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Nr. 37.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Sie hatte das alles schlicht erzählt, als er— füllte sie damit eine einfache Pflicht.
„Es bedarf dessen durchaus nicht, mein Fräu— lein,“ sagte Brandt in einem völlig veränderten Ton.„Jedes Ihrer Worte trägt den Stempel der Wahrheit. Was brauche ich weiter zu wissen?
Erlauben Sie mir nur die eine Frage: was
bewegt Sie, eine solche Stellung wie die in meinem Hause anzunehmen, die doch ganz außer- halb Ihrer gesellschaftlichen Sphäre liegt?“ „Meiner gesellschaftlichen Sphäre, wie Sie es nennen, habe ich für immer den Rücken ge— kehrt, weil ich erkannt habe, daß ich in ihr weder meinen Beruf, noch mein Glück zu finden ver—
mag.“ g(Fortsetzung folgt.)
Die Humanität des italienischen Straf⸗ vollzugs.
Da in Italien die Todesstrafe abgeschafft ist, herrscht vielfach die Meinung, daß jenseits der Alpen sehr humane Zustände in Bezug auf die Vollziehung der Strafen obwalten. Dies ist ein großer Irrthum.
Das Journal J. Tribunali zählt alle die in Italien anwendbaren Strafen und Strafver- schärfungen auf, die ein prächtiges Kulturbild Italiens an der Schwelle des 20. Jahrhunderts geben. Bresci konnte nur zu lebenslänglichem Bagno und verschiedenen Strafverschärfungen. verurtheilt werden. Die erste Verschärfung, die vom Gerichte ausgesprochen werden muß, ist die Zellenhaft, deren Maximum zehn, das Minimum fünf Jahre beträgt. Sogleich nach der Verurtheilung wird der zur Kerkerstrafe Verurtheilte mit der schwarz⸗gelb gestreiften Sträflingskleidung versehen, auf der auf dem Rücken seine Nummer aufgenäht wird. Er hat aufgehört, ein Individuum der Welt zu sein, er ist eine Nummer geworden. Die alte bar⸗ barische Sitte der Brandmarkung im buchstäb⸗ lichen Sinne ist mit der Einführung des neuen Gesetzes, das auch die Todesstrafe aufhob, ab- geschafft worden.
Die schwerste Strafe ist die verschärfte Einzelhaft, die ebenfalls bis zehn Jahre dauern kann. Der Sträfling wird in eine dunkle Zelle von zwei Meter Länge und Höhe und einem Meter Breite gebracht, in der er wahrhaftig begraben ist. Denn während sei⸗ ner ganzen Strafzeit öffnet sich die Thür nicht; das Essen, nur Wasser und Brot, wird ihm täg⸗ lich einmal durch eine kleine Luke gereicht; das Tageslicht bekommt er nie zu sehen.
Er kann nie ein menschliches Wort hören, ein. fremdes Antlitz sehen; der Wärter, der ihm das„Essen“ bringt, darf nicht mit ihm sprechen; der Sträfling kann ihn aber auch nicht sehen, er selbst aber kann zu jeder Zeit genau be— obachtet werden.
Sein Lager besteht aus einem flachen, 50 Zentimeter breiten Brett, das wenig über dem Boden angebracht ist. Decken und ähnliche Luxusartikel giebt es hier nicht.
In diesen Marterkammern gehen selbst eiserne Naturen zu Grunde; wenn die Sträf— linge diese Strafe noch aushalten, so sterben sie, ans Tageslicht gebracht, wie die Fliegen.
Um diese Hölle noch furchtbarer zu machen, giebt es noch drei Arten der Strafverschärfung, nämlich die Zwangsjacke, die Eisen und das Zwangsbett. Wie diese Dinge beschaffen sind, werden wir weiter unten sehen. In ganz Ita⸗ lien giebt es vier solcher Strafanstalten, die noch mit diesen dunklen Kerkern versehen sind, und zwar in Santo Stefano, Nisida, Civita⸗ vezchia und Portolongone. 5
Die gewöhnliche Zellenhaft unterscheidet sich von der Geheimhaft nur dadurch, daß der Sträf— ling eine etwas größere Zelle mit etwas Tages⸗ helle vom Korridor erhält. Bett, Essen, Sprach—⸗ verbot, Strafverschärfungen sind die gleichen wie in der Dunkelhaft. Während des Winters wird ihm eine Decke verabfolgt.
