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Nr. 37.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Schwenkung mitmachen und sich den adligen ost— elbischen Großgrundbesitzern und Junkern, den Kanitz, Klinkowström und Konsorten ausliefern werden?
Zum Schluß schwor man— weil man weiter nichts zu thun hatte— dem neuen Finanz- minister Gnauth Fehde, falls er nicht nach der antisemitischen Pfeife tanze. Wonach sich Herr Gnauth zu richten hat.
Christliche Kultur.
Mit Behagen druckte neulich der amtliche „Wetzlarer Anzeiger“ folgende„feine“ Dichtung eines Hunnenkriegers ab:
„Was watschelt dort im Sand herum? Ick gloob', det sind Chinesen! Wart't, Jungekens, sind wir erst ran, Dann seit Ihr mal gewesen.
Dann hau'n wir Euch die Jacke voll, Ihr miserablen Tröpfe, Beschneiden Euch die Krallen fein Und zwicken ab die Zöpfe.
Und habt Ihr keine Zöpfe mehr, Ihr gottvergess'nen Lümmel, Dann seid Ihr futsch und kommt nicht mehr In den Chinesenhimmel!“
Dieser Erguß ist für den Bildungsgrad des Hunnendichters nicht nur, sondern auch für denjenigen des„gebildeten“ Bürgerthums be⸗ zeichnend, welches in dem„Wetzl. Anz.“ sein Leiborgan erblickt. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!
Vom Innungsrnmmel.
Mit der„Hebung“ des Handwerks durch Zwangsin nungen hapert es ganz bedenk— lich. An vielen Orten, wo solche gegründet wurden, kamen die Handwerker zu der Ein⸗ sicht, daß ihnen eine derartige Organisation keinen Nutzen bringt und lösten sie wieder auf. So beschlossen auch am Mittwoch die Mitglieder der Tapezierer-Zwangsinnung in Mainz in einer zahlreich besuchten Ver⸗ sammlung mit großer Mehrheit die Zwangs- innung aufzulösen.
Ein ostelbisches Strandidyll. Das ostpreußische Seebad Cranz, an der Küste des frommen Samlandes gelegen, war jüngst an einem schönen Sonntag Abend der Schauplatz eines merkwürdigen Ereignisses. Von zwei Burschen wurden in später Nacht die Promenadenbänke herausgerissen und über die hohe Strandmauer hinabgeworfen, daß sie zer— schellten. Einige handfeste Arbeiter machten dem vandalistischen Treiben ein Ende und nahmen die Rüpel fest. Im Scheine des Mondes wurde dann festgestellt, daß die Verüber der nächtlichen Zerstörungtshaten ein Landrath und ein Rittmeister waren.— Der Amtsvorsteher soll auf Bitten der beiden Herren sich mit dem Ersatz des Schadens begnügt und von einer An- zeige abgesehen haben. Natürlich! Bei so hohen Herren!
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
Sonntag, 16. September:
Flugblatt- Verbreitung
im Wahlkreise. Laut Beschluß der letzten Partei-Versamm⸗
1 lung soll am 16. September in einem Theile
unseres Wahlkreises eine Flugblett⸗Ver⸗ breitung vorgenommen werden. Pflicht der Parteigenossen ist es, sich an dieser Verbreitung möglichst zahlreich zu betheiligen. Ausgabe des Materials am Sonnabend 15. Septbr., abends 9 Uhr iu der Wirthschaft des Herrn Daniel Jesberg. Der Vertrauensmann. Zusammen kunft der Parteigenossen am Sonntag 9. September auf Spiegelslust. Treff- punkt nachmittags 3¼ Uhr bei Jesberg.
Der Vertrauensmann.
abgehaltenen
1 G. Parteiversammlung. In der am Sonnabend, den 1. September,
Partei⸗Versammlung stand als erster Punkt die Abrechnung der Kolportage-Kommission auf der Tagesordnung. Dieselbe hatte eine Einnahme von 246,25 Mk. und eine Ausgabe von 217,29 Mark. Ueber den 2. Punkt„Kommunalpolitik“ hielt Genosse Abel einen sehr interessanten und lehrreichen Vortrag, in welchem er darauf hin⸗ wies, wie nothwendig es sei, daß endlich auch einmal hier in Marburg ein Anfang gemacht werde, sich eingehender mit den kommunalen An⸗ gelegenheiten zu befassen. Diese müßten einen ständigen Punkt der Tagesordnung unserer Ver⸗ sammlungen bilden. In der lebhaften Diskussion erklärte sich der Referent bereit, die städtischen Angelegenheiten genauer zu verfolgen und gele⸗ gentlich darüber zu berichten. Außerdem wurde noch eine Kommission zu diesem Zwecke gewählt.
