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Nr. 15.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

war. Man sah ihn immer nur mit einem Haufen kleiner Knaben oder Mädchen gehen. Bei letz⸗ teren erfreute er sich besonderer Beliebtheit wegen seiner blondgelockten Haare und hatte infolgedessen den BeinamenChristkindl. Obwohl alle ver⸗ nünftigen Leute Salzburgs seine beständige Vor⸗ liebe für Kinder verdächtig fanden, gingen die Eltern ihren Kindern nicht ins Gewissen. Auch die Behörden thaten nichts, um in das Treiben dieses Kerls Licht zu bringen. Wie viele Mäd⸗ chen des Ursulinerinnen⸗Klosters er unglücklich gemacht hat, läßt sich wohl nie nachweisen, denu diese sind schon zu alt, als daß sie sich selbst an den Pranger stellen möchten. Einen Kollegen des Vorigen verurteilte die Strafkammer zu Kempten am Samstag in der Person des Kaplan Ed. Schön von Seifriedsberg wegen fortgesetzter Verbrechen wider die Sittlichkeit, be⸗ gangen an Konfirmandinnen, zu zwei Jahren Gefängnis.

Obwohl unsere Liste noch nicht erschöpft ist, wollen wir es vorläusig dabei bewenden lassen. Das Güstrower Urteil.

Das unglückliche Opfer des Meineidsprozesses in Güst row über den wir in der letzten Nummer ausführlich berichteten Gen. Holst, hat darauf verzichtet, von dem Rechtsmittel der Revision Gebrauch zu machen, um seine Qual nicht noch durch Fortdauer der Untersuchungs⸗ haft unnütz zu verlängern. Das Urteil in Güstrow reiht sich dem Löbtauer Zuchthausurteil und dem im Essener Meineidsprozeß gegen Schröder und Genossen ergangenen würdig an. Daß wir es hier mit einem Fehlspruch schlimmster Art zu thun haben, wird für jeden Unbefangenen klar, wenn man sich vor Augen führt, daß ein seit vielen Jahren am Orte an⸗ 2 75 ehrenhaster und unbescholtener Bürger krupellos einen falschen Eid geschworen haben soll, um einen Freund und Parteigenossen von einer Geldstrafe von zehn Mark zu be⸗ freien! Und mit welchen Mitteln wird die Schuld des Angeklagten erwiesen? Zwei Polizei- beamte, die sich in seiner unmittelbaren Nähe auf der Straße aufgehalten, bekunden unter ihrem Eid, er habe die beschimpfenden Rufe vernehmen müssen, weil sie sie gehört hätten!

Uebrigens wird jetzt mitgeteilt, daß der Hauptbelastungszeuge, Polizist Schütt, der dem Schwurgericht als einwandfreier Zeuge galt, durchaus unglaubwürdig ist. Vor der Straf⸗ kammer in Rostock ist am Mittwoch erwiesen worden, daß Schütt unter Eid die Unwahrheit gesagt hat. Nach§ 399 der Strafprozeßordnung findet aber die Wieder aufnahme eines Verfahrens statt,wenn neue Thatsachen oder Beweismittel beigebracht sind, welche die Freisprechung des Angeklagten oder in Anwen- dung eines milderen Strafgesetzes eine geringere Bestrafung zu begründen geeignet sind. Holst ist auf grund der Aussage Schütts, er habe die Rufe gehört, verurteilt worden. Jetzt liegt die neue Thatsache vor, daß der Hauptbelastungs⸗ zeuge durch das Gericht in Rostock als ein Mann erkannt worden ist, dessen Aussagen kein Gewicht beigemessen werden kann. Wird die mecklen⸗ burgische Justiz das Ihrige thun, nm einen Un⸗ schuldigen aus dem Zuchthaus zu befreien?

Internationales.

-m. DieSchlesische Altiengesellschaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb giebt ihren not⸗ leidenden Aktionärennur 27 Prozent Dividende pio 1899.

Die Arbeiter dieser Gesellschaft verdienen durchschnittlich 900 Mark pro Jahr, gegenüber 25 Prozent Dividende gewißärmlich genug. Als Trost wird es den Arbeitern vielleicht dienen, daß die 13 Herren des Aufsichtsrats die Kleinig⸗ keit von 413 362 Mk., also jeder 31797 Mk., Tantièmen einstecken. Interessant ist die Zusammensetzung dieses Aufsichts rates. Ihm gehören u. a. an:

der Rittergutsbesitzer v. Löbbecke, 1

Reichstagsabgeordnete Prinz zu Schönaich⸗

Carolath, Reichstagsabgeordnete von Kardorff, sowie die Franzosen: Herzog von Gremmont,

Marquis de Beauvoir, Präfekt a. D. Salles.

