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Gießen, Sonntag, den 9. September 1900.

7. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Die deutschen Gewerkschaften im Jahre 1899.

II.

Die 55 Zentralverbände verzeichneten im Jahre 1899 insgesammt eine Einnahme von 7687 154 Mk. und eine Ausgabe von 6450 876 Mark. An Kassenbestand verblieben ihnen 5 577 546 Mk., wovon allerdings auf den Ver⸗ band der Buchdrucker 2 724 101 Mk. oder pro Kopf 103,40 Mk. entfallen. Aber auch andere Organisationen weisen einen beträchtlichen Kassen⸗ bestand auf. So die Maurer 453 563 Mk., die Metallarbeiter 385 148 Mk., die Holzarbeiter 252 310 Mk., Zimmerer 194630 Mk., Porzellan⸗ arbeiter 168 058 Mk., Buchbinder 146 293 Mk., Hutmacher 1147736 Mk. In den übrigen Or⸗ ganisationen betrug der Kassenbestand weniger als 100 000 Mk.

Im Jahre 1891 betrug die Gesammteinnahme der Gewerkschaften(49 Organisationen) 1 116 588 Mark. Sie ist von Jahr zu Jahr gewachsen, besonders aber in den letzten Jahren rapid in die Höhe gegangen. Wenn man jedoch die auf den Kopf der Mitglieder der einzelnen Gewerk⸗ schaften entfallende Summe betrachtet, so zeigt sich unter diesen Beträgen nicht nur eine kolossale Diffe- renz, sondern es ergiebt sich auch, daß in einzelnen Gewerkschasten eine Erhöhung der Beitragsleistung am Platze wäre. Es vereinnahmten zum Beispiel pro Kopf und Jahr: Buchdrucker 59,98 Mk., Hutmacher 32,74 Mk., Zigarrensortirer 22,74 Mark, Handschuhmacher 18,99 Mi., Steinarbeiter 18,69 Mk., Kupferschmiede 17,97 Mk., Former 17,77 Mk., Brauer 15,87 Mk., Zimmerer 15,75 Mark, Maurer 14,24 Mk., Maler 13,41 Mk., Tabakarbeiter 10,94 Mk., Glas arbeiter 10,57 Mark, Metallarbeiter 10,55 Mk., Holzarbeiter 10,28 Mk., Schuhmacher 7,43 Mk. und so weiter bis herab zu 2,07 Mk., welcher Betrag sich bei den Barbieren ergiebt.

Die Beitragshöhe und dementsprechend auch die pro Kopf entfallende Jahreseinnahme wird in den Gewerkschaften, je nachdem Unterstützungen gezahlt werden, verschieden sein. Es zeigt sich jedoch auch bei den Organisationen, welche die gleichen Einrichtungen haben, eine erhebliche Differenz in der Einnahme, sodaß, sofern es nicht in dem größeren Zuwachs an Mitgliedern in der letzten Hälfte des Jahres liegt, hier eine nicht regelmäßige Beitragszahlung der Mit glieder oder ungenügende Beitragshöhe vorhanden sein muß. Als Minimalbeitrag einer Gewertschaft muß ein solcher von 15 Pfg. gelten. Damit muß sich aber eine Jahreseinnahme von 7,80 Mark pro Kopf der Mitglieder ergeben.

In den letzten Jahren haben die meisten Gewerkschaften ihre Beiträge erhöht und es zeigt sich, daß eine Beitragserhöhung keinen oder doch nur einen vorübergehenden Verlust an Mitgliedern

bringt. Im Gegentheil verzeichnen die Organi⸗ sationen mit höheren Beiträgen stärkeren Zuwachs.

Die Aufgaben, welche die Gewerkschaften auf den verschiedensten Gebieten zu erfüllen haben, erfordern es, daß sich die Arbeiterschaft die Verpflichtung auferlegt, im allgemeinen In⸗ teresse größere Opfer an Beitragsleistung auf sich zu nehmen.

An den Ausgaben, welche die

Gewerkschaften im Einzelnen machen, zeigt sich ihr segensreiches Wirken. Im Jahre 1899 ver⸗ aus gabten für:

Verbandsorgan. 55 Organis. 603 558 Mk. Mien 0 201 020 Seit in ee; a Streiks in anderen Berufen 51 1 13877 Rechtsschu ß 5 54 752 Gemaßregeltenunterstützung 29 6 55 435 Reiseunterstützung 5 1 304 391 Arbeitslosenunterstützung. 20 15 304 677 Krankenunterstützung.. 15 10 652 825 Invalidenunterstützun g.. 4 5. Sonstige Unterstützung.. 32 15 131484 Stellen ver mittelung. 6 5 283 Bibliptheken, 1 4 390 Sonstige Zwecske 45 5 147 488 Konferenzen und General⸗

versammlungen. 46 55 102 187 Beitrag an die General-

dag, 56029 Pro eßkosten 13 7 32 Gehälter 5 11 1210

Verwaltungsmaterial.. 52 5 Lee,

Den Zweigvereinen verblieben in 45 Organi⸗ sationen 1307698 Mark.

