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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
8 Unterhaltungs⸗Theil.
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Dunkle Mächte.
71 Roman von Elise Langer.
Am Abend, nachdem er das Brautpaar ein⸗ geladen hatte, sagte er beim Thee zu Fräulein von Saldeck:
Ich werde Sie bitten, nächsten Donnerstag uns ein kleines hübsches Souper herzurichten, wie sie es so trefflich verstehen. Ich habe Freund Kolweit, von dem ich Ihnen schon erzählt, und seine Braut, Fräulein Maihöfer, eingeladen. Die Dame kenne ich nicht. Kolweit aber ist ein lieber Kerl, bei all seinen Erfahrungen und seiner Gelehrsamkeit ein wahres Kindergemüth. Er wird Ihnen sicherlich gefallen.“
Fräulein von Saldeck gang mit der größten Bereitwilligkeit auf seine Wünsche ein und ver⸗ sprach, ihr Bestes zu thun.
Die Unruhe, welche Brandt erfaßt hatte und
deren wahre Ursache, nämlich, daß er in seinen
„reizenden Hausgeist“ verliebt sei, er sich nicht eingestehen wollte, war von Fräulein von Saldeck nicht unbemerkt geblieben und sofort richtig ge⸗ deutet worden. Sie war mit ihren dreiund⸗ zwanzig Jahren nicht unerfahren in der Liebe. Eine tiefe Herzensneigung hatte sie bereits in ihrer ersten Jugendblüthe der Eifersucht und den Intriguen ihrer frivolen Stiefmutter zum Opfer fallen sehen, und die Eiseskälte, welche sich seitdem um ihr Herz gelagert, hatte sie vor den mannigfachen Versuchungen b schützt, denen sie in ihren Kreisen ausgesetzt gewesen. Aber um so schärfer hatte sie das Treiben derselben beobachtet, was zu ihrer völligen Abwendung von ihnen geführt hatte.
Brandts Persönlichkeit hatte gleich bei der ersten Bekanntschaft einen starken Eindruck auf sie gemacht, der sich im Laufe ihres Zusammen⸗ lebens beständig steigerte. Die leidenschaftliche Zuneigung, die auch er für sie gefaßt zu haben schien, erfüllte sie mit einem Glücksgefühl, dem sie auf ihrem Zimmer, nach abgethanen Tages⸗ geschäften, mit den schlafenden Kindern daneben und einer Handarbeit oder einem Buch im Schooß, still lächelnd nachhing. Sie war ehrlich genug, sich zu gestehen, daß es ein erstcebenswerthes Ziel wäre, in diesem Hause Anker zu werfen. Waren doch die Verhältnisse wie dazu geschaffen. Alles stimmte vortrefflich. Brandt war, wie sie wähnte, frei, sie stand allein in der Welt, er brauchte eine Hausfrau, eine Mutter für seine Kinder. Alter, Lebensstellung, alles paßte zu⸗ sammen. Sie hätte kein Weib sein müssen, wenn sie nicht an eine Heirath gedacht hätte.
Mittlerweile kam der Donnerstag heran.
Käte Maihöfer war über die ihr von Kol⸗ weit überbrachte Einladung von Doktor Brandt anfangs ein wenig erschrocken. Sie hatte von der geistigen Bedeutung dieses Mannes, von dem sie neuerdings so viel sprechen gehört, eine sehr hohe Vorstellung und dachte trotz ihres vierjährigen Umgangs mit Kolweit zu bescheiden von sich selbst, um nicht immer ein wenig Scheu zu empfinden, wenn es galt, aus ihrem ge⸗ wohnten Kreise herauszutreten. Diesmal kam sie jedoch leicht darüber hinweg. Sollte sie doch an ihres Bernhards Seite, dessen Gattin sie nun bald sein würde, sich in das fremde Haus begeben.
Als sie zu dem Besuche geschmückt, in ihrem feinen grauen Kaschmirkleide, das sie sich zur Aussteuer angeschafft hatte, in die Wohnstube trat, wo Kolwelt sie bereits erwart⸗te, umringten die Geschwister sie voll Bewunderung. Auch der Vater kam aus seiner Hinterstube herbei, um seine Tochter in ihrem neuen Staate zu sehen. Er war durch die bevorstehende Heirath faft ebenso aufgeregt, wie Lehnchen und Fritz, während die Mutter ihre gewohnte Ruhe bewahrte. Unter allseitigen Wünschen, sich gut zu unterhalten, machte sich das Paar zu Brandt auf den Weg.