Zum dritten Punkte„Parteitag“ wurde be⸗ schlossen, denselben nicht zu beschicken und dafür an demselben Sonntag eine Flugblattverbreitung im Wahlkreise vorzunehmen. Nachdem noch als 4. Punkt die Lokalfrage erörtert wurde und unter „Verschiedenes“ einige Mittheilungen gemacht wor⸗ den waren, schloß die sehr gut besuchte Ver⸗ sammlung.
St. Arbeiter⸗Gesangverein. Am Donnerstag den 30. August Abends fand im Lokale des Gen. Jesberg dahier die Gründung eines Arbeiter⸗Gesangvereins statt, welcher den Namen„Eintracht“ erhielt. Demselben traten bereits 40 Mitglieder bei, darunter 30 Sänger. Vom hiesigen Buchdrucker⸗Bezirksverein wurden dem jungen Vereine eine Anzahl Liederbücher der früheren Buchdrucker⸗Sängerabtheilung„Vor⸗ wärts“ bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Die Leitung des Gesang⸗Vereins wurde Herrn Pauli, einem Sohne des hiesigen Kapellmeisters Pauli, übertragen. Wir hoffen, daß es demselben ge⸗ lingen wird, einen tüchtigen Sängerchor heran⸗ zubilden; der Mangel eines solchen hat sich hier, speziell bei festlichen Gelegenheiten oft recht fühl⸗ bar gemacht.— Die Gesangsproben finden an jedem Donnerstag Abend im Vereinslokal(Jes⸗ berg) statt und ersuchen wir die Genossen um recht zahlreiche Betheiligung. Alle diejenigen aber, welche Lust und Liebe an einem frischen, fröhlichen Männergesang haben, ersuchen wir, dem Verein beizutreten, wenn nicht aktiv, so doch wenigstens als passive Mitglieder. Das Auf⸗ nahmegeld wurde auf 50 Pfennig, der Monats⸗ beitrag auf 30 Pfg. festgesetzt.— Wir wünschen dem Verein bestes Gedeihen und— Eintracht!
Kleine Mitteilungen.
* Launsbach. Von mehreren Arbeitern aus Lollar, welche sich am Montag auf der Nach⸗ kirchweih in Launsbach vergnügten und den um 8 Uhr von dort abgehenden Zug der Berlin⸗ Metzer Bahn zur Heimfahrt benutzen wollten, versuchte einer vor dem Zuge noch das Geleis zu überspringen. Er wurde zu Boden geworfen und ihm ein Arm abgefahren.
* Langgöns. Bei der am Donnerstag stattgefundenen Burgermeisterwahl erhielt Anton Rompf 158 und Conr. Wenzel 142 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Die Wahlbetheiligung war eine sehr lebhafte.
* Brandkatastrophe. Am Dienstag Nacht brach im„Deutschen Hof“ in Aschaf fenburg Feuer aus, das mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. Leider sind auch drei Menschenleben zu beklagen, 2 Dienstfrauen und ein Arbeiter fanden in den Flammen ihren Tod.
Arbeiterbewegung.
+ Die streikenden Lederarbeiter in Mainz haben an die Bevölkerung ein Flug⸗ blatt ergehen lassen, in dem sie mittheilen, daß durch den Ausstand in den Mainzer Leder⸗ werken inklusive der Kinder und Frauen 1400 Personen brodlos seien. Die traurigen, gesundheitsschädlichen Zustände in den Werk⸗ stätten der Lederwerke und das rücksichtslose Vorgehen der Leitung der Werke habe beiter in den Streik getrieben. Die
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wort ertheilt worden sei. Am Schlusse des Flugblattes erklärte die Lohnkommission Fol⸗ gendes: Wir haben zu Anfang des Streikes durchaus nicht auf der absoluten Annahme unserer Forderungen in vollem Umfang beharrt, sondern waren zu einem Vergleich über unsere Forderungen bei einigem Entgegenkommen der Lederwerke jeder⸗ zeit bereit. Wir stellen keine unerfüllbaren For⸗ derungen, aber wir verlangen als Menschen zu leben und behandelt zu werden.
