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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 37.
worden. Der etatsmäßige Arbeitslohn des Grafen in seiner Stellung als Armee⸗Inspekteur beträgt pro Jahr 30000 Mark. Mit jenen neuen Bewilligungen würde Graf Waldersee, so lange die Chinareise dauert, 174000 Mark Ein⸗ kommen beziehen.
Man kann nicht gut Einwendungen gegen eine so hohe Zahlung machen. Graf Waldersee wird in China sicherlich einige Vergnügungs⸗ partieen machen wollen, um Land und Leute kennen zu lernen. Er wird die Offiziere der„ver⸗ bündeten Mächte“— vorausgesetzt daß deren noch vorhanden sind— zu Gaste laden müssen; das alles kostet Geld. Nur eine kleine Frage haben wir zu erheben: Wer„bewilligt“ denn da eigentlich derartige Summen?
Es ist gewiß sehr liebenswürdig, wenn der Herr Kriegs minister deneinzigartigen General⸗ feldmarschall mit reichlicher Reisezehrung aus⸗ rüstet. Aber er sollte nicht vergessen, daß die Ausgaben, über die er verfügt, nicht eine, sondern des Reichstags Bewilligung unter⸗ liegen.
Sedantag und Chinakrieg.
Nach einigen Stimmen aus dem bürgerlichen Blätterwalde hatte man annehmen dürfen, daß der Rachekrieg wenigstens das eine Gute haben werde, den Sedanrummel zu beseitigen. Rück⸗ sicht auf die Gefühle des französischen Waffen⸗ bruders im Hunnenzuge sollte nach jenen Blättern den Fortfall der Feier bedingen. Eine gewisse Einschränkung des Festes des Chauvinismus ist auch nicht zu verkennen. Indessen gerade dort ist es erhalten worden, wo es ganz und gar nicht hingehört, in der Schule. Dort hat der China- krieg den Sedantag nicht beseitigt, sondern ihm neues Leben eingehaucht— er entwickelt sich weltpolitisch. Wie Berliner Blätter be⸗ richten, wurden in den dortigen höheren Schulen vielfach Festreden gehalten,„die sich mit chine⸗
ischen Verhält nissen beschäftigten.“ Ob
die Redner am Beispiel der Boxer den Patriotis⸗
mus erklärten oder ob sie die Walderseeschen Vorschußlorbeeren der staunenden Schülerschar
gezeigt haben? Hunnisches.
Zahlreiche Briefe deutscher Hunnenkrieger werden jetzt veröffentlicht und sie beweisen, wel⸗ cher Art die„christliche Kultur“ ist, die der Kreuzzug den Chinesen beibringen soll. Un⸗ glaubliche Verrohung spricht aus allen. Das kann ja auch schließlich nicht Wunder nehmen, wenn von oben herunter und von den Pfaffen aller Sorten so wie es bisher geschehen ist, barbarisches Vorgehen gepriesen und zur all⸗ gemeinen Anwendung empfohlen wird. So heißt es in einem Soldatenbriefe, den ein Elberfelder Blatt veröffentlicht:
„Ich blieb mit Gottes Hilfe wieder un⸗ verwundet und wir kamen des Nachts wieder halbtodt vor Müdigkeit in unserem Lager an. Die gefangenen Chinesen haben wir alle todtgeschossen, aber auch alle Chinesen, die wir sahen und kriegten, haben wir niedergestochen und ge⸗ schossen, die Russen spießten kleine Kinder, Frauen und alles auf!“ „Aus einem Schreiben eines Soldaten an
seinen in Mühlheim a. Rh. lebenden Freund führt
die„Rheinische Volksztg.“ folgende Stelle an: .„... Wir Deutsche und Russen waren immer die ersten. Wir haben unser Detache⸗ ment aus Tientsin und die europäischen Ma⸗ trosen, welche dort von den Chinesen einge⸗ schlossen waren, befreit, sämmtliche Forts, worin chinesisches Militär und Räuber, ge⸗ nannt Boxer, waren, eingenommen und alles niedergemacht, ob Soldat, Räuber, Chi nesen, Frauen oder Kinder, das war uns gleich, alles niedergestochen oder geschossen, bis die Stadt Tientsin ganz leer und in Feuer und Flammen gesetzt war, sogar der Palast des Vizekönigs brannte nieder. Nur die europäischen Viertel blieben verschont....“
Und das ist der„heilige Krieg“ unserer Militäroberpfarrer.
Gegen die Weltpolitik.