Jede Art von Zeitvertreib durch Ar⸗ beiten, Lesen oder Schreiben ist auch hier untersagt, und für den wegen Rebellion Verurtheilten ist die Zwangsjacke sogar obliga— torisch. Versucht ein Sträfling mit dem Kopf
gegen die Mauer zu rennen, so wird er in eine gepolsterte Zelle gebracht, mit einer besonderen Zwangsjacke bekleidet und die Hände ihm auf dem Rücken kreuzweise über einander gebunden. Die als Straf-Verschärfung angewendete Zwangsjacke ist ähnlich wie die vorerwähnte.
Die Eisen sind starke eiserne Zangen, mit denen die Hände dicht an den Fußknöcheln an— geschlossen werden, so daß der Sträfling immer in sitzender Stellung verbleiben muß. Nachts werden diese Fesseln etwas gelockert. Die Kettenkugeln, mit denen früher die Füße der Gefangenen beschwert wurden, sind abgeschafft. Das Zwangsbett ist ein massiver Holzbock, an dessen Fußende eine guillotinenähnliche Vor- richtung zum Einspannen der Füße angebracht ist, die Hände und Arme werden an der Seite festgeschnallt, so daß der Sträfling sich nicht mehr bewegen kann.
Diese Strafverschärfung ist die schwerste und darf nur auf besonderen Befehl des Direktors erfolgen und wird gewöhnlich nur gegen offene Aufrührer im Gefängniß angewendet. Endlich können in ganz schweren Fällen auch alle diese Strafverschärfungen, il laffaro genannt, an⸗ gewendet werden, aber nur auf höchstens zwan— zig Tage, denn länger würde selbst der kräftigste Körper diese Martern nicht ertragen.
Gewöhnlich werden die Strafverschärfungen vom Minister, nur in besonderen Fällen, wo der Augenschein nothwendig ist, auch vom Zucht⸗ hausdirektor angeordnet, der dem Minister auch über die Führung der Sträflinge Bericht er⸗ stattet, worauf diesen bei guter Note gewöhn⸗ lich schon nach zwei Jahren gestattet wird, zu arbeiten.
Aus dem Ertrage der Arbeit wird ein kleiner Fonds angelegt, aus dem der Häftling nach weiterem Verlauf einer gewissen Frist sein kärg⸗ liches Mahl etwas verbessert bekommt. Er kann in der Woche für persönliche Bedürfnisse, Wein ausgenommen, 60 Centesimi ausgeben.
Passanante, der erste Attentäter auf König Humbert, hat nach seiner Einkerkerung in den Turm von Portoferrajo die schwerste dieser Strafen acht Jahre lang ausgehalten, aber 1889 mußte er als gebrochener Mann, eine Ruine noch, irrsinnig geworden, nach dem leichten Ge— fängnisse von Montelupo überführt werden.
Dasselbe Schicksal steht auch dem jetzigen Attentäter Bresci bevor, ein langsamer, sicherer, furchtbarer Tod.
Diejenigen bürgerlichen Zeitungen, die jetzt wie besessen nach Wiedereinführung der Todes- strafe in Italien sich heiser schreien, können sich also bei dem schrecklichen Schicksal, das dem Gaetano Bresci bevorsteht, beruhigen.
Die christliche Blutgier der„menschenfreund⸗ lichen“ kapitalistischen Presse wird in den wahr⸗ haft mittelalterlichen Surrogaten der Todes- strafe eine wollüstig grausame Befriedigung finden.
Sprüche zur Lebensweisheit. Du darfst es mir glauben, mein theurer Vater, ein Kaiser, dem die Wahrheit planmäßig vorenthalten wird, ist sehr übel dran. Er ist nicht in der Lage, sich ganz selbstständig zu unterrichten und sieht sich genöthigt, nicht blos zu vernehmen, was ihm vorgetragen wird, son⸗ dern auch seine Entscheidungen lediglich nach solchen Berichten zu treffen. Gordianus III.(röm. Kaiser 238244 n. Chr.) an seinen Schwiegervater Timasitheus. *
Die Geschichte ist meistens die Schande des Menschengeschlechts. Seume.
Treibet die Fuccht aus, dann ist Hoffnung, daß der gute Geist einziehen werde.
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f Geld und Geist. Und mögt Ihr auch in Ehrfurcht schier ersterben Vorm goldnen Kalb— ich sag Euch Eines dreist: Mit wenig Geist schon läßt sich Geld erwerben, Doch mit enormstem Geld kein Fünkchen Geist.
Vor einem Erler. Bei einem Antiquare hing Der Kurfürst wohlgerathen, Und jeder, der voruͤberging, Blieb stehen vor dem Laden.
Und ein Gewoge gab es bald,
Ein Drängen vor dem Erker,
Und stündlich ward von Jung und Alt Der Andrang immer stärker.
