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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Deutschen Berg⸗ und Hürtenarbeiter⸗

Verbande angehören. Es handelt sich dabei um Familienväter, welche zwanzig Jahre ihre Kräfte für diese Gesellschaft geopfert haben.

Bei dem Kaiserbesuch aber, am 12. Juni dieses Jahres, prangten am Gewerkenhaus folgende tief empfundene Verse:

Ehre Dir, Bruder Hüttenmann,

Der in des Ofens verzehrender Glut

Schmelzet das schwer erworbene Gut.

Der aas des Schiefers schwarzem Gestein

Läutert so Kupfer als Silber rein,

Daß uns schönes und blankes Geld

Willig zahlt die ganze Welt.

1899 betrug der reine Ueberschuß der Ge⸗ sellschaft zwölfeinhalb Millionen! Darum: 8

Ehre Dir, Bruder Hüttenmann,

Den man aufs Pflaster setzen kann. Professor Delbrück über den Mainzer Parteitag.

Im Oktoberhefte der preußischen Jahr⸗ bücher bespricht Delbrück den sozialdemo⸗ kratischen Parteitag. In der Einleitung fällt er folgendes Urtheil:

Die interessanteste unter den deutschen Parteien ist heute zweifellos die sozialdemokratische. Sie ist die einzige, die Probleme in sich birgt, die einzige, die die Möglichkeit einer Entwickelung bietet, und sie ist zugleich nach der für den Reichstag abgegebenen Stimmenzahl von allen die stärkste. Die anderen Parteien sind alle mehr oder weniger im Stadium der Versteinerung. Es ist möglich, daß sie gelegentlich einer Keisis vollig in die Brüche gehen und Neubildungen an ihre Stelle treten, aber es ist nicht mehr möglich, daß sie aus sich heraus eine That, einen Gedanken, eine Persönlichkeit produ⸗ ziren. Man weiß von vornherein ganz gegau, wie sie sich zu jeder auftauchenden Frage verhalten werden, darum haben sie auch keine Talente mehr; sie haben sie nicht nöthig; sie brauchen nur noch Orgeldreher. Die konservative Partei halt schon lange gar keine Parteitage mehr ab; die nationalliberale hat seit der Frankfurter Blamage auch genug davon; die srei⸗ sinnige lebt überhaupt nar noch hinter verschlossenen Thüren; die große H eerschau des Centrums, der Katholikentag war von einer geistigen Oede, beinahe wie eine Reichstagssitzung; der einzige Partei- tag, dem es der Mühe werth war, zu folgen, war der sozialdemokratische, der einzige, der durch das, was dort geredet und be⸗ schlossen ist, in der inneren Geschichte Deutschlands eine gewisse Bedeutung haben wird.

Delbrück gehört ebenfalls zu unseren Gegnern; in seinen weiteren Ausführungen sagt er auch manches, gegen das wir Einspruch erheben müssen. Aber trotzdem sticht obige Beurtheilung recht vortheilhaft ab von der anmaßenden Schulmessterei, die sich die nationalsozialen Herren unserer Partei gegenüber erlauben.

Ueber das Waarenhaus Tietz, das vorige Woche in Berlin eröffnet wurde, und das in vieler Beziehung alle bisher bestehenden Bazare in den Schatten stellt, schreibt Genosse Calwer in derL. Vtg.: Das Waarenhaus Tietz in der Leipziger Straße wird für viele Wochen ein Hauptanziehungspunkt des Berliner Publikums sein. Das Zuströmen in den ersten Monaten ist zunächst auf die bloße Neugier zu⸗ rückzuführen. Aber die Organisation und Anlage des neuen Riesenbazars wird wohl bald wieder den Beweis von der Ueberlegenheit des Groß⸗ betriebes im Detailhandel erbringen. Es sind eine Reihe neuer Verkaufsgrundsätze bei Tietz aufgestellt worden, deren Durchführung diese

Ueberlegenheit noch fühlbarer als bisher machen

wird. Zunächst will das Warenhaus Tietz den Massenverkauf von Lebensmitteln, namentlich von Konserven, zu den billigsten Preisen aufnehmen und hat dazu umfassende Vorbereitungen getroffen, die auf eine scharfe Konkurrenz für die Kolonial⸗ und Konservenhandlungen in Berlin schließen lassen. Sodann wird im weitesten Maße gekaufte Waare umgetauscht, was bekanntlich in kleineren Geschäften oft sehr schwierig ist. Dort heißt es: gekauft ist gekauft, während Tietz durch sein Ent⸗ gegenkommen das kaufende Publikum stark an⸗ ziehen wird. Endlich ist es für die Käufer einer deutschen Großstadt neu, die schnellste Zusendung der gekauften Waren in die Wohnung gratis zu erhalten. Eine Stunde nach Einkauf soll die Ware an der gewünschten Stelle der Stadt sein. Um diese Leistung vollführen zu können, ist ein großer Wagenpark, alles Selbstfahrer, und ein ganzes Corps von Radfahrern eingestellt worden,