Herr v. Kardorff, welchem dieTeilerei dieser internationalen Kapitalistensippe gewiß sehr angenehm ist, gehört zu den lautesten Schreiern über die Internationalität der Arbeiter, gegen diegoldene Internationale wird er nichts einzuwenden haben.

Jesuitenkniffe!

k. Einige sogenannte christliche Blätter leisten sich einen ächten Pfaffenkniff. Weil unsere Genossen in der Berliner Stadtverordnetenver sammlung gegen die Unterbringung katholischer Waisenkinder im St. Josephs⸗Waisenhaus stimm⸗ ten, erzählen diese Blätter ihren Lezern, es sei dies aus Haß gegen die Religion geschehen. Thatsächlich wollen aber unsere Genossen die armen Waisen vor der sehr unchristlichen Prügelei der frommen Schwester Carola und ähnlicherChristen bewahren. Davon sagen diese Blätter natürlich kein Wort.

Der Krieg in Südafrika.

Durch die Gefangennahme des Burengenerals Cronje und den Tod Jouberts ist die Wider- standsfähigkeit der Buren keines wegs gebrochen. Das Kriegsglück scheint sich im Gegeuteil ihnen wieder zugewandt zu haben; die Engländer mußten verschiedentlich zurückweichen und erlitten teilweise sehr schwere Verluste. Es scheint, als ob die Buren auf dem besten Wege sind, sich wieder in den Besitz Bloemfonteins und Kimberley's zu setzen. Eine sch were Schlappe erlitt eine englische Truppe, bestehend aus berittener In⸗ fanterie, Cavallerie und zwei Batterien Artillerie. Dieser unter dem Befehle des Obersten Boad⸗ wood stehende Abteilung mußte sich vor einer größeren Burenstreitmacht zurückziehen. Auf dem Rückzuge fielen die Engländer in einen Hinter⸗ halt. Sie verloren 7 Geschütze und 350 Mann; 200 wurden gefangen. Eine neuere Meldung besagt, die von Oberft Boadwood verlorenen Geschütze seien den Buren wieder abgenommen worden.

Bei Brandfort im Norden von Bloem fontein haben am 29. März heftige Kämpfe stattgefunden, unter großen Verlusten auf beiden Seiten.

Der Gesundheitszustand der gefange nen Buren ist fortdauernd ungünstig; in einer Woche starben 12 Mann. General Cronje, Oberst Schiel und 1000 Buren wurden am Dienstag nach St. Helena eingeschifft.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Lohnbewegung der Bauspengler in Gieszen.

Die hiesigen Bauspengler, welche leider keiner Organisation angehören, beschlossen, in eine Lohn⸗ bewegung einzutreten. Da sie sich der zu stellen⸗ den Forderungen und der einzuschlagenden Taktik nicht klar waren, ersuchten sie ihren Kollegen Dahmer, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen. Dahmer riet von jedem schroffen Vorgehen und hauptsächlich von einem Streik ab, weil die Spengler nicht organisiert seien und somit jeder Stütze entbehrten. Auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, auf gütlichem Wege Zugeständnisse von den Arbeitgebern zu erzielen. Folgende Forderungen wurden den Arbeitgebern unter breitet. Abschaffung des Kost und Logis bei dem Meister, Einführung der zehnstündigen Ar⸗ beitszeit; über den Lohn soll sich jeder Arbeit geber mit seinen Arbeitern einigen und zwar auf folgender Grundlage: 27 Pfg. Stundenlohn für junge Leute, die noch

kein volles Jahr ausgelernt haben, 30 Pfg. Stundenlohn für ältere und 35 Pfg. Stundenlohn für verheiratete, selbstän⸗ dige Arbeiter.

