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Nr. 37.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Die sozialistische Presse ist gesundheits⸗ schädlich.

Den Kranken ist es in Krankenhäusern schon wiederholt verboten worden, sozialistische Zeitungen zu lesen. Ein solcher Fall wurde kürzlich aus Dresden gemeldet. Bisher hatten wir nicht ent⸗ rätseln können, welche Gründe zu solchem Vor⸗ gehen gegen die sozialistischen Zeitungen oder Schriften maßgebend sein konnten. Es kommt aber schließlich in die dunkelsten Sachen Licht. Der Vorstand des Verbandes Südlausitzer Kranken⸗ kassen zu Jonsdorf hat einem Kranken, der sich zur Zeit im Genesungsheim zu Jonsdorf aufhält und sozialdemokratische Schriften las, dieses Schreiben zukommen lassen:

Da Sie versucht haben, sozialdemokratische Schriften an die Insassen des Genesungshauses zu verteilen, so haben Sie unverzüglich das Genesungshaus zu verlassen.

Es kann auf keinen Fall zugegeben werden, daß durch Verteilung derartiger Schriften die Gemüter der Rekonvaleslenten erregt werden.

Da hat man also die Erklärung! Die sozial⸗ istischen Schriften erregen die Gemüter, sie müssen also aus den Krankenhäusern heraus. Wir sind ja nun etwas anderer Meinung. Aber wenn schon die Auffassung des Vorstandes des Jons⸗ dorfer Kranken verbandes richtig sein soll, dann gehören bürgerliche Zeitungen erst recht nicht in die Krankenhäuser, denn diese sind so ungenießbar, daß sie selbst Gesunde nicht verdauen können, viel weniger Kranke. Gegenüber der bürger⸗ lichen Presse ist die sozialistische heilsame Medizin.

Vom König der Belgier.

In der letzten Zeit fanden sich vielfach Mit⸗ theilungen in der Presse, welche von der A b⸗ dankung des belgischen Königs Leopold zu berichten wußten. Demgegenüber wird jetzt berichtet, daß der König selbst vor Kurzem er⸗ klärt habe, er werde niemals abdanken. Das belgische Volk hätte einen derartigen Entschluß Leopolds sicher mit Freude begrüßt, und wenn dann sein Beispiel bei seinen Kollegen Nach⸗ ahmung gefunden hätte, war ihm die aufrichtige Dankbarkeit aller Völker sicher.

König und Richter.

Vom höchsten Gerichtshof in Stockholm wurde kürzlich ein junger Eisenbahnbeamter, welcher einen Freund ermordet und beraubt hatte, zum Tode verurtheilt. Das Gericht empfahl ihn aber gleichzeitig einstimmig der Gnade des Königs, was bisher in Schweden damit gleichbedeutend war, daß der König die Todesstrafe in lebens⸗ längliche Kerkerstrafe umwandelte. Diesmal hatte man sich indessen verrechnet; der König lehnte es ab, den Verbrecher zu begnadigen, der somit hingerichtet wurde. Noch vor dieser Hinrichtung hatte der höchste Gerichtshof einen andern Raub⸗ mörder zum Tode verurtheilt, ihn aber ebenfalls der Gnade des Königs empfohlen. Als der Ge⸗ richtshof nun erfuhr, daß seine jüngste Be⸗ gnadigungsempsehlung vom König unberücksichtigt gelassen worden war, beschlossen die Rich⸗ ter sofort, ihr letztes Todesurtheil zu kassiren und auf lebenslänglichen Kerker zu erkennen. Diese Entscheidung hat berechtigtes Aussehen erregt, weil der Gerichtshof damit so deutlich wie nur möglich bekundet hat, er könne es durchaus nicht gestatten, daß der König es unterlasse, die richterlichen Empfehlungen zu berücksichtigen. Wenn der König es nicht versteht, daß er sich in dieser Hinsicht dem höchsten Gerichtshof des Landes unterordnen müsse, wird dieser den König schon belehren, und zwar in empfindlichster Weise. Wie aus bestunterrichteter Quelle ver⸗ lautet, hat das Vorgehen des Gerichtshofes auf den König einen tiefen Eindruck gemacht.

Oesterreichischer Parteitag.

Unsere österreichischen Genossen halten gegen⸗ wärtig ihren Parteitag in Graz ab. Derselbe ist sehr zahlreich besucht und nimmt den besten Verlauf. Die Berichte der Parteileitung konsta⸗ tieren stetes Anwachsen der Bewegung. Als Delegierte der deutschen Partei sind die Abg. Vollmar und Segitz anwesend.

Der Krieg mit China.

