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Nr. 41.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
beiter, die lieber einige Schichten als ihr Leben opfern wollten, weigerten sich, zu arbeiten. Man bewog sie aber— wie das geschieht, ist ja be— kannt— weiter zu arbeiten.... eine halbe Stunde später war das Unglück geschehen. Aber noch immer wäre das Unglück nicht so groß ge— wesen, wäre wenigstens sonst alles in Ordnung gewesen. Aber man hatte selbst angesichts der großen Gefahr nicht über sich gebracht, die paar Kreuzer zu opfern, um die Grube anständig zu berieseln und so die Entwickelung des Kohlenstaubes zu verhindern, man hatte es nicht über das Herz gebracht, bei der Bewältig⸗— ung des Brandes für die nothwen⸗ dige Ueberwachung zu sorgen. Und so nahm die Katastrophe diesen ungeheuren Umfang an, der sie den größten Katastrophen anreiht. Der Frisch Glück-Schacht gehört der Brüxer Bergbaugesellschaft; der Name scheint das einzige zu sein, was die Gesellschaft für die Sicherheit in dem gefährlichen Schachte vorkehrte. Das sind dieselben Leute, die die Bergarbeiter nach heldenmüthigem Widerstande wieder in das Joch gezwungen, sie um die Früchte des dreimonat— lichen Kampfes geprellt haben.— Unter den Ver⸗ unglückten befinden sich auch mehrere unserer Parteigenossen, die sich die Organisation der Bergarbeiter angelegen sein ließen. Die um Naumann.
„Parteitag“ nennen die paar putzigen Männchen, so sich„nationalsozial“ nennen, ihr diesjähriges„Kränzchen“ in Leipzig. Schade daß die„Partei“ noch fehlt, und daß die großen Worte im umgekehrten Verhältniß zur Zahl der Parteigenossen stehen.
Um das„soziale“ Gerede dieser Herren bekümmert sich schon längst Niemand mehr; Leute, die Arbeiterschutz wollen und bei Wah⸗ len den Scharfmachern Vorspann leisten, die den Brodwucher bekämpfen und Hoch schutzzöll⸗ nern nach ihren schwachen Kräften Reichstags— mandate verschaffen helfen; die die Arbeiterbe— wegung unterstützen wollen und im Verdächtigen und Beschimpfen der Arbeiterklasse und ihrer Führer getrost mit Herrn Stöcker und den Seinen in Wettbewerb treten, könnten solche Leute können nicht verlangen, daß man ihre Sozialpolitik ernst nimmt.— Das sehen wohl die Herren auch selbst ein, daß auf diesem Ge- biete der Gimpelfang geringe Erfolge aufzu- weisen hat und deßhalb wird mit um so größe- rer Inbrunst die nationale Flöte von diesen politischen Rattenfängern geblasen. Es ist zwei⸗ fellos, daß in Kreisen, die für das Chinaaben— teuer schwärmten, allmählich eine katzenjammer⸗ liche Stimmung einzieht. Der Rückgang der Kurse, das Stocken in einer ganzen Anzahl
Industriezweige, die Unsicherheit der ganzen wirthschaftliche Lage, dies alles noch verschärft und zum Theil veranlaßt durch den„Kreuz— zug“ nach China, erweckt in weitesten Kreisen Unbehagen und Angst. Dazu kommt in immer stärkerem Maße der Widerwille gegen das By— zantiner⸗ und Streberthum, das aus Deutsch⸗ land eine Kinderstube gefüllt mit Idioten und Hurraschreien machen will. Gerade in den ge— bildeten Schichten des Volkes, welche sonst alle die phantastischen Weltmachtspläne billigen und schüren helfen, nimmt man doch hier und da Anstoß an der Proklamirung vormittelalter— licher Kriegsgebräuche und ihren verheerenden Folgen auf die Kultur.
