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Nr. 15.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Der Titel wird bewilligt. Die Civilgnadenpensionen werden um Mk. 10,000 erhöht, betragen also jetzt Mk. 60,000. Das Forstgesetz bezw. die Forderung für 10 neue Oberförsterstellen veranlassen eine längere wirtschaftlich ⸗technische Erklärung der Entwicklung des hessischen Forstwesens, durch den Finanzminister. Die Beratung über diesen Gegenstand wird Samstag sortgesetzt. Der Finanzausschuß hat sich zustimmend zu der Regierungsvorlage geäußert, weil die bisher dem einzelnen Oberförstereien zugeteilten Forstbezirke, die sich durchschnittlich auf 8000 Morgen beliefen, zu groß wa en, um in ausgiebiger Weise eine intensive Waldwirtschaft und damit eine entsprechende finanzielle Ausbeutung der Do⸗ munialforsten herbeizuführen.
Die Vertreter rein ländlicher Wahlbezirke sprachen sich größtenteils gegen die neuen Oberförstereien aus, doch war unzweideutig festzustellen, daß in Einzelfällen bei deren Ausführungen persönliche Differenzen zwischen Gemeindeverwaltungen und Oberförstereien als Grundlage dienten und das wirtischaftliche Interesse der Waldungen in Hintergrund gedrängt wurde.
Der Finanzminister sucht die erhobenen Vor⸗ würse zu entkräften. Ministerialrat Willbrand weist ziffernmäßig nach, welches das Erträgnis der seitherigen Forstkultur sei und wie sich dasselbe gestalten könne, wenn derselben mehr Sorgfalt zugewendet würde. Man wüsse besonders von der bisherigen Gepflogenheit der Kultur von Brennholz abkommen und sich mehr der ein⸗ träglicheren von Nutzholz zuwenden.
Abg. Ulrich erklärte, die soz.⸗dem. Fraktion werde der Regierungsvorlage zustimmen. Seine Fraktions⸗ genossen seien gerne bereit, die Veranlassungen zu Be⸗ schwerden der Landwirtschaft zu beseitigen, aber in dem zur Debatte stehenden Gegenstand könne er eine Schädi⸗ gung der Landwirtschaft nicht erblicken, wohl aber das Gegenteil. Nur engherzige Auffassung über lokale Vor⸗ kommnisse habe vielfach die gegen die Vorlage geltend gemachten Bedenken beeinflußt. Einer weiteren Ver⸗ wüstung der Waldungen seitens der Privatbesitzer und Gemeindeverwaltungen müsse im Interesse der gesamten Volkswirtschaft gesteuert werden. Dieser Auffassung der Sachlage trat auch der Abg. Gutfleisch(freis.) bei.
In namentlicher Abstimmung wird die Vorlage mit 20 gegen 17 Stimmen angenommen. Desgleichen ohne nennenswerte Debatte die weiteren Kapitel der Nachsorderungen des Finanzministeriums.
Zur Errichtung eines Gutenberg⸗Museums in Mainz werden 25 000 Mk. als Staatsbeitrag bewilligt, nachdem Abg. Haas⸗Mainz(Soz.) und Köhler(Ant.) dafür eingetreten sind.—
Partei⸗Hachrichten.
Genosse Karl Oertel 7.
Aus Nürnberg kommt die Trauerbotschaft, daß unser Genosse Oertel, Neichs⸗ und Landtags- abgeordneter für Nürnberg, am Mittwoch früh in der Heilanstalt Herzoghöh verstorben ist. Oertel befand sich erst seit 14 Tagen in der An⸗ stalt, in die er wegen Nervenleidens gebracht werden mußte.—
Unfer Genosse wurde 1897 an Stelle Grillen⸗ bergers in den Reichstag und 1868 in den bayr. Landtag gewählt.— Geboren 1866 in Forch⸗ heim, lernte er als Kaufmann und übernahm später die Buchdruckerei und den Berlag Wörlein u. Co.— Er war ein sehr thätiger Parteigenosse und es mag wohl sein, daß die aufreibende Thätigkeit seinen frühen Tod mit herbeiführte. Unsere Partei verliert in ihm eine tüchtige Kraft. Ehre seinem Andenken!
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 7. April:
Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Tages⸗ ordnung: Bezirkskonferenz und Wahl eines Deleg. Die Lohnbewegung der Spengler. Verschiedenes.
f Sonntag, 8. April:
Schlitz. Arbeiterversammlung nachm. 4 Uhr bei Heinrich Trier. Tagesordnung: Maifeier. Zahl⸗ reiches und pünktliches Erscheinen dringend notwendig.