Das Generalkomitee der sozial⸗ istischen Partei Frankreichs hat in seiner letzten Sitzung vom 29. August auf Allemanne's Vorschlag folgende Resolution gegen die Weit⸗ politik ein stimmig votiert:
„In Erwägung, daß die Kolonialexpeditionen zum einzigen Zweck haben, daß Blut der euro⸗ päischen Proletarier zu opfern dem Bedürfnis, in der Ferne neue Absatzgebiete für den durch die industrielle Ueberproduktion geschaffenen Ueber⸗ fluß zu eröffnen und dadurch innerhalb der Länder Europas die kapitalistische Herrschaft zu befestigen und zu verlängern; daß die sozialistische Partei die Pflicht hat, den Kapitalismus unter dieser wie unter allen anderen Formen zu be⸗ kämpfen; daß die Arbeiterklasse jeder Nation keinen anderen Feind kennen darf als die internationale Bourgeoisklasse, die von ihrer Ausbeutung lebt; daß der Piratenkampf, den die englische Regierung gegen die Unabhängigkeit des Transvaal führt, keine andere Ursache hat als die wachsende Gier der Spekulanten nach den Goldgruben; daß der von den Regierungen beider Welten gegen China provozierte Krieg unter dem Vorwand, die Zivi⸗ lisation zu verteidigen, nichts anderes bewirkt hat als die Erneuerung der schlimmsten Greuel ver⸗ gangener barbarischer Zeiten;— erklärt das Generalkomitee, daß alle Sozialisten verpflichtet sind, gegen die Infamie derartiger Kriege zu protestieren und deren Fortführung so weit als möglich zu verhindern; sendet seinen Bruder ⸗ gruß den Arbeitern aller Nationen, die in Asien und Afrika in Metzelei⸗Werkzeuge verwandelt worden sind; entbietet den Ausdruck seiner Soli⸗ daritätsgefühle den Sozialisten Englands, die gegenüber dem durch die Chamberlaine entfesselten Jingoismus mutig den Protest des englischen Proletariats haben verlauten lassen, und erklärt, daß einzig die soziale Revolution im stande sein wird, durch die Vernichtung der Herrschaft des Kapitals dem Verbrechen der Kolonialkriege ein Ende zu setzen und der Weit einen Zustand dauerhaften Friedens zu geben.
Billige patriotische Reklame.
Die Begeisterung für unsere Ostasiaten hat Erscheinungen im Gefolge, die wenig erfreulich sind. Schon während der Transporte mußte man sich wundern, wie Leute mit ihren Geschenken an ausziehende Truppen eine Reklame für sich machen; setzte doch jeder, der auch nur 100 Flaschen Mineralwasser gab, das ganze Vaterland von seinem hochherzigen Entschluß in Kenntniß. Jetzt geht die Sache weiter.
In Hamburg hat vor einigen Tagen nach der Frkf. Ztg. ein Restaurateur in seinem Lokale ein Militärkonzert veranstaltet, dessen Ertrag von hundert und einigen Mark er dem Rothen Kreuz überwies. Soweit ja sehr schön. Nun aber hielt es der edle Wohlthäter auch für nötig, seinen Gästen ein Telegramm an den Kaiser vorzuschlagen, worin sich die„deutschen Männer und Frauen, die heute Abend zum Wohlthätigkeitskonzert, aus⸗ geführt von dem Trompeterkorps des.. Re⸗ giments im Hotel... versammelt sind, in tiefer Ergebenheit gestatten, die besten Wünsche zum Gelingen der China⸗Expedition übermitteln zu dürfen.“ Das Telegramm wurde expediert und prompt lief folgende Drahtantwort ein:„Herrn
.„ Hamburg. Seine Majestät der Kaiser und König lassen den Teilnehmern an dem dortigen Wohlthätigkeitskonzert zum Besten der in China verwundeten deutschen Soldaten für den Aus⸗ druck treuer Ergebenheit danken. Auf aller⸗ höchsten Befehl von Lucanus, Geheimer Kabi⸗ netsrat.“
Nun wird bald jeder Wirt seine Kaiserdepesche haben wollen, die unter Glas und Rahmen auf⸗ gehängt ja eine sehr annehmbare Reklame abgiebt, und wenn das Zivilkabinet es„den deutschen Männern und Frauen“ so leicht macht, so wird es nächstens von der Maas bis an die Memel keinen Schwimm⸗, Sing⸗ und Rauchklub geben, der nicht ein solches Kleinod sein eigen nennt.
Der Stiefsohn als Abgeordneter.