Und so zieht denn auch Herr Damaschke in Leipzig gegen die„Hunnenpolitik“ des Pfar⸗ res Naumann zu Felde. Ihm wird ungemüth— lich bei dem blutigen Geschreibsel des Pardon— verweigernden christlichen Parteigenossen Nau— mann und sanft bittet er, doch beschließen zu wollen, daß der„Parteitag“ den Hunnenartikel der„Hilfe“ zur Privatsache Naumanns erklä— ren möge. Aber Herr Damaschke kam schön an, die Herren Naumann, Sohm, Gregory, v. Ger— lach usw. bewiesen ihm klar und deutlich, daß Christenthum und Hunnenmoral recht hübsch unter einem Dache wohnen können.„Wenn ein Staat den Krieg für nöthig er⸗ achtet, so sei vom Standpunkt des Christenthums nichts dagegen ein⸗ zuwenden, versichert Herr Sohm ganz ge— müthlich und nun war auch Herr Damaschke so
Stellung zu dem Hunnenartikel der Hilfe zu nehmen. Und diesem mannhaften Beschluß stim⸗ te die verehrte Versammlung einmüthig zu. So sieht die Gesellschaft aus, die die„Erb— schaft“ der Sozialdemokratie in der Arbeiter— bewegung antreten will. Sie unterschätzen doch das Kultur⸗Niveau der Arbeiter um ein Er— kleckliches, wenn sie glauben, dieselben auf den Standpunkt der„Hilfe“ und ihrer Ma— cher herunterziehen zu können. Nicht im Krieg erwächst dem Volke Heil, sondern im fried-⸗ lichen Wettbewerb der Völker gedeiht Frei— heit und Wohlfahrt. Pflicht der Arbei⸗ ter ist es, der völkerverhetzenden Thä⸗ tigkeit dieser Partei von Pfaffen und Pro— fessoren zu zeigen, daß sie nicht geneigt sind, ihnen zu Liebe aus einer Partei der Näch⸗ stenliebe und Brüderlichkeit eine solche von Hunnen und Barbaren zu gestalten. Das mögen sich die paar anmaßenden, schulmeistern— den, wunderlichen Christen gesagt sein lassen.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 4. Oktbr.
Die„Hessische Landeszeitung antwortete auf unsere berechtigte Kritik ihrer Berichte über den„Mainzer Parteitag“, wir stem⸗ pelten Jeden zum Volksverräther, der nicht unserer Meinung sei. Das stimmt nicht. Wir nehmen es keinem Gegner übel, unsere Be— schlüsse und die Partei zu kritisiren, wie er Lust hat. Was man aber verlangen kann, we—
nigstens von einem anständigen Gegner, ist ein wahrheitsgemäßer Bericht. Wenn aber in den Berichten vom„Waschen schmutziger Wäsche“ gesprochen wird, so ist dies eben eine Unwahrheit.
Oeffentliche Versammlungen. Die Schreiner hielten am 29. September und die Zimmerleute am 30. September im Lokale des Herrn Müller öffentliche Versammlungen ab mit der Tagesordnung:„Warum organisiren wir uns?“ Beide Versammlungen, in welchen Refe- renten aus Frankfurt anwesend waren, hatten einen guten Besuch aufzuweisen, die der Schrei— ner hätte aber doch noch etwas besser besucht sein können. Die Referenten erledigten sich ihrer Aufgabe in gewohnter Weise: Die Anwesenden auffordernd, in die Organisationen einzutreten, und mit für eine bessere Lebensweise der Ar— beiter zu kämpfen.
Etwas aus Schilda. Unsere Polizei giebt sich die größte Mühe, etwaiger Verbrecher habhaftig zu werden. Hat sie solche erwischt, so werden diese fürsorglich in das— Arbeits— haus gesteckt, damit ihnen Gelegenheit geboten wird, bei der Dunkelheit, wenn alle Katzen grau sind, wieder zu entspringen. Ein Schwindler, welcher schon sehr viel auf dem Kerbholz hat, suchte hier die ersten Hotels auf, spielte Karten, machte Bekanntschaft mit den Reisenden, erfuhr dessen Namen, sowie die Firma, bei welcher dieser beschäftigt war, telegraphirte dann an den Herrn Chef:„Die Geldverlegenheit sei groß usw.“ und hatte auch meistens den gewünschten Erfolg. Als der Schwindler aber hier auf dem Postamte zu auffällig sich benahm, schöpfte der Postbeamte Verdacht, requirirte die Polizei und ließ ihn festnehmen. Alles Sträuben des so gründlich Hineingefallenen und seine Versiche— rung, er sei ein rechtschaffener Mensch, half nichts; er mußte mit zur Wache. Die Polizei hatte einen guten Fang gemacht. Bis hierher hatte sich die Sache ganz gut gemacht. Der Knallefekt kommt aber nach. Anstatt den Schwindler ins Gefängniß zu stecken, wurde er in das— Arbeitshaus gebracht, wo er dann auch glücklich in der Nacht wieder ausgebrochen ist. Am andern Morgen wurde dann die Polizei— mannschaft, soweit es eben angängig, auf— geboten, um auf den Frevler zu fahnden, der die Gutmüthigkeit der Polizei so sehr miß— braucht hatte. Das Erwischen ging sehr rasch, das Ent wischen aber noch viel schneller von statten. Durch ein Haus in der Wettergasse in die Gärten hinein über Hecken und Sträucher verschwand der Missethäter, von wo aus dann der so glücklich Erwischte nicht mehr zu finden war. Diese Geschichte ist thatsächlich in Mar—
gerührt, daß er dem Parteitag empfahl, keine burg passirt, nicht etwa der Chronik von
Schilda entnommen.— Wie nachträglich ver⸗ lautet, soll der Schwindler in Cassel gefaßt wor⸗ den sein.
