Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Anterhaltungsteil.
Trutzlied.
Und wir weichen nicht!—
Ob Ihr aus tückischem Hinterhalt
Vergiftete Pfeile schießet,
Ob Ihr mit ruchloser Faust der Gewalt
In eiserne Kette uns schließet: f
Uns zwingt ein Gedanke empor zum Licht, Das in strahlender Schönheit durch Wolken bricht, Und wir weichen nicht!
Und wir weichen nicht!—
Wir tragen im Hiru ein flammend Gebot, Vom Genius der Menschheit gegeben: Euer Leben, es ist ein ewiger Tod,
So erkämpft Euch ein wahres Leben!— Wir schwuren zu folgen unserer Pflicht Mit stolz erhobenem Angesicht—
Und wir weichen nicht!
Wir sehen in schimmernder Ferne schon
Das Land unsrer Sehnsucht winlen,
Wir sehen der Freiheit goldenen Thron
Durch des Frührots Gluten blinken, a Wir sehen den Tag, der da bringt das Gericht, Der die Sklavenfesseln der Not zerbricht— Und wir weichen nicht! Emil Hauth.
In Fesseln. 81 Novelle von Elise Schweichel.
Johanna hatte die letzten Worte der Frau schon wie aus weiter Ferne kommend gehört. Sie war wieder in eine wohlthärige Betäubung gesunken.
Ob Stunden oder Tage seit dieser Nacht vergangen, sie wußte es nicht, als sie endlich mit einem wonnigen Gefühl der Genesung wieder er wachte. Es war Tag, und die Sonne schien, und sie war allein, und es war alles so still und freundlich um sie her. Ein Veilchenstrauß stand auf dem Tisch an ihrem Bett.
Sie lag und dachte. Und plötzlich breitete sich über das bleiche, abgezehrte Gesicht ein sanster Rosenschimmer, die hohlen, trüben Augen bekamen einen wunderbaren Glanz. Ja, ja, das war es! Wie seltsam, daß sie nicht gleich daran ged acht hatte. Sie war ja frei, ihrer Pflichten ledig. Sie lonnte Anton zu sich rufen, ihm angehören. Sie richtete sich im Bette auf und sah sich im Zimmer um.
Es war die Putzstube der Bartelsschen Ehe⸗ leute, die Wand über ihrem Bette war mit Bildern veschiedener Städte, in denen sie gelebt hatten bedeckt. In der Mitte hing eine große Ansicht von New⸗ork mit seinem stolzen Hafen. Anton hatte die Absicht ausgesprochen, nach Amerika zu gehen; wer wußte, ob er nicht eben jetzt in jenem Hafen einfuhr. Während ihrer langen Krankheitszeit war gewiß schon ein Brief von ihm eingetroffen. Eine große Unruhe be⸗ mächtigte sich der Genesenden. War denn nic⸗ mand da? Warum ließ man sie denn so allein?
Jetzt hörte sie außen flüsternde Stimmen, und die Augen und Ohren hingen guspannt an der sich leise öffnenden Thür, in der die breite Gestalt von Frau Bartels und hinter ihr Julius“ Kopf erschienen. Johanna streckte beiden die Hände entgegen; aber Frau Bartels schob nur Julius in die Stube und ließ die Geschwister allein.
Das Wiedersehen zwischen diesen hatte trotz ihrer beiderseitigen Freude anfänglich etwas Ge⸗ zwungenes. Keines berührte das neue Verhält⸗ nis. Julius erzählte mit großer Lebhaftigkeit, daß er inzwischen ein litterarischen Erfolg gehabt. Er hätte die ganze Angelegenheit mit der Baronesse zu einer Novelle benutzt, die er in acht Tagen niedergeschrieben und glänzend bezahlt bekommen hätte. Das kleine Opus errege all⸗ gemeine Sensation, man spräche in der Stadt von nichts anderem, sein Name sei in aller Munde.
Johanna war tief erschreckt. Julius erschien ihr
entsetzlich rücksichtslos. Zu einer solchen Revanche hätte sie ihre Einwilligung nie gegeben.
