimmer begab. Noch nie war er so ge— reizt über das Gelaufe der Druckerjungen ge— wesen, die die Hausglocke in ewiger Bewegung hielten. Endlich erschien statt ihrer das Dienst— mädchen in der Thür.
„Die Dame, Herr Doktor. Hier die Karte.“
„Wahrhaftig, Helma von Saldeck.“
Das Arbeitszimmer lag neben dem Salon. Schnell erhob er sich und trat auf die Thür zu, blieb aber doch einen Augenblick stehen, ehe er sie öffnete.
Das Erste, was er sah, war der violette Paletot. Die Dame stand wie gestern von ihm abgewendet und betrachtete vorgebeugt die auf einem Seitentischchen stehenden Photographien der Kinder. Das Blut schoß ihm ins Gesicht. Aber noch ehe er ein Wort der Anrede fand, wendete sich die Dame um und schritt lebhaft auf ihn zu.
„Das nenne ich ein sonderbares Zusammen— treffen. Ich habe diese Kinder gestern gesehen und auch Sie. Ich habe doch die Ehre, mit Herrn Doktor Brandt zu sprechen? Nicht wahr, Sie waren gestern bei Kranzler?“
Brandt verbeugte sich stumm. Er war keines Wortes mächtig. Ihre Worte bestätigten seinen Verdacht, daß er zu einer Mystifikation aus⸗ ersehen worden, aber ihr Gesicht widersprach völlig dieser Annahme. Er hatte es sich ganz anders gedacht. Es ließ sich in keinen Schön- heits⸗Typus einreihen, es war durchaus indi⸗ viduell, ja unregelmäßig und doch so harmonisch, daß selbst die sammetbraunen Augen mit den dunklen Wimpern und Brauen keinen auffallen⸗ den Kontrast zu dem aschblonden Scheitel bil⸗ deten, der sich über der weichgerundeten Stirn aufbauschte. Nase und Mund hatten etwas Festes, Energisches, besonders der Letztere, der geschlossen einen kleinen, trotigen Bogen bildete und das runde Kinn etwas hervortreten ließ, während der Rede aber, und besonders, wenn er lächelte, das ganze Gesicht in Liebreiz tauchte. Die sonst blasse, aber keineswegs kränkliche Farbe der Wangen hatte jetzt einem sanften Roth Platz gemacht.
„Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, daß ich Ihnen so formlos entgegentrete. Es ist wirklich ganz gegen die Etikette, aber die ist, wie ich gleich sagen muß, meine schwache Seite. Ich freute mich so sehr, als ich die Kinder wieder erkannte—“
„Vor allen Dingen bitte ich Platz zu nehmen,
gnädige Frau,“ sagte Brandt, einen Sessel
zurechtrückend. g 8 „Gnädige Frau? Wie, dachten Sie wirk⸗ lich—“
„Auch Sie wurden gestern gesehen und mir als Frau von Saldeck bezeichnet.“
„So hat man mich mit meiner Schwester ver— wechselt, mit der ich große Aehnlichkeit haben soll. Der Familienzug. Wir sind zwar nur Stiefschwestern, aber zugleich Kousinen.“ Und. Brandts mißtrauische Blicke gewahrend, fuhr sie fort:„Da muß ich Ihnen denn gleich meine etwas verzwickten Familienverhältnisse aus⸗ einandersetzen. Mein Vater war der vor zwei Jahren verstorbene Oberst von Saldeck. Meine Mutter starb, als ich zwölf Jahre alt war. Bald darauf heirathete mein Vater zum zweiten Mal — die Schwester meiner Mutter, die er— doch das gehört nicht hierher. Diese hatte inzwischen auch geheirathet und war Wittwe geworden. Eine Tochter aus dieser Ehe, meine fast fünf Jahre jüngere Kousine, wurde also meine Stief⸗ schwester, der ich— ich kann es wohl sagen— Mutter gewesen bin, denn Mama hatte nur Sinn für Vergnügen und Toiletten. Ganz kürzlich
hat sich diese Schwester nun mit einem Vetter, Leutnant von Saldeck, vermählt. Sie sehen, wir sind noch nicht zu der Verwerflichkeit der Fa⸗ milienheirathen vorgedrungen. Meine Schwester ist also eine Frau von Saldeck. Es wird Ihnen. nicht schwer werden, Herr Doktor, sich über die Richtigkeit meiner Angaben zu informiren.“
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