Die Arbeitgeber erklärten sich mit der ersten und zweiten Forderung einverstanden, doch wollten sie die geforderten Löhne nicht zahlen. Sie

brachen die Verhandlungen ab, als die Arbeiter wünschten, mit ihnen wegen der Werkstattordnung zu beraten. Um nun aber den Arbeitern eine Bewegung zur Verbesserung ihrer Lage unmög⸗ lich zu machen, beeinflußten die Herren Spengler⸗ meister den Arbeitgeber dahin, den Dahmer, der für seine Kollegen eingetreten war, zu entlassen. Dieser, der in dem Geschäft des Herrn Eccarius schon sechs Jahre thätiguist, erhielt denn auch die Kündigung. Wenn dies nun auch mit dem Ausdruck des Bedauerns geschah, so ift das doch von der Firma eine unschöne Handlungsweise. Der Verlauf dieser Bewegung zeigt aber den Arbeitern, daß nur durch Zusammenschluß ihre Lage verbessert werden kann. Darum organisiert Euch!

Ueber dieNot der Landwirtschaft verhandelten auch die oberhessischen. Agrarier in einer Versammlung in Gie en am 26. März. Der Gegeralsekretär Dr. Müller⸗Offenbach be⸗ gründete das Verlang: höherer Schutzzölle auf landwirtschaftliche Erzeugnisse. Er hielt nament⸗ lich die Erhöhung der Getreidezölle für notwendig und verlangte für Weizen und Roggen einen Zoll von 7 Mk., Gerste und Hafer 5 Mk. u. s. w. Hierbei bezog sich der Redner auf die hessische Statistüt von 1898, nach der die Grundrente durchschnittlich 0,41 Prozent betrage. In der Debatte erklärte Landwirtschaftslehrer Dr. v. Peter, der bei der ftatistischen Fest⸗ stellung mitgewirkt hat, nach derFrkf. Ztg., er müsse ehrlich gestehen, daß die drei von ihm in Oberhessen untersuchten landwirtschaftlichen Unternehmungen bedauerliche Betriebs- fehler aufzuweisen hatten, bei deren Nicht⸗ vorhandensein die Grundrente einen höheren Prozentsatz geliefert hätte. In einer der Wirt- schaften hatte der Besitzer ohne Drillmaschine gearbeitet, durch deren Anwendung der Ertrag um 20 25 Prozent gesteigert worden wäre. In allen drei von ihm untersuchten Wirt⸗ schaften verfütterte man die geerntete Gerste und Roggen, statt sie zu Geld zu machen und die billigeren Kraftfuttermittel anzuwenden. Ebenso wurde in allen drei Wirtschaften außer Chili⸗ Salpeter kein künstliches Düngemittel angewendet. Diese wirtschaftlichen Fehler seien entschieden zu mißbilligen. Also gerade wie in Ostelbien! Mangelhafte Betriebsein richtungen, infolgedessen geringerer Ertrag und dann Geschrei nach höheren Zöllen!

Das Ziel des Antisemitismus.

Wir können sagen, daß wir uns in der Be⸗ urteilung der antisemitischen Bestreaungen nie getäuscht haben. Stets haben wir den Anti- semitismus als das bezeichnet, was er ist, näm⸗ lich rückschrittlich. Aber die judenfresserischen Agitatoren ergingen sich oft genug in äußerst radikalen Angriffen auf den Großkapitalismus und auf die reaktionären Parteien, sodaß mancher zu dem Glauben kommen konnte, er habe es in den Antisemiten mit einer wirklichen Reform⸗ partei zu thun. So war in Nr. 21 der anti⸗ semitischenVolkswacht zu lesen:

Der Windbeutelbund, auch Bund der Landwirte genannt, blitzt manchmal recht gehörig ab und das mit Recht, denn eine solche Gesellschaft, die in Wahlen durch alle möglichen Intriguen gerade unserer Partei gegenüber, das schmählichste geleistet hat, ist nun auch von anderer Seite erkannt. In Assamstadt(Baden) wurde dem Herrn Ver- bandsredner derartig von Mitgliedern des Badischen Bauernvereins die Wahrheit gesagt, daß ihm das Wiederkommen wohl vergehen wird. Auch wir werden, wo wir die Lügen⸗ beutel finden, zum Tempel hinauswerfen; ist doch der ganze Bund in Hessen weiter nichts als eine Herde Offiziere ohne Soldaten und nur dafür da, um für die verkrachte national⸗ liberale Partei, die schon längst ohne denselben selig entschlafen wäre, die Wahlen zu machen.

Diese Ausführungen machten die Runde durch verschiedene Zeitungen. Jetzt leistet Herr Hirschel mit seiner Namensunterschrift in folgenden Zeilen Abbitte für den rollenwidrigen Seitensprung:

Die Aufnahme dieses Artikels ist während meiner Abwesenheit ohne mein Wissen erfolgt