Allein Julius beruhigte sie. Er hätte keinen Namen genannt und die Sache möglichst schonend angefaßt; es wäre ein gerechtes Strafgericht, welches er vollzogen und welches nicht nur die sofortige Zahlung der verweigerten Summe zur Folge gehabt, sondern ihm auch das Fünffache derselben an Honorar eingebracht hätte. ich„Nun frage ich dich, mein Schwesterchen,“ fuhr er, durch das Bewußtsein seiner Heldenthat ermutigt fort,„ob du wegen meiner und Suschens Zukunft dir Sorge zu machen nötig hast? Ich brauche nur e nmal die Feder anzusetzen, um in einer Woche so viel zu verdienen, als du es mit deiner Nadel in Monaten kannst!
Johanna hatte es auf den Lippen, zu fragen, warum er sie denn nicht öster angesetzt hätte, allein sie schwieg. Sie wußte, daß Julius sich über sich selbst täuschte, daß sein Talent kein so ausgiebiges war, um die Zukunst einer Familie darauf bauen zu können, daß es immer erst eines besonderen Anstoßes bedurfte, um zu reagieren, wie die Geyser, von denen sie gelesen, daß man einen Stein hineinwürfe, um ihre Thätigkeit
herauszufordern. „Dann wirst du wohl bald heiraten?“ fragte sie.
„Sobald Du gesund bist. darauf gewartet,“
Damit war das Eis gebrochen, und Julius begann jetzt, von Suschen zu sprechen, wie sehr sie sich schen reformiert hätte und wie gesetzt sie geworden wäre. Von der Bühne wäre sie abgegangen und beschästige sich jetzt mit ihrer Aussteuer, zu der sie von jener Dame, die sie erzogen, auf die Nachricht ihrer Verlobung eine hübsche Summe nebst einem erbaulichen Briefe erhalten hätte. N
Das waren alles sehr gute Nachrichten, Jo⸗ hannas Zukunft aber ward mit keinem Worte gedacht.
„Ist gar nichts für mich angekommen in der langen Zet? unterbrach sie endlich Julius
Wir haben nur
Mitteilungen.„Nichts von den Schulvor⸗ steherinnen—“ „Jawohl, von denen ist ein Brief da, der
wahrscheinlich deine E tlassung enthält, denn die Affäre mit der Baronesse werden Dir die frommen Damen schon eintränken: Aber gleichviel, so findet sich etwas anderes. Der Schwester Julius Stor⸗ beck steht jetzt alles offen. Außerdem sind noch Blumen in Mengen da, die deine Schülerinnen täglich bringen, deren Duft Dir aber schädlich ist. Hier, diese Veilchen sind nur ein homöopa⸗ thische Dosis davon.“
Johanna lächelte matt.
„Und sonst nichts?“ fragte sie—
„Nein, sonst nichts!“
V.
Johannas Genesung verzögerte sich auffallend. Es vergingen noch mehrere Wochen, bevor sie das Zimmer verlassen konnte.
Frau Bartels hatte ihren Pflegling so lieb gewonnen, daß sie darüber keinerlei Ungeduld empfand. Johanna sollte auch bei ihr wohnen bleiben, denn oben war in Zukunft kein Platz mehr für sie. Das junge Paar wollte ihr bis⸗ heriges Stübchen zu seinem Schlafgemach nehmen.
Suschen verstand es, sich in Johannas Herz während deren Genesung zu schmeicheln. Klug, wie sie war, wandte sie die geeignetsten Mittel hierzu an: sie schwärmte ron Julius und erschien stets sauber und ordentlich gekleidet und stets mit einer Arbeit in der Hand. Ihren katzen⸗ haften Kajolerien hätte zudem manch weniger weiches Her; als das Johannas schwerlich wider— standen.
Um die Mitte des Dezember war diese endlich soweit genesen, um das junge Paar auf das Standesamt begleiten zu können. Sie und Frau Bartels waren die Zeugen. Die Braut sah höchst gesetzt und reizend aus in einem dunkel⸗ blauen Kaschmirkostüm mit grauer Pelzverbrämung und dazu passendem Hütchen. Von einer kirch⸗ lichen Trauung, die sie so sehr gewünscht, wurde der Kosten wegen Abstand genommen. Dafür sollte sie aber durch einen kleinen Ausflug nach
Dresden entschädigt werden, wohin sich das n e Paar unmittelbar nach dem Zivilakt egab. 8
Johanna kehrte mit Frau Bartels nach deren Wohnung zurück, und jetzt erst überkam sie das volle Bewußtsein jenes öden Zustandes— viel⸗ leicht des schrecklichsten für eine Frau— in welchem niemand mehr ihrer Sorge, ihrer Thätig⸗ keit bedarf. So lange sie noch für ein geliebtes Wesen sorgen und schaffen kann, so lange fließt auch die warme, lebendige Liebesquelle ihres Herzens und giebt ihr für das Schwerste Mut und Kraft; aber die Quelle stockt und versiegt, wenn das Herz unfreiwillig feiern, die Hände unthätig in den Soß sinken müssen.
