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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 1.

ungen der Truppenführer den Vorsitz einneh⸗ men, aber er wird keine unmittelbaren Befehls- haberrechte über die nichtdeutschen Truppen und ihre Führer auszuüben haben, nur bei Stim⸗ mengleichheit im Kriegsrath wird seine Stimme ausschlaggebend sein.

Zugleich läßt die Londoner Daily Mail sich aus Schanghai melden, daß die französi⸗ schen, russischen und amerikanischen Offiziere sich weigerten, sich unter den Oberbefehl des Grafen Waldersee zu stellen, so lange noch keine kriegerischen Operationen begonnen hätten.

Rückzug. Die Vorbereitungen für die Zu⸗ rückziehung der amerikanischen Truppen sind begonnen worden. Wie man hört, wird ein Regiment Infanterie, eine Schwadron Ka⸗ vallerie und eine Batterie Artillerie in Pe⸗ king zurückgelassen zum Schutze der amerikani⸗ schen Interessen. Der Rest der Truppen wird nach Manila auf den Philippinen gehen.

Auch die englischen und russischen Truppen werden zum Theil aus Peking zurückgezogen.

Der Krieg in Südafrika.

Neuere Depeschen beweisen, daß die Buren durchaus nicht entmuthigt sind, sondern den Kampf sogar im Oranje-⸗Freistaat fortsetzen.

Am Donuerstag griffen die Buren eine britische Patrouille in der Nähe von Heidel⸗ berg an; ein britischer Offizier und ein Ge⸗ meiner wurden gefangen genommen, ein Ge⸗ meiner wurde getödtet, vier andere wurden ver wundet.

In Komatipoort fand eine furchtbare Explosion statt, während englische Solda⸗ ten Munition, die von den Buren im Stich gelassen war, vernichteten. Zwanzig Gordon Hochländer wurden getödtet.

Was den Engländern noch bevorsteht, ergiebt sich aus einer Nachricht der Morning Post aus Pretoria! Barend Vorster, eines der schlimmsten Mitglieder der alten Volksraad⸗ Partei hat im Distrikt Zoutpansberg eine Re⸗ publik hergestellt. Botha sei mit 2 000 Bu⸗ ren abmarschirt, um sich Vorster in Pieters⸗ burg anzuschließen.

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Bürgermeisterwahl. Im Gießener Anzeiger liest man: Ueber die Neubesetzung der Stelle des Oberbürger⸗ meisters ist bisher nicht mehr zu erfahren, als daß die Vorschlagskommission zwar mehr⸗ fach berathen hat, über ihren Antrag an die Stadtverordneten aber noch nicht ins Reine gekommen ist. Infolge der langen Geheim⸗ nißthuerei der Kommission haben in den letzten Tagen private Besprechungen einer An- zahl von Stadtverordneten stattgefunden, wo⸗ bei zu erkennen gegeben wurde, daß man den geeigneten Mann in einem Juristen aus Oberhessen gefunden zu haben glaubt, der auch bereits bei den Berathungen der Kommis sion in die engere Wahl gekommen sein soll. Wie wir hören, hat die Kommission sämmt liche Bewerber aus Hessen, unter denen sich sehr fähige und für diesen Posten geeignete Männer befinden, nicht berücksichtigt, sondern drei bisherige Verwaltungsbeamte preußi scher Städte vorgeschlagen. Das Vorgehen der Kommission hat unter den übrigen Stadtver ordneten eine Unzufriegenheit, sogar Erregung hervorgerufen, die gewiß nicht unberechtigt ist; Ob man aber im entscheidenden Augenblick gegen die Vorschläge der Kommission wirklich ernsthaft opponiren wird und einenpreußischen Bür⸗ germeister ablehnt, muß erst noch abgewartet werden.

Parteiversammlung. Für Gießen ziemlich schwach besucht war die Versammlung, in welcher am Dienstag unser Delegirter, Ge nosse Orbig, über den Parteitag Bericht er stattete. Referent bezeichnete es als ein Zei chen von Festigkeit der Partei, daß dieser Par

teitag ruhiger als seine Vorgänger verlief. Auch die Berichte des Vorstandes und der Reichs- tagsfraktion veranlaßten keine erheblichen Dis⸗ kussionen, ein Beweis, daß man mit der Thä⸗ tigkeit dieser Körperschaften einverstanden war. Redner verbreitete sich dann eingehend über die weiteren Berathungsgegenstände und ihre Erledigung vom Parteitage. Unsere Leser sind durch den Bericht in den beiden letzten Nummern derM. S.⸗Ztg. über die Mainzer Verhand lungen unterrichtet, so daß wir hierauf nicht weiter einzugehen brauchen. An die Ausfüh⸗ rungen des Referenten knüpfte sich eine kurze Diskussion, an der sich die Genossen Krumm und Vetters betheiligten. Mit den Beschlüssen unseres Arbeiterparlaments erklärte sich die Versammlung einverstanden. Nach Erledigung einer Beschwerdesache wurde dieselbe geschlossen.