Montag, 9. April:
Heuchelheim. Tabakarbeiterversammlung abends 8 Uhr bei Volkmann.
Marburg. Parteiversammlung abds. 9 Uhr bei C. Müller, Hirschberg 12.
Briefkasten der Redaktion.
J. Khl.⸗Marburg. Einen elektrischen Heil⸗ apparat, welcher schon mehrfach prämiiert wurde und der unzweifelhaft bei fast allen chronischen Leiden gute Dienste leistet, ist der von der Firma P. Freygang Nach⸗ solger(Gust. v. Mayenberg) Dresden A in den Handel zebrachte. Wir können Ihnen denselben nur empfehlen.
W.⸗Marburg. Leider zu spät eingetroffen. Gruß!
Cetzte Nachrichten.
Atten tat auf den Prinzen von Wales.
Auf dem Nordbahnhofe in Brüssel schoß ein 16 jähriger Mensch zwei Revolverschüsse auf den in den Kölner Zug einsteigenden Prinzen von Wales, ohne denselben zu treffen. Der Atten⸗ täter ist verhaftet.
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Anterhaltungsteil.
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Das eigene Heim.
Ein eignes Heim, so ging mein Sehnen Durch meine ganze Jungendzeit:
Ein eignes Heim! Es war mein Wähnen Jm zwiefach herben Lebensstreit.
Ein eignes Heim, wo Kronen rauschen Dem müden Geist ein Schlummerlied, Wo ich mit Wolken Grüße tauschen Und träumen kann an Schilf und Riet!
Ein eignes Heim, das mich bewahren Soll vor dem blöden Menschentroß, Ein stilles Eilaud, sturmumfahren, Umtobt vom wilden Wogenroß.
So träum' ich, kämpf ich immer wieder, Und immer wieder flieht das Ziel. Schon werden spärlich meine Lieder; Bald wohl zu Ende geht das Spiel!
Am Friedhof neulich stand ich lange; Die Krone rauschte über'm Grab; Da ward's im Herzen mir so bange, Und eine Thräne rann hinab.
Ein eignes Heim voll Ruh' und Frieden Da winkt's!— Was sorgst Du Dich so sehr? Nur da und nirgends sonst hienieden—— Mir ward das Herz so schwer, so schwer!
Max Wundtke.
Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke.
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3. Das Bild der Jungfrau.
Jungfrau Sarah Waldhorn sprach zwar manchmal aus lauter Gottesfurcht vom Tode und von ihrer Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem und dem Seelenbräutigam; aber doch dachte sie noch öfter an einen irdischen Bräu⸗ tigam, wie man zuweilen an Dinge denkt, die einem durch den Kopf fliegen. Zwar hatte sie seit ihrem fünfundvierzigsten Jahre feierlich er⸗ klärt, sie wolle sich nicht verheiraten; aber doch wandelte fe dann und wann eine Mädchen⸗ schwäche an, zumal wenn ein stattlicher Witwer sie neckte, oder ein Junggesell des Tages mehr denn einmal unter ihrem Fenster vorbeiging und höflich grüßte.„Der hat gewiß Absichten!“ dachte sie dann;„kommt Zeit, kommt Rat. Man muß eigentlich nichts verschwören. Wenn's ein⸗ mal sein soll,— nun, des Herrv Wille geschehe! Ich bin eben im schönsten Alter. Meine Namens⸗ schwester im Alten Testament war ja schon achtzig Jahre alt, als sie Kindtaufe hielt. Das wäre noch kein blaues Wunder!“
So plauderte sie oft mit sich, besonders wenn ein unvermählter Herr mit ihr freundlich gethan hatte. Und weil dies leicht der Fall sein konnte, so traute sie nach und nach allen Männern in der Stadt„schlimme Absichten“, wie sie es nannte, auf ihre jungfräuliche Person zu. End⸗ lich hielt sie— denn ungefähr seit zwanzig Jahren hatte die Einbildungskraft dies lose Spiel mit ihr getrieben— jeden Unverheirateten für ihren verschwiegenen Anbeter, und jeden, der sich verheiratete, für ihren Ungetreuen.
Daraus läßt sich erklären, warum sie auf die unversöhnlichste Weise mit ihrer Zunge gegen alle Hochzeiten zu Felde zog; auf das gottlose, leichtsinnige„Mannsvolk“ schimpfte(denn sie hatte es in der That immer mit einem ganzen Volke zu thun), und noch giftiger gegen gefall⸗ süchtige Mädchen eiferte, die sich schon in den Kinderschuhen(das heißt Schuhe, so groß sie etwa neunzehn⸗ und zwanzigjährige Mädchen zu tragen pflegen) unterstanden, an einen Mann zu denken.