die nichts anders thun, als die gekauften Waaren den Käufern zuzuführen und die eingegangenen Bestellungen zu effektuiren. Alle diese Neuerungen müssen ja erst erprobt werden, ehe sie als be⸗ währt angesehen werden können. Jedenfalls wird das Waarenhaus Tietz ebenso wie bisher Wertheim und alle anderen nichts versäumen, um die Um⸗ wälzung auf dem Gebiete des Detailhandes zu beschleunigen und die Mittelstandspolitiker zu belehren, daß der wirtschaftliche Fortschritt aller gesetzlichen Eingriffe, wie z. B. des Waarenhaüs⸗ steuergesetzes, spottet, daß alle Versuche, diese Ent wickelung zu unterdrücken, ausschließlich dazu führen, die Konkurrenz der Waarenhäuser noch zu verstärken.

Hinzugefügt sei noch, daß die Bedienung des Publikums durch nicht weniger als 2700 An⸗ gestellte erfolgt, unter denen sich allein 500 Hausdiener und Laufburschen befinden. Zwölf Automobilen und vierzig Radfahrer besorgen den Außendienst. Es werden monatlich etwa 200 000 Mark Gehalt ausgezahlt.

Theorie und Praxis der Mittelstandsretter.

Gegen die Waaren häu ser zu eifern und für die Waarenhaussteuer einzutreten, gehört mit zum eisernen Bestande konservativ-antisemitischer Agitation. Auch die frommeKreuzzeitung, das edle Junkerorgan, das seit Langem so ehrlich als möglich mit Gott für König und Vaterland kämpft, hat im Kampfe gegen diejüdischen Waarenhäuser ihr gutes Theil geleistet. Das hinderte aber das Blatt nicht, in seiner Nummer 438 vom 19. September 1900 im redaktionellen Theile eine gut hundert Zeilen lange Reklamenotiz für das Waaren haus Hermann Tietz, das kürzlich in Berlin er⸗ öffnet wurde, zu bringen. Natürlich geschieht dies nur gegen gute Bezahlung. Kann das Blatt auch keinen Juden leiden, so nimmt es doch seine Inseratengelder gern! Dafür wird zwar das Programm der Mittelstandshebung preisgegeben, aber das schadet ja nichts; bis zur Wahl haben das die Rettungsbedürftigen des Mittelstandes längst wieder vergessen, sie werden dann wiederum mit den rückstäudigen Phrasen von Befähigungsnachweis, Waarenhaussteuec ꝛc. abgefüttert und leisten den Kreuzzeitungsleuten getreulich Wahlgefolgschaft.

Rückgang des Autisemitismus.

Wir lesen in der Sächs. Arb.Ztg.: Mit den sächsischen Antisemiten geht es rasend berg ab. Die Zelten, wo noch die gesamte Amtspresse Propaganda für die Reformer machte, sind längst vorüber, und von den kleinen morschen Schifflein, die noch auf der halbausgerrockneten antisemitischen Pfütze existiren, sinkt eins nach dem anderen. In ihrer letzten Nummer kündigt auch die Kamenzer Zeitung ihr Ende an. Das Blättchen wurde vor 14 Jahren gegründet und wurde mit der trüben antisemitischen Flut gehoben. Jetzt liegt es auf dem Trocknen und zeugt als wertloses Wrack vom verflossenen Glanze der antisemitischen Partei.

Politik in Kriegervereinen.

Im Wahlkreise Wanzleben, in dem eine Ersatzwahl zum Reichstage vorzunehmen ist, wurde den Kriegervereinen nachstehendes Zirkular zugestellt:

Kreis⸗Krieger⸗Verband Wanzleben. An sämmtliche Vereine des Kreis-Krieger Verbandes. Aus Anlaß eines Spezialfalls machen wir

im Interesse des Vereins, wie jedes einzelnen

Mitgliedes desselben, kameradschaftlich darauf

aufmerksam, daß es sich mit den Satzungen der

Kriegervereine durchaus nicht verträgt,

wenn Mitglieder derselben bei Wahlen einem

Sozialdemokraten ihre Stimme

geben. Wir ersuchen in der nächsten

Generalversammlung besonders darauf auf

merksam zu machen. i

Mit kameradschaftlichem Gruß! Der Vorstand des Kreis-Krieger⸗Verbands. Bürgermeister Rössing, Vorsitzender.