Das Stiftungsfest des Schnei⸗ der verbandes, das am Samstag im Cafee Leib stattfand, erfreute sich eines guten Besuchs und verlief zur Zufriedenheit der Theilnehmer. Trotzdem sind wir der Meinung, daß bei sol chen Veranstaltungen etwas mehr in Deklama⸗ tionen, humoristischen Gesangsvorträgen ꝛc. ge⸗ boten werden müßte, damit auch diejenigen, die am Tanzen wenigen Vergnügen finden, auf ihre Rechnung kommen! Mit geringen Opfern an Zeit und Mühe ist das erreichbar.(In der letzten Nummer waren in der das Fest betref⸗ fenden Notiz einige Satzfehler bei der Kor- rektur übersehen worden, welche die freundlichen Leser wohl von selbst berichtigt haben werden).

Das Schwurgericht verurtheilte am Samstag nach zweitägiger Verhandlung den 30 Jahre alten Julius Friedrich Th. Ree, einen Sohn des in Bleichenbach gestorbenen ev. Pfarrers, Dekans und Kirchenraths, wegen Meineids zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren. Nach dem Tode des Vaters sank der Angeklagte, der schon vorher ein lüderliches Leben geführt hatte, immer tiefer. Er ver⸗ praßte den Rest des väterlichen Vermögens und war dann auf Borg und Mildthaten angewie⸗ sen. Am 6. und 7. März hat er in einer Pri⸗ vatklagesache vor dem Schöffengericht Orten berg falsch geschworen, um der Verklagten, bei der er häufig Unterkunft fand und die er auch angeborgt hatte, ein obsiegendes Urtheil zu verschaffen.

Eine verrückte Komödie.

Der Abgeordnete für Gießen, Bürgermeister Köhler von Langsdorf hat sich einen Aufruf geleistet, der bei allen vernünftigen Menschen, die ihn zu lesen bekommen, ungeheuere Heiterkeit entfesseln dürfte. In demselben wird mit geradezu hündischer Schweif⸗ wedelei die Königin von Holland vergöttert, weil sie es angeblich gewagt habe, den greisen ee eee ee, Rachen der englischen Bluthunde zu entreißen. Köhler bittet im Namen des hessischen Bauern⸗Bundesalle Volksge⸗ nossen, einerlei welcher Partei sie angehören, sollen am 8. Oktober nach König im Oden⸗ wald wallfahrten, um der dort zu Besuch weilen⸗ den Königin von Holland eine Ovation darzu⸗ bringen. Am Schluß läßt sich der Teutone Köhler in folgenden Tönen vernehmen:

Darum legt denn Gott seinen sichtlichen

Segen auf diese königliche Jungfrau! Der göttlichen Jeanne D'Arc, der völker⸗ befreienden Jungfrau von Orleans vergleich bar, wird fortan ihr lichtes Banner den Völ⸗ kern voranschweben, die nun ihrer rechten Führer verlustig sind, und Gott wird dem Rechte trotz alledem zum endlichen Siege ver helfen! So kommt denn Alle, Alle herzu, und huldigt Ihr Alle, der Gottgesandten, die Einzig vor Allen!!! das Banner der Gerechtigkeit aufpflanzte, die fürderhin es hochhält, der Edelsten und Tapfersten, Ihrer Maj. der Königin Wilhelmine von Holland!

Die an dem südafrikanischen Kriege und Allem, was damit zusammenhängt, ganz un schuldige Königin wird gar nicht wissen, mit was sie eigentlich eine solche Ehrung verdient hat, sintemalen in Holland die Königin nichts oder nur ganz wenig in die Regierungsgeschäfte hineinzureden hat, diese vielmehr ganz in die Hände der verantwortlichen Minister gelegt sind. Unser Offenbacher Parteiorgan hat ganz

Recht, wenn es zu dieser Komödie sagt: Die ganze Aktion scheint mehr dem Reklamebedürfniß des Bauernbundes als der großen Burenbegeisterung entsprungen zu sein. Viel wird dabei nicht her⸗ auskommen.

Aus Wetzlar.