Früh morgens bis zum Ladenschluß Ein Kommen war's und Gehen, Es hat's mit heimlichem Verdruß Der Antiquar gesehen.
Und wie sie wieder gaffend steh'n, Da schrie er in den Haufen: „Ja, hängen will ihn jeder seh'n, Doch keiner will ihn kaufen.“ Friedrich Stoltze.
. Allerlei.
Der Fluch der sizilianischen Schwefelarbeiter.
Ein Franzose, Herr Gaston Vullier, bereiste vor einigen Jahren die Insel Sizilien und ver⸗ öffentlichte, wie die Züricher„Post“ mittheilt, bei Hachette in Paris ein Buch„La Sicile“, worin er auch seine Beobachtungen im Innern der Insel schilderte. Er konstatirt viele Züge von Gutherzigkeit bei den Bewohnern, sprach auch von ihren Leiden und theilt einen Refrain mit, den die armen, unglücklichen Arbeiter der Schwefelbergwerkre singen. Er lautet auf Deutsch:„Verflucht sei die Mutter, die mich gebar; verflucht der Pathe, der mich taufen ließ; o, besser wäre gewesen, Christus hätte mich ein Schwein werden lassen, dann würde ich doch am Ende des Jahres geschlachtet worden sein.“
. Humoristisches. Der ehrliche Dackl.„Mir scheint, Ihr Hund stiehlt!“—„Nur Eßwaaren— in Geldsachen ist er vollkommen verläßlich!“
*
Qualifikation. Erster Referendar:„Was ist eigent⸗ lich der Kollege Mayer für ein Mensch?“— Zweiter Referendar:„So ein Dutzend⸗ und ein Durchschnitts⸗ mensch.“— Erster Referendar:„Der Glückliche, da wird er sicher Richter!“
*
Sein Sehnen. Frau:„Vierhundert Mark hast Du für den Hund gegeben? Ist er das auch werth?“ — Neugeadelter Bankier:„Weißt Du, Rosalie, so einen Stammbaum möcht' ich haben wie der!“
Neu eingelaufene Schriften.
Besprechung wichtiger 8 Erscheinungen behalten wir uns vor.
Im Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. ist soeben erschienen: Erster Nachtrag zum Arbeiterrecht von A. Stadthagen, enthaltend: Das neue Unfallver⸗ sicherungsgesetz(Gewerbe⸗, Bau⸗, See- Unfallversiche⸗ rungsgesetz und Unfallversicherungsgesetz für Land⸗ und Forstwirtschaft) in ausführlicher Darstellung. Die No⸗ velle zur Gewerbeordnung vom 30. Juni 1900. Die Novelle zum Kraukeuversicherungsgesetz vom 30. Juni 1900. 110 Seiten Oktav. Preis gut geheftet 75 Pfennig. Durch alle Buchhandlungen und Kolpor⸗ teure zu beziehen.
Die sozialistischen Monatshefte.(Admi⸗ nistration Berlin W. Gleditschstr. 23) haben soeben das Septemberheft ihres 2. Jahrganges erscheinen lassen. Dasselbe bringt ein hochinteressantes Portrait von Wilhelm Liebknecht, das ihn als Freischärler des badischen Aufstandes darstellt, noch einem alten Oel⸗ gemälde aus dem Jahre 1849. Im Uebrigen ist das Heft zum größten Theil den Verhandlungsgegenständen des Mainzer Parteitages und des Pariser internatio⸗ nalen Kongresses gewidmet, die in einer Reihe von Ar⸗ tikeln behandelt werden. Wir heben aus dem Inhalte hervor: Dr. Eduard David: Parteitag und inter⸗ nationaler Kongreß.— Kurt Eisner: Liebknechts Erbe.— Dr. Conrad Schmidt: Sozialismus und Ethik.— Wolfgang Heine: Zur Abänderung des Organisationsstatuts der sozialdemokratischen Partei.— Ignatz Auer: Zur Wahlbetheiligung in Preußen.— Max Schippel: Die Handels- und Wirthschafts⸗ politik und die Arbeiter.— Eduard Bernstein: Der Sozialismus und die Kolonialfrage.— Paul Goehre: Weltfrieden, Militarismus und stehendes Heer ꝛc.— Der Preis des Heftes beträgt 50 Pfg; pro Quartal 1.50 Mk. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, Kolporteure und Postanstalten(Post⸗Zeitungs⸗Katalog Nr. 7217), sowie direkt durch die Expedition Gleditschstr. Nr. 23, Berlin W.(Zusendung in offenem oder ge⸗ schlossenem Kouvert.) Probehefte auf Verlangen gratis und franko durch die Expedition.
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