Helf, was helfen mag! Zwar ist den Krieger⸗

vereinen in den Statuten verboten, sich mit

Politik zu befassen, aber nach der famosen Logik

der Kämpfer für Thron, Altar usw. ist die Zerschmetterung der Sozialdemolratie keine Politik. Ob übrigens diese Beeinflussung etwas nützen wird, ist fraglich. Wie sich bei den Landtagswahlen in Gotha zeigte, wissen auch die Kriegervereinler, soweit sie Arbeiter sind, ihr Interesse wahrzunehmen, indem sie sozialdemo⸗ kratisch wählen. Auch im Kreise Wanzleben wird es eine ganze Anzahl geben, die sich durch das Rundschreiben nicht abhalten lassen werden, ein Gleiches zu thun. Zur Alkoholfrage veröffentlichte der Vorwärts folgende Zuschrift: Nach Ablehnung des Kölner Antrags, die Alko⸗ holfrage auf die Tagesordnnng des nächsten Partei⸗ tags zu setzen, vereinigten sich in Manz eine Anzahl von Genossen und Genossinen, um sich über die weitere Behandlung der Frage schlüssig zu werden. Man war allgemein der Anschauung, daß die Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs von seiten der Partei nicht übergangen werden dürfe und daß man dafür sorgen müsse, daß der Par⸗ teitag zu der Frage Stellung nehme. Nur Ge⸗ nosse Braun⸗Nürnberg war der Meinung, daß die Partei als solche sich mit der Bekämpfung des Alkoholismus nicht zu beschäftigen habe. Er beantragte, dafür zu sorgen, daß in der Presse und den Vereinen auf die Schädlichkeit des Alkoholmißbraauchs hingewiesen, aber von dem Bestreben, die Frage auf dem Parteitag zu behandeln abgesehen werde. Der erste Absatz des Antrags wurde genehmigt, der zweite abge⸗ lehnt. Dagegen wurde der Antrag Braun-Königs⸗ berg angenommen, daß der Antrag, der Partei⸗ tag solle sich mit der Alkoholfrage beschäftigen, das nächste Jahr wiederholt und bis zum nächsten Parteitag lebhaft dafür agitirt werden solle. Genosse Ulrich⸗Stuttgart erklärte sich bereit, die Presse und die Redner mit Material zur Be⸗ kämpfung des Alkoholmißbrauchs zu versehen und auf alle Anfragen betreffs der Alkoholfrage Auskunst zu geben: Die Adresse des Genossen Ulrich ist Stuttgart, Reinsburgstraße 48. Belgische Heeresreform.

Wie belgische Blätter melden, beabsichtigt die Regierung der Kammer bald nach ihrem Zu⸗ sammenteitt einen Entwurf betreffend die Reor⸗ ganisation des Heerwesens vorzulegen. Danach soll der allgemeine persönliche Dienst nur in Kriegszeiten geleistet werden. In Friedens- zeiten soll das Stellvertretungssystem beibehalten werden, jedoch mit der Maaßgabe, daß Die jenigen, die sich vertreten lassen, drei Monate hindurch den Dienst praktisch kennen lernen, ohee jedoch in der Kaserne zu wohnen. Wie die Einjährig⸗Freiwill gen in Deutschland sollen sie sich auch selbst beköstigen. Für die Milizen soll die Dienstzeit in der Weise ermäßigt werden, daß bei den Fußwaffen die Dienstzeit zwei Jahre, bei der Kavallerie drei Jahre dauert.

Der Krieg mit China.

Ein französisches Blatt brachte eine Notiz, wonach nunmehr jede Meinungsverschiedenheit zwischen Frankreich, Deutschland und Rußland beseitigt erscheine. Rußland habe eingewilligt, seine Gesandten und seine Truppen so lange inPeking zu lassen, wie es dieUmstände erheisch ten; dafür habe Deutschland zugegeben, daß die Bestrafung der Hauptschuldigen zwar eine Hauptfrage bilde, es aber unnöthig sei, aus ihr eine Vorbedingung für den Eintritt in Ver⸗ handlungen mit China zu machen. England hat aber bisher noch nicht auf das Rund⸗ schreiben des Grafen Bülow geantwortet.

Kämpfe. EineSchanghaier Meldung be sagt: Die Forts von Lutai sind wahrscheinlich genommen, weil die Truppen zwischen Lutai und Schanghaiwang kämpfen. Ein Angriff auf Schanghaiwang vom Lande wie vom Meere aus wird erwartet. In den starken Forts be finden sich 20000 Mann.

Der Oberbefehlshaber. Französische Blätter schreiben: Der deutsche Feldmarschall, ranghöher und älter als die übrigen verbünde ten Generale, wird natürlich bei den Berath