Einige gottesfürchtige alte Jungfern standen
ihr, als gewöhnliche Gesellschafterinnen, in dem löblichen Geschäft bei, was in der Stadt vorfiel,
auszuspähen, um darüber Betrachtungen beim Kaffee anzustellen. Da ward denn jeder neue Rock der Nachbarinnen, jede Hochzeit, jede Kind⸗ taufe, und was sonst neues geschehen sein mochte, gewissenhaft gewürdigt. Was man hier erfuhr, war schnell in alle Stadtviertel verbreitet, daher ein mutwilliger Maler einst die Göttin Fama, statt mit einer Trompete, mit einem Waldhorn darstellte, und man von jeder Klatscherei sprich⸗ wörtlich sagte:„Das ist ins Waldhorn gestoßen!“ statt:„Man hat's der Jungfer Sarah gesagt!“
Denkt man sich zu diesen liebenswürdigen Eigenschaften die Gottesfurcht und Zinsenlust der züchtigen Sarah, so läßt sich begreifen, warum, mit Ausnahme besagter alter Jungfern, und der vier Neffen, die auf Erbschaft hofften, jedermann in ehrfurchtsvoller Ferne von ihr blieb.
4. Sorg' und Not.
Sie hatte nicht die geringste Lust zu sterben. Daher ließ sie sich den Wetteifer der vier Fakul⸗ täten um die Universalerbschaft gar wohl ge⸗ fallen. Sie gewann dabei am meisten; Lecker⸗ bissen von der Philosophie, Trostgründe wider ein sieches Leben von der Theologie, Schutz und Schirm von der Rechtsgelahrtheit, und mäßige Apothekerrechnungen von der medizinischen Fa⸗ kultät. Doktor Falk war ihr so lieb wie jeder andere, aber auch nicht um ein Haar lieber. Nur wenn einmal der Tod im Vorbeigehen an die Thür ihrer Zelle pochte, ward ihr der Doktor der allerliebste ihrer Neffen.
„Geschwind, Herr Doktor! Kommen Sie, Jungfer Sarah ist sterbenskrank!“ rief eines Morgens die alte Magd der Tante zur Thür hinein;„sie sieht schon seit einigen Tagen er⸗ bärmlich ans.“
Falk saß, als diese Nachricht kam, eben auf dem strohenen Sopha, und hatte das weinende Suschen tröstend im Arm.— Falk wußte wohl, es sei mit dem Sterben der Jungfrau Sarah Waldhorn selten buchstäblich gemeint. Er ver⸗ sprach der Magd, schnell zu kommen, blieb aber bei seinem Weibchen sitzen, um es zu trösten.
Der Troft schlug aber nicht an, denn das gute Suschen weinte immer bitterlicher, und der arme Doktor wußte nicht, warum.
„Sei doch Deinem Manne offenherzig, liebes Kind!“ sagte er,„Du quälst und tötest mich mit Deinem Weinen und Schweigen.“
„Nun, so höre mich!“ sagte sie.„Ach!“
„Gut, Suschen, das hab' ich gehört! Wie weiter?“
„Wir haben vier Kinder.“
„Die hoffentlich zu den schönsten in der Stadt 5 Alle sind so fromm, zärtlich, folg⸗ .
„Ach, wahre Engel sind's, o lieber Manst.“
„Da haft Du recht. Wahre Engel! Aber Du grämst Dich doch nicht über diese Engelschaft, hoff' ich?“
„Nein, lieber Mann. der Zukunft werden?“
„O, Du ungläubiges Suschen! den lieben Gott läßt walten.“
„Ach, es wird uns schwer, sie anständig zu erziehen. Je älter sie werden, desto mehr brauchen fie.“
„Sie sind doch schon älter geworden, und hat's denn schon gefehlt?“
„Aber, lieber Mann, wenn nun..“
„Was denn?“
„Ach!“ seufzte sie und schluchzte heftiger.
„Was denn?“ rief der Doktor mit wahrer Seelenangst.
Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und umklammerte ihn mit beiden Armen fester. Dann sagte sie leise:„Ich soll nun zum fünftenmal Mutter werden!“
Dem Papa ward bei dieser unverhofften Nachricht zwar auch etwas weinerlich zu Mute; doch verbarg er seine Bestürzung, so gut es ging. „Herzenskind! Ist's nicht mehr, als das?“ rief er.„Gut, Suschen, so kommt der fünfte Engel zu den vier andern, die schon da sind! Es kann gar nicht fehlen, wir müssen selig werden.“
Aber wie wird's in
Wer nur