Nicht gewohnt, an sich selbst zu denken, hatte Johanna für ihre fernere Zukunft noch keinen bestimmten Plan gefaßt. Für ihren Unterhalt war ihr nicht bange. Sie wußte, daß sie Arbeit genug finden würde. Frau Bartels that sie einen Gefallen, wenn sie bei ihr wohnen blieb. Die beiden Frauen hatten sich wie Mutter und Tochter aneinandergeschlossen. Johanna hatte eigentlich nie eine Mutter gehabt; die ihrige war immer ein unmündiges, der Leitung bedürstiges Kind gewesen.
Nachdem sie die Wohnung für das junge Paar eingerichtet hatte, überließ sich Johanna einem unthätigen Leben.
Eines Abends, als die beiden Frauen bei Lampe zusammen auf dem Sofa saßen, Frau Bartels emsig strickend, Johanna blaß und fröstelnd in ein Tuch gehüllt, sagte die erstere, nachdem
sie das Mädchen mehrmals prüsend betrachtet f
hatte:
„Wissen Sie, was Ihnen fehlt, mein Kind 14
„Nun?“ fragte Johanna.
„Ein bischen mehr Selbstsucht. Sie haben zu wenig davon. Das ist auch ein Fehler. Wier Frauen leiden oft daran und wir thun unsere Umgebung nicht Gutes damit, besonders nicht den Männern. Wir verderben sie, bilde ich mir ein. Sie sind auch gewiß nicht ohne Schuld, daß daß der Bruder so wenig an Sie denkt. Sie müssen mir das nicht übel nehmen, ich habe eine lange Erfahrung hinter mir, und ok gleich ich nur eine einfache Frau bin, so habe ich doch ein gut Teil beobachtet und gedacht. Sehen Sie, wir bereiten uns die bitteren Ent⸗ täuschungen meistens selbst, weil wir immer in anderen leben und dann auf einmal merken, daß es in ihnen ganz anders aussieht als wir dachten. Ich habe lange Zeit geglaubt, daß ich meinem Alten ganz unentbehrlich wäre und daß er meine Sorge und Liebe für ihn immer empfände und keine andere um sich haben möchte. Später habe ich aber doch einsehen gelernt, daß es ihm ganz gleich ist, wer ihm seine Bequemlichkeit schafft, wenn sie ihm nur geschafft wird. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie er eines Tages, nachdem er lange kopfhängerisch herumgegangen war, zu mir in die Stube trat und sagte: Weißt du, Frau, ich gehe nach Amerika. Du allein? Ich denn doch auch? sagte ich. Natürlich, natürlich, sagte er, aber ich merkte es ihm doch an, daß es ihm nicht von Herzen kam, und ich denke bis auf den heutigen Tag, daß er lieber allein gegangen wäre. Sehen Sie, so was vergißt unser eins nicht. Das bohrt fort und fort. Sie werden lachen,“
begann sie wieder, indem sie das Strickzeug in den Schoß sinken ließ und mit der abgestrickten
Nadel die Fransen der weißen Tischdecke aus⸗ einanderstrich.„Sie werden lachen, aber ich muß immer das Gemütsleben von Mann und Frau mit unserem deutschen Lindenbaum und so einer Palme, wie ich sie habe wachsen sehen, vergleichen. Wie soll ich Ihnen nur das klar machen, es ist schwerer zu sagen, zals sich ausdenken. Na, der Lindenbaum das sind wir. So viel Zweige, Aeste und Aestchen, so viel Gefühle, große und kleine. Da sind die Eltern und Geschwister und deren Männer und Frauen und Kinder und Freunde und Freundinnen und Arme und Kranke für alle hatt die Frau ein Herz. Und ein großer Zweig, der allergrößte, das ist die Liebe zum Mann und zu den Kindern, wenn welche da sind, und wie ist der erst in tausend Aestchen gespalten. Und alles das zusammen macht ein
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