Wie ein konservativer Ostelbier sein Abgeord⸗ neten⸗Mandat auffaßt, davon legte dieser Tage
ein Prozeß in Tilsit Zeugnis ab. Der kon⸗ servative Abg. Kossack hatte eine litthauische Zeitung wegen Beleidigung verklagt, weil dieselbe geschrieben hatte:
„Die Eröffnung einer litthauischen Präpa⸗ randenanstalt haben die deutschen Konservativen verzögert; ein Abgeordneter hat für Verlegung der Anstalt nach Heydekrug gestimmt, weil dort sein Stief⸗ vater ein Grundstücck besitzt, das dann einen höheren Werth erhalten würde.
Diese Wendung bezog Kossack auf sich und stellte Strafantrag. Der angeklagte Redakteur erklärte sich jedoch bereit, den Wahrheitsbeweis zu erbringen und in der Verhandlung bezeugte der Reichstagsabgeordnete Smalakys, daß Kossack ihm gegenüber, als er ihn wegen seiner Abstimmung im Landtag zur Rede stellte, ge⸗ äußert habe:
„Aber ich mußte doch für Heyde⸗ krug sorgen, mein Stiefvaf wohnt dort und dessen Grundstücke würden dadurch theurer!“
Der Zeuge fügte noch hinzu, es sei doch im Uebrigen für einen Abgeordneten die größte Schande, seine eigenen Interessen zu ver⸗ treten, und darüber habe er(Zeuge) sich sehr gewundert. Nach kurzer Rücksprache mit seinem Rechtsbeistande zog der konservative Land⸗ tagsabgeordnete Kossack die Beleidigungs⸗ klage zurück; es wurden ihm die Kosten auf⸗ erlegt, und der angeklagte Redakteur wurde, weil der Wahrheitsbeweis erbracht war, freigesprochen. Eine feine Sorte Volksvertreter! Zwar wissen die ostelbischen Krautköpfe alle miteinander ihren persönlichen Vortheil als Abgeordnete im Auge zu behalten, so unverfroren trieb es wohl aber noch selten einer.
Zur Frage der Landtagswahlbeteiligung
in Sachsen.
Als vor mehreren Jahren die sächsische Re⸗ aktion der Arbeiterschaft das Wahlrecht räuberte und die Dreiklassenwahl für den sächsischen Land⸗ tag einführte, erörterten unsere Genossen die Frage, ob man sich unsererseits überhaupt noch an der Landtagswahl beteiligen solle. Eine Landes⸗ konferenz beschloß die Beteiligung, trotzdem beharrten in einigen Orten die Genossen auf ihren ablehnenden Standpunkte, die aus⸗ gezeichnet disziplinierte Partei in Sachsen bot also in dieser Frage ein Bild der Zerfahrenheit. Auch in Leipzig wurde bei der letzten Wahl zum Landtage Wahlenthaltung geübt. Jetzt spricht sich die Leipziger Volkszeitung, die stets für Nicht⸗ beteiligung eingetreten ist, am Schluß eines Artikels, in dem sie nochmals ihre Gründe dafür darlegt, folgendermaßen aus:
„Was wir schon in unserer ersten Darlegung betont haben, und was auch die Leipziger Partei⸗ versammlung unzweideutig dargethan hat, sei zum Schlusse nochmals gesagt: Die höchste In⸗ stanz für die Frage der Landtagswahlbeteiligung ist der diesjährige Parteitag in Mainz, der sich, wenn nicht alle Anzeichen trügen, mit erheblicher Mehrheit für die Beteiligung aussprechen wird, und dessen Entscheidung für die Leipziger Parteigenossen maßgebend sein wird, ohne Vorbehalt und ohne Klausel.“
Die Leipziger Genossen ha en, wie sich zeigt, aus den Vorgängen der letzten Jahre die Lehre gezogen, daß die nur durch Unterordnung unter
die Parteibeschlüsse erreichbare Einheitlichkeit
der Aktion unbedingt notwendig ist. Hoffentlich ringt man sich auch in Zwickau zu dieser Anschauung durch, damit wir bei den nächsten Landtagswahlen geschlossen gegen die sächsische Reaktion marschieren können.
Im Septemberheft der„Sozialistischen Monats⸗ hefte“ treten Auer und Dr. David entschieden für die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen ein.
Vom antisemitischen Bankerott.
Dus Organ der badischen Antisemiten, der Deutsche Volksbote zu Heidelberg, hat sein Erscheinen ein estellt. Als Grund dafür werden Differenzen des Perlegers mit der Partei⸗ leitung und Abonnentenmangel ange⸗ geben. Letzteres ist wenigstens ein erfreuliches
Zeichen von Gesundung des Volksgeistes.
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