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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 37.

benverwaltungen, an 3000 Bergleute den Staub der Heimath von den Pantoffeln geschüttelt und sich anderweit ein gastlicheres Heim gesucht ha⸗ ben. Der Sieg des Genossen Sachse im ersten Wahlgang gewinnt umsomehr an Bedeutung, als das Zentrum keinen Kandidaten aufstellte, sondern seine Wähler aufforderte, für den Gru⸗ bendirektor Ritter zu stimmen. Aber weder das soziale Uebergewicht des Herrn Generaldirektors noch die Beeinflussung durch dieSchwarze Garde vermochte die braven Bergarbeiter in ihrer Klassenerkenntniß wankend zu machen.

Minder glücklich war die Partei in der Ver⸗ theidigung der Mandate von Calbe⸗Aschersleben und Mühlhausen. Ist uns auch der Verlust der beiden Mandate nicht gleichgiltig, so liegt doch kein Grund vor, dieserhalb den Kopf hängen zu lassen. Der Wahlkreis Calbe⸗Aschersleben gehörte und gehört keiner der beiden Parteien unbestritten.

Der Ausgang der Wahlschlacht in Mühl⸗ hausen ist von verschiedenen Seiten aus partei⸗ genössischen Kreisen als eine schwere Niederlage der Partei bezeichnet worden. Der Nichteinge⸗ weihte konnte es nicht fassen, daß der Kreis der 10 Jahre im Besitz der Partei sich befunden hatte, einen Stimmenrückgang von 6000 Stim⸗ men aufwies. Die Eingeweihten wußten, daß kommen würde, wie es gekommen ist. Das hat die verantwortlichen Stellen die Vertreter der organisirten Genossen des Wahlkreises Mühlhausen, den Landesvorstand von Elsaß⸗ lothringen und die Parteileitung, Partei⸗ Vorstand und die Kontroleure, aber nicht ab⸗ gehalten, einem der Partei unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten. Es stand fest, daß der Mühlhauser Wahlkreis unter der Führung Bueb's, dessen Thätigkeit nur in einer ab und zu gepflegten Harranguirung der indolenten Masse zur Förderung des ödesten Protestler⸗ thums bestand, nie eine Hochburg der Sozial⸗ demokratie werden würde, für die er fälsch⸗ licherweise vielfach gehalten wurde.

Mit stets steigendem Interesse und Erfolg wenden sich die Genossen der Betheiligung an den Landtagswahlen den Kleinstaaten zu. Bei einer Reihe von Nach- und Ergänzungswahlen erzielten die Genossen schöne Erfolge.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Landes⸗Konferenz der Sozialdemokraten Hessens.

Durch eine mächtige rothe Fahne mit der Aufschrift:Hoch die Sozialdemokratie war schon auf weithin das Lokal desDarmstädter Hof in Isenburg kenntlich gemacht, in welchem am vergangenen Sonntag die hessische Landeskonferenz tagte. Auch sonst war der etwas düstere Saal hübsch und sinnreich mit Guir⸗ landen, Sprüchen, Gewerkschafts-Emblemen de korirt. Auf dem Podium war ein großes, mit Trauerflor umgebenes Bild unseresAlten aufgestellt, rechts und links die Büsten von Marx und Lassalle. Nach Begrüßung der Delegirten durch Gen. Werstein-Isenburg trug der Ar- beiter-GesangvereinVorwärts ein Lied vor. Anwesend sind 90 Delegirte aus 70 Orten, außerdem das Landeskomitee sowie die Landtagsfraktion mit Ausnahme des Abg. Rauh. In das Bureau werden gewählt Ul- rich, Raible-Isenburg und Liebmann⸗ Mainz. Vor Eintritt in die Tagesordnung ge dachte Ulrich mit warmen Worten unseres Vorkämpfers Liebknecht. Was Liebknecht für uns gewesen, habe er nicht nöthig, näher aus⸗ einanderzusetzen, da dies allgemein bekannt sei. Stets sei der Verstorbene unter Hintenansetzung seines eigenen Ichs allezeit ein Kämpfer und Offizier in der großen Arbeiterarmee gewesen, der immer kampfesmuthig und kampfesfreudig seine Schuldigkeit gethan habe. Für uns gäbe es keine feierlichere Ehre, so wie er zu kämpfen und in derselben Richtung wie er zu wirken. Die Versammlung ehr endenken des Ent⸗ schlafenen durch Erh n den Plätzen.