In den Jahren 1891 bis 1899 wurden von den Gewerkschaften insgesammt folgende Aus⸗ gaben gemacht: Rechtsschutz 208 489 Mk., Ge⸗ maßregeltznunterstützung 498 691 Mk. Reise⸗ unterstützung 2 695 445 Mk., Arbeitslosenunter⸗ stützung 2 162 563 Mk., Krankenunterstützung 3213 242 Mk., Invalidenunterstützung 319 118 Mark, sonstige Unterßützungen 479516 Mk., zu⸗ sammen für Unterstützung 9577064 Mk. Für das Verbandsorgan wurden 3 196477 Mk. ver⸗ ausgabt, insgesammt also für Unterstützungs⸗ und Bildungszwecke 12 773 551 Mk. Dem gegenüber steht eine aus den Verbands⸗ kassen für Streiks gemachte Ausgabe von 6611995 Mk. Die thatsächliche Ausgabe für Streiks stellte sich in diesem Zeitraum be⸗ deutend höher, nämlich auf 11000 000 Mk, jedoch kam aus den Verbandskassen nur die ge nannte Summe von 6⅛ Millionen Mark.

Es soll mit dieser Gegenüberstellung nicht etwa versucht werden, zu beweisen, daß die Ge⸗ werlschaften nur Untestützungsvereine seien und nicht zum wirksamsten Mittel im Ge⸗ werkschaftskampfe, zum Streik greifen. Im Gegentheil. Der Streik ist zwar nicht ein ab⸗ solut nothwendiges Mittel, das angewandt wer⸗ den muß, um den Zweck, welchen die Gewerlschaft verfolgt, zu erreichen, denn dieser Zweck kann bei starken Gewerkschaften auch durch Verhand⸗ lung erreicht werden, aber die hohen Ausgaben, welche einzelne Gewerkschaften für Streiks ge macht haben, beweisen, daß in diesen Organi sationen der von den Gewerkschaften verfolgte Zweck unter allen Umständen und wenn die anderen Mittel versagen, durch die Arbeits⸗ einstellung erreicht werden soll. Es liegt uns nichts ferner, als diesen Zustand nicht als richtig anzuerkennen. Was wir beabsichtigen, ist, den Nachweis zu führen, daß den Gewerk schaften neben der Führung des Lohnkampfes noch die Erfüllung von Aufgaben zufällt, wie sie keine andere Institution, welchen Namen sie auch tragen mag, erfüllt und erfüllen kann.

Um so verwerflicher ist die Hetze, welche fortgesetzt von dem reaktionären Unter⸗ nehmertum und der in seinem Dienste stehenden Presse betrieben wird. Besonders

wird da alljährlich der Versuch gemacht, aus den Ergebnissen der Gewerkschaftsstatistik nach⸗ zuweisen, daß ein großer Teil der Einnahmen von denAgitatoren verschluckt würde. Es ist nun in der diesjährigen Statistik auch eine Zu⸗ sammenstellung über die Zahl der in den Ge⸗ werkschaftsvorständen angestellten Beamten gemacht worden. Aus derselben ergiebt sich, daß die Zahl der Beamten im Verhältnis zu der zu bewältigenen Arbeit sehr gering und die Besoldung nichts weniger als glänzend ist.

In 8 Organisationen erhalten die Beamten über haupt keine fest bestimmte Entschädigung, in 9 Organisationen eine solche, die sie zwingt, die Organisationsarbeiten in den Feierstunden oder Nachts zu machen. In 5 weiteren Organisationen sind Beamten, welche wichtige Funktionen zu er⸗ füllen haben, nur minimale Entschädigungen zu⸗ gebilligt, wenn neben ihnen ein vollbesoldeter Beamter vorhanden ist. Alle diese Beamten opfern im Dienste und zur Wohlfahrt ihrer Kollegen und Kolleginnen die wenigen Feier- stunden, die ihnen zur Erholung dienen sollten, oder rauben sich während der Nachtstunden den Schlaf, sich so im Dienste der Organisation auf⸗ reibend und frühzeitig die körperliche Wider⸗ standskraft einbüßend.

Von den voll besoldeten Beamten erhalten nur 14 ein Jahresgehalt von Mk. 2000 oder mehr. Viele müssen sich mit einem solchen von Mk. 1200 bis 1500 begnügen. Den staatlichen und kommunalen Beamten, welche ähnliche Ver⸗ waltungsarbeiten wie die Beamten der Gewerk⸗ schaften zu machen haben, werden ganz andere Gehälter geboten. Zweifellos aber ist, daß die Letzteren durch ihre Thätigkeit für die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterklasse viel mehr für den Fortschritt der Kultur leisten, als alle Diejenigen, die sich als Träger der Kultur bezeichnen und, ausgerüstet mit Orden und Ehren⸗ zeichen bei Fest⸗ und Gelegenheitsessen nicht genug ihre und ihrer Klassengenossen Leistungen für die Uebertragung deutscher Kultur in's Ausland zu loben wissen.

Die Gewerkschaften selbst erweisen sich als im Dienste der Kultur wirkende Institutionen und müssen Alle, welche den Fortschritt wünschen, über die günstige Entwickelung, welche die Or⸗ ganisationen aufweisen, erfreut sein. An der Arbeiterklasse wird es liegen, ihre selbstgeschaffenen Institutionen für weitere Kämpfe zu stärken und zu rüsten. Es muß Alles daran gesetzt werden, die noch fernstehenden Arbeitermassen zu den Gewerkschaften heranzuziehen, um dem vaterlands losen Protzentum eine achtunggebietende Macht entgegenzustellen und dem Schindluderspielen mit der Arbeiterklasse ein Ende zu bereiten.

Politische Rundschau.

Gießen, 7. September.

Waldersee's Reisespesen.

DemOberkommandierenden in China, Grafen Walder see, ist, wie eine Korrespondenz meldet, während der Dauer seines Aufenthalts in Ost⸗ asien eine Renumeration von 2000 Mark pro Monat und an Repräsentationskosten eine Summe von monatlich 10000 Mark bewilligt

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