Mit der Einigkeit der Mächte sieht es sehr brüchig aus. Fast alle Mächte tragen sich mit dem Gedanken, möglichst bald von Peking los zu kommen und ihre Truppen zurück zu ziehen. Nur Deutschland hat Lust, in Peking zu bleiben und die Ankunft des Weltfeldmar⸗ schalls Waldersee abzuwarten. Vorigen Sams⸗ tag soll sich der deutsche Kaiser bei einem Fest⸗ mahle Offizieren gegenüber dahin geäußert haben, er werde auf keinen Fall Peking aufgeben, und wenn zu dem Zweck alle Armeekorps mobilisirt werden müßten.

Mit Staunen wird das deutsche Volk dieses neueste Wort des Kaisers vernehmen. Vorläufig sieht es nämlich noch nicht klar genug, um zu erkennen, wie so die Vortheile, die die Besetz⸗ ung Pekings bietet, die Mobilisrung aller Ar⸗ meekorps, die sehr viel Geld kosten würde, werth sein sollen. Noch weniger ist einzusehen, wozu man zur Besetzung von Peking alle Armeekorps brauchen soll. Es war seiner Zeit immer noch eher verständlich, wenn der Kaiser meinte, er würde lieber vierzig Millionen Deutscheauf der Strecke liegen sehen, als einen Fußbreit deutschen Bodens hergeben. Daß Millionen auf die Strecke gebracht werden sollten, um ein Stück chinesischen Bodens vorläufig besetzt halten zu können, kann das Volk vorläufig noch nicht glauben.

Wie aus Washington gemeldet wird, sehe man es als unvermeidlich an, daß die inter⸗ nationalen Truppen bald aus Peking zurückgezogen werden oder daß zwischen den Mächten ein Bruch eintrete. Doch werde ein Bruch nicht erwartet, da man glaube, daß, wenn die übrigen Mächte ihre Truppen aus Peking zurückziehen sollten, auch Deutschland die seinigen zurückziehen werde.(Siehe dagegen die obige Aeußerung des Kaisers.) Auch von Italien erwarte man, daß es seine Truppen zurückziehen werde, so daß diese Maßregel eine einmüthige sein würde. Von einem Beamten sei ausdrück⸗ lich erklärt worden, er sei in der Lage, zu wissen, daß Rußland seine angekündigte Ab⸗ sicht ausführen und seine Truppen zurückziehen werde, wie auch die Antworten der Mächte aus⸗ fallen würden.

Ein chinesisches Edikt vom 20. August ist veröffentlicht worden. Dasselbe theilt mit, daß der kaiserliche Hof nach Taynanfu verlegt wurde und ersucht die Vizekönige, die Ruhe in ihren Provinzen wieder herzustellen. Das Edikt giebt die Ursache für die Verlegung des Hofes nicht an. Man glaubt, daß der Hof so lange in der neuen Residenz verbleiben wird, bis die Friedensverhandlungen beendet sind. Die chi⸗ nesische Presse berichtet, daß Nunglu als zweiter Friedensvermittler Li-Hung⸗Tschang beigegeben werde.

Englische Blätter berichteten, einer der deutschen Fürsten habe an den Kaiser einen scharf abgefaßten Brief geschrieben, in dem er sich über die chinesische Politik des Kaisers und namentlich über den Charakter der Rache, den der Kaiser dem sogenannten Kreuz⸗ zuge nach China gegeben habe, ausspreche. Der Kaiser solle auf den Brief keine Antwort ge⸗ geben haben und jede Erwähnung der Ange⸗ legenheit in Deutschland solle verboten sein.

Der Krieg in Südafrika.

Lord Roberts hat die beiden südafrikanischen Republiken formell annektiert. Doch entmuth gt dieAnnexion ihres Landes die Buren keines⸗ wegs. Sie kämpfen tapfer fort. Ueber Kämpfe der letzten Tage wird berichtet: General Buller ist 14 Meilen auf der Straße nach Lydenburg vorgerückt und hat den Krokodilfluß überschritten. Die Buren ziehen ihre Streitkräfte in den Krokodilbergen zusammen, wo sich alle Kommandos mit wenigen Ausnahmen befinden.

Orerst Plumer wurde am 1. September aus gesandt, um das östlich vom Piannaars-Rivers lagernde Kommando von Pretorius zu verjagen. Nach längerem Gefecht gelang ihm dies. Er nahm 26 Buren gefangen und erbeutete 90 Martini gewehre, 1000 Stück Vieh und 31 Wagen.