Aus der besseren Gesellschaft. Vor einigen Tagen kam ein Herr, der besseren Ge- sellschaftsklasse angehörig, mit der Bahn nach unserer Musenstadt, um sich hier auf seine Art zu vergnügen. Der Biedere hatte aber die Rech⸗ nung ohne den— Droschkenkutscher gemacht. Auf den Vorplatz des Bahnhofes herausgetreten, trat der Geschniegelte und Gestriegelte an einen Droschkenkutscher heran mit dem Bemerken:„er möchte'mal in ein Haus gefahren werden, wo viele Mädchen sind.“ Der Droschkenkutscher, etwas unerfahren, wußte eigentlich nicht so recht, was der„feine Herr“ wollte. Ein Marburger Original, welches am Hauptbahnhof seine Zu⸗ fluchtsstätte aufgeschlagen hat, hörte das Ge⸗ spräch der Beiden und meinte zu dem Droschken— kutscher:„Du, fahre den Herrn nach der Ent— bindungsanstalt, da sind viele Mädchen.“ Gesagt, gethan. In einigen Minuten war der Kutscher an dem betreffenden Hause angelangt, erhielt für seine Fahrt einen halben Thaler und der Herr verschwand in der— Entbindungsanstalt. Der Kutscher verschwand im Nu von der Bild⸗ fläche. Jedenfalls wird der Wollüstling ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben, als er diese Räume betrat. Abends traf dann der Herr un⸗ seren biederen Rosselenker und machte ihn ge— hörig den Schweinehund, wie er überhaupt sich so etwas erlauben könnte. Daß der Kutscher sich natürlich von dem so gründlich Hereinge— fallenen keine Grobheiten sagen ließ, kann man sich wohl denken und soll es auch bei bloßen Zärtlichkeiten nicht geblieben sein.
Kleine Mittheilungen.
* Weilburg. Der Bergverwalter Faß⸗ bender der Hirzenhain-Lollarer Eisenwerke wurde infolge Scheuwerdens der Pferde aus seinem Wagen geschleudert und starb bald darauf.
* In Ronhausen bei Marburg brach ein Maurergerüst, auf dem drei Arbeiter standen, zusammen. Die Leute wurden zum Glück nicht schwer verletzt; einer fiel mit der Hand in eine Dunggabel.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 6. Oktober:
Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löbe, „Wiener Hof“. Vortrag des Genossen Vetters über Heinrich Heine.
Gießen. Metallarbeiter abends ½9 Uhr bei Orbig.
Gießen. Brauer und Küfer. Monatsversammlung
abds. /9 Uhr bei Thoma, Bahnhofstr. 43. Montag, 8. Oktober: Gießen. Schneider abends 9 Uhr bei Orbig.
Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen. Sonntag, den 21. Oktober, Nachmittags 4 Uhr, im Lokale des Herrn Löb,„8 um
Wiener Hof“ in Gießen Parteiversammlung. Tagesordnung: 1. Jahres⸗ und Kassenbericht des Kreisvertrauensmannes. 2. Berichterstattung vom Par- teitag in Mainz. 3. Neuwahl des Kreisvertrauensmannes. 4. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. Briefkasten. A. 100. Aber lieber Freund, meinen Sie, wir hätten sonst weiter nichts zu thun? Zu unserm Leidwesen wird uns mehr als genug zum„rathen“ aufgegeben.— Ein Schulkind erbarmte sich Ihrer Schmerzen und brachte „Mittelstand“ heraus.
Deutscher Metallarbeiter⸗Verband
Zahlstelle Gießen. Samstag, den 6. Oktober, Abends /9 Uhr, im Lokale von Orbig, Rittergasse.
Mitgliederversammlung.
Vortrag des Herrn E. Krumm. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Die Ortsverwaltung.
Gießener Stadttheater
Sonntag, den 7. Oktober Auf eigenen Füßen. Große Gesangsposse in 6 Bildern von J. Pohl und N. Wilken, Musik von Conradi. Dienstag, den 9. Oktober 1. Volksvorstellung Uriel Acosta. Trauerspiel in 5 Akten von Karl Gutzkow. Mittwoch, den 10. Oktober Vasantasena. Ein indisches Drama des Königs Sudraka in 5 Akten von Emil Kohl. Freitag, den 12. Oktober Die offizielle Frau. Sensationsschauspiel in 4 Akten.