Zur Geschäftsordnung wird hierauf be⸗ schlossen, daß fernerhin auf den Landeskonfe⸗ renzen die Landtagsabgeordneten Sitz und

Stimme in allen sie nicht direkt angehenden An⸗ gelegenheiten haben sollen. Ferner wird auf Antrag Cramer beschlossen, den Antrag des Wahlkreises Gießen betr. Aufstellung eines Kommunal-Wahlprogramms von der Tagesord⸗ nung abzusetzen. Genosse Ulrich erstattet hierauf den Bericht des Landes komi⸗ tees. Die Konferenz, führt er aus, sei die zweite, die nach der Einführung der Einheits⸗ marke zusammentrete. Habe er voriges Jahr sagen können, daß wir anfingen, zu marschiren, so müsse er heute feststellen, daß wir bereits ein gutes Stück marschirt seien. Aber man dürfe damit noch nicht zufrieden sein, weiterer Ausbau der Organisation sei nothwendig. Das Landes- komitee bemüht sich, allen Anforderungen gerecht zu werden. Beschwerden sind nicht eingelaufen. Zur Einleitung der Wahlagitation sei ein vom Landeskomitee geliefertes programmatisches Flugblatt in 60 000 Exemplaren in den Land⸗ tagswahlbezirken zur Vertheilung gelangt, die für uns in Betracht kamen. Dieses Flugblatt habe seine Wirkung nicht verfehlt, was am besten dadurch bewiesen wurde, daß die Gegner in un⸗ verkennbarem Aerger darüber herfielen, Grund für uns, zufrieden zu sein. Doch trug die Wahl⸗ agitation nicht die erhofften Früchte, statt zwei, haben wir nur ein Mandat neu errungen. Das Mandat für Gießen-Land sei nur dadurch uns nicht zugefallen, weil die Genossen in Heuchel⸗ heim, dieser festen Burg der Sozialdemokratie, diesmal versagt hätten. Es sei ein Fingerzeig für kommende Wahlen, sich nicht zu sehr von dem Gedanken leiten zu lassen, daß wir unter Umständen gewännen, das sei ein Fehler, der sich in Heuchelheim bitter rächte. Sei auch die Nichtgewinnung des Kreises zu bedauern, so sei doch anderseits freudig zu konstatiren, daß die Zahl der für uns abgegebenen Stimmen be⸗ deutend zugenommen habe. Um eine ständige Agitation zu betreiben, empfehle das Landes⸗ komitee die Herausgabe eines Landeskalen⸗ ders. Der Kassirer Orb giebt im Anschluß hieran den Kassenbericht. Für die Zeit vom 21. September 1899 bis 26. August 1900 betrugen die Einnahmen Mk. 3249.40, die Aus⸗ gaben Mk. 1619.99. Somit verbleibt ein Kassen⸗ bestand von Mk. 1629.41.

Der Wahlkreis Gießen lieferte Mk. 120. an die Landeskasse, bezog von dieser jedoch Mk. 150.05.

Aus dem Verkauf der Marken ergiebt sich, daß wir in Hessen mindestens 4500 organisirte Parteimitglieder haben, 500 mehr als voriges Jahr. Die Revisoren bestätigen die Richtigkeit der Kassenführung.

Fast alle Redner sprechen sich in der Debatte für Ausgabe des Kalenders aus, nur Einzelne meinen, daß es damit eigentlich für dieses Jahr schon zu spät sei. Letztere Ansicht wird von Busold-⸗Friedberg vertreten, der sich außer dem über ungenügende Unterstützung seines Kreises beklagt. Der Antrag, noch in diesem Jahre den Kalender in 150000 Exemplaren gratis zu verbreiten, findet einstimmige An- nahme.

Berthold-Darmstadt referirt hierauf über den Ausfall der Landtags⸗ wahlen. Bei den Landtagswahlen vor sechs Jahren vermochte unsere Partei nur 48 Wahl⸗ männer durchzubringen, die letzte Wahl brachte uns deren 127. Auf die Vorkommnisse in den einzelnen Wahlbezirken eingehend, bedauerte Redner, daß die 15 im 8. rheinhessischen Bezirk (Mainz⸗Land) gewählten Wahlmänner zur Wahl der Abgeordneten nicht erschienen seien. So etwas mache keinen günstigen Eindruck und wirke nach Außen hin nachtheilig.

Nach kurzer Debatte werden folgende Anträge angenommen:

Die Konferenz beschließt, unter Berücksich⸗ tigung der Lehren der verflossenen Landtags- wahlen ist es Pflicht aller Genossen, energisch in den Wahlkampf einzutreten und dafür zu sorgen, daß die von uns gewählten Wahlmänner auch dann zur Abgeordnetenwahl gehen, wenn wir in der Minderheit geblieben sind.

Das Landeskomitee wird beauftragt, einheit- liche Formulare zum Erwerb der hessischen Staatsangehörigkeit drucken zu lassen und da⸗ rauf hinzuwirken, daß die Naturalisation aller Orten als ständige Agitationsarbeit betrieben wird.