Aus Badfontein v. 3. 9. wird gemeldet: Buller hat die Buren auf den Höhen, die Lyden⸗ burg beherrschen, gestern angegriffen. Botha mit 2000 Buren befand sich bei dem Feinde, der den ganzen Tag einen Paß hielt. Bei Annäherung

der englischen Kavallerie eröffnete der Feind das Feuer aus drei Geschützen schweren Kalibers und aus einem Schnellfeuergeschütz. Die Engländer besetzten mit reitender Artillerie eine Stellung auf dem rechten Flügel, von der ein Rückzug vor Eintritt der Dunkelheit unmöglich war. Die Ge⸗ schütze der Buren feuerten den ganzen Tag. In Anbetracht dessen, daß die Engländer in einem Thalkessel sich befanden, hatten sie außerordent⸗ lich geringe Verluste. Die britische Infanterie auf dem linken Flügel griff die Buren, die hinter Wasserläufen verborgen lagen, gleichfalls an. Nach diesem Bericht scheint der Kampf bei Bad⸗ fontein für die Engländer recht ungünstig ver⸗ laufen zu sein, und die verhältnißmäßig geringen Verluste, von denen diese Meldung spricht, dürften eine absolut hohe Ziffer in sich schließen.

La dybrand ist von den Kommandos unter Fourie, Grobbelaar, Leusner und Massebrock und 200 Kundschaftern aus Theron eingeschlossen worden. Die Garnison verbrannte die Vorräthe, um der Wegnahme vorzubeugen. Wenn die Stadt genommen wird, wird die Lage der Gar⸗ nison kritisch. General Hunter eilt schleunigst zum Entsatze herbei.

Privatnachrichten aus Südafrika berichten, daß der Krieg seit den letzten Gewaltmaßregeln einen äußerst grimmigen Charakter angenommen hat. Besonders die Zerstörung der Eisenbahn hat die Buren äußerst gereizt und alles deutet darauf hin, daß der Kampf bis aufs Blut ge⸗ führt werden wird.

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Aus dem Bericht des Partei⸗Vorstandes an den XI. Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.(Fortsetzung.)

Das Kapitel über die Agitation müssen wir übergehen. Von dem über die Wahlen können wir auch nur einiges anführen.

In dem Berichtsjahr haben in 12 Wahl⸗ kreisen Neuwahlen stattgefunden, bei denen sich die Partei betheiligte. Es sind dies die Kreise Eßlingen Württemberg, Schlettstadt-Elsaß, Germersheim-Pfalz, Deggendorf- Bayern, Calbe-Aschersleben Provinz Sachsen, Bay⸗ reuth⸗Bayern, Aurich- Hannover, Offenburg⸗ Baden, Nürnberg-Bayern, Mühlhausen⸗Elsaß, Waldenburg-Schlesien und Nordheim-Han⸗ nover.

Von den aufgeführten Kreisen wurde der 5. württembergische Kreis Eßlingen-Kirchheim von der Partei in der Stichwahl erobert. Das Man⸗ dat gehört zum Besitzstand der Volkspartei, die bei der Hauptwahl am 27. Oktober v. J. erst an dritter Stelle rangirte. Die Partei behaup⸗ tete die beiden Mandate von Nürnberg und Waldenburg. Das erstere war durch den am 4. April erfolgten Tod des Genossen Oertel er⸗ ledigt, das letztere war durch die Mandats⸗ niederlegung des Genossen Sachse frei gewor- den. Die freiwillige Niederlegung erfolgte des⸗ halb, weil die Kassirung der Wahl wegen Ver⸗ letzung des Wahlgesetzes durch den konservativen Wahlvorstand erfolgt wäre. Genosse Südekum wurde in Nürnberg mit fast derselben Stimmen⸗ zahl, die Genosse Oertel bei den Wahlen 1889 auf sich vereinigte, gewählt. Dieser Umstand verdient um deßwillen als ein Zeichen guter Parteidisziplin hervorgehoben zu werden, als die Gegner gehofft hatten, die durch den Tod des Genossen Oertel nothwendig gewordenen Aus⸗ einandersetzungen würden die so sehnlich ge⸗ hoffte Spaltung und gegenseitige Bekämpfung der Genossen herbeiführen.

Der Ausfall der Wahl im Kreise Walden⸗ burg ist ein erfreuliches Zeichen der Erstarkung der Partei in Schlesien. Am 26. Juni wurde der Kreis zum ersten Mal im ersten Wahlgang erobert mit einem Mehr von 36 Stimmen über die Stimmzahl, die Genosse Sachse 1898 bei der Stichwahl erhielt. Das will viel sagen, wenn man in Betracht zieht, daß seit dem letzten Aus⸗ stand, veranlaßt durch die immer schroffer zum Ausdruck gelangenden Herrengelüste der Gru