Nach Naumann Stöcker! Kaum hat ein Theil oder vielmehr eine Richtung derpoli⸗ tischen Pastoren seine Konferenz in Leipzig be⸗ endet, haben wir jetzt das Vergnügen, uns ein ähnliches Schauspiel in nächster Nähe anzu⸗ sehen. Nächste Woche halten die Christlich⸗So⸗ zialen, die Stöckerianer, hier ihren Parteitag ab. Am Dienstag Abend findet eine öffentliche Volksversammlung statt, in der über die Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie ꝛc. verhandelt werden soll. Herr Stöcker steigt selbst zum Volke herab, um zum so und sovielten Male die Sozialdemokratie zu vernichten. Wir kön⸗ nen unserer Vernichtung ruhig zusehen.

Ein neuer Landtagskandidat. Mit der Kandidatur des ostpreußischen Regie⸗ rungspräsidenten a. D. von Tieschowitz ist es nichts. Er hat aus Gesundheitsrücksichten abgelehnt. Statt seiner tritt Herr Bergwerks besitzer Roth als Kandidat allernationalen Parteien auf und im Wetzl. Anz. wird für den königstreuen, patriotischen, religiösen, nationa⸗ len ꝛc. Mann gehörig die Pauke geschlagen. Wie dieser gute Mann über die Arbeiterbewe⸗ gung denkt, resp. was er davon versteht, geht aus einer Rede hervor, die er früher hier ge halten hat. Bei dem Jubiläum eines Berg⸗ beamten erklärte er, daßGott sei Dank die Bergleute ein festes Bollwerk gegen die böse Sozialdemokratie bildeten und sich fern hielten von den grünen Jungen, die am Bier⸗ tisch Politik trieben. Das schlechte Zeugniß, was er da den Bergleuten ausstellt, nämlich, daß diese ihre Klassenlage noch nicht erkannt haben, verdienen dieselben leider zum großen Theil. Wird Herr Roth gewählt, woran nicht zu zweifeln ist, so findet er als Abgeordneter Kollegen, die ebenfalls von der Sozialdemo⸗ kratie als von grünen Jungen redeten. An Bedeutung und Ansehen haben aber da⸗ durch die Frege, Klimkowström ꝛc. nicht ge wonnen.

Alsfeld.

=n. Bei allen fortschrittlichen kommunalen Einrichtungen, deren sich unser Gemeinwesen er⸗ freut, als da sind Wasserleitung, elektrische Be⸗ leuchtung u. s. w. macht sich das Fehlen einer Fremden⸗ Herberge unangenehm fühlbar. Am 1. Januar d. J. stellte der seitherige Her⸗ bergsbesitzer seinen Fremdenverkehr ein und es hat sich noch Niemand gefunden, der die Herberge übernehmen wollte, trotzdem in dem Aus⸗ schreiben der Stadtverwaltung noch ein Zuschuß von 100 Mark in Aussicht gestellt wird. Vor einigen Wochen war sogar ein schon bejahrter Wanderer, der nirgends Obdach finden konnte, in einer Straße auf einem Haufen Holz ein⸗ geschlafen, zahlreiche Kinder umstanden den Schlafenden, dessen sich schließlich ein Bürger erbarmte, indem er ihm Nachtlager gewährte. Oft genug sieht man hier des Abends müde Handwerksburschen von Wirthschaft zu Wirth⸗ schaft hinken und vergeblich Unterkunft suchen. Höchste Zeit wäre es, daß die Stadtverwaltung einmal energisch eingriffe und diese Mißstände abstellte. Dazu ist aber nur Aussicht vorhanden, wenn die Arbeiter und Minderbemittelten end⸗ lich einmal Leute aus ihren Kreisen, die Verständniß für die Wohlfahrt der Gesammt⸗ heit haben, in den Gemeinderath entsenden. Hoffentlich gelingt dies bei den nächsten Wahlen.

Das Grubenunglück von Dux, ein Ver⸗

brechen des Kapitalismus.

Ueber die schreckliche Katastrophe in Dux, die bisher 81 Bergleuten das Leben ge⸗ kostet hat, berichtet dieWiener Arbeiter⸗Ztg.: Uebereinstimmend wird von mehreren Seiten angegeben, daß die Arbeiter seit mehreren Tagen Gase verspürten, und der uns vorliegende Be⸗ richt erklärt, woher diese Gase kamen. Infolge eines Wassereinbruches war die Förderung un möglich. Der Profit war in Gefahr, und um ihn zu retten, scheute man sich nicht, die ganze Belegschaft zu gefährden. Ein alter, seit Jahren. nicht mehr benützter Gang wurde geöffnet, ohne daß man es für nothwendig hielt, vorher die

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