Dort stand alles zu seinem Empfang bereit. Gleich nach der Begrüßung im Salon, wo ein lustiges Kaminfeuer brannte, und die Kinder
noch anwesend waren, um den Gästen vorgestellt
zu werden und dann zu verschwinden, öffneten sich die Flügelthüren und zeigten im Neben⸗ zimmer den einladend servirten Tisch. Brandt reichte Fräulein Maihöfer, Kolweit der Re⸗ präsentantin der Hausfrau den Arm. Die kleine Tafelrunde befand sich bald in lebhaftem Ge⸗ spräch, zu dem die in kurzem stattfindende Ver⸗ mählung des Brautpaares den nächsten Stoff lieferte. Ueber die Wohnungsfrage, den Ein⸗ kauf der Möbel und wo sie am geschmackvollsten und preiswürdigsten wären, wurde lebhast hin und her gesprochen. Die Damen machten den günstigsten Eindruck aufeinander, und jeder der beiden Herren war von seiner Nachbarin entzückt. Kolweit betrachtete mit naiver Bewunderung die elegante Erscheinung Helmas, die heute noch durch ein reizendes Hauskostüm gewarn, sowie ihr ruhiges Walten bei Tisch, ohne daß sie die Hilfe des Dienstmädchens, dessen Anwesenheit Brandt nicht liebte, in Anspruch nahm. Brandt seinerseits fand entschiedenes Wohlgefallen an der leicht aufgebauten Gestalt, dem frischen, freundlichen Gesicht und heiteren Wesen der Braut seines Freundes, der sich einer harmlos übermüthigen Fröhlichkeit überließ. Brandt ent⸗ faltete eine glänzende Unterhaltungsgabe, er war unernüdlich im Erzählen, von Genf, von seinem Flüchtlingsleben, wobei er seine satirische Ader ergötzlich spielen ließ. Die anregende Unter⸗ haltung, die ausgesuchten Schüsseln und der reichlich genossene Wein hatten die fröhlichste Stimmung erzeugt. Es war schon spät, als man sich trennte.
Kolweils erste Frage, als er mit seiner Braut auf die Straße trat, war:„Nun, wie hat Dir Freund Brandt gefallen?“
„Ehelich gestanden, gar nicht“, erwiderte Käte trocken.
„Wieso? Was hast Du gegen ihn?“
„Das ist ein gefährlicher Mensch. Hast Du denn nicht bemerkt, wie er das Fräulein mit⸗ unter ansah? Der Blick hat mir nicht ge⸗ fallen.“
„Er ist natürlich in sie verliebt, das ist nicht zu verwundern. Ein reizendes Mädchen. Vielleicht werden sie noch ein Paar.“
„Hm, ich weiß nicht. Kurz und gut, er flößt mir kein Vertrauen ein. Bernhard, fie Dich nur gut mit ihm vor.“
„Du ahnungsvoller Engel Du,“ scherzte Kolweit und drückte den Arm, der in dem seinigen ruhte, zärtlich an sich.
VI.
Die materiellen Verhältnisse der Familie Maihöfer wurden dahin geordnet, daß man das Geschäft an eine bisherige Gehilfin mit kleiner An⸗ und vierteljährlicher Abzahlung verkauste, welche Summe zur theilweisen Unterhaltung der Wirthschaft bestimmt wurde. Das Fehlende steuerte das junge Paar bei, welches außerdem Fritz zu sich nahm, für dessen Erziehung es ganz und gar sorgen wollte.
So wurde denn Hochzeit gemacht. Die standesamtliche Trauung war dazumal noch nicht eingeführt und die freie Gemeinde noch nicht als gleichberechtigt Religionsgesellschaft vom Staate anerkannt. Das Paar mußte sich wohl oder übel in der Kirche trauen lassen. Um jedes Aufsehen zu vermeiden, wählte man hier⸗ zu eine frühe Morgenstunde. Fräulein Käte trug ein einfaches schwarzes Seidenkleid. Allen übrigen Schmuck ersetzte das frische Roth ihrer Wangen und der Glanz ihrer feuchtschimmernden Augen. Ein schmales Myrtenkränzchen umschloß die weiße Stirn. In Herrn Maihöfers Augen war die Trauung in der Kirche null und nichtig, und so hielt er, um dem Ehebündniß die rechte Weihe zu geben, zu Hause noch eine feierliche Ansprache an das junge Paar. Als Gäste und Trauzeugen waren nur zwei alte Freunde der Familie und Doktor Brand zugegen. Fräulein von Saldeck hatte der auch an sie ergangenen Einladung nicht folgen können, weil Emmy seit einiger Zeit kränkelte und sie das Kind nicht allein lassen wollte. Brandt hatte es sehr eilig, die Redaktionsarbeit dränge. Er aß einen
Bissen von dem dargebotenen Frühstück, trank 9
Abschied von der Mutter war für Käte tief er⸗ greifend. Ihre stumme Umarmung sagte mehr, als des Vaters salbungsvollsten Segensworte. Zu Kolweit sagte Frau Maihöfer nur:„Lassen Sie ihre Frau nicht vereinsamen“, und dieser verstand, was sie meinte. Ein fester, treuer Blick gab Antwort darauf.