T Die Ziegler der Firma Holzmann in Hainstadt a. M. erlangten eine Lohnerhöhung von 10 Pzt. Für jeden Arbeiter bedeutet diese Lohnerhöhung eine durchschnittliche Mehreinnahme von 2 Mark pro Woche.
Die Aussperrung der Hamburger Werftarbeiter dauert noch fort. Das Unter⸗ nehmerthum sucht durch falsche Darstellung des Sachverhaltes die öffentliche Meinung irre zu führen und so den Ausgesperrten die Sympathien des Publikums zu entziehen. 2000 der Ausge⸗ sperrten sind abgereist, so daß noch 4000 zu unterstützen sind. Unterstützung wird allein von Metallarbeiter-Verband aufgebracht.
Rechts spreehung.
Das Streikpostenstehen kein grober Unfug. Eine erfreuliche Ausnahme von der allgemach üblich gewordenen Bekämpfung der Arbeiter bewegung durch den Paragraphen vom Gro⸗ ben Unfug machen die Gerichte in Wiesba⸗ den. Dort waren, wie die Bürgerzeitung für Düsseldorf mittheilt, im April 40 Maurer we⸗ gen Streikpostenstehens mit polizeilichen Straf- mandaten belegt, vom Schöffengericht aber freigesprochen worden. In der Ur⸗ theilsbegründung hieß es, daß es keinem Men⸗ schen verboten werden könne, so lange er sich anständig betrage(und daß sich die Streik⸗ postensteher anständig benommen hatten, wurde von den Schutzleuten bestätigt), überall auf der Straße zu gehen und zu stehen, wo er wolle; Die Polizei sei nicht befugt gewesen, den Strei⸗ kenden das Postenstehen zu verbieten. Was aber den groben Unfug angehe, so müsse vor Allem das Publikum in seiner Allgemeinheit durch die unter Anklage stehenden Vorfälle belästigt worden sein, was aber hier nicht der Fall sei. Gegen dieses Urtheil legte die Staatsanwalt⸗ schaft Berufung ein, ebenso aber auch der Ver⸗ theidiger mit dem Antrage, auch die Kosten der Vertheidigung den Angeklagten zu ersetzen. Das Landgericht Wiesbaden verwarf die Beru— fung der Staatsanwaltschaft und legte der Staatskasse die Kosten beider Instanzen wie auch der Vertheidigung auf.— Das Urtheil ist sehr zu begrüßen, aber— eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 8. September: Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Montag, 10. September: Schneider abends 9 Uhr bei Orbig.
Gießen.
Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach.
Folgende Wahlvereins⸗Versammlungen finden stat:: In Lauterbach: Samstag, den 8. Septembr. abends 9 Uhr bei Gastwirth Kaut; in Schlitz: Sonntag, den 9. Septembr., nachmittags 3 Uhr bei Gastwirth Heinrich Schmid; in Alsfeld: Sonntag, den 16. Septembr., nachmittags 3¼ Uhr auf der Pfefferhöhe.
Tagesordnung in allen Versammlungen:
1. Einzahlung der Beiträge; 2. Berichterstattung von der Landeskonferenz; 3. Verschiedenes.
Wegen der bevorstehenden General-Versamm⸗ lung werden die Mitglieder sedlch. ersucht, die noch restierenden Beiträge zu entrichten und in den Ver⸗ sammlungen recht zahlreich zu erscheinen.
Der Vertrauensmann.
Quittung. Für die Familie des erkrankten Ge⸗ nossen M. in B. gingen bei uns weiter ein: Holzarb.⸗ Verb. 5.—. Brauer⸗Verb. 10.— Sammell. der Buch⸗ drucker 9.05. Bereits quittirt: 18.80. Summa 42.85.
Red. d. M. S.⸗Ztg.
Unserer heutigen Gesammt⸗Auflage liegt
Friedrich Huck, Erfurt, bei, worauf wir hiermit auf⸗ merksam machen.