Genosse Dr. David spricht hierauf über den Parteitag in Mainz und den inter⸗ nationalen Kongreß. Leider müssen wir Raummangels halber von einer ausführlicheren Wiedergabe der ausgezeichneten Rede Davids Abstand nehmen. Er besprach die auf dem

Mainzer Parteitage und dem Pariser Kongresse zur Verhandlung kommenden Gegenstände und empfiehlt Betheiligung am internationalen Kon⸗ greß. Letzterem stimmt die Kon enz zu und wählt als Delegirte David und Ulrich. Eine vom Gen. David beantragte Resolution, welche den Parteitag ersucht, allen Parteigenossen die Betheiligung an den Landtags wah⸗ len zur Pflicht zu machen, findet ebenfalls ein⸗ stimmige Annahme. Der Antrag der Mainzer Genossen, betreffend Einführung eines einheit⸗ lichen Mitgliedbuches, findet, nachdem sich meh⸗ rere Redner wegen der hohen Kosten dagegen ausgesprochen, in dem Beschlusse seine Er⸗ ledigung, daß das Landeskomitee beauftragt wird, der nächsten Landeskonferenz eine Vor⸗ lage, in der dem Wunsche nach Revision des Organisationsstatuts und der Einführung eines einheitlichen Mitgliedsbuches Rechnung getragen werde, zu unterbreiten.

Ferner wird der Antrag:Das Landeskomi⸗ tee wird beauftragt, eine Konferenz der sozial⸗ demokratischen Gemeinderäthe für Hessen zu arrangiren angenommen.(Damit ist auch dem Gießener Antrag betr. Aufstellung eines Kommunal⸗Wahlprogramms Rechnung ge⸗ tragen.) Ein weiterer Beschluß geht dahin, bei der nächsten Aenderung des Organisations⸗ statuts festzusetzen, daß dem Landeskomitee ein Pfennig mehr als bisher für die einzelne Marke zu bezahlen und diesen Betrag an den Partei⸗ vorstand abzuführen. Die Wahl des Landes⸗ komitees ergiebt die Wiederwahl seiner bis⸗ herigen Mitglieder. Genosse Ulrich schloß hierauf die Konferenz mit einem begeistert auf⸗ genommenen Hoch auf die internationale Sozial⸗ demokratie.

Im Gießener Sozialdem. Wahlverein besprach man in der letzten Versammlung das Organisationsstatut und die sonstigen, dem Mainzer Parteitag vorliegenden Fragen. Der vom Parteivorstand vorgeschlagenen Aenderung des Statuts wurde im Allgemeinen zugestimmt. In nächster Versammlung am 15. September steht zunächst die Berichterstattung über die Landeskonferenz(Ref. Vetters) auf der Tages⸗ ordnung, außerdem sollen die zum Parteitag ge⸗ stellten Anträge besprochen werden.

Gießener Gewerkschaftskartell.

g. Ohne Entschuldigung fehlten in der Sitzung vom 4. September die Deligirten der Holzarbeiter, Tapezierer, Dachdecker, Weißbinder, Steinhauer, Kutscher und Küfer; außerdem von den Glasern, Metallarbeitern und Fabrikarbeitern je ein Deligirter. Die Delegirten werden ersucht, pünktlicher ihrer Pflicht nachzukommen.

Es liegt eine Zuschrift der Regierung an die Tabakarbeiter betr. Haus arbeit vor. Da jedoch die von den Tabakarbeitern eingesandte Beantwortung nicht im Wortlaut vorliegt, mußte von einer eingehenden Besprechung abgesehen werden.

Den streikenden 500 Sattler n in Be rlin werden 20 und den ausständigen Münchener Schreinern 50 Mark Unterstützung zugewiesen.

Den Metallarbeitern wird auf Antrag des Delegirten Krausch vorläufig der Beitrag zum Streikfonds erlassen, da sie. 3. von der eigenen Gewerlschaft sehr in Anspruch genommen sind.

Die diesjährige Generalversammlung sämmt⸗ licher Gewerkschaften findet am Sonntag den 21. Oktober ds: J. statt. Bock ersucht die Delegirten, in ihren Gewerkschaften eine Aus⸗ sprache über die Konsum⸗Vereine herbeizuführen und zur Gründung einer solchen Stellung zu nehmen.

Antisemitisches.

Vorigen Sonntag hielt derHessische Bauern- bund seine Generalversammlung und zugleich Stiftungsfest in Gießen ab. Der Besuch war mangelhaft, obwohl die Herren Hirschel und Köhler den von ihnen vor Jahren hinausge⸗ drängelten Abg. Böckel alsZugstück sich ver⸗ schrieben hatten. Böckel erzählte der Versamm⸗ lung über den Burenkrieg, der jedenfalls mit der Lage der hessischen Bauern in allernächster Beziehung steht! Bemerkens⸗ werth ist noch, daß einer Annäherung an den Bund der Landwirthe das Wort geredet wurde. Vor wenigen Wochen bezeichnete Herr Hirschel diesen noch alsWindbeute bund und nahm Veranlassung, vor demselben zu war⸗ nen. Ob wohl die hessischen Kleinbauern diese

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