Brandt war in der folgenden Zeit vielfach verstimmt. Die fortdauernde Kränklichkeit Emmys machte ihn um das zarte Pflänzchen besorgt. Kein Mittel wollte anschlagen. Der Arzt meinte, das Kind vertrüge das Klima nicht. Der Winter war auch ausnehmend rauh, sodaß die täglichen Spaziergänge, auf die Brandt besonders hielt, eingestellt werden mußten. Darunter litt nun wieder der kräftige Charles, denn das Fräu⸗ lein durfte sich von Emmy nicht entfernen, und Brandt hatte am Tage keine Zeit, mit ihm aus⸗ zugehen. Zuweilen kam Frau Kolweit mit Fritz und holte den Knaben zu einem Spaziergange ab. Brandt war der jungen Frau äußerst dankbar dafür, aber der gehoffte gesellige Ver- kehr wollte unter diesen Umständen nicht ins Geleise kommen. Kolweits Einladungen schlug Doktor Brandt meistens Emmy wegen aus; so übertrieben diese Aengstlichkeit auch Käten er⸗ schien, so stimmte sie die väterliche Liebe, die sich darin verrieth, doch milder gegen ihn.
Die Abende waren für Brandt jetzt um so böser, als Helma nur immer rasch den Thee besorgte und dann wieder zurück an das Bettchen der kleinen Patientin eilte, die sanft und ge⸗ duldig war, aber das Fräulein stets um sich haben wollte. Je mehr er nun Helma ent⸗ behren mußte, je heftiger wurde seine Leiden⸗ schaft für sie. Eine Zeitlang suchte er diese zu bekämpfen und sich durch die großstädtischen Zer⸗ streuungen zu betäuben. Aber der Zauber wurde dadurch nicht gebrochen. Sie selbst ahnte seinen Zustand und saß ihm mit bang klopfendem Herzen und rasch wechselnder Farbe bei ihren einsamen Mahlzeiten gegenüber. Seine Blicke schienen sie zu verzehren und jeden Augenblick erwartete sie ein Liebesgeftändniß. Daß es nicht erfolgte, war ihr ein Räthsel. Das ganze Haus war mit einer Schwüle erfüllt, die immer unerträglicher wurde.
Eines Abende, als sie ihm Gutenacht wünschte, sah er sie mit düster glühenden Augen an, sprang von seinem Stuhle auf und that einige Schritte auf sie zu. Dann aber blieb er plötz⸗ lich stehen. Seine Brust hob und senkte sich rasch. Sie sah ihn groß und fragend an. Er griff sich an den Hemdkragen, als glaubte er zu ersticken, dann winkte er nur stumm, daß sie sich entfernen sollte und schritt hastig nach seinem Zimmer.
Während Helma sich vergebens den Auftritt zu erklären suchte, stürmte er fort, zum Hause hinaus, abgerissene Worte murmelnd:„Tollheit — was hat sie— alberne Prätensionen— heirathen, ha, ha, ha!“ Er lachte laut auf, sodaß sich die Vorübergehenden nach ihm um⸗ drehten. Eine Zeitlang irrte er in den Straßen umher. Dann lenkte er seine Schritte wieder heimwärts. Ein Gedanke führte ihn zurück. War er nicht der Herr im Hause? Standen ihm nicht alle Räume offen? Konnte er nicht sein Töchterchen zu jeder Zeit, wann es ihm be⸗ liebte, besuchen, zumal jetzt, da es krank war? Sollte ihm, dem Vater, das Zimmer seiner Kinder verschlossen sein, weil der Weg dahin durch das Zimmer Helmas führte? War er nicht ein Thor gewesen, bisher so zarte Rück⸗ sichten zu nehmen?
(Fortsetzung folgt.)
Gesundheitspflege in der herbstlichen Jahreszeit. Von Dr. Otto Gotthilf. Schon wieder ist der Herbst gekommen.
Wohl bringt er noch schöne, herrliche Tage, oft
sogar die klarsten des ganzen Jahres, wo man
von der Berge weitschauenden Gipfeln das erg
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ein Glas Wein und entfernte sich. Kolweit war natürlich heute von der Arbeit befreit. Der
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